Toxische Medienlandschaft – Die Wahrheit ist ein seltener Gast Kampfmeinungen lösen keine Probleme, sie schaffen welche

Von Sönke Paulsen

Man stelle sich einmal vor, deutsche Medien würden morgen titeln, dass eine allgemeine Impfpflicht die Pandemie sicher nicht stoppen kann, vielleicht eine nächste Welle etwas abschwächen. Wir müssten uns darauf einstellen, zukünftig mit Corona zu leben und deshalb unsere Intensivkapazitäten fördern. Es würden noch viele Menschen an diesem und anderen Viren leiden und auch sterben.

Der Beschuss käme augenblicklich aus allen politischen und medialen Lagern. „Wie man so wirr reden könne“, würde den Autoren vorgehalten. Es sei doch bewiesen, dass Impfungen Intensivbehandlungen wirksam verhindern könnten, und man müsse alles tun, um die Pandemie zu stoppen. Alles andere sei unverantwortlicher Fatalismus.

Andere würden schreiben, dass wir ohne Impfpflicht immer wieder Lockdowns bekommen würden, dass unsere Wirtschaft ruiniert und die Gesellschaft gespalten würde, andere wiederum, dass die Pandemie doch nur ein Vorwand sei, den Menschen ihre Bürgerrechte abzuknöpfen und die digitale Transformation zu fördern. Auf Intensivstationen lägen geimpfte neben ungeimpften Patienten, leidend und sterbend gleichermaßen. Wieder andere würden bestreiten, dass es die Pandemie überhaupt gibt.

Impfungen, Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, Hygieneregeln und ein ununterbrochener Alarmismus, den wir seit Ausbruch der Pandemie erleben, mögen Infektionswellen abschwächen. Vernunft aber auch. Die Wahrheit ist, dass diese Maßnahmen die Pandemie zu keinem Zeitpunkt relevant beeinträchtigt haben. Die einzige Waffe ist allgemeine Vernunft.

Schweden hat keine schlechtere Bilanz als das übrige Europa. Dabei gab es keine Lockdowns im größeren Umfang, bis vor kurzem noch keine Impfpflicht und die Abstandsregeln wurden mehr oder weniger gut eingehalten. Es muss also am Verhalten der Schweden im Privaten liegen, dass sie vielleicht vorsichtiger sind, weniger neue Kontakte eingehen und von sich aus mehr Abstand wahren. Sonst ist die gute Bilanz der Schweden bei Verzicht auf viele restriktive Maßnahmen, die wir im übrigen Europa gesehen haben, nicht zu erklären.

Viele Medien aber sind weiterhin eifrig bemüht, die schwedische Vernunft in Frage zu stellen und Gegenargumente gegen den schwedischen Kurs in der Pandemie zu finden.

Dieses Verhalten ist toxisch. Es schadet in der Pandemie, statt zu nützen.

Man bekommt den Eindruck, dass das Interesse an der Wahrheit in den meisten Medien recht gering ist. Den schwedischen Beitrag dazu will niemand würdigen. Man will eine bestimmte Meinung durchdrücken und das mit Macht.

Die Wahrheit interessiert dabei nicht.

Szenenwechsel

Man stelle sich vor, dass die Medien morgen schreiben, dass Putins Drohgebärden gegen die Ukraine Ausdruck der Krise sind, die eine westliche Expansionspolitik in Osteuropa, einschließlich der Ukraine, ausgelöst hat. Die Osterweiterung der NATO sei ein Fehler gewesen, weil sie Russland in die Defensive gedrängt habe, aus der es nun mit einer immer größer werdenden militärischen Macht herausdrängt. Putin würde das verstehen und von den USA einen vertraglichen Verzicht auf eine Osterweiterung der Nato fordern, um die Spannungen zum Westen wirksam zu reduzieren. Putin suche im Grunde nach Ansatzpunkten für eine neue Kooperation mit dem Westen und auch den USA.

Sofort würde ein Sturm losbrechen, in dem die Autoren der Naivität bezichtigt würden, weil sie nicht verstünden, dass sich Russland mit diesem taktischen Manöver die Ukraine zurückholen wolle und dass Russland auch die baltischen Staaten bald angreifen könne, weil dort, zumindest auf dem Papier, die NATO stünde. Man dürfe den russischen Expansionsdrang nicht unterschätzen, der letztlich eingedämmt werden müsse.

Andere würden schreiben, dass der Westen an allem schuld sei, weil er Revolutionen und Regime-Changes in Osteuropa unterstützt und sogar angezettelt habe, und dass die Proteste gegen Lukaschenko in Belarus vom Westen finanziert und massiv politisch unterstützt worden seien.

Niemand würde schreiben, dass es sich hier um eine sinnlose Konfrontation handelt, die tatsächlich vom Westen, den USA, der EU und der Nato begonnen wurde, von Putin aber mit einem schweren Rückfall in Taktiken aus der Sowjetzeit beantwortet wurde, die genauso wenig vernünftig waren.

Die Wahrheit ist, dass sich beide Seiten gegenseitig ihre Fehler eingestehen müssten, um wieder auf eine vernünftige und partnerschaftliche Ebene zurückkehren zu können.

Die Wahrheit aber interessiert niemanden.

Stattdessen werden wir von Medien und Politikern mit untauglichen und einseitigen Meinungen zugemüllt, die kein einziges Problem lösen können. Sie sind aber für diese Leute notwendig, damit sie ihre Anhängerschaft behalten. Diese „Kampfmeinungen“ stellen gewissermaßen die Corporate Identity in den politischen Lagern dar und werden immer extremer reproduziert, immer reißerischer betitelt, um noch mehr Leute auf die eigene Seite zu ziehen. Denn das bringt Geld und Ansehen.

Die Wahrheit taugt dafür nicht.

Die Wahrheit taugt nur dafür, Probleme zu lösen. Wirklich zu lösen. Aber was sollen dann die vielen toxischen Politiker und Medienleute machen, die unsere Gesellschaften spalten und bis zur Kriegsgefahr gegeneinander aufhetzen?

Ehrlich gesagt interessiert mich das genauso wenig, wie diese Leute die Wahrheit interessiert. Sie sollten sich einfach andere Berufe suchen.

Jetzt neu. Das Original aus der Bundespressekonferenz.



Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“. Hier finden Sie seine Fortsetzungsgeschichte „Angriff auf die Welt“ – der „wahre“ Bond.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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