„Wir müssen längst von einer Ideologisierung der Politik sprechen“ Politikwissenschaftlerin erhebt massive Vorwürfe

Von Daniel Weinmann

Ulrike Guérot zählt zu den Vorzeige-Intellektuellen, die sich trotz ihres Renommees immer wieder traut, offizielle Narrative zu hinterfragen. In ihrem neuen Essay „Wer schweigt, stimmt zu“ thematisiert die Co-Direktorin des Centre Ernst Robert Curtius an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ihre Erfahrungen während der Corona-Zeit.

„Mein Anspruch war, auf zwei Jahre Pandemiegeschehen zu schauen und darauf, wie das eine Gesellschaft und eine Demokratie verformt hat“, blickt die Politikwissenschaftlerin und Publizistin zurück. Gegenüber „Deutschlandfunk Kultur“ bekennt sie: „Ich hielt das für bedenklich, weil – und das ist ja die große Frage, die ich strittig stelle in meinem Essay: War das immer verhältnismäßig? Ich würde das tendenziell bestreiten. Wenn es nicht verhältnismäßig war, sollten wir darüber diskutieren, wie es kommen konnte, dass wir uns so schnell unter dem Imperativ dieser Angst und dieser Panik dazu haben hinreißen lassen, substanzielle Rechtsbestände unserer Demokratie temporär erst einmal außer Kraft zu setzen.“

Die Menschenwürde sei unterspült worden, „weil wir de facto erwachsenen Menschen verboten haben, Leute zu treffen“, sagt die 58-Jährige gegenüber der „Welt“. „Statt der feministischen Losung ‚Mein Bauch gehört mir‘ wurde die Verantwortlichkeit für die Gesundheit des anderen zur Norm – man sollte sich unbedingt impfen lassen. Denunziantentum wurde zum Volkssport. Man verpetzte den Nachbarn, wenn der fünf Gäste zu Hause hatte. Das fand ich in höchstem Maße übergriffig.“

»Die Politik hat sich verrannt«

Angesprochen auf die von der Exekutive gebetsmühlenartig beschworenen Mythen von einer „sterilen Immunität“ durch Impfung antwortet sie dem Magazin „Cicero“: „Wir müssen wohl längst von einer Ideologisierung der Politik sprechen. Wir sind vor zwei Jahren angetreten, die Corona-Krise mit Evidenz und Wissenschaft zu lösen. Jetzt sehen wir das Gegenteil davon. Das gilt für die anhaltende Mär von der sterilen Immunität, ebenso aber auch für den Genesenenstatus. Wir wissen längst, dass eine natürliche Immunität besser ist als eine künstliche. Dennoch wurde der Genesenenzustand bar jeglicher Argumente und wider besseres Wissen zurückgestuft.“

Mit Blick auf die Impffolgen deute alles darauf hin, „dass wir inzwischen eine ideologisierte Politik haben; eine Politik, die sich verrannt hat, die das aber nicht eingestehen will“. Das sei hochgradig gefährlich und mit verantwortlich dafür, dass wir heute vielleicht eine Mehrheit für eine Impfpflicht sehen würden, die sich von der realen Datenlage losgelöst habe.

In puncto allgemeine Impfpflicht vermutet Guérot, dass die Politik einen symbolischen Endpunkt ihrer Corona-Politik braucht. Der käme mit der Impfpflicht gerade recht, so die Politikwissenschaftlerin. „Das wäre natürlich gefährliche Bekenntnispolitik. Es wäre wirklich besorgniserregend, in einer ohnehin schon fragilisierten Gesellschaft weiterhin diesen Druck aufzubauen.“

Alles muss auf den Tisch und gesagt werden dürfen

„Wie wir nach dieser gnadenlosen Infantilisierung wieder eine Gesellschaft von mündigen Bürgern werden wollen, die respektvoll miteinander umgehen, das wird jetzt die größte Frage sein“, lautet eine ihrer Fragen im Essay. Ihre Antwort: „Diskussionsangebote! Diskussionsangebote! Diskussionsangebote! Wir haben uns in den letzten zwei Jahren entwürdigende und verwahrloste Begriffe um die Ohren gehauen – vom Covidioten bis zum Querdenker.“

Die Lösung könne nur darin bestehen, dass alles auf den Tisch komme, dass alles gesagt werden dürfe und dass jeder zu Wort kommt, sagt sie dem „Cicero“. „Das wäre Heilung. Wir müssen wieder auf 100 Prozent der Gesellschaft schauen. Ich habe von Anfang an gesagt, dass es problematisch ist, wenn man nur auf Corona-Infizierte schaut, aber die Bedürfnisse der restlichen 98 Prozent der Bürger ausblendet.“

Was sie dann hinzufügt, ist zutiefst verstörend, weil allzu wahr: „Ich hoffe, wir finden überhaupt wieder den Wunsch, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben, wie wir sie vor dem März 2020 kannten.“

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Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Dmitry Demidovich/Shutterstock
Text: dw

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