Polizei führt Weihnachtsmann ab Wie die 68er: Demonstranten in Stralsund machen die Staatsmacht lächerlich

Von Alexander Wallasch

Auf dem traditionellen Weihnachtsmarkt in der mecklenburg-vorpommerschen Hansestadt Stralsund hat die Polizei den Weihnachtsmann festgesetzt. Rechts und links von Uniformierten untergehakt, wurde er gewissermaßen direkt von seinem Arbeitsplatz weggeschleppt.

Aber dazu gleich mehr. Was in diesem Zusammenhang ebenfalls berichtenswert ist: Auch der Stralsunder Weihnachtsmarkt selbst wurde geschlossen. Grund dafür soll sein, dass der Landkreis am Sonntag den siebten Tag in Folge auf der Corona-Stufenkarte des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGuS) im roten Bereich lag.

Unter anderem in Rostock und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte gelten diese Verschärfungen bereits. Weitere Weihnachtsmärkte wie der in Schwerin wurden erst gar nicht eröffnet. Also nicht nur der Weihnachtsmann wurde entfernt, auch sein Arbeitsplatz wurde aufgelöst.

Reitschuster.de sprach dazu mit der Polizei in Stralsund. Eine Sprecherin erklärte, sie würde bereits an einer Pressemeldung arbeiten, die in der nächsten Stunde veröffentlicht würde. Vorab könne sie aber sagen, dass es sich dabei nicht nur um eine Maßnahme etwa wegen einer fehlenden Mund-Nasen-Bedeckung gehandelt haben soll. Der Hintergrund sei eine nicht angemeldete Versammlung gegen die Corona-Maßnahmen und die Impfpflicht gewesen. Und diese nicht angemeldete Versammlung hätte nach Auffassung des Einsatzleiters einen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz dargestellt.

Weil dem so gewesen sei, wollte man die Identität bzw. die Personalien der dort Anwesenden feststellen. Der Mann im Weihnachtsmannkostüm hätte dann seine Namensangaben verweigert und sei deshalb zum Funkstreifenwagen begleitet worden, um die Identität zu klären. Der Mann sei eindeutig, so heißt es, dem Klientel der Versammlung zuzuordnen, so eine Sprecherin, er hätte mit dem Weihnachtsmarkt selbst nichts zu tun gehabt, er sei dort kein angestellter Weihnachtsmann gewesen.

Kommen wir zur Videoaufnahme der Szene: Der Weihnachtsmann betont mehrfach, dass er eben das sei: „Ich bin der Weihnachtsmann.“ Ein Beamter fragt ihn, ob er ihn „verarschen“ wolle.

So geht das etwa eine halbe Minute hin und her, während außerhalb des Bildes ein nicht sichtbarer Beamter den Filmenden auffordert, nicht zu filmen, es würde sich um eine „polizeiliche Maßnahme“ handeln.

Auf Nachfrage ergänzt der Beamte, es wäre eine polizeiliche Maßnahme deshalb, weil man gerade die Personalien des Mannes im Weihnachtsmannkostüm erheben wolle.

Dann eskaliert die Situation, der Weihnachtsmann wird untergehakt und weggeführt, die Umstehenden rufen „Schämt euch!“, der Abgeführte sperrt sich und wird halb weggezerrt und dann final von drei Beamten zum Streifenwagen hin weggetragen.

Der Weihnachtsmann hatte in der beschriebenen Szene ein größeres Schild umhängen, auf dem stand: „2G ohne mich!“

Dieser Vorfall erinnert ein wenig an die Vorgehensweise der 68er, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, den Staat bloßzustellen und denen das öfter auch gelungen war. Sogar die New York Times berichtete damals über das sogenannte Pudding-Attentat, als acht Kommunarden verhaftet wurden, weil sie den amerikanischen Vize-Präsidenten auf Deutschlandbesuch mit Pudding, Joghurt und Mehl bewerfen wollten.

Ziel solcher Aktionen war es schon damals, die übergriffige Staatsmacht lächerlich zu machen, bloßzustellen und die fehlende Verhältnismäßigkeit ihrer Mittel zu demonstrieren. 2021 ist die Dokumentation solcher Happenings – wie man solche Aktionen vor fast fünfzig Jahren schon nannte – noch einmal einfacher, wenn fast jeder Anwesende so einer Aktion mit einem Handy mit Kamerafunktion ausgerüstet ist. Und wenn es nur einen Weihnachtsmann braucht, der nichts anders tun muss, als einfach dazustehen.

In Stralsund hat die Polizei den Weihnachtsmann weggeschleppt. Sein Sack mit Süßigkeiten blieb bei der Festsetzung auf der Strecke.

Schon Tage zuvor kursierten Filme von echten Polizisten, die auf einem anderen Marktplatz, unfreiwillig komisch mit einer Art Zollstock bewaffnet, zwischen den Leuten hin und her gingen, um deren Abstände zueinander zu vermessen. Diese Filme sorgten bis ins Ausland via Twitter für große Heiterkeit. Weitere Filme vom Stralsunder Weihnachtsmarkt wird es allerdings nicht mehr geben, der Weihnachtsmarkt wurde geschlossen.

PS: Um 11:25 Uhr wird die angekündigte Pressemeldung der Polizei zum Vorfall „Weihnachtsmann“ veröffentlicht, in der unter anderm steht: „Auch die Polizei war überrascht, dass der Weihnachtsmann sich nicht an Recht und Gesetz hält und zudem seine Meinung mit einem Plakat kundtut.“

Boris Reitschusters aktuelles Bundespressekonferenz-Video – diesmal exklusiv auf GETTR.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August 2021 ist Alexander Wallasch im „Team Reitschuster“.

 
Bild: Screenshot Video   
Text: wal

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