Lage auf Intensivstationen: „Die Klagen der Spitzenmediziner sind getrost zu ignorieren“ Faktenbasierte Abrechnung eines Krankenhausarztes

Die Angst ist groß in Deutschland. Ein Krankenhausarzt schickte mir den beiliegenden Text – mit folgendem Hinweis: „Ich bitte Sie, meine Anonymität zu wahren. Ich gerate sonst in Schwierigkeiten. Sie können aber den Text in welcher Form auch immer veröffentlichen, ich bitte nur um höchstmögliche Diskretion.“ Was sind das für Zeiten, was ist los mit der öffentlichen Debatte, wenn diese nicht mehr ohne Angst möglich ist? Selbst Befürwortern der aktuellen Corona-Politik sollte das zu denken geben. Ich halte den Text des Arztes, dessen Koordinaten mir vorliegen, für sehr interessant. Er ist relevant für die öffentliche Debatte vor der geplanten Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes am Mittwoch. Deshalb bringe ich ihn in voller Länge und rate sehr, ihn bis zum Ende zu lesen. Er ist es wert. 


Immer wieder lese ich jetzt, dass die Intensivstationen überlastet sind (anscheinend alle, regionale Unterschiede scheint es da nicht zu geben) und wir kurz vor der Überlastung des Gesundheitssystems stehen.

Dann wird auch immer wieder kritisch angemerkt, dass zu Zeiten einer Pandemie Krankenhäuser schließen und Intensivbetten damit auch gleich mit.

Ich möchte hier einmal versuchen, in diese emotional so aufgeladene Debatte einige Zahlen zu bringen und dies mit meinen eigenen Erfahrungen aus vielen Jahren in der Medizin zu erläutern. Auch Sie, so hoffe ich, werden dann die ganze Diskussion besser verstehen – oder auch nicht, so wie ich, da die Diskussion nicht mit der Realität einhergeht …

Schließungen von Krankenhäusern – Der Herr hat’s gegeben, der Markt hat’s genommen

Seit vielen Jahren erleben wir eine Schließungswelle von Krankenhäusern. Das ist auch politisch so gewollt, da wir einerseits zu viele Krankenhäuser haben, andererseits aber auch zu viele Krankenhausbetten. Dies sehen wir einerseits im Vergleich mit unseren Nachbarländern, andererseits aber auch in den Belegungszahlen.

Während wir im Jahr 2000 in Deutschland 2.242 Krankenhäuser hatten, waren dies im Jahr 2018 nur noch 1.925 Häuser. Ein Rückgang um 317 Krankenhäuser oder 14,2 %. Hat sich dadurch die Versorgung der Kranken in diesem Land verschlimmert? Ich glaube nicht.

„Historisch niedrige Bettenauslastung“ war eine Überschrift in einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt vor 4 Wochen. Dieser Artikel ist wirklich lesenswert. Trotz Pandemie sind die Fallzahlen (also die Zahl der stationären Patienten in deutschen Krankenhäusern) im vergangenen Jahr um 13 % (!) zurückgegangen. „Dabei war der Rückgang bei den kleineren (bis 299 Betten) und mittleren (300 bis 599 Betten) Krankenhäusern ausgeprägter als bei den größeren (ab 600 Betten).“ (Quelle s.o.). Die Bettenauslastung sank dabei auf ein „historisches Allzeittief“ von 67,3 %. Sogar Hotels haben eine höhere Auslastung im Jahr 2019 gehabt, nämlich 71,7 %. Wenn also jedes 3. Bett unbelegt ist, dann kann man auch Krankenhäuser schließen, ohne dass die Versorgung besonders darunter leidet. Ich habe noch von keinen Protesten gehört, dass das Schließen eines Hotels, welches Pleite gemacht hat, zu besonderen Demonstrationen geführt hat. Diese Debatte sollte also sachlich geführt werden.

Warum haben die Krankenhäuser geschlossen? Weil sie nicht mehr wirtschaftlich arbeiten konnten. Zumeist, weil sie zu klein waren. Egal, ob ein Haus 100 Betten oder 500 Betten hat, sie brauchen eine Küche, einen kaufmännischen Leiter, eine Pflegedirektorin, eine Einkaufsabteilung, eine Personalabteilung etc. Je geringer die Bettenanzahl, umso höher die Kosten pro Bett, um diese Stellen und Abteilungen zu finanzieren. Outsourcing von einzelnen Leistungen wird versucht, bringt aber auch nachhaltig keine besondere Optimierung der Erlössituation. Da die Behandlung einer Blinddarmentzündung oder einer Herzinsuffizienz theoretisch in einem Haus mit 100 oder 500 Betten den gleichen Erlös bringt, können in einem größeren Krankenhaus mehr Patienten zur Finanzierung dieser wichtigen Stellen beitragen. Da sind die kleineren Häuser einfach im Nachteil. Hinzu kommt, dass die kleineren Häuser oftmals keine richtigen Manager haben, sondern vielmehr Verwalter der Häuser. Es fehlt ihnen an strategischer Kompetenz. Die oft medizinisch-fachlich und menschlich-kompetent hervorragend aufgestellten Kliniken werden von diesen Verwaltern nicht gut durch dieses unruhige Fahrwasser manövriert. Diese fachliche Inkompetenz der Geschäftsführer führt zur wirtschaftlich desaströsen Lage vieler kleiner Krankenhäuser und letztlich zu deren Schließung.

In der DDR haben die Reformen in den 1950er und 1960er Jahren dazu geführt, dass es zu einer deutlichen Konzentration der Krankenhausbetten in wenigen Häusern kam. Grob gesagt gab es pro Bezirk einen Maximalversorger oder eine Universitätsklinik, die jeweiligen Kreise hatten zumeist ein Krankenhaus (von wenigen, zumeist konfessionellen Häusern abgesehen). Diese zentralisierende Funktion war gewünscht und wurde mit aller Kraft von der DDR-Regierung verfolgt.

Im Westen hat eine solche „Flurbereinigung“ wie im Osten nicht stattgefunden. Wir sehen dies bis heute an der Vielzahl an kleinen, zumeist konfessionellen oder Fachkliniken, wie sie in vielen Großstädten nebeneinander bestehen. Die Politik möchte gerne eine Reduktion der Krankenhäuser, scheut sich aber vor direkten Vorgaben. Die Politiker möchten ja wiedergewählt werden und keiner möchte eine Krankenhausschließung in seinem Wahlkreis. Daher warten sie lieber ab und verbuchen es dann unter „der Herr hat’s gegeben, der Markt hat’s genommen“. Klingt ja besser. Schuld sind dann andere. Wir sehen aber an den aktuellen Zahlen der Wirtschaftlichkeit, dass die Krankenhäuser im Osten unseres Landes mit wenigen Ausnahmen deutlich besser dastehen als die Krankenhäuser im Westen.

Das DRG-System als Sargnagel der kleinen Krankenhäuser

Diese kleinen Krankenhäuser können aber durch das 2003 eingeführte neue System der Krankenhausvergütung, das DRG-System (Definition siehe hier), kaum noch wirtschaftlich bestehen, es ist auch ein politisch gewolltes unterfinanziertes System. Unterfinanziert einerseits, da die Kosten einer spezifischen Behandlung im Jahre 2021 auf den genau berechneten Kosten dieser Behandlung z. B. im Jahr 2015 oder 2016 basieren. Seitdem gibt es aber eine Vielzahl an Kostensteigerungen, seien es tarifliche Lohnsteigerungen (die ca. 70 % der Kosten eines Krankenhauses ausmachen), steigende Energiekosten, erhöhte Einkaufskosten der Medizinprodukte. Aber, nochmals: Diese Unterfinanzierung ist politisch gewollt. Der Staat bzw. die Politiker möchten nicht eine Ordnungsfunktion einnehmen wie dies die Regierung der DDR z. B. getan hat oder dies aktuell in Dänemark der Fall ist. In Dänemark wird seit einigen Jahren das Gesundheitssystem grundlegend neu gestaltet und durch das Schaffen neuer Zentralkrankenhäuser mit der Schließung kleinerer, unwirtschaftlich arbeitender Krankenhäuser durchgeführt (guter Hintergrundartikel in der FAZ). In Dänemark wird dies so beschlossen, die deutsche Politik möchte aber hier keine Vorgaben machen. Warum? Das erschließt sich mir nicht. Ich glaube, weil die grundlegende Politik aktuell von einem Bankkaufmann dirigiert wird, der im Spannungsfeld von Lobbyismus und Wiedergewählt-werden-wollen agiert.

In Deutschland hat eine Debatte über die Neugestaltung des Krankenhauswesens öffentlich wohl nicht überall bemerkt stattgefunden. Wir haben es in Berlin erlebt nach der Wiedervereinigung. Es gab im Westen 2 Universitätskliniken (Benjamin Franklin und Rudolf Virchow) und im Osten die Charité. Insgesamt also 3. Ein jahrelanges Gerangel entspann sich, mindestens eine sollte geschlossen werden. Benjamin Franklin sollte nicht geschlossen werden, da die Amerikaner es ja mitfinanziert hatten. Das Rudolf Virchow Klinikum gehörte zur Freien Universität Berlin, seit 1995 zur Humboldt-Universität, und „konnte“ schon deshalb seinen Uni-Charakter nicht verlieren. Die Ostberliner Charité mit dem ehrwürdigen Namen und Aushängeschild der DDR, konnte ebenfalls nicht geschlossen werden. So entschloss man sich, alle drei zu behalten, um keinen Ärger zu schaffen. So wurde die neue „Charité“ geschaffen mit mehreren Standorten. Genialer Schachzug. Aus drei mach eins, Ziel erfüllt, aber de facto wurde keine dichtgemacht. Nach außen hin konnte man dies aber schon so kommunizieren. Geschlossen wurde das Krankenhaus Moabit. Irgendwas musste man ja schließen in einer Stadt mit sinkender Bevölkerungszahl in den 1990er Jahren. (Dies erinnert mich an die Diskussion um den immer mehr ausufernden Bundestag mit seinen steigenden Abgeordnetenzahlen. Der jetzt gefundene Kompromiss ist halbherzig – aber das ist eine andere Diskussion).

Das Schließen von 20 Krankenhäusern 2020 kann nicht als Argument der Gesundheitsversorgung in der aktuellen Lage angeführt werden

Aber: Die Krankenhäuser, die geschlossen wurden im vergangenen Jahr, hätten an der medizinischen Bewältigung der COVID-19-Pandemie nichts geändert. In keinem der geschlossenen Krankenhäuser wäre ich gerne ein Patient auf der Intensivstation mit COVID-19 gewesen. Es sind kleine Krankenhäuser am Rande der Stadt, die bestimmt eine gute Regelversorgung durchgeführt haben, sich menschlich hervorragend um die Patienten gekümmert haben und hoffentlich und bestimmt auch gute Ergebnisse in der medizinischen Versorgung erbracht haben, aber nicht für eine überragende medizinische Versorgung hochspezieller COVID-19-Patienten geeignet gewesen wären. Findet euch damit ab, dass diese Häuser geschlossen wurden, dies hat mit COVID-19 aber nix zu tun.

Einige Krankenhäuser haben gewollt von der COVID-19-Situation profitiert

Die Situation in 2020 war eine exzeptionelle. Bis auf die Planspiele der WHO, des RKI und des Weltwirtschaftsforums hat die Öffentlichkeit von solchen möglichen Pandemien nichts gewusst. So traf uns das Virus ganz unerwartet. Umso bemerkenswerter ist es aus meiner Sicht, dass einigen Krankenhäusern und den dahinterstehenden Konzernen dies aber gleich als neues Geschäftsmodell erschien. Ich möchte dies an kurzen Beispielen erläutern, leider ist dies aber bestimmt nicht vollzählig.

Die HELIOS-Kliniken wollten eigentlich zum 31. März 2020 das Krankenhaus Bochum-Linden schließen. Dann kam Corona und sie verschoben die Schließung bis zum 30.09.2020. Begründung offiziell: Die Corona-Krise. Dies ist auch nicht falsch, aber nicht, weil ein Krankenhaus mit 181 Betten erheblich zur Bewältigung der COVID-19-Situation hätte beitragen können. Die vorgehaltenen Abteilungen konnten da auch fachlich nicht viel zu beitragen. („Es verfügt über die vier somatischen Fachabteilungen Anästhesie, Chirurgie, Innere Medizin und Augenheilkunde (Belegabteilung) sowie eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Schwerpunkte des St. Josefs-Hospitals sind die Gefäßmedizin (Gefäßchirurgie und Angiologie im Gefäßzentrum Ruhr), die gastroenterologische Versorgung (Magen-Darm-Krankheiten, Darmzentrum West) und die Fußchirurgie.“) (Quelle hier.) Aber: Pro Bett, welches nicht belegt war, bekamen die Krankenhäuser 2020 eine Freihaltepauschale von 560 Euro am Tag. Wenn ich in einem Krankenhaus keine geplanten Patienten mehr aufnehme, ist die Belegung automatisch deutlich geringer als 2019, und solche Krankenhäuser konnten sich an dieser Freihaltepauschale für viele Monate gesundstoßen. Nicht zu Unrecht beklagten sich bereits im Mai 2020 viele Ärztevertreter und die Politik, dass sich gerade die kleinen Krankenhäuser an der aktuellen Situation durch die großzügigen Zahlungen der Politik ungerechtfertigt bereichern. Ich kenne sogar Krankenhäuser, in denen es den Ärzten im vergangenen Jahr untersagt wurde, elektive Patienten aufzunehmen, da mit der Corona-Pauschale mehr Geld verdient wird, als wenn in dem Bett Patienten liegen, die behandelt werden.

Entwicklung der Intensivbetten

Die Anzahl der Intensivbetten in Deutschland ist über die vergangenen Jahre erheblich gestiegen. Hatten wir 1990 noch 16.024 Intensivbetten, so verfügten wir im Jahr 2019 über 26.319 Intensivbetten. Ein Anstieg über 64 %.

Fakt ist also, dass die Zahl der Intensivbetten während der vergangenen Jahre deutlich angestiegen ist. Dies ist ein Ausdruck der deutlich verbesserten medizinischen Versorgung in unserem Land (z. B. bessere Behandlung von Krebspatienten, bessere Behandlung von Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten), aber auch geschuldet dem immer höheren Bedarf an solchen Intensivbetten, z. B. durch die zunehmende Überalterung der Bevölkerung. Dass wir dies geschafft haben, ist ein besonderer Verdienst der jeweiligen Krankenhausträger (auch, weil sie damit mehr Geld verdienen, aber auch, weil dies Ausdruck unseres Selbstverständnisses einer guten Medizin ist).

Wir bräuchten aber noch viel mehr solcher Intensivbetten. Nicht in der Breite. Nicht im kleinen konfessionellen Krankenhaus um die Ecke. Die können eh nicht anbauen, da die Länder seit Jahren deren Investitionsverpflichtungen im Krankenhausbereich nicht nachkommen. Obwohl sie dies müssten. Bis 2019 hat sich der Investitionsstau der Länder auf ca. 30 Milliarden Euro aufgetürmt. Es fehlt aber auch, und vor allem, an den Pflegern und Schwestern auf den Intensivstationen. Hier ist der Personalmangel eklatant. Der Nachwuchs fehlt, über Jahre konnten wir den steigenden Bedarf nur halbwegs decken, indem wir Angehörige der Pflegeberufe aus Drittländern gewinnen konnten – die aber dort dann fehlen.

Anhand des DIVI-Tagesreports vom 17.4. verfügen wir über 23.739 Intensivbetten. Dies sind weniger als 2019, also vor der COVID-19-Pandemie, und ich frage mich, wo sind dann auch die ganzen neu geschaffenen Betten geblieben, für die die Krankenhäuser die € 50.000 pro geschaffenem Bett erhalten haben. Wurden die Prämien gezahlt und dann wurden die Betten wieder abgebaut, weil es kein Pflegepersonal dafür gibt? Waren dies Scheinbetten? Fragt der Bundesrechnungshof mal nach?

Es war schon immer so ...

Schon zu meiner Assistenzarztzeit war es so, dass wir einen eklatanten Mangel an Intensivbetten hatten. Dies war in den 1990er Jahren an einer deutschen Universitätsklinik. Zu operierende Patienten wurden über Tage, teils über Wochen jeden Morgen abgesetzt, da es kein Intensivbett gab. Man muss sich diese Situation vorstellen. Der Mensch, der dringend aufgrund z. B. einer Krebserkrankung operiert werden möchte, schlief jeden Abend ein mit der Hoffnung, dass es am kommenden Tag endlich klappt. Dann mussten wir ihm um 9 Uhr sagen, klappt heute nicht, schon wieder alles dicht auf der Intensivstation. Hinzu kam, dass der Patient über Tage kein Essen zu sich nehmen durfte, da der Verdauungstrakt ja „leer“ sein musste. So war das damals.

Später dann, ich war Oberarzt an der Uniklinik, trafen wir uns täglich um 07.15 Uhr auf der Intensivstation. Die war recht groß, die Bettenzahl will ich hier nicht nennen. Es wurde dann verhandelt, welcher Patient verlegt werden kann und welche Abteilung dieses frei werdende Bett neu belegen darf. Fast immer wurden die Bedarfe nicht umfassend gedeckt und einige Patienten konnten nicht operiert werden, da es nicht genügend freie Betten gab. Die Intensivstation war immer zu 100 % ausgelastet. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ein Bett leer blieb. Musste dann doch im Tagesverlauf ein Patient notfallmäßig auf die Intensivstation verlegt werden, so wurde der „Beste unter den Schlechten“ verlegt. Diese Triage gab es schon immer. Dass jetzt gerade dieses Argument verwendet wird, um auf die ausgelastete Situation auf den Intensivstationen hinzuweisen, ist für mich absurd. Dass sich dann auch noch die Unikliniken in Deutschland so beklagen (die Charité will ich hier ausnehmen, da diese Kliniken im vergangenen Jahr wirklich sehr viele COVID-19 Patienten auf den teilweise damit ausgelasteten Intensivstationen behandelten), kann ich eigentlich nur heuchlerisch oder in den Kanon der Politik einfallend bezeichnen.

Ein typisches Beispiel ist auch dies: Da unter der Woche der Mangel an Intensivbetten so eklatant war, operierten die Herzchirurgen an jedem Samstag und Sonntag, da auch an diesen Tagen regelhaft mindestens ein Patient von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt und somit ein Bett auf der Intensivstation frei wurde, eine „elektive Notmaschine“. Hinter diesem Begriff verbirgt sich einerseits „elektiv“, also geplant, andererseits „Not“, also Notfall sowie „Maschine“, worunter eine Operation mit Einsatz der Herz-Lungen-Maschine gemeint war. Ein Gegensatz in sich. Er macht aber deutlich, dass wir schon seit mindestens 30 Jahren in der Hochleistungsmedizin über einen Mangel an Intensivbetten klagen. Auch vor COVID-19.“

Die Statistik der Intensivstationen

Verstörend finde ich die Darstellung der Intensivbetten beim DIVI-Register. Wir sehen hier eine Aufschlüsselung mit <1 %, 1–5 %, 5–10 %, etc. in 5-%-Schritten. Bereits optisch wird hier manipuliert, da alles in Blautönen dargestellt ist.

Die durchschnittliche Anzahl der Intensivbetten pro Krankenhaus beträgt 27,46 Betten im Jahr 2018. Da die großen Universitätskliniken aber teilweise bis zu 300 Intensivbetten haben, kann hier mit dem Durchschnittswert nicht gearbeitet werden, da die DIVI-Darstellung immer in % pro Kreis arbeitet.

Knapp 1200 der 2000 Krankenhäuser in Deutschland haben weniger als 200 Betten. Diese haben max. 10 Intensivbetten, zumeist aber 6–8 Intensivbetten, die Krankenhäuser mit weniger als 100 Betten max. 3 Betten auf Intensivstation (und dies sind schon 690 Krankenhäuser (Quelle s.o.). Im Median haben wir 12 Intensivbetten pro Krankenhaus. Bei letzteren bedeutet ein COVID-19 Fall also schon eine Auslastung von 33 %, in der DIVI-Darstellung die zweitdunkelste Darstellung. Bei 2 Patienten eines Hauses mit 200 Betten und 8 Intensivbetten bedeuten bereits 2 Patienten auf der Intensivstation eine Auslastung von 25 %, also ebenso ein dunkles Blau. Hinzu kommt, dass in den kleineren Häusern am Wochenende bei internistischen Patienten keine Visite durchgeführt wird und alle auch nur etwas „problematischen“ Fälle daher gleich auf die Intensivstation verlegt werden, damit hier wenigstens ein Arzt nach den Patienten sehen kann.

Wir sehen, die Zahlen und die Darstellung werden hier bereits bewusst so präsentiert, dass der Laie die wirkliche Situation gar nicht überschauen kann.

Am Beispiel Schwäbisch-Hall als aktuellem Hotspot sehen wir: In einem Krankenhaus in der Stadt (492 Betten, 29 Intensivbetten) waren am 25.3.2021 (neuere Zahlen habe ich nicht gefunden) 5 Personen auf der Intensivstation (17,2 % Belegung) und 23 Patienten auf Normalstation (23/463 = 4,9 % Belegung) in einem Krankenhaus, welches im vergangenen Jahr eine Auslastung von 80 % hatte. Und dies in einem Hotspot, in dem überwiegend positive Virusnachweise in Kindergärten (die Kinder werden selten symptomatisch und selten krankenhauspflichtig) sowie in Asylheimen und einigen Betrieben erfolgt sind. Trotz Hotspot sehen wir hier also keine Überlastung des Gesundheitssystems.

Zur weiteren Hintergrundsituation im Landkreis Schwäbisch Hall: Im Landkreis gibt es ein weiteres Krankenhaus in Crailsheim mit 165 Betten (in 2019 um 20 Betten reduziert), davon 9 Intensivbetten. Dieses ist in der Tat mit einer Auslastung auf Intensivstation von 89 % am Limit. Angaben über Beatmungspatienten in Crailsheim fehlen.

Regelbetrieb vs. COVID-19

Anscheinend agieren viele Kliniken aus dem Status „Regelbetrieb“ heraus. Dies wird aus einem aktuellen Blog ersichtlich. Hier heißt es, dass viele Kliniken anhand der aktuellen Behandlungszahlen aus diesem Regelbetrieb kaum noch in der Lage seien, COVID-19 Patienten aufzunehmen. Regelbetrieb? Das Land ist seit einem Jahr im Ausnahmezustand. Die Intensivmediziner gehen aber noch von einem Regelbetrieb aus. Die Wirtschaft in diesem Land muss runterfahren, alle fordern Homeoffice, die Wirtschaft ächzt, aber die Intensivmediziner gehen noch von einem Regelbetrieb aus? Verstehe ich nicht. Im Mittel, so heißt es in diesem Blog, hat die deutsche Intensivmedizin 12 Betten pro Intensivstation. „Wenn ich auch nur ein einziges Bett freihalte, dann bin ich bei 8 %“, so heißt es hier. Dies unterstützt meine obige Aussage, dass die graphische Darstellung irreführend ist. Es wird aus diesem Blog aber auch deutlich, dass es einfach zu wenige Intensivbetten bei uns gibt. Auch ohne COVID-19.

Die Situation am Beispiel Essen

Bei reitschuster.de las ich den folgenden Absatz, den ich daraufhin überprüfte und die Zahlen waren korrekt: „Die Lage auf den Intensivstationen ist ernst.“ So heißt es. Ich habe eben einmal die Zahlen der Uniklinik Essen analysiert. Leider muss man da auf verschiedene Quellen zurückgreifen.

Die Uniklinik Essen hat 180 Intensivbetten. Aktuell sind in Gesamt-Essen (also auch den anderen Krankenhäusern …) 27 Patienten in intensivmedizinischer Betreuung (Zahlen vom 18. April, 15 Uhr). Die sind auch nicht alle intubiert und beatmet. Und da soll bei einer Intensivbelegung von 14 % (wenn alle Essener Fälle auf der Uni-Intensivstation liegen) ein Ausnahmezustand vorliegen? So schlimm, wie es von den Verantwortlichen der Uniklinik Essen vorgetragen wird, kann es ja wohl nicht sein.

Die emotional vorgetragenen Belastungen der Spitzenmediziner, die zumeist nicht selbst an der „Front“ stehen, wenn es um die Behandlung der COVID-19-Patienten geht (einige von ihnen haben noch nie einen COVID-19 Patienten selbst behandelt und noch nie auf einer Intensivstation gearbeitet), sind daher aus meiner Sicht getrost zu ignorieren.

Wir sehen hier: das Problem auf den Intensivstationen der Maximalversorger der Krankenhäuser ist und war oftmals dramatisch. Seit 40 Jahren schon gibt es hier zu wenig Betten und sehr oft zu wenig Pflegepersonal. Der „Pflegenotstand“, der erstmals in den 1980er Jahren ausgerufen wurde, ist bis heute präsent. Die aktuelle COVID-19-Situation wird hier in der Diskussion nicht adäquat abgebildet. Warum?

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Bild: Robert Kneschke/Shutterstock
Text: Gast 

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