„Hysterisches Geschnatter“ mit Merkel Kritischer Journalismus als "Überschreitung von Grenzen"

Es ist surreal. Da tut man als Journalist das, was man als die Pflicht jedes Journalisten sieht: Die Regierung kritisch befragen. Höflich, aber eben doch auf den Punkt. Und was passiert? Der eigene Name landet plötzlich bei Twitter auf Platz eins in den so genannten „Trends“, ist also das am meisten diskutierte Thema. Es gab viel Lob, das mir Freude, Ansporn und Verpflichtung zugleich ist. Aber ich wurde auch von Kollegen heftig beschimpft.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Zwei kritische Fragen führen zur Hyperventilation von Journalisten. Und es trifft einen geballter Zorn. Wie hier etwa von Markus Decker, bekannt für überaus korrekte „Haltung“, schon als junger Mann aus Westdeutschland bei einem FDJ-Jugendlager in der DDR  und tätig beim Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das beliefert täglich mehr als 50 Zeitungen, und zu seinen Eigentümern gehört auch die SPD.

Aussagen wie die von Decker sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Als eine der wichtigsten Konsequenzen aus dem Nationalsozialismus ist die Berufsbezeichnung „Journalist“ in Deutschland nicht geschützt. Jedem Journalisten wird in der Ausbildung eingebläut, warum das so ist: Damit nicht eine Regierung oder irgend jemand definieren kann, wen er für einen Journalisten durchgehen lässt und wen nicht. Deshalb kann sich in Deutschland jeder Journalist nennen – auch wenn er keine abgeschlossene journalistische Ausbildung hat wie ich. Leser fragen mich gelegentlich, warum ich besonders ideologische Journalisten immer noch als solche bezeichne und als Kollegen. Ich finde: Jeder anständige Journalist ist es der Geschichte schuldig, dass er sich nicht anmaßt, zu entscheiden, wer Journalist ist oder nicht. Diesen Hintergrund muss man kennen, um zu verstehen, wie geschichtsvergessen, ja obszön solche Äußerungen wie die von Decker sind. Und nicht nur er macht sie.

Wobei ich die Verärgerung verstehen kann. Wer selbst brav kuschelt mit den Regierenden, muss sich natürlich maßlos ärgern, wenn andere plötzlich hart nachfragen. Da steht man dann selbst schnell sehr nackt da. Umso einfacher, kritischen Journalismus als „Aktivismus“ zu diffamieren und als Überschreitung von Grenzen. In der Psychologie nennt man so etwas spiegeln – wenn man eigenes Verhalten auf andere überträgt. Wie der Twitter-Nutzer, der mir „hysterisches Geschnatter“ unterstellt. Faszinierend. Gar nicht davon zu reden, dass es für kritisches Nachfragen in Demokratien anders als in autoritären Staaten eben keine Grenzen außer dem Gesetz gibt – auch hier hat sich Decker mit seiner Aussage entlarvt. Wie sein ganzer Tweet eine einzige Selbstentlarvung ist. Für die man ihm dankbar sein muss. So hat man schwarz auf weiß bestätigt, dass die Vorwürfe, die man oft erhebt, zutreffen. Natürlich nicht auf alle Kollegen. Aber eben doch auf gewisse.

Besonders erfreulich finde ich es, dass meine Kritik an dem Kuschel-Journalismus jetzt Resonanz findet. So schrieb die Bild gestern groß: „‘Können Sie befreiter runterregieren?‘ SO befragte die Hauptpresse die Kanzlerin. Berlin – Deutschland hat zu wenig Impfstoff, verzeichnet gemessen an der Einwohnerzahl mehr Corona-Tote als die USA… Es hätte also viele kritische Themen gegeben, um die Kanzlerin zu befragen. Doch die Hauptstadt-Korrespondenten interessierte gestern vor allem, wie die Kanzlerin sich fühlt. BILD dokumentiert Wachsweich-Fragen aus der Merkel-Pressekonferenz:“

Sodann führt das Blatt die Fragen von Kollegen auf – in diesem Fall von der Augsburger Allgemeinen, der Süddeutschen und eben genau von jenem Redaktionsnetzwerk Deutschlands, zu dem Herr Decker gehört, der mich so angegriffen hat. Besonders pikant: Zwei von ihnen waren auch unter den vier Kollegen, die als einzige Merkel bei ihrer Pressekonferenz nach dem Corona-Gipfel befragen durften. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hier die Fragen:

  • Frau Bundeskanzlerin, ich hätte eine Frage zu den Bund-Länder-Beziehungen. Sie selbst haben sehr früh die möglichen Infektionszahlen berechnet und Maßnahmen vorgeschlagen. Das war jedenfalls der Eindruck von außen, die von den Ländern dann entweder aufgeweicht oder unterlaufen wurden. Wären wir in der Pandemielage schon weiter, wenn die Länder Ihrem Kurs gefolgt wären?
  • Bedauern Sie es eigentlich, dass diese vier Jahre, die jetzt bald hinter Ihnen liegen, Sie haben sich ja nur sehr schwer dazu durchgerungen, noch einmal zu kandidieren, so ganz anders und so viel schwieriger verlaufen sind, als es zu erwarten war? In dem Zusammenhang auch die Frage: Hat die Coronakrise Sie persönlich eigentlich physisch und psychisch auch an Grenzen geführt, die Sie vorher in diesem Amt so nicht erlebt haben?
  • Frau Bundeskanzlerin, Sie haben gesagt, dass nach den Ministerpräsidentenkonferenzen ein Gleichklang besteht. Der wird ja meistens schon am Tag darauf wieder kaputtgemacht, dass also etwa Baden-Württemberg früher die Schulen öffnet. Deswegen eine ganz persönliche Frage: Sie haben gesagt, dass Sie die Legislaturperiode so zu Ende regieren, wie es kommt. Aber mischt sich da nicht auch ein bisschen Erleichterung mit hinein? Ein letzter Januar, ein letzter Februar, die letzten EU-Gipfel, die letzten Ministerpräsidenten? Können Sie jetzt befreiter runterregieren?

Ganz ehrlich: In Moskau habe ich mich immer darüber aufgeregt, dass Putin Fragen mit genau so einem Duktus gestellt werden. Vielleicht hätte man Merkel noch fragen sollen, warum sie so eine schicke Frisur hat….stopp, Moment, im Lockdown wäre das ja schon ein revolutionärer Akt gewesen….

Der „Bild“-Artikel zeigt, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Wie auch die Tatsache, dass ich inzwischen auch Unterstützung aus Kreisen bekomme, bei denen das zumindest Leute wie der Kollege Decker nie erwarten würden. Ich hingegen schon, weil genau das ja mein Ziel ist: Der Mitte eine Stimme zu geben. Und natürlich auch allen Linken, die demokratisch sind und kritisch statt totalitär denken. Ich war schließlich selbst Sozialdemokrat.

Ebenso bemerkenswert: Sowohl bei Merkels Auftritt gestern in der Bundespressekonferenz als auch heute bei der mit Jens Spahn waren mehr Kollegen in der Bundespressekonferenz, als aufgrund der begrenzten Zeit zu Wort kommen konnten mit Fragen. Ich hätte also leer ausgehen können. Im Gegensatz zu Regierungspressekonferenzen sind bei der Bundespressekonferenz (BPK) die Journalisten selbst Hausherren. Die BPK ist ein Verein, der für seine Mitglieder die Pressekonferenzen veranstaltet. Die werden von BPK-Mitgliedern geleitet. Eine weltweit einzigartige Konstruktion. Und dass darin auch jemand, der gerne aneckt wie ich, zu Wort kommen kann und Merkel und Spahn kritische Fragen stellen, zeigt, dass nicht alles verloren ist. Es hatte in meinen Augen eine große Symbolwirkung, dass jemand aus den neuen Internet-Medien jetzt Merkel befragen konnte. Auf Augenhöhe. Und dass es andere Journalisten waren, die dies ermöglichten. Und genau das stößt hartnäckigen Vertretern der „betreuten Informierer“ auf. Sie fürchten um ihr Monopol. Ich habe den Eindruck, dass da gerade etwas auftaut. Langsam. Noch sehen wir fast nur Eis. Aber es könnte dünner sein, als viele glauben.

Unten als Anschauungsmaterial noch einige bemerkenswerte Reaktionen von Twitter.

Und der Hinweis auf mein reitschuster.live morgen um 15 Uhr: Im Livestream will ich da mit Ihnen über die Woche diskutieren, auch über die Bundespressekonferenzen. Ich freue mich auf Ihre Fragen und Kommentare, gerne vorab per Kontaktformular.

 


Da ich eine tiefe Dankbarkeit dafür empfinde, dass meine Seite so erfolgreich ist und inzwischen ein echtes Medium wurde, will ich etwas zurückgeben. Und anderen helfen, sich auch etwas aufzubauen. Gerade in diesen schweren (Corona-)Zeiten. Daher hier heute eine kostenlose Anzeige für einen Geschäftsidee, die ich spannend finde: „Finde dein Genie: www.talentogramm.at“.



Bild: Antonio Guillem/Shutterstock
Text: br


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Brigitte
1 Monat zuvor

Früher war es Journalismus, den Regierenden kritische Fragen zu stellen. Jetzt soll es „Journalismus“ sein, wenn man den Regierenden den Bauch pinselt. Das ist ja soo jämmerlich. Kein Wunder, dass die Berichterstattung aussieht, wie sie aussieht.

Eileen
1 Monat zuvor

Danke an einen Twitterer – der schrieb – Früher hat er genau für diese kritischen Fragen (als Korrespondenz in Russland) noch Auszeichnungen bekommen. (Theodor-Heuss-Medaille – „für besonderes Engagement für Demokratie und Bürgerrechte“). Heute wird er von ehemaligen „Kollegen“ angeprangert.

Aus dem Focus: Für seine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen System Russlands erhält Boris Reitschuster die Theodor-Heuss-Medaille 2008.
So ändern sich die Zeiten.
Herr Reitschuster, ich weiß, Sie lassen sich nicht verbiegen, aber passen Sie auf die Mimik unserer Gröfaz auf, die vergisst nichts. Wieviele Parteileichen deren Weg zäumen, weiß man gar nicht.
Deutscher Michel
1 Monat zuvor

Man hat den Eindruck, dass Merkel von Corona heillos überfordert ist, und dass ihr die Länder zum Glück nicht mehr folgen wollen. Können Sie mal fragen, ob sie bei einem der famosen Gipfel schonmal an Rücktritt gedacht hat oder vielleicht aktuell an Rücktritt denkt? Konsequent wäre es ja, zumal ja mit Armin Laschet sofort ein demokratisch legitimierter Nachfolger gewählt werden könnte. Das hätte zudem noch den Vorteil, dass man sich den Söder als Kanzlerkandidat sparen würde. Manche sagen ja, Laschet spielt doppelt. Aber vielleicht ist das nur Wunschdenken…

about.koeln
1 Monat zuvor

„[…] und zu seinen Eigentümern gehört auch die SPD.“

Jetzt stelle ich mir gerade Kristina Dunz vom RND in Leder mit Peitsche vor….🤭
Die erhielt übrigens einen Preis der Bundespressekonferenz, weil sie Trump eine ähnlich kritische Frage stellte wie der Herr Reitschuster jetzt der Bundeskanzlerin.

Manfred Sonntag
1 Monat zuvor

Herr Reitschuster, ich glaube auch, dass Eis ist dünner ist als manche denken. Ich habe mir den letzten Talk im Hangar 7 auf Servus TV angesehen (https://www.servustv.com/videos/aa-25tgf17992112/). Ich hätte nie gedacht das Heribert Prantl, Cora Stephan und Helmut Thoma, alle mit großem Enthusiasmus unsere Freiheit und Demokratie gegen einen Möchtegern-Diktator von der Extremistensekte Zero Covid verteidigen. Die größte Überraschung war dabei H. Prantl von der „Süddeutschen“. Demgegenüber lässt es tief blicken wenn Frau Merkel einen Tag vor der Konferenz mit den Ministerpräsidenten die Extremisten von Zero Covid zu einem Kaffeeplausch einlädt und über unsere Zukunft verhandelt.

TK
1 Monat zuvor

Herr Reitschuster, wer die Wahrheit sagt, hat wahrscheinlich nicht viele Freunde aber dafür die richtigen ! Fällt mir dazu ein.

Emil
1 Monat zuvor

Soviel Hass und Hetze muß man sich erstmal verdienen zeigt es doch ganz deutlich, dass man seinen richtig ung gut macht. Das Geifern des “ Feindes “ ist die höchste Ehre, dazu noch der respektvolle Umgang von Herrn Reitschuster damit, absolut genial.

Jens Happel
1 Monat zuvor

Zu der Rolle der Medien insbesondere des Fernsehs empfehle ich den Film Fahrenheit 451.

An eine eine Szene muss ich seit Jahren immer häufiger denken.

Der Feuerwehrmann, im Beruf nicht zuständig für das löschen von Bränden sondern, das Verbrennen von Büchern (ein Beispiel wie Begriffe mit positivem Inhalt umdefiniert werden zu etwas üblem) berichtet seiner Frau vor dem Fernseher von seiner bevorstehenden Beförderung. Sie, tablettensüchtig hört kaum richtig hin, den Sie fiebert dem Moment entgegegen, an dem sie online (der Film ist von 1966!!!) an einer Fersehshow teilnehmen soll. Diese ist dann dermaßen banal und ihr Einsatz völlig belanglos.

Wenn ich den Erfolg der dümmlichen Shows Dschungelcamp, Bauer sucht Frau etc. sehe, denke ich dieser „ScienceFiction“ Film hat die Zukunft perfekt vorhergesagt.

Satt und im Wohlstand zufrieden mit Belanglosigkeiten, lassen die Menschen alles mit sich machen.

Im Link der Film auf Youtube gleich an die Stelle „vorgespult“. (leider nur englisch)

https://youtu.be/YdbJBevuuQY?t=868

Als Kind fand ich die Szene höchst befremdlich und dachte so dumm sind die Menschen doch nicht. 40 Jahre später…

Mit freundlichen Grüßen

Jens Happel

lechtsrinks
1 Monat zuvor

Decker, ein offenbar minderbemittelter, korrupter Staatsfunker, outet sein „Demokratieverständnis“…

Die s.g. 4. Gewalt MUSS der Stachel im Fleische (und davon gibt es unter den regierenden Fettsäcken wahrlich genug 😉 ) der Macht sein; zumindest in einer echten Demokratie!

Merkmale von Diktaturen –

  • Eine Person, Gruppe oder Organisation hat das Machtmonopol. Eine Gewaltenteilung ist nicht gewährleistet.
  • Grundrechte werden abgeschafft.
  • Der gesellschaftlich-politische Pluralismus wird außer Kraft gesetzt (Ausschaltung einer Opposition).
  • Schaffung einer Einheitspartei mit Massenorganisationen.
  • Eine Ideologie wird zur herrschenden und beansprucht alle Bereiche des menschlicen Lebens.
  • Die Freiheit der Presse wird abgeschafft, Medien gleichgeschaltet und durch Zensur ein Informationsmonopol gesichert.
  • Die Macht wird durch außergesetzliche Gewalt staatlicher und parastaatlicher Repressionsapparate abgesichert.
FunktionsElite
1 Monat zuvor

Ich bewundere Sie, wie Sie es schaffen, in der BPK ruhig, unaufgeregt, gradlinig und besonnen kritische Fragen zu stellen. Und das obwohl in der Meinungs-Atmosphäre der BPK fast jede sichtbare Abweichung von der Einvernehmlichkeit mit den Herrschaftsmilieus zu erwartbaren Empörungsgewittern führt.  Stichwortgeberei ist das Gegenteil von Journalismus. Es ist exakt die herrschaftsnahe Agitation mit immer gleicher Polung, die man Ihnen nun vorhält.Es versagen  aktuell nicht nur die verantwortlichen Ministerien, sondern die allermeisten „Journalisten“, Poschardts „Welt“ mal ausgenommen, aus den Weiterleiter-Redaktionen.

Lange wird man Ihnen solche Fragen nach meiner Einschätzung nicht mehr zugestehen, bis Sie durch Ausschluss o.ä.“repressiert“ werden.