Schneller, höher, stärker…positiv! Testsieger Deutschland – ein Sechstel der positiven Fälle weltweit

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Rießinger

Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Nicht etwa von Karl Lyssenko Lauterbach, unserem unvergleichlich-unermüdlichen Überbringer unheilvollen Unsinns; solange er über Stimmbänder und einen Twitter-Account verfügt, wird er dem geschätzten Publikum seine Freude an Angst und Panik nahelegen. Und auch nicht vom gefährlichsten Virus seit Menschengedenken, so heimtückisch und hinterhältig, dass die überwiegende Mehrzahl der von ihm Betroffenen ohne einen ebenso unzuverlässigen wie steuerfinanzierten Test gar nicht wüsste, wie schwer sie erkrankt ist; wo wäre denn Lauterbachs Lebensinhalt, wenn wir nicht ständig an den Erreger denken würden?

Nein, so schlimm ist es nicht, der misanthropiegefährdete Minister und sein Virus bleiben uns erhalten. Doch verabschieden müssen wir uns von der Idee, Deutschland könne und müsse in allen möglichen oder gar unmöglichen Bereichen seine bekannte und beliebte Vorbildwirkung entfalten. Von der Klima- und der Eurorettung bis hin zur Migration und mit besonderer Freude zur Energiewende: Immer hieß es, man werde sich in die Rolle des Vorreiters begeben, dann sei damit zu rechnen, dass der Rest der Welt bald und voller Begeisterung nachfolgen werde.

„Und es mag am deutschen Wesen Einmal noch die Welt genesen,“ dichtete Emanuel Geibel im Jahr 1861, und fast hätte man glauben können, seine Vorstellung von „Deutschlands Beruf“ habe mit einer Verspätung von gerade einmal 150 Jahren doch noch den Sieg davongetragen.

Reife Leistung!

Und nun das. Wie es scheint, muss man Geibels Gedicht ein wenig umändern und „genesen“ durch „erkranken“ ersetzen, auch wenn damit die Qualität des Reimes in Mitleidenschaft gezogen wird. Denn findige Menschen haben einen genaueren Blick auf die Zahl der sogenannten Neuinfizierten geworfen – genauer gesagt auf die Zahl der positiv auf Covid-19 Getesteten, die in ihrer übergroßen Mehrheit keine nennenswerte Infektion und erst recht keine Krankheit aufweisen, aber weder der geniale Gesundheitsminister noch seine journalistischen Nachbeter werden das jemals verstehen – und festgestellt, dass es zwar bei der deutschen Vorreiterrolle bleibt, aber leider in eher negativer Richtung. Die nackten Daten zeigt die folgende Graphik aus dem bekannten Portal Ourworldindata, die einige Zahlen von Neuinfektionen für den 25. April 2022 angibt, abgerufen am 26. April. Es handelt sich dabei um gleitende Durchschnittswerte aus den letzten sieben Tagen, was die Nachkommastellen bei den Fallzahlen erklärt.

Auf den ersten Blick fällt nicht viel auf. Natürlich hat Deutschland weniger Fälle als die Europäische Union, die wiederum mit weniger positiven Testergebnissen geplagt ist als die gesamte Welt, denn noch immer ist auch die EU nur ein kleiner Teil der Welt, obwohl Ursula von der Leyen stets so tut, als habe sich die Welt nicht nur nach der EU, sondern sogar nach der EU-Kommission zu richten. Doch die Zahlenverhältnisse geben ein wenig zu denken. 733.200 neue Fälle darf man in der gesamten Welt vermelden, 125.395 davon in Deutschland, einem Land von eher überschaubarer Größe und Einwohnerzahl; das sind ziemlich genau 17 Prozent, also mehr als jeder sechste Fall. Noch einmal zum Mitschreiben: Jeder sechste Fall sogenannter Neuinfektionen, der irgendwo auf der Welt vorkommt, soll sich in Deutschland zugetragen haben. Die aktuelle deutsche Bevölkerung beträgt etwas über 83 Millionen, bei der Weltbevökerung können wir von ungefähr 7,98 Milliarden ausgehen, also 7980 Millionen. Somit beläuft sich der Anteil der deutschen Bevölkerung an der Weltbevölkerung tatsächlich auf knapp mehr als 1 Prozent.

Ich will jetzt nicht der Frage nachgehen, wie das Verhalten eines einzigen Prozents der Weltbevölkerung das angeblich hochgefährdete Weltklima retten soll. Aber auch im Hinblick auf positive Testungen scheint hier doch ein gewisses Missverhältnis zu bestehen, denn es ist nicht unbedingt plausibel, dass 1 Prozent der Weltbevölkerung für 17 Prozent der neuen Fälle verantwortlich ist. Oder sollten in Deutschland mehr Menschen leben als wir wissen, also etwa siebzehn Mal so viele wie erwartet? Die kurz vor der Heiligsprechung stehende Altkanzlerin hat zwar einiges dafür getan, große Teile der Menschheit nach Deutschland zu bringen, und ihre Schwester im Geiste, die neue Bundesinnenministerin Nancy Faeser, würde dieses Werk nur zu gerne noch ausbauen – doch bis zu einer Bevölkerung von mehr als 1300 Millionen, die dem Anteil der Fälle entsprechen würde, hat ihre universelle Wohltätigkeit vermutlich noch nicht geführt.

Im Vergleich zur Europäischen Union ist das Missverhältnis kleiner, aber noch immer groß genug. Man geht davon aus, dass sie von knapp 448 Millionen Menschen bevölkert wird, die alle jeden Tag danach lechzen, mit neuen überflüssigen und ruinösen Vorgaben aus Brüssel beglückt zu werden. 83 Millionen Deutsche unter 448 Millionen EU-Bürgern – das sind 18,5 Prozent. Den 125.395 neuen deutschen Fällen stehen jedoch 338.587 Fälle innerhalb der EU gegenüber, weshalb hier der deutsche Anteil bei 37 Prozent liegt. Wie man sieht, haben wir ein Verhältnis von eins zu zwei; wir bräuchten doppelt so viele Einwohner in Deutschland, um hier Proportionalität zu schaffen. Gerade einmal 18,5 Prozent der EU-Bürger generieren sage und schreibe 37 Prozent der neuen positiven Testungen: eine reife Leistung!

Nun kann man sich schon das freudig-sardonische Lächeln unseres großartigen Gesundheitsministers vorstellen, der ohne Frage dieses Phänomen mit seiner immer gleichen Erklärung versieht, und die lautet: In Deutschland sind noch nicht genügend Menschen geimpft, und das und nur das erklärt die horrenden Infektionszahlen. Stimmt das? Eher nicht. Obwohl Politiker und Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch nie davon gehört haben, hat sich mittlerweile mit großer Deutlichkeit herausgestellt, dass durch Impfungen die Anzahl der positiven Tests keineswegs vermindert wird, sondern sich Geimpfte mindestens genauso oft anstecken wie Ungeimpfte. Und auch der Blick auf einige Länder bestätigt, dass Lauterbachs Universalerklärung so wenig Gültigkeit hat wie die Wahlversprechen einer politischen Partei. Folgt man wieder Ourworldindata, so sind in Deutschland 75 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft und 76 Prozent zumindest teilweise. Im Vereinigten Königreich liegen die Werte bei 73 Prozent und 78 Prozent, in Schweden bei 75 Prozent und 77 Prozent. Beide Länder sind daher, was die Impfquote betrifft, mit Deutschland vergleichbar, zumal wir in Anbetracht der bekannten überragenden Fähigkeiten des RKI bei der Datenerfassung davon ausgehen können, dass die tatsächliche deutsche Impfquote noch etwas höher liegt als angegeben. Die im betrachteten Zeitraum berichteten Fallzahlen lauten 33.136 in Großbritannien und 342 in Schweden, wobei es sich wieder um die erwähnten gleitenden Durchschnittswerte handelt und die letzte verfügbare Zahl aus Schweden vom 21. April stammt. Allerdings sind die Fallzahlen dort seit Januar kontinuierlich gefallen; es ist nicht anzunehmen, dass sich daran innerhalb weniger Tage viel geändert hat.

Diese Zahlen allein wollen noch nicht viel sagen, doch man kann sie ja auf deutsche Verhältnisse umrechnen. In Großbritannien führte man etwa fünf Tests pro 1000 Einwohner durch, in Deutschland zwei und in Schweden nur 0,32 – allem Anschein nach interessiert sich dort kaum noch jemand für die katastrophale Seuche, und dennoch liegen die Toten weder in Stockholm noch im Rest des Landes auf der Straße. Etwa 67 Millionen Einwohner erfreuen sich im Vereinigten Königreich an den Eskapaden der königlichen Familie, in Schweden sind es knapp 11 Millionen Einwohner. Tut man nun so, als hätte Großbritannien so viele Einwohner wie Deutschland und wäre zusätzlich mit der deutschen Testquote versehen, so ergibt sich aus diesen Werten eine hypothetische Zahl von etwa 16.300 neuen Fällen. Auch die renitenten Lockdownverweigerer aus Schweden kann man auf deutsche Verhältnisse umrechnen und erhält die erstaunliche Summe von 16.200 neuen Fällen, sofern es so viele Schweden gäbe wie Deutsche und die Testquoten angeglichen würden. Bei ausgesprochen ähnlichen Impfquoten hätten wir also in Großbritannien wie in Schweden zwischen 16.000 und 17.000 Fälle zu verzeichnen. In Deutschland, ich darf es noch einmal der Deutlichkeit halber erwähnen, waren es 125.395.

An der Impfung kann es somit nicht liegen; annähernd gleiche Impfquoten führen in zwei Staaten zu völlig anderen Fallzahlen als in Deutschland, tatsächlich sogar zu deutlich niedrigeren. Trägt dann vielleicht noch die Testquote selbst das Ihre bei? Eher nicht. Zwar wird in Deutschland nach wie vor zu häufig getestet, die stetige Durchführung anlassloser Tests nützt nur den Betreibern von Testzentren und den Testherstellern. Aber anderswo testet man sogar noch mehr und erhält niedrigere Ergebnisse. Italien beispielsweise beglückt seine Einwohner mit fast sechs Tests pro 1000 Einwohner, das ist das Dreifache der deutschen Quote. Und trotzdem liegt die Zahl der neuen Fälle mit 61.523 erheblich unter der deutschen Zahl; selbst wenn man die italienische Bevölkerungszahl rechnerisch der deutschen angleicht, kommt man nur auf etwa 87.000 umgerechnete Fälle und nicht etwa auf mehr als 125.000 – und das bei wesentlich höherer Testquote.

Es ist deutlich zu sehen, dass weder die Impf- noch die Testquote die angegebenen Werte erklären können. Andere Erklärungen sind denkbar. Zu nennen wäre hier zunächst das Problem des ct-Wertes, also der Anzahl von Replikationszyklen, die man im Labor benötigte, um einigermaßen verwertbares genetisches Material zu erzeugen. Je höher die tatsächliche Virenlast, desto niedriger die notwendige Anzahl der Zyklen, und das heißt umgekehrt: Je höher die Anzahl der notwendigen Zyklen, desto geringer ist die reale Virenlast. Spätestens bei einem ct-Wert von 30 oder gar darüber dürfte nur in seltensten Fällen eine Erkrankung oder echte Infektiosität vorliegen. Solange man in Deutschland noch immer ct-Werte in der Höhe von 40 oder 45 ansetzt, muss man mit einer Unmenge ebenso positiver wie irrelevanter Tests rechnen; ihre Opfer tragen eine verschwindend geringe Menge von Virusfragmenten in sich und sind von Infektiosität und Erkrankung so weit entfernt wie Karl Lauterbach von Vernunft.

Das ist nicht die einzige Möglichkeit. Im Lauf der letzten beiden Jahre hat das RKI in überwältigender Deutlichkeit seine hervorragenden Fähigkeiten zur Datenerfassung und Datenaufbereitung unter Beweis gestellt. Warum sollte sich die Lage inzwischen verbessert haben, wenn das zwei Jahre lang nicht der Fall war? Und man sollte nicht ganz außer Acht lassen, dass niedrige Fallzahlen die allgemeine Impfbegeisterung nicht unbedingt antreiben würden, während man bei hohen Zahlen doch zumindest einen kleinen Motivationsschub erhoffen darf. Im Dienst der guten Sache kann vieles erlaubt sein. Klar ist nur, worauf die Fallzahlen nicht zurückgeführt werden können: auf Impfquoten und auf Testraten. Der überhöhte ct-Wert dürfte eine nicht geringe Rolle spielen; inwieweit wir es zusätzlich mit allgemeiner Unfähigkeit oder moralisch geprägter Datenaufbereitung zu tun haben, muss derzeit offen bleiben.

Friedrich Dürrenmatt sprach 1980 im Zusammenhang mit dem Byzantinischen Reich von „einer ideologischen Fiktion, die auch dann noch wirksam war, wenn von jenen, denen sie nützte, niemand mehr an sie glaubte: nichts ist politisch wirksamer als der Zynismus. Unter dem Widerspruch, in welchen das Denken immer wieder mit dem Sein gerät, leiden die Herrschenden nie, wohl aber jene, die von ihnen beherrscht werden; um so schlimmer für sie, wenn sie die Herrschenden darauf aufmerksam machen.“ Byzanz ist 1453 untergegangen, an dem von Dürrenmatt beschriebenen Prinzip hat sich nichts geändert. Ideologien und Interessen wechseln, die Methoden bleiben.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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