Der Kanarienvogel, den niemand hören will Mein Kollege nennt mich Schwarmaler. Ich nenne es: Frühwarnsystem

Ein Gespräch mit einem bekannten konservativen Journalisten. Er sagt mir, ich sei einfach zu pessimistisch. Ich würde alles schwarzmalen. Dass ich sage, ein gesellschaftlicher Zusammenbruch sei möglich, ja dass ich mir sowas überhaupt vorstellen könne, das sei doch absurd. Er schüttelt den Kopf. Ich lache und erkläre ihm: „Ich bin eben wie der Kanarienvogel in der Mine.“

Er schaut mich fragend an. Ich erkläre es genauer: „Früher hat man in Bergwerken Kanarienvögel eingesetzt. Sie waren extrem sensibel für Gase, die Menschen gar nicht wahrnehmen können. Wenn der Vogel unruhig wurde oder sogar umfiel, wussten die Bergleute: Jetzt wird es gefährlich.“

Er lacht. „Sie wollen sagen, Sie spüren Krisen, bevor sie sich entfalten?“

„Ich habe keinen Anspruch auf Wahrheit“, antworte ich. „Ich hoffe sogar inständig, dass ich falsch liege. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie recht haben und dass es keinen Zusammenbruch geben wird. Aber ich finde es gefährlich, wenn man Kritiker wie mich mundtot machen will. Sie ausgrenzt, damit sie nicht gehört werden. Wenn man so tut, als seien sie Verrückte. Denn jeder Gesellschaft tut es gut, Frühwarnsysteme zumindest anzuhören.“

Schein-Immunität

Aber mein Kollege ist nun einmal ein Kind der Bundesrepublik – eines Systems, das Jahrzehnte lang stabil war. Und wo viele bis heute verdrängen, dass es das nun leider nicht mehr ist. Wer wie ich oder meine Großmutter erlebt hat, wie ein System von heute auf morgen zerfallen kann, sieht mit ganz anderen Augen darauf. Ich habe es selbst erfahren – Anfang der 90er-Jahre als deutscher Student in Moskau, als das Sowjetimperium zusammenbrach und das Leben für Millionen von Menschen über Nacht ins Chaos stürzte. Als das Geld im eigenen Geldbeutel plötzlich wertlos wurde, Rentner nach Jahrzehnten harter Arbeit mittellos dastanden, Ersparnisse verpufften und niemand wusste, ob es morgen noch Brot geben wird. Und oft gab es das nicht: Menschen mussten stundenlang für Grundnahrungsmittel anstehen – und dann oft mit leeren Händen nach Hause gehen, weil die Lieferungen nicht für alle gereicht hatten.

Die ältere Generation kennt diese Angst. Wer in der DDR lebte oder das Russland der 90er-Jahre erlebte, weiß, wie schnell die Dinge kippen können. Unsere Großeltern bzw. Urgroßeltern waren geprägt von den Erfahrungen der Weimarer Republik, der Hyperinflation und des Krieges. Doch heute haben wir eine Generation, die so etwas nur aus Büchern kennt – und es deshalb für völlig undenkbar hält. Für Fiktion aus Filmen.

Ich halte diese Herangehensweise, diese Selbstsicherheit, dass einem nichts passieren kann, für Hybris. Für eine gefährliche Illusion.

Bloss nicht hinsehen

Es gibt eine Theorie, dass sich Geschichte wiederholt, weil die Enkel und Urenkel sich nicht mehr erinnern. Wer nichts anderes als Wohlstand, Demokratie und politische Stabilität kennt, hält sie für selbstverständlich. Und ist blind für die Anzeichen des Zerfalls – auch wenn sie wie bei uns heute an jeder Straßenecke zu sehen sind: etwa bei einer Bahn, die einst weltweit als Vorbild galt, und heute selbst daran scheitert, Großstädter verlässlich von A nach B zu bringen.

Es gibt Menschen, die feine gesellschaftliche Verschiebungen sehr früh wahrnehmen. Oft haben sie eine stark ausgeprägte Hypersensibilität. Ihre Fähigkeit, Situationen zu „lesen“, ist außergewöhnlich. Sie spüren Spannungen, sie erkennen unbewusste Strömungen, sie analysieren intuitiv, wohin sich eine Gesellschaft bewegt.

Hans-Joachim Maaz, einer der renommiertesten deutschen Psychiater, erklärte mir dazu in einem Interview mit mir vor Jahren eine hochspannende Theorie. In der Gruppendynamik gibt es Alphas, die Anführer, Betas, die Experten und Spezialisten, Gammas, die Mitläufer – und eben Omegas, die Außenseiter.

Omegas sind diejenigen, die in Gruppen unbewusste Wahrheiten aussprechen. Sie bringen Dinge auf den Tisch, die die Mehrheit nicht wahrhaben will. Und genau aus diesem Grund werden sie oft ausgegrenzt. Lächerlich gemacht. Als „Gefährder“ abgestempelt.

Maaz sagte mir: „Diese Omegas sind die wichtigsten in einem gruppendynamischen Prozess. Sie bringen etwas an den Tag, das verborgen ist – was die Mehrheit nicht wahrhaben will.“

In einer gesunden Demokratie wären genau diese Menschen wertvoll. Ihre Warnungen würden in den Medien wiedergegeben, geprüft, diskutiert, in die Entscheidungsfindung einbezogen. Doch in Deutschland werden sie systematisch zerstört.

Warum ist das gerade in Deutschland so schlimm?

Es gibt Länder, in denen der Konsens herrscht, dass Widerspruch ein Zeichen von Vitalität ist. In denen eine streitbare Debatte als Zeichen einer gesunden Demokratie gilt. In denen Menschen mit unpopulären Meinungen eingeladen werden, um ihre Sichtweise zu erklären.

Deutschland gehört nicht dazu.

Deutschland hat eine extreme Kultur des Konformismus. Wer außerhalb der Mehrheitsmeinung steht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern diffamiert. „Corona-Leugner“. „Verschwörungstheoretiker“. „Rechts“. Die Etiketten sind austauschbar – die Methode bleibt gleich. Seit einem Jahrhundert, ja länger.  

Es geht nicht um Argumente. Es geht um Stigmatisierung. Denn wenn ein Frühwarner recht hätte, wäre das für viele eine Katastrophe. Dann müssten sie sich eingestehen, dass sie sich getäuscht haben.

Psychiater Maaz beschreibt diesen Mechanismus brillant:

„Die Angst, sich selbst einzugestehen, dass man die Realität falsch eingeschätzt hat, ist enorm.“

Und weiter: „Deshalb richtet sich die Aggression nicht gegen die Ursache der Krise – sondern gegen die, die davor warnen.“

Das erklärt, warum in Deutschland alle großen Krisen immer nach demselben Muster verlaufen. Die Frühwarner warnen. Sie werden diffamiert, sozial isoliert, als „Spinner“ abgestempelt. Nach Jahren stellt sich heraus, dass sie zumindest in Teilen recht hatten. Und dennoch: Es gibt keine Entschuldigung. Kein Eingeständnis. Nie. Siehe Corona.

Stattdessen wird einfach – wenn überhaupt – das Narrativ angepasst – und diejenigen, die vorher diffamiert wurden, werden ignoriert.

Fatale Mechanismen

Ein Staat, der unliebsame Wahrheiten unterdrückt, ist kein freier Staat. Eine Gesellschaft, die ihre „Kanarienvögel“ tötet, beraubt sich ihrer Frühwarnsysteme. Und eine Demokratie, die Kritiker nicht ernst nimmt, sondern zerstört, ist am Ende keine mehr.

Die brennende Frage ist: Wie lange lassen sich Menschen täuschen, bevor sie verstehen, dass sie die ganze Zeit manipuliert wurden und werden? Die Geschichte zeigt: Meistens so lange, bis es zum totalen Zusammenbruch, zur totalen Katastrophe kommt.

Der Kanarienvogel singt noch. Die Frage ist nur, ob jemand zuhört – oder ob man ihn lieber aus der Mine holt, damit Ruhe ist.

Frühwarnsysteme funktionieren nur, wenn jemand sie am Leben lässt. Wenn Sie hier lesen, tun Sie das. Aber Sie sind in der Minderheit.

Nicht einmal zwei Promille meiner Leser sind auch Unterstützer. Helfen Sie mit, das zu ändern. Hier.

 

 

 

Bilder: Symbolbild/KI/Gemini

Für Sie empfohlen: