Warum sich viele Leute nicht um ihre Freiheit kümmern Ist Freiheit zu abstrakt – oder ist die Furcht zu groß?

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen

„Die Freiheit ist nicht weniger gefährdet, ob sie im Namen des Antifaschismus oder im Namen des Faschismus selbst angegriffen wird.“

Der Psychoanalytiker Erich Fromm, von dem dieses Zitat stammt, hatte bereits 1941 in seinem Buch »Die Furcht vor der Freiheit« das Grundproblem vieler Menschen formuliert. Sie fürchten sich vor ihrer eigenen Freiheit.

Fromm hatte das damals im Rahmen einer größeren Untersuchung auf bestimmte Eigenschaften der autoritären Erziehung zurückgeführt. Man sollte meinen, dass nach Jahrzehnten der nicht-autoritären Erziehung diese Furcht vor der Freiheit verschwunden ist. Aber das Gegenteil ist der Fall. Auch in Deutschland suchen die Menschen wieder nach Möglichkeiten, sich ihrer Freiheiten zu entledigen und harte Regeln für sich und alle anderen zu fordern.

Wenn ich auf meinem täglichen Arbeitsweg die „Autobahn der Freiheit“ nutze, beschleicht mich jedes Mal ein seltsames Gefühl. Auch auf den Transitfahrten durch die damalige DDR gab es solche programmatischen Straßennamen. Der häufigste Name war wohl „Straße der Solidarität“ oder Plakate an den Autobahnbrücken, in denen die Völkerfreundschaft ausgerufen wurde.

Das Leben lehrt, dass nichts, was ständig plakativ thematisiert wird, der Realität entspricht. Meist ist das Gegenteil der Fall. Ein Paar, das sich von morgens bis abends seine Liebe versichert, steht wahrscheinlich kurz vor der Trennung. Stehen wir auch kurz vor dem Verlust unserer Freiheit?

Es sieht manches danach aus.

Gerade die Jüngeren scheinen mit der Freiheit nicht mehr so viel anzufangen und die Älteren wollen vor allem Sicherheit. Wo also sind die Anwälte der Freiheit in unserer Gesellschaft? Selbst das Bundesverfassungsgericht ist „solidarisch unterwandert“, wie man dem Urteil zur „Bundesnotbremse“ und der „Klimakatastrophe“ entnehmen muss. Oberste Richtersprüche maßgeschneidert für Merkel und die Grünen, an die wir uns noch ganz frisch erinnern. Verbunden sind beide Urteile mit massiven Freiheitseinschränkungen.

In einem Managerseminar hörte ich kürzlich, dass die jüngere Generation sehr unsicher sei und viel Bestätigung brauche. Ich lasse es mal so stehen.

Freiheit scheint auch für die nicht autoritären Generationen ein Problem zu sein, was eventuell damit zusammenhängt, dass sie zu unscharf definiert ist. Meist wird darunter verstanden, von etwas frei zu sein und seltener die Freiheit zu etwas. Die Freiheit etwas zu tun! Das könnte mit dem hohen Grad der Anpassung zusammenhängen, die in unserer heutigen Gesellschaft volle Aufmerksamkeit fordert. Es gibt zu viel zu beachten, um sich frei zu benehmen. Das wirkt wie das Äquivalent einer fast vergessenen autoritären Welt.

Unsere Welt ist nicht eigentlich autoritär – eher durch zahllose Regeln verstellt und blockiert. Das macht es schwer, in ihr zu leben. Das macht auch unglücklich.

Wir sollen unsere Freiheit würdigen und wissen nicht genau, worin sie besteht. Die „Autobahn der Freiheit“ ist ein Fingerzeig für eine absurde Aufforderung. Sie wurde in der Amtszeit von Joachim Gauck so benannt. Wenn man nach Osten fährt, ist Tempo 120 angesagt, und Richtung Westen gibt es noch längere Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.

„Freie Fahrt für freie Bürger“, aber eben nur in einer Richtung.

Die Briten unterscheiden sich von uns, nach eigener Meinung, durch die Art der Verbote. In Großbritannien sei alles erlaubt, was nicht explizit verboten wurde. In Deutschland dagegen sei alles verboten, was nicht explizit erlaubt ist. Vielleicht auch deshalb der Brexit? Auch das lasse ich mal so stehen.

Wir haben kein positives Verhältnis zur Freiheit. Vielleicht, weil sie uns nach dem Krieg verordnet wurde. Wir unterwerfen uns lieber der Sicherheit strenger Regeln, wie sich auch jetzt wieder in der Pandemie zeigt. „Was nützt uns die Freiheit, wenn wir dann unser Leben verlieren“, schrieb ein Leser der Wochenzeitung »Der Freitag« unter einem Artikel gegen das neue „Supergrundrecht Gesundheit“.

Ohne unsere Freiheit verlieren wir aber unsere Lebensmöglichkeiten. „Das ist die Rücksicht, die Elend lässt zu hohen Jahren kommen“, heißt es bei Hamlet. Shakespeare hatte es wohl schon verstanden. Die Freiheit kann man leben, aber niemals überleben. Die Unfreiheit aber auch nicht, man wird nur älter unter diesen Bedingungen. Diese Wahl zwischen riskanter Freiheit und weniger riskanter Unfreiheit scheinen die Leute nicht mehr zu verstehen. Die Furcht ist wohl zu groß.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“. Hier finden Sie seine Fortsetzungsgeschichte „Angriff auf die Welt“ – der „wahre“ Bond.

Bild: Ilya Repin – What Freedom! (1903)
Text: Gast

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