Zahlenzauber oder Statistik? Lauterbachs Alarmruf und die Zahlen des RKI Alter von Covid-Patienten auf Intensivstationen

Es waren Worte, die Angst machten, die SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vor wenigen Tagen im ZDF aussprach.  „Diejenigen, die jetzt auf den Intensivstationen behandelt werden, sind im Durchschnitt 47 bis 48 Jahre alt. Die Hälfte von denen stirbt. Viele Kinder verlieren ihre Eltern. Das ist eine Tragödie“, sagte der gelernte Arzt. Die Warnung ging breit durch die Medien. Die „Welt“ machte daraus sogar in dicken Lettern die Überschrift eines Artikels. Das Problem ist nur: Lauterbachs Aussage hängt offenbar in der Luft. Zumindest ist sie nicht durch die offiziellen Angaben belegbar – eher im Gegenteil. Auf die Spur kam ich dem auf der Bundespressekonferenz gestern. Über den Umweg einer Korrektorin. Die schickte mir vor wenigen Tagen das genannte Zitat mit folgendem Hinweis: „Woher nimmt er das? Ist das verifiziert? Oder wieder übelste Panikmache?“

Ich machte mich auf die Suche. Und fand eine Quelle, die ich auch gleich zum Anlass nahm, um den Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Hanno Kautz, auf der heutigen Bundespressekonferenz zu dem Thema zu befragen:

FRAGE REITSCHUSTER: Herr Kautz, am 25. März schrieb die „Tagesschau“:

„Das RKI warnt, dass auf Intensivstationen jetzt mehr jüngere Menschen mit einer Corona-Infektion liegen. Doch zuverlässige Daten dazu gibt es nicht. Die Politik ist auf Vermutungen angewiesen.“

Hat sich das geändert, haben Sie inzwischen zuverlässige Daten?

KAUTZ: Herr Reitschuster, das ist doch immer dasselbe Fragemuster. Ich antworte auf solche Fragen nicht. Natürlich kenne ich die Quelle, also tagesschau.de, aber tagesschau.de schreibt irgendwas, irgendwann, und Sie stellen daraus eine Frage, das beantworte ich nicht.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Die Frage war ganz konkret: Haben Sie konkrete Zahlen über das Alter der Covid-Patienten auf den Intensivstationen? Warum beantworten Sie diese Frage nicht, warum finden Sie die unzulässig? Das ist eine ganz konkrete Sachfrage, und die sollte ein Ministerium in meinen Augen beantworten können.

KAUTZ: Das stimmt, diese Frage kann ich sicherlich auch beantworten. Ich will die Antwort in diesem Fall nachreichen.

In dem Tagesschau-Bericht war die Sprecherin des RKI Susanne Glasmacher mit folgender Aussage zitiert worden: „Das RKI plant, die Angaben zum medianen Alter der COVID-19-Fälle, bei denen eine Aufnahme auf Intensivstation übermittelt worden ist, ab dem nächsten Situationsbericht dienstags zu veröffentlichen.“ Damit hätte im RKI-Situationsbericht jeden Dienstag ab dem 30. März die Altersangabe stehen müssen. Zumindest am letzten Dienstag habe ich die dort aber nicht gefunden.

Des Rätsels Lösung brachte dann noch am selben Abend die nachgereichte Information des Gesundheitsministeriums. Kurz und lakonisch hieß es dort: „Zum Alter der Covid-Patienten im Krankenhaus möchte ich Sie auf die RKI-Situationsberichte immer am Donnerstag verweisen. Zuletzt erschienen am 15.4., die Passage findet sich auf den Seiten 9 und 10: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Apr_2021/2021-04-15-de.pdf?__blob=publicationFile“.

Hier sind offenbar Dienstag und Donnerstag durcheinander geraten. Aber sei´s drum. Die Informationen sind höchst interessant. Zu akuten Atemwegserkrankungen (ARE), zu denen auch COVID-19 gehört, heißt es dort: „Dabei ist die ARE-Rate in den jüngeren Altersgruppen bis 34 Jahre im Vergleich zur Vorwoche gesunken, während sie bei den 35- bis 59-Jährigen deutlich und bei den ab 60-Jährigen geringfügig gestiegen ist. Die ARE-Rate liegt seit der 36. KW 2020 deutlich unter den Werten der Vorjahre, nähert sich jedoch den Werten aus der Saison 2019/20 an. Weitere Informationen sind abrufbar unter https://grippeweb.rki.de/“.

Das ist in jedem Fall beachtlich – trotz Pandemie mit einer Atemwegserkrankung eine Rate von Atemwegserkrankungen „unter den Werten der Vorjahre.“ Aber zum einen handelt es sich hier um Angaben aus dem „Grippeweb“, das Informationen aus der Bevölkerung selbst verwendet, was die Aussagekraft wohl einschränkt, auch wenn das RKI eine solche Einschränkung nicht geltend macht. Wobei es auch bei der ambulanten Überwachung heißt: „Die Werte der ARE-Konsultationsinzidenz lagen insgesamt noch unter den Vorjahreswerten zur gleichen Zeit.“

Aber all das sei dahingestellt – denn die Fragestellung bezog sich ja nicht darauf, sondern auf das Alter der Patienten auf den Intensivstationen. In dem offiziellen RKI-Papier steht: Bei der Betrachtung von COVID-SARI-Patienten mit Intensivbehandlung zeigte sich ebenfalls ein Rückgang des medianen Alters von 73 Jahren (Höhepunkt der 2. COVID-19-Welle) auf 68 Jahre in der 13. KW 2021. Dieser Rückgang fiel etwas geringer aus als bei COVID-SARI-Patienten insgesamt, was vermutlich auf eine etwas andere Altersstruktur bei intensivmedizinisch behandelten Patienten zurückzuführen ist.“

Damit ist das mediane, also vereinfacht ausgedrückt mittlere Alter der Patienten mit COVID-19 in den Intensivstationen zwar gesunken. Aber während Lauterbach lautstark verkündet, die Betroffenen seien „im Durchschnitt 47 bis 48 Jahre alt“, spricht das RKI von einem „medianen Alter von 68 Jahren.“ Das Medianalter ist das mediane Lebensalter, das eine beobachtete Gruppe so teilt, dass  50 Prozent ihrer Mitglieder nicht älter und 50 Prozent nicht jünger sind als dieses Lebensalter. Sortiert man die vorliegenden Daten der Größe nach, liegt also das Medianalter genau in der Mitte. Das Medianalter ist damit nicht identisch mit dem Durchschnittsalter. Auszuschließen ist mathematisch auch nicht, dass bei einem Medianalter von 68 das Durchschnittsalter bei 47 bis 48 Jahren liegt – wenn etwa sehr viele verhältnismäßig sehr junge Patienten sehr vielen gegenüberstehen, die nicht sehr viel älter als 68 sind. Wie wahrscheinlich das ist, sei dahingestellt. Vor allem, wenn man betrachtet, dass in der letzten verfügbaren Auswertung von Kalenderwoche 12 bei den unter 35-Jährigen, die generell hospitalisiert waren mit COVID-19 (also auch auf Nicht-Intensivstationen), kein großer Anstieg der Fallzahlen zu beobachten war, der auf einen derart großen Unterschied zwischen Durchschnitts- und Medianalter hinweisen würde.

Die große Frage ist: Woher hat Lauterbach diese Zahlen, wenn sie das RKI nicht hat und auch das Gesundheitsministerium keine anderen als die vom RKI vorlegen kann? Warum nennt er den Durchschnittswert, wo doch der Medianwert dahingehend aussagekräftiger ist, dass er Ausreißer ausgleicht? Und warum hat sie das RKI nicht? Bzw. gibt sie nicht an? Oder sitze ich auf der Leitung und verstehe irgendetwas nicht? Oder habe etwas übersehen? Fragen über Fragen.

Eine Anfrage an Herrn Lauterbach nach den Quellen für die genannten Zahlen ist abgesandt.

Lesen Sie unten noch meine weiteren heutigen Fragen an die Bundesregierung – und deren Antworten. Mein Video von der Bundespressekonferenz finden Sie hier.

 

Ansteckungsgefahr bei Geimpften

FRAGE REITSCHUSTER: Noch eine Frage an Herrn Kautz: Der Minister hat hier kürzlich gesagt, dass vollständig Geimpfte mit Personen mit negativem Testergebnis gleichgesetzt werden sollen. Er berief sich auf eine Studie des RKI. Die sollte im Wortlaut veröffentlicht werden. Nach meinem Kenntnisstand ist das noch nicht geschehen. Wird die noch veröffentlicht? Warum wurde sie noch nicht veröffentlicht?

KAUTZ: Das RKI hat die Studienergebnisse, die vorliegen, in der Empfehlung bzw. dem Bericht zusammengefasst und an das Coronakabinett, an die Länder, geschickt. Das ist also öffentlich, und wenn Sie mögen, kann ich Ihnen das auch zuschicken.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Aber im Wortlaut ist sie nicht öffentlich. Kann man die auch im Wortlaut bekommen?

KAUTZ: Ja, ich kann Sie Ihnen auch geben.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Im Wortlaut? Danke.

KAUTZ: Ja.

Wiederholungsimpfungen

FRAGE REITSCHUSTER: Eine Frage zum Thema Impfen. Herr Kautz, der Chef von Pfizer hat sich am Wochenende dahingehend geäußert, dass wahrscheinlich nach einem halben bis einem Jahr eine Drittimpfung und danach jährlich eine Auffrischungsimpfung notwendig ist. Wie stehen Sie dazu? Wie ist das Gesundheitswesen darauf vorbereitet?

KAUTZ: Dazu muss ich noch gar nicht stehen, weil noch nicht klar ist, ob eine Drittimpfung notwendig ist oder nicht. Es haben hier an dieser Stelle schon sowohl Herr Wieler als auch Herr Spahn verschiedentlich gesagt, dass das noch nicht klar sei. Wenn Sie heute die Meldungen über BioNTech-Lieferungen im nächsten Jahr für die EU lesen, dann sehen Sie auch, dass man sich darauf vorbereitet. Gerade mRNA-Impfstoff kann dazu dienen, so eine dritte Impfung angepasst an das Infektionsgeschehen und an die Virusvarianten, die es dann gibt, durchzuführen.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Sie sagten zuerst, dass es noch nicht klar ist, aber dass Sie sich trotzdem sicherheitshalber vorbereiten. Habe ich das richtig verstanden?

KAUTZ: Dass die Kontingente gesichert werden, stimmt. Dass wir auch mehr Impfstoff zur Verfügung haben, als Deutschland eigentlich braucht jedenfalls, wenn alle Impfstoffe ankommen, stimmt auch.

Baerbock, Laschet und Söder

FRAGE REITSCHUSTER: Frau Demmer, wie war denn die Reaktion der Kanzlerin darauf, dass Frau Baerbock als Kanzlerkandidatin der Grünen nominiert wurde?

DEMMER: Da kann ich gerne von hier aus einen Glückwunsch aussprechen.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: (ohne Mikrofon; akustisch unverständlich)

DEMMER: Von der Kanzlerin.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Warum hält sich die Kanzlerin denn so auffallend mit Äußerungen zur K-Frage in der Union zurück?

DEMMER: Dazu hat sich die Kanzlerin ja sehr, sehr oft und ausführlich und abschließend selbst geäußert. Dem habe ich hier nichts hinzuzufügen.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Hat sie keine Sorge, dass dieser Kampf der Union schaden könnte?

DEMMER: Wir sind hier zusammengekommen, um über Regierungshandeln zu sprechen, nicht über Parteipolitik, und dabei möchte ich es auch belassen.

 

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