Der 70.000-Euro-Reflex: Hirschhausens Tiefpunkt Wie Kritik an der Inklusion zum Nazi-Vergleich verkommt

Von Thomas Rießinger.

Eckart von Hirschhausen, der genau wie Karl Lauterbach einst Medizin studierte und dem ich in medizinischer Hinsicht ähnlich viel Vertrauen entgegen bringe wie eben diesem Karl Lauterbach – jener Eckart von Hirschhausen, der sich zur Zeit der sonderbaren PCR-Pandemie selbstverständlich öffentlich für die großartige mRNA-Impfung aussprach, und das aus Überzeugung und aus Freude an der finanziellen Vergütung – etwa ein Honorar von 71.400 Euro Steuergeldern allein vom Land in Baden-Württemberg für 57 Videominuten, durfte am 19.Mai auf der sogenannten Digitalkonferenz re:publica einen Beitrag zum Besten geben. Das ist nicht weiter überraschend, denn immerhin war die alternativlose Altkanzlerin schon da gewesen: warum sollte man dann nicht auf diesem geistigen Niveau weitermachen und Hirschhausen das Wort erteilen?

Und er hat die Gelegenheit genützt, um seine gewohnt hochqualifizierten Ansichten unters Volk zu bringen. Es ging ihm um die Idee der Inklusion in Schulen, also um das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung in Regelschulen. Dass man dazu sehr verschiedene Meinungen vertreten kann, stelle ich keineswegs in Abrede. Es wäre aber nicht übel, wenn man dabei ein Mindestmaß an Ehrlichkeit und Vernunft walten ließe.

Was Höcke sagte – und was er damit meinte

Nun hat vor einiger Zeit Björn Höcke, der Gottseibeiuns aller Gerechten, die Auffassung geäußert, Inklusion sei „ein Ideologieprojekt, das unsere Schüler nicht weiterbringt oder leistungsfähiger macht.“ Man kann für diesen Satz argumentieren und auch dagegen. So lässt sich unterstützend sagen, dass leistungsstarke Schüler und auch Schüler mittleren Niveaus  infolge des erhöhten Aufwands und der erhöhten Aufmerksamkeit, die behinderte Schüler in Anspruch nehmen mögen, nicht in der nötigen Weise berücksichtigt werden können, was sie tatsächlich nicht leistungsfähiger macht. Zusätzlich kann man nicht ausschließen, dass die behinderten Schüler dem Regelunterricht zumindest teilweise nicht folgen können, dass ihnen die spezielle Förderung, die an einer Förderschule eher möglich ist, fehlt und somit auch ihr Leistungsvermögen nicht ausgeschöpft wird. Andererseits lässt sich argumentieren, dass der tägliche Umgang mit Behinderten die nicht-behinderten Schüler ein wenig sensibilisiert und sie vielleicht gerade deshalb, weil sie bei der Unterstützung ihrer Mitschüler stärker gefordert sein mögen, sich persönlich und auch in ihrer Leistung weiter entwickeln. Und auch die behinderten Schüler könnten durch die Anwesenheit der Nicht-Behinderten angespornt werden.

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Kurz gesagt: So ganz genau kann man das nicht wissen, es gibt Argumente verschiedenster Art und in verschiedenste Richtungen. Doch mit solchen kleinlichen Erwägungen hält sich ein Hirschhausen nicht auf. Ohne Höcke beim Namen zu nennen – vielleicht wollte er seine Sprechwerkzeuge nicht beschmutzen, immerhin ist er von Adel – bezog er sich auf dessen Aussage und verkündete: „Wenn sich jemand, ich nehme den Namen nicht in den Mund, hinstellt und sagt, Inklusion ist ein Ideologieprojekt, das unsere Schüler nicht weiterbringt oder leistungsfähiger macht, dann frage ich mich, sind Menschen mit Behinderungen nicht unsere Kinder?“ Und weiter: „Was ist das für eine Denke, die wieder salonfähig wird, und jeder Vierte in Deutschland hält diese Partei für wählbar, die mit Gedanken, dass Menschen wieder in lebenswert und lebensunwert zu teilen nach 1945 noch mal möglich ist.“

Mir ist nicht so recht klar, wo und auf welche Weise Hirschhausen seine historische und seine logische Bildung erworben hat, sofern er sie erworben hat. Schon seine Frage, ob Menschen mit Behinderungen nicht unsere Kinder seien, zeigt, wes Geistes Kind er ist. Selbstverständlich sind sie das, und niemand hat das Gegenteil behauptet, auch Höcke nicht. Wer die Inklusion ablehnt, weil er der Auffassung ist, dass in ihrem Zuge sowohl behinderten wie auch nicht-behinderten Schülern geschadet wird – aus den oben angeführten Gründen, – der behauptet nicht, die behinderten Kinder seien „nicht unsere Kinder“, sondern hat über das Wohl unserer Kinder eine andere Auffassung als Hirschhausen, der seine eigene Meinung offenbar verabsolutiert und jeden, der davon abweicht, als Unhold darstellen will.

Von der Dummheit zur Geschichtsklitterung

Aber noch übler ist der zweite Teil seiner Aussage. Ich darf erinnern: Er echauffiert sich über die Aussage, Inklusion sei ein Ideologieprojekt, das die Schüler nicht weiterbringe. Das war sein Ausgangspunkt. Und er interpretiert ihn so, dass eine Partei, die diese Auffassung vertritt, „Menschen wieder in lebenswert und lebensunwert“ zu teilen in der Lage ist. Das Unterrichten behinderter Schüler in Förderschulen bedeutet also, dass man sie als lebensunwert betrachtet, während die Lebenswerten in den Regelschulen verbleiben. Mancher mag sich fragen, ob das Denken noch tiefer sinken kann. Schließlich heißen Förderschulen Förderschulen, weil ihr Ziel darin besteht, die Kinder zu fördern, was man mit „lebensunwerten“ Kindern wohl kaum ins Auge fassen würde. Zudem verweist Hirschhausen in seinem geistigen Höhenflug explizit auf die Nazi-Zeit und die damals praktizierte Trennung in „lebenswert“ und „lebensunwert“. Es waren die verbrecherischen „Euthanasie-Maßnahmen“, es war die „Aktion T-4“, in deren Verlauf 70.000 Menschen ermordet wurden, „darunter 5.000 Kleinkinder und Säuglinge.“ Und das – man sollte es nicht vergessen – will Hirschhausen gleichsetzen mit der Vorstellung, behinderte Kinder in Förderschulen zu fördern.

Das ist nicht nur historischer und logischer Unsinn, es ist eine Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen, wie sie schlimmer kaum sein kann.

Es ist das Denken eines Eckart von Hirschhausen.

Hirschhausen kassierte 71.400 Euro vom Steuerzahler für 57 Videominuten. Reitschuster.de hat in den sechs Jahren seines Bestehens keinen Cent Steuergeld erhalten – es lebt ausschließlich von Lesern wie Ihnen. Wenn Sie das für einen Unterschied halten, der es wert ist – hier können Sie unterstützen. Vielen Dank!

Der Autor:

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik. Sein Buch „Wahrheit oder Spiel“ finden Sie hier,  „Umgang mit Formen“ über diesen Link.

Bild: Symbolbild/KI/Grok

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