Nach dem CDU-Parteitag: Dieses Mal gibt es kein „Weiter so!“ mehr Abrechnung eines Parteimitglieds

Ein Gastbeitrag von Klaus Kelle

Zu Fuß durch den Schneematsch Brötchen holen. Kein anderer Mensch auf der Straße weit und breit, nicht mal ein Hund. Es ist kalt und es regnet in Strömen. Ja, das passt am Tag 1 nach dem CDU-Parteitag und der Richtungsentscheidung, die die Funktionäre meiner Partei mit deutlicher Mehrheit getroffen haben. Weiter so! Weiter so mit der Anpassung an den linksgrünen Zeitgeist, weiter so mit der Unterstützung einer rot-rot-grünen Landesregierung in Thüringen, die – losgelöst von der Ideologie – auch handwerklich versagt. Weiter so mit einer falschen Energiepolitik, einer katastrophalen und fahrlässigen Migrationspolitik, mit der Verstaatlichung der Kindererziehung und der Zerstörung der traditionellen Familie. Weiter so mit dem Runterwirtschaften unserer Bundeswehr. Weiter so mit dem Missachten von Gesetzen, dem Verbergen von erschreckenden Entwicklungen am unteren Rand dieser Gesellschaft. Weiter so? Nein, dieses Mal nicht.

Ich gehöre seit 42 Jahren der CDU an, habe die klassische “Laufbahn” durch. Schüler Union, Junge Union, RCDS, mit 19 Jahren, direkt nach dem Abi, wurde ich als jüngster Kommunalpolitiker in Nordrhein-Westfalen für die CDU in den Stadtrat meiner Heimatstadt Bad Salzuflen gewählt, fünf Jahre später war ich CDU-Kreistagsabgeordneter in Lippe, direkt gewählt mit 49,6%. Und dann die grundsätzliche Entscheidung: Für den Landtag kandidieren und den politischen Weg konsequent weitergehen? Oder “was Anständiges machen”?

Ich entschied mich, ein verlockendes Angebot des Medienkonzerns Gruner & Jahr anzunehmen und schlug die Journalisten-Laufbahn ein. Laufbahn? Schräger Begriff für Karriere, oder? Klingt so ähnlich wie Laufhaus, finde ich…

Heute weiß ich nicht mehr, ob Journalist etwas “Anständiges” ist in Zeiten, wo weite Teile des medialen Mainstreams ihre Aufgabe nicht mehr in der Kontrolle der Mächtigen und der sachlichen Information der Bevölkerung sehen, sondern in Anbiederung an eine Regierung, die Geld verteilen und unser aller Leben immer mehr regulieren kann, aber deren Handeln nicht mehr wirklich hinterfragt wird. Eine ganz üble Rolle spielen dabei die öffentlich-rechtlichen Sender, die nicht nur wegen ihrer staatlichen Verfasstheit begründet als “Staatssender” bezeichnet werden sollten. Aber das ist ein anderes Thema.

In der vergangenen Nacht um 0.33 Uhr schrieb mir mein bester Freund seit unseren Jugendtagen per WhatsApp, er habe sich gerade noch einmal die Bewerbungsrede von Armin Laschet auf dem Parteitag angeschaut. Und die sei tatsächlich viel besser gewesen als die von Friedrich Merz, den wir seit Monaten favorisiert hatten. Ja, das stimmt objektiv. Aber was heißt das denn für die Zukunft? Wollen wir wieder salutieren und mitmarschieren? So wie damals, als Frau Merkel ohne demokratische Legitimation die Atomkraftwerke abschalten ließ? So wie bei der Abschaffung der Wehrpflicht, bei der ständigen Aufweichung des Lebensschutzes, beim Durchwinken der Homo-“Ehe”, bei all den Fesseln für unsere immer noch erstaunlich leistungsfähige Wirtschaft, bei der Abgabe von mehr als der Hälfte unserer staatlichen Hoheitsrechte an Brüssel, bei der Vergemeinschaftung der Staatsschulden in der EU, bei der Zulassung von “sexueller Vielfalt” für Sechsjährige? Deshalb bin ich nicht in die CDU eingetreten.

Als ich 1977 die Beitrittserklärung ausfüllte, war meine Motivation zur CDU zu gehen die Teilung unseres Landes, die Existenz der DDR und die Todesschüsse an der Mauer. Das erschien und erscheint mir so widersinnig, dass ein Volk mit gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Traditionen, einer Sprache – o.k., Sachsen lassen wir in dem Zusammenhang mal einen Augenblick beiseite – getrennt leben muss. Dass Menschen erschossen werden, die einfach nur rauswollten. Ein Irrsinn. Und dann die friedliche Revolution drüben, die Menschen auf den Straßen, nicht wissend, wie das alles endet. Und ein – als kurz der “Mantel der Geschichte wehte” – über sich hinauswachsender Bundeskanzler Helmut Kohl. Als er im Dezember 1989 vor 100.000 Menschen vor der Dresdner Frauenkirche sprach, stand für ein paar Momente die Zeit still. Radio 100,6 in Berlin, für das ich damals arbeitete, schaltete die Übertragung des Fernsehens einfach live auf unseren Kanal und ließ es laufen. Ich erinnere mich noch, dass damals Sylke Moderatorin im Studio war, so präsent ist mir das alles noch. Die ganze Redaktion hatte sich vor den Fernsehgeräten versammelt und schaute zu, manchen kamen die Tränen. Auch mir. “Gott schütze unser deutsches Vaterland!” Unvergesslich für alle Zeit. Und mitten drin: Die CDU und ihr Kanzler Helmut Kohl. Was war ich stolz, zu diesem Laden dazuzugehören. Sicher sein zu können, mein halbes Leben auf der richtigen Seite gestanden zu haben.

MERKEL

Aber dieses Gefühl ist weg. Einfach weg. Es bahnte sich lange an, der eigentliche Bruch war das Jahr 2016. Grenzen öffnen für 1,6 Millionen Menschen, vornehmlich “junge Männer” aus Staaten wie Afghanistan, Syrien, Irak und Nordafrika. Die Gefährdung der Inneren Sicherheit bis heute, zehntausende Straftaten, die ein Teil von ihnen jedes Jahr in meinem Land begeht, tausende Fälle sexueller Gewalt, hunderte Tötungsdelikte darunter nach den offiziellen Zahlen des Bundeskriminalamtes. Und eine Viertelmillion rechtskräftig abgelehnter Asylbewerber, die einfach hierbleiben, geduldet von einem politischen Establishment, das zu einem beängstigenden Teil weit weg von den Sorgen der Menschen ist, um deren Wohlergehen sie sich zu kümmern hätten.

Nein, wir können nicht, ich kann nicht mehr einfach weitermachen. Nicht wegen Armin Laschet übrigens, der so ist wie er ist, aber NRW auch nicht wirklich schlecht regiert. Die Welt wird nicht untergehen, weil er jetzt CDU-Chef geworden ist. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Frage: Ist das noch meine politische Heimat? Ist das die Partei, zu der ich mit Stolz und Begeisterung weiter dazugehören will? Manchmal denke ich, bei einer Partei sollte es sein wie bei der Ehe und dem bevorzugten Fußballclub. Man muss treu bleiben, man wechselt nicht, schon gar nicht als überzeugter Bürgerlicher. Aber muss man das wirklich? Ich denke, dieses Mal gibt es für mich kein Weiter so! mehr…




Klaus Kelle , Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs. Dieser Beitrag ist auch auf seinem Blog „Denken erwünscht“ erschienen.

 


Bild: 360B/Shutterstock
Text: gast


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michel
1 Monat zuvor

erschreckend wie tief indoktriniert die michel sind.

garantiert wird es so weitergehen!!!

Gast
1 Monat zuvor

Und wo war ihre aufrechte Haltung, als eine politisch nicht gewünschte Sicht auf den Holocaust zur Leugnung erklärt und verfolgt wurde?

Es geht dabei gar nicht um den Holocaust, sondern darum, wie mit Menschen verfahren wird, deren Meinung dem Treiben der Politiker im Wege ist.

Die politisch gewünschte Meinung bedarf keines rechtlichen Schutzes. Den Bedarf nur die politisch nicht gewünschte Meinung. Und genau die politisch nicht gewünschte Meinung, die falsche Meinung wird durch Artikel 5 Grundgesetz geschützt. Das schließt selbstverständlich die falsche Meinung zum Holocaust ein. Die Verfolgung wegen Holocaustleugnung ist also eine Verletzung des Grundgesetzes. Es erfüllt den Straftatbestand der Verleumdung und den der Freiheitsberaubung.

Freiheitsberaubung versus falsche Meinung.

Was wohl ist hier kriminell?

Das wird nämlich jetzt genauso mit Corona-Leugnern gemacht: Ab ins Gefängnis, weil das eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung sei. Der bei Holocaustleugnungs-prozessen praktizierte Beweis durch Offenkundigkeit, die selbst nicht bewiesen werden muss, da sie ja offenkundig ist, genügtl

Verleumdung von Querdenken, „Beobachtung“ durch den Verfassungsschutz und schließlich Verbot und Gefängnis.

Herr Kelle – das betraf Sie wohl nicht, so dass Sie die dafür veranwortliche Partei weiter unterstützten?

Ich betrachte Ihren Austritt eher als Hinweis, dass Sie das sinkende Schiff verlassen.

Agneta
1 Monat zuvor

Ich stimme Herrn Kelle überwiegend zu. Wo aber wird die traditionelle Familie zerstört? BK Schröder 4 Ehen, BK Kohl hatte Geliebte, Strauß hatte Geliebte, Seehofer hat außereheliches Kind usw. Man kann die Ehe für Homosexuelle dagegen als Triumph des bürgerlichen Lebensmodells bezeichnen.

 

Jörg Baumann
1 Monat zuvor

Ich kann dem Geschriebenen nicht voll zustimmen. Meiner Ansicht nach war die Wahl von Laschet ein eindeutiges „Weiter so“. Klarer konnte man es nicht ausdrücken. Und daher wird es auch solange weitergehen, bis die Wähler irgendwann mal wach werden. Und das wird erst passieren, wenn es den Menschen in Deutschland richtig schlecht geht. Die Corona Maßnahmen haben gezeigt, dass die Deutschen da wohl doch eine wesentlich höhere Schmerzgrenze haben als erwartet. Das liegt daran, dass es in Deutschland nur 15% Nettosteuerzahler gibt. Die restlichen 85% kann man grob in drei Kategorien einteilen. Die wirklich Reichen, die keine Steuern zahlen und durch Corona noch reicher geworden sind. Die Beamten, Politiker und öffentlich Bediensteten, die von den Corona Maßnahmen zumindest finanziell nicht betroffen sind. Die sozial Schwachen, die es gewohnt sind alimentiert zu werden und deren Lebensstandard sich durch Corona auch kaum ändert. Hier zeigt sich meiner Ansicht nach auch eine große Schwäche unserer Demokratie. 85% der Deutschen sind mit dem System wie es aktuell funktioniert scheinbar recht zufrieden. Sie haben kein wirkliches Interesse etwas zu ändern oder sind in Lethargie verfallen. Aus diesem Grund wird sich bei den Wahlen auch nichts ändern.
Erst wenn die 15% nicht mehr in der Lage sind den Rest zu finanzieren, wird das System zusammenbrechen.
Hier gäbe es eigentlich nur zwei „Institutionen“ die gegensteuern könnten. Das sind die Gerichte und die Medien. Die Gerichte scheinen hier nicht unabhängig zu sein und schließlich gehören die Richter ja auch zu den 85%, die zwar hart für ihr Einkommen arbeiten, es aber nicht im freien Wettbewerb am Markt erwirtschaften müssen. Ohne die 15% Netto-Steuerzahler wäre das Richteramt ein Ehrenamt.
Die andere Institution sind die Medien. Und auch hier muss ich dem Artikel widersprechen. Die Medien biedern sich nicht an, sie nehmen aktiv Einfluss auf die Politik. Politiker oder andere öffentliche Personen die nicht dem links-grünen Mainstream folgen, werden vernichtet. Mit Anbiederung hat das wenig zu tun.
Damit haben wir eine ähnliche Situation wie 1933. Die Regierung hat die volle Kontrolle über die wichtigsten Institutionen des Landes erlangt. Eine Armee die putschen könnte wie es früher oft der Fall war, ist nicht mehr Existenz. Die Polizei ist ebenfalls zu einer Truppe degradiert, die grade in der Lage ist Familien und Rentner zu erschrecken und deren Hauptaufgabe sonst darin besteht, die 15% Nettosteuerzahler auf dem Weg zu Arbeit durch Geschwindigkeitskontrollen zusätzlich abzuzocken. Echte Kriminelle lachen, wenn sie einen deutschen Streifenwagen sehen.
Die CDU, die grade einen neuen Vorsitzenden gewählt hat, hat mit der von damals nicht mehr zu tun. Merkel hat das politische Gleichgewicht in Deutschland zerstört und die Nachkriegspolitik ist gescheitert. Sollte es nicht doch noch wundersamerweise zu einer Wende kommen, wird es innerhalb der nächsten 10 Jahre in Deutschland einen wirtschaftlichen Supergau geben und die BRD wird ihren 90zigsten Geburtstag nicht erleben.

Andreas Donath
1 Monat zuvor

Um es klipp und klar zu sagen: Die CDU ist ein (erheblicher) Teil des Problems und nicht der Lösung. Das müssen auch anständige Menschen mit gesundem Menschenverstand wie Sie, Herr Kelle, oder Herr Maaßen, Herr Vaatz oder Herr Prof. Otte allmählich begreifen. Solange diese in der CDU bleiben, stabilisieren sie das System Merkel – ob sie es wollen oder nicht.

Hans-Hasso Stamer
1 Monat zuvor

Wer in diesem Lande nicht riskiert, sich als Nazi, Verschwörungstheoretiker oder Corona – Leugner bezeichnen zu lassen, der ist so feige, dass er es nicht besser verdient hat. Gerade auch bei der CDU. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass, ändere die Politik, aber ohne Risiko für mich selbst, das geht eben nicht. Ich lebe in einem Land von Feiglingen. Das war allerdings in der DDR auch schon so.

Hans-Hasso Stamer
1 Monat zuvor

Wenn das eine Austrittserklärung war, dann frage ich mich, warum sie erst jetzt kommt. Die katastrophale Anti – Deutschland – Politik der CDU gibt es nicht erst seit gestern. Und es war abzusehen, dass es kein Zurück geben würde.Wenn  also das kein Austritt war, was machen Sie dann noch in dieser Partei? Die CDU war immer ein Kanzlerwahlverein und heute ist es eben ein Kanzlerinnenwahlverein. Verdienstvolle Politiker kenne ich in der CDU nur drei: Konrad Adenauer, Ludwig Ehrhardt und Helmut Kohl, letzterer allein im Jahre 1989/90 für die Regelung der äußeren Aspekte der Deutschen Einheit, wo er sich historische Verdienste erworben hat. Danach kam nichts mehr.

Andreas Donath
1 Monat zuvor

Lieber Herr Kelle, ich muss es knallhart formulieren: Eine Partei, die sich so widerstandslos und willfährig von einer Kader-Sozialistin mit defizitären Persönlichkeitsstrukturen kapern und gleichschalten lässt, ist im Wesenskern verdorben, verkommen, morsch und marode. Ich war selbst gut 30 Jahre CDU-Mitglied und ekele mich heute richtiggehend vor den Unionsparteien – ja, auch vor der CSU, machtbesessene Soziopathen wie Söder sind mir als Konservativem noch mehr zuwider als stramme Kommunisten. Mit jedem Tag, den vernünftige Menschen wie Sie, Herr Kelle, in der CDU verharren, stabilisieren Sie weiter das Machtgefüge der Angela Merkel.

Bernard
1 Monat zuvor

Es ist naiv, seine Hoffnung auf einen Black Rock-Angestellten mit dem Namen Merz zu setzen.

Alex Chara
1 Monat zuvor