Mangelnde Demokratiekompetenz? Wohl kaum! Warum die Angst umgeht

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen

Kann es tatsächlich sein, dass, wie hier in einem Leserbrief, dargestellt worden ist, die Deutschen nur zu einem Drittel die Fähigkeit haben, selbst zu denken und die anderen auf Grund mangelnder Demokratiekompetenz von außen geführt werden müssen?

Ich halte das für stark übertrieben. Hier eine Gegenposition

Wir leben in einer Transformationsgesellschaft. Allein die Krisen der letzten zwei Jahrzehnte zeigen das auf. Es gibt auf der anderen Seite erstaunlich viel Literatur über diese Transformationsprozesse, von Piketty (Das Kapital im 21. Jahrhundert) bis Sarrazin (Deutschland schafft sich ab) und natürlich der hier erwähnte Arnulf Baring, der sein „Scheitert Deutschland?“ vor über zwanzig Jahren geschrieben hat. Aber es gibt noch viel ältere Literatur zur Transformation der westlichen Gesellschaften und somit auch Deutschlands. Wer erinnert sich noch an Oswald Spengler (Der Untergang des Abendlandes)?

Sicher, diese Literatur wird nur von wenigen gelesen. Aber die Transformationen, die dort beschrieben werden, werden wahrgenommen, sogar von Leuten, die gar keine Bücher lesen!

Es gab ja genug Paradigmenwechsel in den letzten Jahren, die gesellschaftlich gar nicht diskutiert wurden. Die Einwanderungsgesellschaft, der Schwenk zu einer restriktiven Sexualmoral und vor allem die Biophilie als übergeordneter Maßstab, der nun alles dominiert und auch die Freiheit massiv einschränkt. Das alles ist den Leuten bekannt, auch wenn sie es nicht immer so ausdrücken. Manche sagen, man hat uns nicht gefragt, ob wir eine Einwanderungsgesellschaft wollen, oder Sexualität wird immer mehr zu einem Minenfeld, auf das man sich nicht mehr vorwagt, oder ältere Leute: „Ich wurde nie gefragt, ob ich vor dem Virus beschützt werden und dafür meine Freiheit aufgeben möchte.“

Das hört man nicht nur von Intellektuellen oder politisch Interessierten. Ich höre so etwas von Krankenschwestern, Transportarbeitern, Fernfahrern und meinem Klempner.

Meist aber werden diese Dinge nicht laut gesagt. Heute klagte meine Physiotherapeutin darüber, dass die Corona-Maßnahmen immer strenger und heftiger werden und dass das doch nicht mehr verhältnismäßig sei. Sie frage sich, wie das möglich sei. Vor zwei Jahren habe es doch auch eine schwere Grippewelle gegeben mit fünfundzwanzigtausend Todesopfern. Während sie das sagte, wurde sie immer leiser und am Schluss flüsterte sie. Das wirkte äußerst irritierend auf mich, aber ich habe das in letzter Zeit öfter erlebt.

Es ist nicht die mangelnde Demokratiekompetenz, die offenen Widerstand verhindert. Es ist die Angst in Folge von Einschüchterung.

Natürlich haben die Krisen unsere Gesellschaft geprägt. Angefangen von den Aktienabstürzen um die Jahrtausendwende, die Euroeinführung, der Islamistische Terror, die Bankenkrise und die Eurokrise und zuletzt die Migrationskrise. Währenddessen gab es harsche gesellschaftliche Einschränkungen durch die Arbeitsmarktreformen und Hartz IV. Den Anteil linker Politik an der Verunsicherung der Bevölkerung, übrigens auch der Linken selbst, sollte man nicht unterschätzen. Ein Artikel von Karl Kollmann beleuchtet das ziemlich gut und umfassend.

Aber bei der Einschüchterung der Bevölkerung spielten noch ganze andere Player mit. Die Medien- und Dienstleistungsgesellschaft hat einen Typus von Arbeitnehmern hervorgebracht, der die geforderte Kritiklosigkeit und Loyalität in Bezug auf die Arbeitgeber geradezu fanatisch mitträgt. Diese Entwicklung habe ich in den letzten zwanzig Jahren als Berater miterlebt und bin oft genug dabeigewesen, wenn Menschen für den Arbeitsplatz passend gemacht wurden.

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, dass wir den Brainwash und auch den Braindrain bei unseren Medien so heftig beklagen und das Selbstverständliche nicht thematisieren, dass das Arbeitgeber sind, die ihre Stakeholder (in Politik und Wirtschaft) zufriedenstellen wollen und dafür jeden Druck auf ihre Mitarbeiter (also die Journalisten und Redakteure) ausüben. Das ist doch bekannt! Das ist Kapitalismus pur. Noam Chomsky hat es in seiner Kritik der „Konsensmaschine“ bereits vor dreißig Jahren für amerikanische Medien dargestellt. Natürlich wurde auch Chomsky damals als Antisemit bezeichnet, obwohl er selbst jüdischer Herkunft ist. Aber das interessierte niemanden.

Gleichzeitig wird von vielen behauptet, dass es das ideologische Erbe der DDR sei, welches uns jetzt einholt. Das stimmt bestenfalls teilweise. Hauptsächlich hat der gnadenlose kapitalistische Wettbewerb und ein weniger geschützter Arbeitsmarkt die Menschen weichgeklopft, die nun alles mit sich machen lassen und sich dabei von der Politik abwenden, auch wenn diese ihr Leben dominiert und zur Hölle macht.

Die haben einfach Angst und geben dann auf

Das hat doch mit Demokratiekompetenz nichts zu tun. Es ist ein Ausdruck, dass die Demokratie die Bürger nicht mehr schützt, vor Bevormundung und vor Ausbeutung. Was wir jetzt, angesichts der Corona-Pandemie, geradezu bilderbuchartig vorgeführt bekommen.

Wer nicht mitspielt, wird diffamiert, eingeschüchtert und ausgegrenzt.

Das ist keinesfalls nur die Folge links-autoritärer Volkserziehung, es ist genauso die Folge eines extrem manipulativen und totalitären Kapitalismus. Da reichen sich beide Extreme die Hand und wirken gegen die Demokratie!

Ich kenne dieses ewige Lamentieren über das dumme Volk schon aus den Siebzigern, von rechts und von links. Schon Thomas Mann hat in den Buddenbrooks das Volk als dumm dargestellt. Als Senator Buddenbrook einen Aufstand der Arbeiter auflösen will und einen Anführer fragt „Was wollt Ihr denn überhaupt?“ – „Herr Senator, wir wollen eine Republik!“ – „Aber ihr habt doch längst eine Republik!“, kam die Antwort: „Dann wollen wir eben noch eine!“

Letztlich geht es hier um den extrem bürgerlichen Dünkel, sich für die Elite zu halten, die über das Volk entscheiden darf, weil es eben dumm sei. Diesen Dünkel gibt es exakt gleich ausgeprägt in der Wirtschaft, im rechten oder konservativen, politischen Spektrum und bei den Linken (die inzwischen auch zu großen Teilen überzeugte „Lifestyle-Kapitalisten“ sind).

Ich sehe hier niemanden im Recht und beide Seiten im selbstgefälligen Irrtum

Ich halte beide Positionen für zutiefst undemokratisch. Deshalb halte ich mich lieber an das „dumme“ Volk. Die Leute sind mir wenigstens sympathisch. In diesem Sinne bin ich ein überzeugter Populist und traue dem Volk wesentlich mehr zu, als ihm derzeit durch Politik und Medien eingeräumt wird.

Das sogenannte Bürgertum, steht es rechts oder links, erscheint mir dagegen hochgradig suspekt und unglaubwürdig. Die denken nämlich auch nur bis zum eigenen Tellerrand und pokern auf Machterhalt oder Hegemonie.

P.S.: Ich sehe jetzt schon, wie mir hier populistische Grundeinstellungen gefährlichster Art unterstellt werden. Auch die Nationalsozialisten haben das Bürgertum diskreditiert und auf das Volk gesetzt und so weiter. Ja klar, wenn man im tiefsten Inneren keine Demokratie möchte, dann denkt man eben zuerst an die Nationalsozialisten. Die wollten ja auch keine Demokratie.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“

Bild: SergeyIT/Shutterstock
Text: Gast

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