Freigelassen von LinkedIn – nach digitaler Verbannung Zuerst gelöscht, dann ignoriert – und plötzlich wieder online

Wir leben in völlig verrückten Zeiten. Und so freue ich mich heute über etwas, worüber ich mich eigentlich nicht freuen sollte. Und bei dem ich selbst erschrecke, dass ich mich freue. Worum geht es? Das soziale Netzwerk Linkedin, das zu Microsoft gehört und damit zum Kosmos von Bill Gates, hat mich im Januar 2025 endgültig gesperrt (siehe hier).

Mit der üblichen Begründung – ich hätte gegen die Nutzerbedingungen verstoßen. Eine Begründung gab es nicht. Mehr noch: Sie wurde mir mit der zynischen Begründung verweigert, es handle sich um Datenschutz. Mit anderen Worten: Meine Daten müssten vor mir selbst geschützt werden. Mindestens ebenso perfide: Natürlich erfuhren meine Abonnenten nicht den Grund, warum ich plötzlich verschwunden war. Sie konnten also denken, ich hätte ihnen einfach den Rücken zugewandt.

Ich höre jetzt schon die ewigen Skeptiker sagen: Warum sind Sie denn da überhaupt? Ich bin da nicht aus Privatvergnügen, sondern weil es mein Job ist als Journalist, in den großen Netzwerken präsent zu sein. Genauso wie es früher der Job von Zeitungen war, bei den großen Distributoren gelistet und damit an den Kiosken präsent zu sein. Und wenn ihnen das eine den Zugang verweigerte, war das ein massiver Eingriff in die Pressefreiheit. Sozusagen Zensur auf dem Vertriebswerk.

Ich habe mich dennoch entschieden, meine Nerven und Ressourcen zu schonen und nicht gegen Linkedin zu klagen. Doch dann bekam ich die Nachricht, dass mich das renommierte Reuters Institute an der Oxford University in einer Studie über „News Creators“ und „Influencers in Social and Video Networks“, Neudeutsch also Newsfluencer, in normalem Deutsch könnte man wohl sagen „Nachrichtenmacher“ – zur Nummer eins in Deutschland erkoren hat – noch vor Elon Musk, Rezo und Alice Weidel, und noch deutlicher vor Namen wie Tilo Jung (Jung & Naiv) auf Platz 10, Sahra Wagenknecht (Platz 13), Lanz & Precht (Platz 14) und Oliver Pocher (Platz 15). Was die öffentlich-rechtlichen Medien natürlich verschwiegen – und zwar auf ebenso absurde wie dreiste Weise (siehe hier).

Ich nahm das im Dezember zum Anlass, um Linkedin nochmal anzuschreiben – altmodisch, auf Papier, direkt an die Geschäftsführung und die Pressestelle, weil die normalen Kontaktfunktionen auf der Seite stets versanden. Mit dem Hinweis auf die Studie. Und darauf, dass sich der Zensur-Wind gedreht hat. Und siehe da – jetzt bekam ich eine Mail, dass ich mich wieder „anmelden“ könne.

Ganz formlos, natürlich ohne Entschuldigung oder irgendetwas zur Sache. Das hatte ich auch gar nicht erwartet. Womit wir bei dem Thema vom Anfang sind: Dass wir unsere Erwartungen inzwischen so massiv heruntergeschraubt haben. Dass ich mich freue, aus dem virtuellen Zensur-Kerker befreit zu sein – statt mich zu empören, dass ich überhaupt hineingesteckt wurde.

Das ist die wahre Tragik unserer Zeit: Dass wir uns schon wie befreit fühlen, wenn der Wärter uns die Gitterstäbe kurz aufmacht – ohne Erklärung, ohne Entschuldigung, ohne Rehabilitierung. Willkommen im neuen Normal, in dem digitale Macht ohne Legitimation urteilt, verbannt und – wenn’s opportun erscheint – schweigend wieder reinlässt. Und morgen vielleicht wieder einsperrt. Und wir danken am Ende auch noch dafür. Ich habe mich wieder angemeldet. Natürlich. Weil es mein Beruf ist. Und weil ich mir geschworen habe, dieses Spiel nicht kampflos den anderen zu überlassen. Aber freuen? Nein. Eher: wach bleiben. Und nie vergessen, wer hier wer ist.

Linkedin hat mich freigelassen. Aber ich vergesse nicht, wer mich eingesperrt hat. Die Tür ist wieder offen – aber der Beigeschmack bleibt. Und die nächste knallt garantiert bald wieder zu. Ich verspreche: Ich werde mich nicht daran gewöhnen. Nicht den Mund halten. Nicht abstumpfen. Sondern mich weiter empören. Empörung ist kein Fehler. Sie ist in diesen Zeiten eine Pflicht.

Denn wer sich an Zensur gewöhnt, wird Teil von ihr.

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