Jüdische Zeitzeugen: Die Mehrheit der Deutschen war nicht judenfeindlich Neues Buch mit erstaunlichen Erkenntnissen

Ein Gastbeitrag von Josef Kraus

Der Völkermord an den Juden kann nicht historisiert oder abschließend archiviert werden. Viele Fragen sind bis heute nicht geklärt. Etwa: Wie viele Deutsche wussten wirklich davon? Wie viele Deutsche haben zugestimmt, mitgemacht oder waren einfach nur gleichgültig? Antworten auf diese Fragen sind schwierig, auch wenn so manche Mainstream-Historiker hier längst ihre Urteile abgegeben haben.

Mit am glaubwürdigsten können Antworten auf die genannten Fragen die Opfer selbst abgeben – so sie denn Schriftliches hinterlassen haben oder noch leben. Aussagen und Urteile von 250 jüdischen Zeitzeugen haben nun die Autoren Konrad Löw und Felix Dirsch in aufwendiger Recherche zusammengetragen. Es sind Aussagen über das Denken und Handeln ihrer nichtjüdischen Nachbarn angesichts einer NS-Politik, die mit sozialer Ausgrenzung begann, dann in offene Verfolgung überging, bald auch mit der Deportation in Vernichtungslager und damit größtenteils mit dem gewaltsamen Tod endete.

Unter den 250 Zeitzeugen, die Löw und Dirsch in einem Zitatelexikon mit dem Titel „Die Stimmen der Opfer“ zu Wort kommen lassen, sind junge und alte, liberale und orthodoxe Juden aus allen Teilen Deutschlands, vom Land und aus Städten. Sie berichten über ihre Erfahrungen mit ganz normalen Deutschen, mit unpolitischen Menschen, Nazi-Gegnern und mit überzeugten Nazis. So entstand ein facettenreiches Bild der nichtjüdischen Deutschen der Jahre 1933 bis 1945. Zu Wort kommen in 1.324 bestens belegten Zitaten unter anderem: Hannah Arendt, Max Born, Albert Einstein, Heinz Galinski, Ralph Giordano, Viktor Klemperer, Karl Löwith, Marcel Reich-Ranicki, Hans Rosenthal, Hans-Joachim Schoeps, Fritz Stern, Simone Veil, George Weidenfeld.

Diese Dokumente der 250 jüdischen Zeitzeugen sind deshalb so wertvoll, weil es spätestens seit „1968“ zu den Narrativen der Geschichtspolitik gehört, dass erstens alle Deutschen um die Judenvernichtung gewusst haben sollen, aber geschwiegen hätten; dass Hitler zweitens den millionenfachen Mord an Juden nicht hätte inszenieren können, wenn er mit seinem Judenhass und seinem Antisemitismus nicht die Mehrheit der Deutschen hinter sich gewusst hätte.

Wer anderes sagt, schreibt, gar wissenschaftlich untersucht, gilt als Revisionist oder noch Schlimmeres. Der Jurist und Politologe Konrad Löw (*1931) sowie der Theologe und Politikwissenschaftler Felix Dirsch (*1967) haben sich nicht davon beirren lassen. Löw hatte sich bei „Linken“ schon in den 1980er Jahren mit kritischen, in der DDR verbotenen Büchern über den Marxismus in die Nesseln gesetzt. Zusammen mit Felix Dirsch gab er zuletzt im Jahr 2016 den Band heraus: „München war anders! Das NS-Dokumentationszentrum und die dort ausgeblendeten Dokumente“. Beide Autoren verwahrten sich darin gegen das Vorurteil, München sei quer durch die gesamte Bevölkerung „Hauptstadt der Bewegung“ gewesen.

Deutlich sichtbar werden in dem fast 400 Seiten umfassenden „Zitatelexikon“ auch Unterschiede in Verbreitung und Intensität des Antisemitismus je nach Region, Altersgruppe, sozialer Schicht und Konfession. Dass der Antisemitismus bzw. die Sympathie für Hitler etwa in protestantisch geprägten Regionen signifikant stärker ausgeprägt waren, belegen die Reichstagswahlen vom 31. Juli und 6. November 1932 sowie vom 5. März 1933. Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter (*1944) hat dies in seinem wegweisenden Buch „Hitlers Wähler“ (1991) dokumentiert. Mehr Antisemitismus gab es auch in Kleinstädten als in Großstädten, sowie in den von den Folgen des Versailler Vertrages besonders hart betroffenen Regionen, sowie unter Jugendlichen und unter jungen Erwachsenen.

Wer die Zitate auch nur in Auszügen liest, wird feststellen, dass die Haltung der nicht-jüdischen Deutschen gegenüber den jüdischen Landsleuten vor und nach 1933 nicht einfach „so“ oder „anders“ war. Nein, es wurden auch Testate aufgenommen, die belegen, wie Nicht-Juden Juden, auch konvertierte Juden und Eheleute aus „Mischehen“ piesackten, drangsalierten, verrieten.

Wir geben hier einige Zitate wieder, die üblicherweise keine Beachtung finden, weil sie nicht dem Klischee des durch die Bank antisemitischen Deutschen entsprechen.

Hochgeschlagener Mantelkragen

Victor Klemperer (1881–1960, Romanist, der große Tagebuchschreiber und Sprachanalytiker) über seine Schulzeit: „Von Antisemitismus war weder unter den Lehrern noch unter den Schülern Sonderliches zu spüren. Genauer rein gar nichts … Für meinen Teil begegne ich viel Sympathie, man hilft mir aus, aber natürlich angstvoll.“ Und später in den Tagebüchern 1940–1941: „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde.“

Karl Löwith (1897–1973) über seine Vorlesungen im Jahr 1933 an der Universität Marburg: „So kam es, dass ich unter besonders günstigen Umständen zu dozieren begann und in meiner ersten Vorlesung an die 150 Hörer hatte … Im katholischen Bayern war die Abneigung gegen Hitlers Partei so stark, dass ich erwog, mich im Notfall nach München umzuhabilitieren.“

Heinz Galinski (1912–1992, viele Jahre Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland) zum Pogrom vom 9./10. November 1938: „Ich hörte viele Menschen, die ihrem Erschrecken Ausdruck gaben, ich sah aber auch andere, die mit hochgeschlagenem Mantelkragen an der brennenden Synagoge vorbeigingen ohne ein Wort. Sie wollten nichts wahrhaben, während andere wiederum ihrer Empörung Ausdruck gaben, dass man selbst vor Gotteshäusern nicht haltmache.“

George Weidenfeld (österreichisch-britischer Diplomat, 1919–2016): „Die gedankenlose Verurteilung jeglicher Kollaboration durch Menschen, die selbst nie der Verfolgung ausgesetzt waren und Einschüchterungen, Terror und Tod, die andernfalls gedroht hätten, nicht in ihre Überlegungen einbezogen, hat mich oft geärgert, ja angewidert.“

Ralph Giordano (1923–2014; Journalist, Schriftsteller) über die Frühzeit der NS-Herrschaft: „Von Antisemitismus oder persönlicher Abneigung gegen uns war in dieser Frühzeit weder in der Schüler- noch in der Lehrerschaft etwas zu spüren. Die Stigmatisierung zu Nichtariern hatte also zunächst keine spürbaren Folgen.“ Über seinen damaligen Schulleiter: „Dr. Ernst Fritz hat mir etwas eingeflößt, was mich von vorneherein immun machte gegen alle Einflüsterungen und Versuchungen durch Agitation und Propaganda: seine sichtbare Verachtung für die Machthaber, mit untergründigen Spitzen und abschätzigen Bemerkungen gegen den ‚Führer‘.“

Allein diese fünf Zeitzeugen widersprechen der Theorie der Kollektivschuld. Die spannend und aufwühlend zu lesende Sammlung von Löw und Dirsch liefert hierzu weit über tausend facettenreiche Belege. Es ist ein bewegendes Buch, es widerlegt das „politisch korrekte“ Narrativ, dass „die“ Deutschen von Hitlers Antisemitismus erfasst gewesen seien. Da die allermeisten Juden, die den Holocaust überlebten, heute oft weit jenseits der 80 bis 90 Jahr alt sind oder nicht mehr unter den Lebenden weilen, erlangen diese „Stimmen der Opfer“ wenigstens auf diesem Weg bleibende Bedeutung.

 

Konrad Löw / Felix Dirsch:
„Die Stimmen der Opfer. Zitatelexikon der deutschsprachigen jüdischen Zeitzeugen zum Thema: Die Deutschen und Hitlers Judenpolitik“, 391 Seiten, Verlage Inspiration UN Limited und Resch, London/Berlin, erschienen am 1. Oktober 2020.


Josef Kraus (*1949), Oberstudiendirektor a.D., Dipl.-Psychologe, 1987 bis 2017 ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, 1991 bis 2013 Mitglied im Beirat für Fragen der Inneren Führung beim Bundesminister der Verteidigung; Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande (2009), Träger des Deutschen Sprachpreises 2018; Buchautor, Publizist; Buchtitel u.a. „Helikoptereltern“ (2013, auf der Spiegel-Bestsellerliste), „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ (2017), „Sternstunden deutscher Sprache“ (2018; herausgegeben zusammen mit Walter Krämer), „50 Jahre Umerziehung – Die 68er und ihre Hinterlassenschaften“ (2018), „Nicht einmal bedingt abwehrbereit – Die Bundeswehr zwischen Elitetruppe und Reformruine“ (2019, zusammen mit Richard Drexl)

 


 


Bild: GiuseppeCrimeni/Shutterstock
Text: Gast


 

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