Wie gefährlich ist die neue „Virusvariante“ aus England? Eine kritische Analyse

Ein Gastbeitrag von Zacharias Fögen

Public Health England (das Englische „Gesundheitsministerium“) hat routinemäßig Virenproben gesammelt und die Genome analysiert.
Normalerweise werden in England bei Tests für das Coronavirus drei Stellen im Virusgenom getestet (N, S und Orf1ab).
Die neue Mutante ist negativ für den „S“-Test, aber positiv für die beiden anderen.

Man hat dann rückblickend die Tests mit negativem „S“-Test, bei denen „N“ und „Orf1ab“ positiv sind, als die neue Mutante genommen und dann berechnet, wie schnell diese Mutante im Vergleich mit dem normalen Virus (alle 3 Tests positiv) gewachsen ist, was die positiven Tests angeht.
Dazu hat man die Zahlen durch die der Vorwoche geteilt und das Ergebnis davon mit der Generationszeit des Virus „bearbeitet“.

Das ist eine Ungenauigkeit: Man weiß gar nicht, ob diese Mutante nicht vielleicht eine kürzere oder längere Generationszeit hat. In dem Fall wäre die Rechnung falsch.

Nun denn, das Ergebnis dieser Rechnung ergibt einen Faktor von 1.5, um den die neue Mutante schneller wächst als andere.
Auf welcher Datenbasis?

Diese neue Mutante wurde zu Beginn in 962 Fällen gefunden, davon waren für 915 Fälle Daten vorhanden. Schon damals waren nur 11,3 Prozent der Fälle mit der neuen Variante über 60 Jahre alt, in der anderen Gruppe 16,3 Prozent. Es ist also eine neue Variante, von der wir wissen, dass sie sich in einer vergleichsweise jungen Population gut ausbreitet.

Das kann man entweder so sehen, dass jede so junge Population eine höhere Ausbreitungsrate hat als eine Population, die auch ältere Menschen einbezieht, da die sozialen Kontakte der jüngeren meist intensiver und zahlreicher sind. Daher ist der Vergleich mit der gesamten S-positiven Population ohne Angabe oder Korrektur für das Alter schlichtweg nicht haltbar.

Man könnte auch sagen, dass die neue Variante weniger gefährlich ist, da sie die Risikogruppe offensichtlich verschont bzw. dass die Risikogruppe von dieser Variante deutlich weniger betroffen ist. Das wäre eine großartige Neuigkeit. Damit wäre die neue Variante für die Risikogruppe nur 0,75 mal so ansteckend, also 25 Prozent weniger.

Nun haben die Autoren inzwischen noch einmal nachgelegt:

Klicke, um auf Variant_of_Concern_VOC_202012_01_Technical_Briefing_3_-_England.pdf zuzugreifen

In diesem dritten „Briefing“ berechnen sie die „secondary attack rate“. Was erst einmal wie Kriegspropaganda klingt, soll bezeichnen, wie viel Prozent der Kontakte sich anstecken.

Und sie finden tatsächlich: Bei der neuen Variante haben sich 15,5 Prozent der direkten Kontakte angesteckt, bei allen anderen nur 11,8 Prozent.
(Definition direkter Kontakt: Gesicht zu Gesicht innerhalb von 1 Meter; Hautkontakt inklusive sexuellem Kontakt; angehustet, angeniest oder angespuckt.)

Was sie allerdings verschweigen, ist, dass die Gruppe mit der Mutante viel kontaktfreudiger war. Diese Gruppe hatte 1,35 mal so viele direkte Kontakte (mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit liegt dieser Faktor zwischen 1,35 und 1,36 – mit anderen Worten, das ist statistisch bombensicher).

Wenn wir uns jetzt nochmals die obige Definition von „direkter Kontakt“ anschauen – das ist eine „Dichotomisierung“, also ein Umwandeln in „ja“ oder „nein“, bei dem sämtliche Graustufen verloren gehen. Was meine ich damit? Überlegen Sie mal für sich selbst:

Würden sie 20 Sekunden kurz „Hallo“ sagen oder 10 Minuten reden? (Gesicht zu Gesicht innerhalb von 1 Meter).

Zur Begrüßung kurz Händeschütteln oder Umarmen und Küsschen links und rechts? (Hautkontakt).

Kurz Händchenhalten oder stundenlanger Sex?

Was ich an diesen Beispielen zeigen will: Die Ansteckungsgefahr ist doch bei „kontaktfreudigeren“ Menschen viel höher! Und zwar nicht nur, weil die Zahl der Kontakte höher ist, sondern weil diese intensivere Kontakte haben. Das wird von dieser dichotomen Einteilung überhaupt nicht erfasst.

Von daher beruhen jegliche Schlussfolgerungen, dass diese neue Variante ansteckender sei, auf der falschen Annahme, dass allein die Zahl der direkten Kontakte und nicht deren Intensität ausschlaggebend für die Weiterverbreitung sei, was dem klaren Menschen- und Medizinerverstand widerspricht und damit von den Autoren erst noch zu beweisen wäre.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Autor Zacharias Fögen über sich: „Nach fünf Semestern Mathematikstudium entschloss ich mich, mich der größten Unbekannten im Universum zu stellen: dem Menschen. Mein Studium der Humanmedizin schloss ich im Jahr 2011 mit dem Staatsexamen ab.“

Bild: Some pictures here/Shutterstock
Text: Gast

Mehr von Zacharias Fögen auf reitschuster.de

Abonnieren
Benachrichtigen Sie mich bei
107 Kommentare
Bewertung
Neueste Älteste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen