Zwei Fünftel, zwei Maßstäbe Ein Gedankenspiel zum Umgang mit Andersdenkenden

Ein Gastbeitrag Von Thomas Rießinger

Es geschehen seltsame Dinge. Die „Welt“, einst ein konservatives, heute ein wokes Blatt auf der ständigen Suche nach Bestätigung aus linksgrünen Kreisen, hat am 6. Februar einen Meinungsbeitrag veröffentlicht. Unter der Überschrift „Die Rechten gehören zu unserem Land – das hat Konsequenzen“ liest man im einleitenden Teil: „Ein Fünftel unserer Wähler ist rechts. Aber noch immer wird debattiert, ob die Rechte zu Deutschland gehört, und noch immer prägt oft ein grob undifferenzierter Ton den Umgang mit Rechten. Hört das nicht auf, kann man unserem Land nur noch eins attestieren: die Lust, sich selbst zu schwächen.“

Und als ob das nicht genug wäre, ist auch noch der folgende Absatz zu finden: „Unser Land sollte Abschied nehmen von gedankenlosen Kränkungen gegen Rechte. Erstens aus selbstverständlicher Rücksichtnahme. Zweitens, weil die Zahl rechter Mitbürger steigt. In Deutschland, so erinnern Umfragen, sind mittlerweile gut 20 Prozent aller Wähler Rechte. Ein gutes Fünftel unserer Wähler sollte man nicht, schon gar nicht systematisch, brüskieren.“

Soll man es glauben? Nein, natürlich nicht. Einen entspannten Umgang mit politisch Andersdenkenden will man im besten Deutschland, das es je gab, schon lange nicht mehr pflegen; da ist die „Welt“ keine Ausnahme. In Wahrheit trug der Artikel den Titel „Der Islam gehört zu unserem Land – das hat Konsequenzen“, und der einleitende Teil lautet: „Ein Fünftel unserer Jugend ist muslimisch. Aber noch immer wird debattiert, ob der Islam zu Deutschland gehört, und noch immer prägt oft ein grob undifferenzierter Ton den Umgang mit Muslimen. Hört das nicht auf, kann man unserem Land nur noch eins attestieren: die Lust, sich selbst zu schwächen.“ In dem später folgenden Absatz konnte man dagegen lesen: „Unser Land sollte Abschied nehmen von gedankenlosen Kränkungen gegen Muslime. Erstens aus selbstverständlicher Rücksichtnahme. Zweitens, weil die Zahl muslimischer Mitbürger steigt. In NRW zum Beispiel, so erinnerte das dortige Schulministerium jüngst, sind mittlerweile gut 20 Prozent aller Schüler Muslime (für andere Bundesländer fehlt es leider an ähnlich präzisen Zahlen). Ein gutes Fünftel unserer Zukunft sollte man nicht, schon gar nicht systematisch, brüskieren.“

Schon haben wir die Realität erreicht. Ein Fünftel, eher ein Viertel der Wähler oder mehr darf man diskreditieren, beim Reden über sie und mit ihnen ist ein „grob undifferenzierter Ton“ angebracht, sie kann man jederzeit „systematisch brüskieren“ und niemanden interessieren „Kränkungen gegen Rechte“. Es sind ja nur Wähler. Es sind ja nur Bürger. Da muss man nicht zur Rücksichtnahme aufrufen und schon gar nicht zum Zuhören, im Gegenteil. Doch der Islam muss selbstverständlich zu Deutschland gehören, im Umgang mit Muslimen muss man den richtigen Ton finden, und die muslimische Jugend ist „ein gutes Fünftel unserer Zukunft“, mit dem man es sich nicht verscherzen darf.

Mit einem Satz hat der Autor jedoch völlig recht: „Hört das nicht auf, kann man unserem Land nur noch eins attestieren: die Lust, sich selbst zu schwächen.“

Es ist die Lust am Untergang. Und sie ist nicht zu übersehen.

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Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.

Bild: Juergen Nowak/Shutterstock

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