Mit Wasserstrahl wegblasen: Neue Waffe gegen „Coronaleugnerinnen“ Koblenzer Schängelbrunnen

Von Ekaterina Quehl

Als ich auf den Seiten der Koblenzer Stadtratsfraktion der Partei DIE LINKE den Antrag auf „Umrüstung des Schängelbrunnens zwecks Coronaleugnerinnen-Bekämpfung„* las, musste ich mehrfach auf die URL-Adresse und das Impressum schauen, um mich zu vergewissern, dass es sich um eine echte Webseite handelt. Der Antrag der Partei an die Stadtverwaltung ist so absurd, dass meine eigene Fantasie nicht mehr ausreicht, um ihn als Realität einzustufen. Und offenbar ist er genauso auch geplant. Ich kenne das aus Russland. Die Grenze zwischen Satire und Realität wird gezielt verwischt. So werden auch Grenzen getestet – wie viel Irrsinn die Gesellschaft bereit ist, durchgehen zu lassen. Und wo Grenzen sind.

Im konkreten Fall arbeitet die Stadtratsfraktion der „Linken“ offenbar mit „Die Partei“ zusammen. Die wurde von Redakteuren des Satiremagazins Titanic gegründet. Und deren Markenzeichen sind eben solch irritierende und nicht sofort als Fake erkennbare Aktionen.

Sei’s drum. Dem vorgelegten Antrag zufolge soll der Brunnen zu einem „Coronaleugnerinnen“-Bekämpfungsinstrument aufgerüstet werden – durch den Einbau einer Videokamera und eines Lautsprechers in die Brunnenstatue, deren Augen zusätzlich mit rot-leuchtenden LEDs bestückt werden sollen. Außerdem soll der Brunnen um 360 Grad drehbar sein und mit einer Hochdruckdüse und zusätzlichen Wassertanks ausgestattet werden.

„Immer häufiger kommt es in Koblenz, vor allem auf dem Rathausplatz vor dem Schängelbrunnen, zu ’spontanen‘ Versammlungen oder Spaziergängen von Coronaleugnerinnen, bei denen die Hygienevorschriften absichtlich missachtet werden“, begründet DIE LINKE den Antrag. „Außerdem wird in Redebeiträgen gegen die Maßnahmen zum Infektionsschutz polemisiert sowie Lügen und Verschwörungsglaube verbreitet. Selbst der Oberbürgermeister und Mitglieder des Stadtrates werden dort als Büttel der ‚Merkeldiktatur‘ verleumdet.“ Um „diesem unwürdigen und gesundheitsgefährdenden Schauspiel ein Ende zu bereiten“, soll der umgebaute Brunnen nun zum Einsatz kommen.

Der Antrag von DIE LINKE ist so kreativ, dass ich ihn mir als eine der Vorbereitungsmaßnahmen auf die Hass-Woche vorstellen könnte – eine Propagandaveranstaltung aus Orwells dystopischem Roman „1984“. Auch dann, wenn er gar nicht ernst gemeint sein sollte. Denn auch vermeintliche Satire kann zersetzend sein.

‘Macht euch vom Acker, ihr Hejel!‘

Der Vorgang zur Bekämpfung von „Coronaleugnerinnen“ sieht für diese zunächst die Möglichkeit vor, sich selbstständig zu zerstreuen. Hierfür „soll der Schängel mit rot-leuchtenden Augen und tiefer, autoritärer Stimme (automatische Ansage vom Band oder individuell durch Verwaltungsmitarbeiterin, gerne im ‚Kowelenzer Dialekt‘) zunächst eine Warnung aussprechen und die Räumung des Platzes einfordern (z.B. ‚Macht euch vom Acker, ihr Hejel!‘)“.

Sollten sich die „Coronaleugnerinnen“ innerhalb der vorgesehenen Kulanzzeit von 60 Sekunden nach dieser humanen Maßnahme nicht selbstständig zerstreut haben, kann ein Wasserstrahl mit variabler Stärke zum Einsatz kommen. „Durch mehr Beweglichkeit der Statue und Kameraeinsatz kann der Schängel die Teilnehmerinnen gezielt und effizient vom Rathausplatz blasen“, so DIE LINKE im Antrag.

Und wenn selbst diese Maßnahme nicht wirken sollte, wird eine weitere vorgeschlagen: dem Wasser eine Farbe beizumischen, „um die getroffenen Teilnehmerinnen gut erkennbar als Aussätzige unserer Gesellschaft zu brandmarken und mit dieser erzieherischen Methode („shaming“) von zukünftigen Versammlungen abzuhalten.“

Das Ende der Maßnahme soll man am geräumten Platz sowie am „lausbübischen Lachen“ des Schängels erkennen.

Als Special-Bonus wird empfohlen, dem Wasser den Corona-Impfstoff beizumischen, um „renitente Versammlungsteilnehmerinnen entsprechend dem Plan von Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) einer Zwangsimpfung zu unterziehen.“

So zweckdienlich der Brunnen in ein Bekämpfungsinstrument für „Coronaleugnerinnen“ umgebaut werden soll, so praktisch und wirtschaftlich muss man als Volksvertreter denken. Denn die Kosten für den Umbau sollen die Steuerzahler tragen, zu denen bekanntermaßen auch diejenigen gehören, die mit diesem Instrument bekämpft werden sollen.

Deshalb bietet DIE LINKE eine Reihe weiterer Einsatzbereiche des Schängelbrunnens an.

‘Festliche Ergänzung‘

So könnte der Schängel wichtige Informationen aus der Sprechanlage verkünden oder deren rot-leuchtende Augen könnten als „festliche Ergänzung für besondere Anlässe dienen, wie z.B. den Koblenzer Weihnachtsmarkt oder schwarze Messen“. Sollte es im Sommer warm werden „(Stichwort: Klimawandel)“, könnte der Brunnen zur Abkühlung der Bürgerinnen dienen, so DIE LINKE. Natürlich nur, wenn diese keine „Coronaleugnerinnen“ sind und nicht in spontanen Versammlungen in sommerlicher Wärme ihren verschwörungstheoretischen Unfug treiben, versteht sich.

Sollte der Antrag Satire sein, so stellt er doch deren Missbrauch dar, da er tatsächlich auf die Tagesordnung der Koblenzer Stadtverwaltung gelangt ist. Dass er abgelehnt wurde, spricht noch vom gesunden Geist der Stadtväter. Was man nicht unbedingt vom Antragsteller selbst behaupten kann.

Obwohl abgelehnt, könnte der Antrag dennoch in seiner Gänze als Dokument der Zeitgeschichte aus meinem Heimatland dienen. Als Kind, das im sowjetischen Leningrad aufgewachsen ist, kann ich mich sehr gut an die Kreativität und Eifrigkeit der Erwachsenen erinnern, mit der sie vielseitige Ideen zur Bekämpfung der Volksfeinde entwickelten.

* Wer sich beim Lesen nicht nur über die Absurdität der beantragten Maßnahmen, sondern auch über die Verwendung der weiblichen Form wunderte: Auch dies folgt einem Plan der LINKEN, und zwar in Form eines weiteren Antrags zur ausschließlichen Verwendung des „generischen Femininums“ in der Koblenzer Stadtverwaltung samt entsprechend empfohlenen Umschulungen.

Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 15 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de und studiert nebenberuflich Design und Journalismus.

Bild: New Africa/Shutterstock

Text: eq

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