Karl Lauterbach – 100 Tage mit einem Experten "Ironischerweise hat sich Lauterbach die eigenen Rückzugsmöglichkeiten verbaut"

Ein Gastbeitrag von Sarah Paulus und Rolf G. Wackenberg

Im Januar letzten Jahres wurde der damals einfache Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach vom Künstler KAME karikiert. Im Mittelpunkt seines Graffitis „Unterlauterbachs flächendeckende Testung“ war das Gesicht des SPD-Politikers zu sehen, in dem eine Reihe übergroßer Impfnadeln steckten. Via Twitter rief der Getroffene zur Zerstörung des legalen Kunstwerkes auf: „Falls jemand vorbeikommt wäre ich dankbar für Zerstörung.“ Sein Aufruf ging viral und führte zu einer breiten Reaktion in den sozialen Netzwerken. KAME reagierte darauf mit einer Karikatur „Return of the fly“ nebst einem auf reitschuster.de veröffentlichten Interview.

Am 8.12.2021 wurde der bis dahin ungekrönte Talk Show-König als Bundesgesundheitsminister vereidigt. Karl Lauterbach ist somit seit 100 Tagen im Amt. Zeit für eine kritische Bewertung.

Sarah Paulus und Rolf G. Wackenberg haben daher erneut mit KAME gesprochen:

PAULUS UND WACKENBERG: Hat sich Karl Lauterbach seit der Veröffentlichung des letzten Interviews bei Dir gemeldet, eventuell sogar für seinen offenbar strafbaren Aufruf zur Zerstörung Deines Kunstwerks entschuldigt?

KAME: Nein. Das hatte ich von ihm auch nicht erwartet.

PAULUS UND WACKENBERG: Woher rührte seine Entrüstung?

KAME: Herrn Lauterbach war vermutlich die hohe Zahl der Spritzen unangenehm. Sobald sie ihn selbst betrifft. Ein wenig dünnhäutig für jemanden, der aktuell eine verpflichtende Präventivtherapie mit einem nebenwirkungsreichen Stoff in Dauerimpfschleife für alle Deutschen fordert.

Doch Herr Lauterbach tut den Menschen in diesem Land mehr an, als sich nur nicht bei mir zu entschuldigen.

Um beim Bild des Anstoßes zu bleiben: Der Inhalt der Nadeln in Herrn Unlauterbachs Antlitz ist mir gänzlich unbekannt. Auch ob der Stoff safe ist, kann ich nicht bemessen. Doch wer als maßgeblicher Spritzenpolitiker solche Sicherheiten für die ihm anvertrauten Schäfchen nicht zu benötigen scheint, sollte doch zumindest Bildallegorien aushalten können. Tut er aber nicht. Das war ein Ergebnis meines Testbilds.

Ohne die hierzulande arg überbeanspruchte Faschismuskeule zu schwingen, erinnere ich an die chinesische Kulturrevolution, bei der zum Zerstören von Büchern und Bildern aufgefordert und dies tatsächlich durchgeführt wurde. Ziel war eine schöne neue Ordnung, die bekanntermaßen nicht eintrat. Das Exportmodell des chinesischen Lockdowns, für das Herr Lauterbach vehement eingetreten ist, stammt aus einer technokratischen Diktatur. Nennen wir es der Einfachheit halber totalitär.

Alles, was dazu dient, das Dogma des gefährlichsten Virus des Erdenrunds und der nebenwirkungsfreien Impfung zu untermalen, wurde unters mediale und politische Vergrößerungsglas gelegt und in Großaufnahmen um den Erdball gejagt. In Sachen Glaubwürdigkeit hilft jemandem wie Herrn Lauterbach sein Expertenstatus, was jeden Prognosen-Hokuspokus vergessen machen soll. Experte ist kein geschützter Begriff. Dass dieser so gut zieht, mag daran liegen, dass mancher hierzulande extrem obrigkeitsgläubig zu sein scheint und ein Zertifikat mehr als die eigenen Sinneswahrnehmungen gilt. Ist das nicht gruselig?

PAULUS UND WACKENBERG: Ist dies der Grund für Dein neuestes Werk?

KAME: Eher sind es seine Aussagen. Wenn er zum Beispiel äußert, dass auch im Falle einer Impfpflicht niemand gegen seinen Willen geimpft werde und die Impfpflicht dazu führe, dass man sich zum Schluss freiwillig impfen lasse.

KAME – Die 100 Tage des Experten

Was sich die Obrigkeit hier seit zwei Jahren herausnimmt und Herr Lauterbach in Dauerschleife fordert, nennt man übergriffig. Eine Hand, die eine rote Linie nach der anderen wegwischt und schließlich immer weiter in Privatsphären eindringt … unter dem durchschaubaren Vorwand, einen zu schützen, einem etwas Gutes zu tun. Ob dies vom Übergriffigen tatsächlich so empfunden wird oder nicht einmal dies, ist dabei unerheblich.

Mich interessiert primär das System von Dauerangstmache, Dauermobilisierung und 24-Stunden-Hysterie, was in Deutschland ja nicht nur auf Corona beschränkt ist.

Wenn wir den „Krieg“ gegen das Virus, wie Macron es formulierte, für einen solchen halten, dann ist das Virus die lebensunwerte Projektionsfläche. So sehr, wie seine „Ausrottung“ jegliche Maßnahmen gegen seinen Wirt rechtfertigt, so sehr steht seine postulierte und einzigartige Fürchterlichkeit unter Artenschutz. An diesem Dogma darf nicht gerüttelt werden, weshalb Vergleiche zur Grippe nie gezogen werden dürfen.

Der Seuchenwirt wird da ganz schnell selbst zum Feind, jeder ein potentieller Herd der todbringenden Seuche. Verräter, Volksschädling, Kollaborateur, Querulant wird der, der nicht mitspielt. Querdenker, Klardenker, Andersdenkender oder Spaziergänger werden zur Zielscheibe, zum Virus selbst, gegen den alles erlaubt ist, sein muss. Schließlich geht´s um die Volksgesundheit.

Bei dieser Agenda mussten die Nuancen verflacht werden. Nur noch Schwarz und Weiß im besten Deutschland aller Zeiten. Wie in Kriegszeiten wurde und wird zum Teil willkürlich mit Ausgangssperren, Freiheitsbeschränkungen, Ausschlussverfahren, Quarantäne oder Heimknast drangsaliert.

Wenn dann aber “Impfen Liebe ist“, was ist dann erzwungene, nicht einvernehmliche Liebe? Ein „Du willst es doch auch“? Das kennen wir doch schon von irgendwoher. Meine Dir auferlegten Zwänge haben Dein freier Wille zu sein, weil ich auch das für Dich bestimme. Horror.

PAULUS UND WACKENBERG: Wie bewertest Du die Karriere des SPD-Politikers in den letzten Monaten?

KAME: Creepy. Gräulich. Wie man es in meiner neuesten Arbeit sehen kann. Horrorcore. Was die Karriere dieses Spritzenpolitikers im Kern ist. Selbst als Gesundheitsminister kann er nicht aus seiner Haut. Da musste ich halt zeichnerisch ein wenig nachhelfen.

Herr Lauterbach steht für einen bedürftigen Typus, dem ständige Öffentlichkeit wohlige Schauer verursachen mag, sorgsame Recherche und weitgehende Offenheit unterschiedlichen Ergebnissen gegenüber jedoch ein Grauen sind. Wissenschaftler, Ärzte und Politiker als Showleute? Wissenschaftler forschen konzentriert im Stillen, Ärzte heilen, statt Alditests die Diagnose zu überlassen. Doch er suhlt sich weiter im Heraufbeschwören horrenden Ungemachs und bettelt allabendlich um Aufmerksamkeit im Talk Show-Rampenlicht.

Lauterbach betreibt das Gegenteil von dem, was er propagiert, nämlich Cancel Culture. Und Cancel Science. Angeblich im Namen der Wissenschaft. Des Kaisers neue Kleider. Symptomatisch für den gesellschaftlich beliebten Irrweg achtloser Dauertätigkeit und Pfuscherei an einer stetig wachsenden Anzahl von Baustellen.

Das Unterbinden des Dialogs und der für Wissenschaft und Forschung unerlässlichen Debattenkultur, möglichst frei von Privat- und monetären Interessen, ist die Instrumentalisierung und Zurechtstutzung von Medizin zu Gunsten weniger und zum Schaden vieler. Zu Zwecken einer unablässigen Ausweitung der Rechte eines maßlosen Staats. Durch die ständige Experten-Düpierung soll sich der Ex-Bürger und frischgebackene Untertan fügen und begreifen, dass eben eins und eins drei ist.

Wissenschaft braucht These, Antithese und Synthese, offenen Dialog und Austausch.

Der Herr Minister bleibt bei These und Verdammung der Antithese stecken. Muss zu immer neuen Behauptungen greifen, um die letzte, nicht bewiesene oder bereits aufgeflogene Behauptung zu rechtfertigen bzw. vergessen zu machen. Ein Fass ohne Boden.

PAULUS UND WACKENBERG: Wie siehst Du die Zukunft des Herrn Lauterbach?

KAME: Ironischerweise hat sich Herr Lauterbach die eigenen Rückzugsmöglichkeiten verbaut. Er wird früher oder später wohl selbst Opfer des Medien- und Digitalzirkus, der ihm und seinen Dauerwellen die große Dauerbühne bietet. Er dürfte schon jetzt ahnen, dass, wenn die Stimmung kippt, kaum ein gutes Haar an ihm gelassen wird. Nur selten kommt es vor allem in den sozialen Medien vor, dass jemand einen Irrtum eingesteht oder zugibt, sich hätte tiefer mit einer Thematik beschäftigen müssen. Einen oder mehrere Fehler einzugestehen und ungeschoren davonzukommen, scheint schwer. Herrn Lauterbach ist gewissermaßen der Ausweg versperrt. So tritt er immer wieder die Flucht nach vorn an. Oder stellt sich irgendwann der Kritik.

Ich wünsche ihm späte, immer noch mögliche Einsicht. Ich werde nicht in Schadenfreude vergehen, wenn er irgendwann vollkommen entblößt dasteht. Dann werden gewiss auch jene über ihn spotten, die ihn erst groß gemacht haben. Diejenigen, die er vielleicht jetzt für Freunde und Mitstreiter hält. In diesen Chor werde ich dann nicht einstimmen.

KAME – Glauben Sie ihm…

PAULUS UND WACKENBERG: Seit Pandemiebeginn setzt Du Dich in Deinen Arbeiten mit der Corona-Politik auseinander, woraus ein ansehnlicher Bildzyklus entstanden ist. Was möchtest Du damit sagen, welches Ziel erreichen?

KAME: Ich erwarte nichts, ich male. Der Ausgang ist offen. Der Betrachter mag hinsehen und reflektieren. Dem einen ist das zu anstrengend und er lehnt sich lieber zu Disneykitsch zurück. Dem anderen ist es zu kontrovers. Wieder jemand feiert es.

Bilder wollen nichts sagen, können aber sprechen. Grafische Sprache wirkt auf die Sinne. Nicht all das, was sie transportiert, ist verbalisierbar. Für Bilder gibt es keine Bedienungsanleitungen oder Übersetzungen. Wo man die bemüht, verengt sich der Blick. Grafik oder Malerei kann dem, was wir mit dem Kopf oder emotional erfahren, eine weitere Ebene hinzufügen.

Ich habe mich vor der aktuellen Seifenoper intensiv mit Themen wie Massenpsychose und Dauermobilisierung beschäftigt. Und ich bin nicht geneigt, mir den Abbau der Überbleibsel demokratischer Strukturen unter dem Vorwand der Volksgesundheit gänzlich untätig anzuschauen.

PAULUS UND WACKENBERG: Nur wenige Künstler haben sich bislang in der Öffentlichkeit kritisch zu den Corona-Maßnahmen geäußert. Warum?

KAME: Viele wünschen sich innigst, das Thema möge jetzt und für immer ausgeklammert werden. Das ist vielen ein Bedürfnis in der neuen sterilen Seifenblasenära. Ein Piks in diese Seifenblasenfassade? Davor wird gezittert. Kollektiv. Darin sehe ich den eigentlichen Infekt.

Manche wollen keine Kunden verlieren, kämpfen täglich, um sich über Wasser halten zu können und sind nicht sehr betucht. Viele hängen am Tropf des Staates. Andere glauben dem, was den Maßnahmenkritikern an Negativem bescheinigt wird, trauen sich keinen eigenen Standpunkt zu, um ja nicht auf der falschen Seite verortet zu werden.

Zudem ist die Kunst ja nicht frei von den gesamtgesellschaftlich typischen Phänomenen und Gepflogenheiten. Da heute viele Wert und Beliebtheit in Form von Likes und Insta-Herzchen messen, will sich keiner selbst ein Bein stellen und in der Gunst in Kellertiefe abrutschen. Man cancelt sich provisorisch selbst, bevor es ein anderer tut. Auch dürfte es schwerer sein, in staatlichen Institutionen Fuß zu fassen, wenn einem dieses oder jenes nachgesagt wird. Die sogenannte Authentizität geht dann gleich mit in Quarantäne – ist schließlich gerade unerwünscht.

Wenn Shitstorm in Aussicht gestellt wird, wird das Werk vermutlich erst gar nicht gemalt. Die Rolle des Outlaws einzunehmen ist nicht unbedingt komfortabel. Wer traut sich das zu, in der Familie, im Freundeskreis, unter Kollegen? Viele Künstler wissen vermutlich kaum noch, wie viel sie bewirken könnten.

Kunst kommt gern rebellisch daher. Wie viel davon ist Pose, wie viel Posse? Galeristen und Künstler wollen verkaufen, haben Rechnungen zu bezahlen. Viele riskieren nicht, dass sich Stammkunden abwenden. Eine monochrome Leinwand, selbst dröger Konzeptkäse erscheint halt oft leichter verdaulich. Dergleichen dekoriert zuverlässig Banken, Villen und Büros.

KAME – Foto: Rolf G. Wackenberg

Wer die Traktate gewisser Konzeptkünstler oder mancher Kunstschreiberlinge liest, mag erstere zuweilen als hieroglyphischer und widersprüchlicher als einen Lauterbachbeitrag empfinden. Das Attribut „Schwurbelei“ mag hier tatsächlich zutreffen.

Dass manche, die auf einer solchen Welle von Berufs wegen zu schwimmen gewohnt sind oder sich tatsächlich dazu genötigt fühlen, jetzt auch artig Lauterbachs Wellenprognosen zu schlucken oder sich einer Meinung enthalten, kann kaum überraschen.

Kunst soll frei sein. Doch wenn sie diese Freiheit nutzt, wird sie unbequem und muss eingehegt werden. Es gibt zwar kein ausgesprochenes Ausstellungsverbot. Aber in vielen Galerien halt auch keine Ausstellung mit Kontroversem. Ausnahmen gibt es natürlich immer. Tatsächlich werden einige meiner Arbeiten derzeit in der Berliner Galerie Westphal gezeigt, zuvor schon in der Stuttgarter Galerie Z.

Um abschließend ein wenig Hoffnung zu formulieren: Es gibt auch hierzulande sehr gute Künstler, die viel können. Und manche formulieren ihre Botschaft eben nicht mit dem grafischen Vorschlaghammer. Das heißt nicht, dass sie untätig oder unhörbar sind. Man muss die Ohren spitzen und genau hinschauen. Da wird noch einiges kommen. Ich bin optimistisch genug, dem Geist von Dix und Grosz, der Schärfe des Simplicissimus, dem Scharfsinn des früheren ZEIT-Zeichners Hans Georg Rauch oder des brillanten Tomi Ungerer eine Renaissance zu prognostizieren.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Die Autorin Sarah Paulus ist auf Reportagen, Reise- und Gesellschaftsthemen spezialisiert. Der Fotograf und Autor Rolf G. Wackenberg veröffentlicht regelmäßig in zahlreichen Magazinen und Zeitschriften. Gemeinsam haben sie zwei Bücher geschrieben: Von GOETZEN bis LIEMBA und KING KOOL CITY BERLIN.

Bild: KAME
Text: Gast 

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