Journalismus 2021: Häme statt Solidarität Eine Gesellschaft im mentalen Bürgerkrieg

 
Nicht-Geimpfte, Nicht-Genesene und alle, die Details über ihren eigenen Körper nicht öffentlich machen möchten, dürfen nicht mehr in den Saal der Bundespressekonferenz. Mein Verständnis von Solidarität ist: Wenn sich im nächsten Jahr die Stimmung drehen sollte und man Geimpfte nicht mehr reinlassen würde (Sie werden jetzt lachen – aber Bekannte aus Russland berichten mir dort von Vorbehalten gegen Geimpfte im Alltag) – ich würde mich hinstellen und laut sagen: Lasst die rein! Ich würde auch für Kollegen, deren Arbeit ich alles andere als schätze, einfordern, dass sie unter normalen Bedingungen arbeiten können. Ob das Zulassungsbeschränkungen in den Saal der Bundespressekonferenz oder Zensur bei Youtube sind.
 
Was aber erleben wir im „besten Deutschland aller Zeiten“, wie es Bundespräsident Steinmeier in einem Anflug von Größenwahn ausgerufen hat?
 
Statt Solidarität Häme.
 
Gerald Praschl

Auch von Kollegen, mit denen man eine gute kollegiale Zusammenarbeit hatte. Wie hier von Gerald Praschl von der Super-Illu:

 
Kollege Peter Tiede von der Bild, dem ich mich früher in kollegialer Freundschaft verbunden fühlte, kommentiert:
 
 
Auch Kollegen aus dem öffentlich-rechtlichen Umfeld klinken sich ein:
 
 
Bezeichnend sind die Assoziationen zu Krankheiten/Viren:
 
 
Journalisten sind also nur so lange „satisfaktionsfähig“, solange sie sich im eigenen Meinungsspektrum bewegen.  
 
Ich finde es völlig okay, wenn jemand eine andere Meinung hat. Man kann die Neuregelung der Bundespressekonferenz begrüßen oder nicht. Beides ist legitim. Ja es ist sogar notwendig in einer Demokratie, dass es beide Meinungen gibt. Und man darf auch ein Verständnis von Journalismus haben, in dem man es als negativ ansieht, wenn es mit einem Journalisten „nicht einfach“ ist. Mein Verständnis ist umgekehrt: Wenn es mit einem „Journalisten einfach“ ist, sollte der sich fragen, wie journalistisch er noch arbeitet.
 
Aber warum unter der Gürtellinie? Warum „Framing“ mit Schlagworten wie „Bill Gates“ oder „Reptiloiden“? Warum die Unterstellung, man sei „spinnert“ und „drehe am Rad“? Warum „verkorkst“? 
 
Wenn uns die Geschichte etwas gelehrt hat, dann ist es, dass man Menschen mit anderer Meinung nicht pathologisieren soll. Nicht als Spinner hinstellen. Das ist der erste Schritt zur Entmenschlichung.
 
Warum unter der Gürtellinie angreifen?
 
Ich weiß aus „gut informierten Kreisen“, etwa von einem jungen und prominenten Kollegen, dass er selbst panische Angst vor Corona hat und deswegen zum Beispiel auch Kollegen „meldet“, die mal kurz ohne Masken unterwegs sind. Ich halte diese Angst bei einem jungen Mann (nicht bei einem älteren) für sehr irrational. Aber ich würde mich hüten, ihm zu unterstellen, er „spinne“. Erst recht nicht öffentlich. 
 
Mir fallen zu Aussagen wie der des Kollegen Praschl und der oben aufgeführten Kommentatoren unter seinem Text nur die Worte des Historikers Heinrich August Winkler in der „Welt“ ein:
Die deutsche Debattenkultur trägt leider immer noch Schlacken der absolutistischen Zeit. Es gibt auch eine Art von intellektuellem Absolutismus, die typisch ist für Staaten, die eine lange absolutistische Vergangenheit haben. Das gilt leider auch für Deutschland. Man findet diese Unerbittlichkeit im pragmatischen angelsächsischen Denken sehr viel weniger. In Deutschland gibt es in der Debattenkultur noch immer Spuren der Parole: „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag’ ich dir den Schädel ein.“ Diese Art von politischer Debatte im Geiste der Religionskriege ist ein Stück der deutschen Pathologie. Das ist ein Beispiel für das, was ich als altdeutsche Relikte bezeichnen würde.“
 
Besonders peinlich: Was Kollege Gerald Praschl mir vorwirft zu verschweigen, wird in dem Artikel, den er selbst verlinkt, ausführlichst behandelt. Die Online-Teilnahme an den Konferenzen ist eben nicht gleichwertig mit der vor Ort, zumindest nicht, solange die Fragen nur schriftlich eingereicht werden können. Nachfragen und Diskurs sind damit kaum möglich, auch die Fragestellung selbst ist eingeschränkt. Deshalb mein Rat an den Kollegen: Erst Artikel lesen, bevor man Kollegen vorwirft, sie würden Wichtiges verschweigen.

Auch der Hinweis, ich könne mich doch impfen lassen, ist in meinen Augen zynisch und geht am Thema vorbei. Es geht um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Und auch über die Information darüber bzw. deren Öffentlichmachung.  
 
Ich sehe Hass und Häme unterhalb der Gürtellinie in solchen Situationen als ein Zeichen der Angst und Unsicherheit. Man drischt auf denjenigen ein, der das artikuliert, was man selbst sorgsam bei sich verdrängt hat. Nicht wahrhaben will. 
 
Ich finde: Die Probleme mit der Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland sind offensichtlich. Wenn man sie negiert, erfordert das viel Verdrängungsarbeit.
 
Da mich der Kollege Praschl öffentlich attackiert hat, biete ich ihm gerne – wie Georg Restle von Monitor, Kai Gniffke, dem Intendanten des SWR, Tilo Jung und Nicole Diekmann – einen Dialog an. Werter Kollege, wenn Sie öffentlich solche Anschuldigungen gegen mich erheben, dann geben Sie mir bitte auch die Möglichkeit, diese im Gespräch mit Ihnen zu erwidern. Ungeschnitten. Fair. Eins zu eins. Bisher hat noch niemand von den oben erwähnten Kollegen das Gesprächsangebot angenommen. Warum? Wovor haben sie Angst?
 
Ich sehe einen großen Unterschied: Viele Kollegen fühlen sich im Besitz der Wahrheit und möchten Sie, liebe Leserinnen und Leser, in deren Sinne erziehen. Ich bin leider nicht im Besitz der Wahrheit. Ich kann nur versuchen, sie zu finden. Und bin mir bewusst, dass es dabei Irrtümer geben kann. Ja sogar muss. Es kann durchaus sein, dass am Ende herauskommt, dass Restle, Gniffke, Jung und Diekmann Recht haben. Ich bin überzeugt, dass es nicht so ist. Aber ich kann mich irren. Ich glaube, genau das unterscheidet „Haltungsjournalisten“ von den „Nicht-Haltungsjournalisten“. Genau das meine ich mit dem Motto meiner Seite: „Ohne Haltung. Ohne Belehrung. Ohne Ideologie“. Eben deshalb fordere ich meine Leser immer auf, sich auch bei anderen zu informieren, bei den Kollegen, die völlig gegenläufige Meinungen haben. Sich alle Seiten anzuhören. Und dann selbst eine Meinung zu bilden. So eine Aufforderung werden Sie umgekehrt bei ARD, ZDF, „Jung & Naiv“ und all den anderen kaum hören. Im Gegenteil. Die versuchen Ihnen vorzuschreiben, was Sie lesen und sehen sollen – und was nicht. Und genau das zeigt kritischen Leserinnen und Lesern, wem es worum geht.   
 
PS: An dieser Stelle sei ausdrücklich erwähnt, dass es auch gelebte Solidarität gibt. Die Kollegen von der „Achse des Guten“ veröffentlichten meinen Beitrag über 2G bei der Bundespressekonferenz. In Zeiten, in denen es selbst unter kritischen Journalisten viele Animositäten und Konkurrenzdenken gibt, weiß ich das immer sehr solidarische und kollegiale Verhalten der „Achse“ besonders zu schätzen. Dafür möchte ich einfach einmal hier öffentlich danke sagen!!! 
 

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Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

 
Bild: Gerald Praschl/Wikicommons/CC BY-SA 3.0/Shuterstock

Text: br

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