Erklärungsversuch mit offenem Ausgang: mit Nina im fernen Tiflis
Versagt habe ich. Komplett. Und wissen Sie was? Ich bin stolz darauf. Hier im fernen Tiflis in Georgien, am Kaukasus, an der Grenze zwischen Europa und Asien, treffe ich mich gerade mit alten Freunden. Und wenn ich ihnen erzähle, was in Deutschland und weiten Teilen der westlichen Welt geschieht, fällt es ihnen sehr schwer, mir zu glauben.
Lorem ipsum dolor sit amet...
Da ist Nina, 65, mit zwei Enkelinnen, Philologin und Direktorin eines Literaturmuseums, das nach ihrem Großvater benannt ist. Als ich ihr sage, dass es nach neuer westlicher Lesart mehr als zwei Geschlechter gibt, sieht sie mich mit weit aufgerissenen Augen an: „Wie bitte? Du machst Witze!“ Als ich sie überzeugt habe, dass es kein Witz ist, will sie wissen, welche Geschlechter es außer männlich und weiblich noch gibt. „Ich bin kein Fachmann, aber nach allem, was ich weiß, sind es mehr als 63.“
Sie reißt ihre Augen noch weiter auf, ich habe schon Angst, dass sie platzen: „Was? Welche?“ Ich tue mich schwer, es ihr zu erklären. Ich sage etwas von „nicht-binär“ und dergleichen. Sie bohrt weiter. Und je weiter sie bohrt, umso drastischer wird mir klar, was ich ohnehin wusste: In welchem Irrsinn wir in weiten Teilen des Westens inzwischen leben.
Einmal im Jahr ein neues Geschlecht
Dann erzähle ich ihr, dass man in Deutschland sein Geschlecht inzwischen per einfacher Erklärung beim Standesamt ändern kann. Ohne Gutachten, ohne Arzt. Und wenn einem das neue Geschlecht nicht gefällt, kann man nach einem Jahr wieder wechseln. Nina stellt ihr Weinglas ab. „Einmal im Jahr? Wie eine neue Frisur?“ Als ich hinzufüge, dass schon Vierzehnjährige das mit Zustimmung der Eltern selbst erklären können und für Jüngere die Eltern entscheiden, wird sie still. Und dann sehr ernst: „Kinder? Ihr lasst Kinder ihr Geschlecht wechseln?“
Toleranz ja, Wahnsinn nein
Wer jetzt glaubt, Nina sei eine engstirnige Hinterwäldlerin, irrt. „Natürlich gibt es Menschen, die im falschen Körper geboren sind“, sagt sie. „Männer, die eigentlich Frauen sind, und umgekehrt. Das hat es immer gegeben. Und wenn man denen helfen kann, dann soll man ihnen helfen.“ Das sagt eine Frau aus einem Land, das im Westen gern als rückständig abgestempelt wird. Sie hat kein Problem mit den wenigen, die wirklich leiden. Sie hat ein Problem damit, dass aus einer seltenen Not eine Massenmode gemacht wird, ein Geschlecht zum Wechseln wie ein Handyvertrag. Und dass man Kinder in eine Entscheidung zieht, die sie nicht überblicken können.
Das ist genau die Unterscheidung, die bei uns verloren gegangen ist. Wer sie trifft, gilt schon als verdächtig. Als ich Nina sage, dass Menschen wie sie und ich, die nur zwei Geschlechter kennen, in Deutschland mittlerweile quasi als rechtsextrem gelten, versteht sie die Welt nicht mehr: „Ihr seid verrückt geworden!“
Diesmal ist es kein Kind

In diesem Moment muss ich an Hans Christian Andersen denken. An den Kaiser, dem zwei Betrüger ein Gewand verkaufen, das angeblich nur Kluge und Würdige sehen können. Der Kaiser sieht nichts, seine Minister sehen nichts, das Volk sieht nichts. Aber keiner sagt es, denn wer es sagt, outet sich als dumm oder seines Amtes unwürdig. Also loben alle den prächtigen Stoff, bis ein Kind ruft: „Aber er hat ja gar nichts an!“
Bei uns ist es genauso. Fast jeder sieht, dass der Mann im Kleid ein Mann bleibt. Aber wer es sagt, gilt nicht als dumm, sondern als „rechts“. Das ist noch wirksamer. Also schweigen Kollegen, Lehrer, Ärzte, Politiker und loben brav den prächtigen Stoff der Vielfalt. Es braucht jemanden von außen, der die Spielregeln nicht kennt und sich nicht um sie schert. Diesmal ist es kein Kind, sondern eine Großmutter vom anderen Ende Europas.
Wir reden dann noch über die Gayparaden und die Einstellung zur Homosexualität, und ich will Ihnen Ninas Reaktionen ersparen. Georgien ist ein im Kern überaus traditionelles Land, eine der ältesten christlichen Nationen der Welt. Auch hier scheiden sich inzwischen die Geister: Viele Jüngere blicken sehnsüchtig nach Brüssel und auf das, was dort als „westliche Werte“ gilt. Doch die Familie ist noch immer der Kern der Gesellschaft, die Verbindungen zwischen Verwandten sind ausgesprochen eng. Darauf bin ich neidisch.
Der Mann, der Weizen umerziehen wollte
Das Geschlechterthema führt uns direkt zu Trofim Lysenko. Die meisten in Deutschland haben den Namen nie gehört. In der Sowjetunion kannte ihn jedes Kind. Lysenko war ein Agronom aus der Ukraine, Sohn armer Bauern, mit dürftiger Ausbildung, aber mit einem untrüglichen Gespür für das, was die Macht hören wollte. Er behauptete, Pflanzen ließen sich durch Umerziehung umformen. Man müsse Weizen nur richtig behandeln, dann gebe er seine erworbenen Eigenschaften an die nächste Generation weiter. Die Gene, die Mendel entdeckt hatte, erklärte er zur Erfindung.

Wissenschaftlich war das Unfug. Ideologisch war es perfekt. Wenn sich Weizen umerziehen lässt, dann lässt sich auch der Mensch umerziehen, zum neuen, sowjetischen Menschen. Die Natur hatte sich der Partei zu fügen. Stalin war begeistert. 1948 wurde die Genetik auf einer berüchtigten Akademie-Sitzung offiziell zur „bürgerlichen Pseudowissenschaft“ erklärt. Wer an Chromosomen glaubte, galt nicht mehr als Forscher, sondern als Klassenfeind. Genetiker verloren ihre Lehrstühle, landeten im Lager oder Schlimmerem. Der große Botaniker Nikolai Wawilow – der Mann, der die Welt mit seinen Saatgutsammlungen ernähren wollte – war schon 1943 in einem Gefängnis in Saratow verhungert. Jahrzehntelang sahen die Fachleute, dass der Weizen nicht tat, was Lysenko versprach. Gesagt hat es kaum einer. Erst Mitte der Sechziger, nach Chruschtschows Sturz, wurde Lysenko entmachtet. Da lag die sowjetische Biologie längst in Trümmern.
Neue Etiketten, alter Mechanismus
Das Muster kommt mir bekannt vor. Eine Ideologie erklärt die Biologie zur Verhandlungsmasse. Was nicht ins Weltbild passt, wird nicht widerlegt, sondern verboten. Und wer auf dem Offensichtlichen beharrt, wird nicht als Irrender behandelt, sondern als Feind. Damals hieß das „bürgerlich“ und „reaktionär“, heute heißt es „rechts“ und „transfeindlich“. Die Etiketten haben gewechselt, der Mechanismus ist derselbe.
Ein Scheitern, auf das ich stolz bin
Deshalb habe ich versagt, und deshalb bin ich stolz darauf. Ich konnte Nina nicht erklären, warum in Deutschland ein Mann eine Frau sein soll, nur weil er das sagt, und warum man das jedes Jahr neu entscheiden darf. Ich konnte es nicht, weil es sich mit Verstand nicht erklären lässt. Es lässt sich nur glauben oder erzwingen. Wer einem Menschen mit klarem Blick erklären will, wie prächtig der Stoff ist, den es nicht gibt, muss scheitern. Ein Land, in dem man so etwas ernsthaft erklären können müsste, ist kein Land, in dem ich mich zu Hause fühle. Hier in Tiflis, bei Menschen, die noch wissen, was ein Mann und was eine Frau ist, und die trotzdem Mitgefühl für jene haben, bei denen die Natur sich geirrt hat, fühle ich mich ziemlich wohl mit meinem Scheitern.
Klartext braucht Komplizen
Was Nina mit einem Kopfschütteln abtut, darf man in Deutschland kaum noch aussprechen, jedenfalls nicht in den großen Redaktionen. Hier schon. Möglich machen das nicht ein Verlag, nicht Staatsgeld, keine Partei und keine Stiftung, sondern allein Sie, liebe Leserinnen und Leser. Sie sind die einzige Infrastruktur, die niemand abschalten kann. Kein Bäcker backt umsonst, und auch unabhängiger Journalismus kostet: Technik, Recherche, Rechtsabwehr gegen Abmahnungen und Angriffe. Wenn Sie diese Arbeit für wertvoll halten, freue ich mich über Ihre Unterstützung per Überweisung: Empfänger Boris Reitschuster, IBAN DE30 6805 1207 0000 3701 71, Verwendungszweck „Unterstützung“. Herzlichen Dank, dass Sie dabei sind.
Woher der Wind weht
Und wenn Sie wissen wollen, wie dieser Irrsinn seinen Lauf nahm und wie Lysenkos Erben den Westen erobert haben: Dazu schreibe ich gerade eine Serie über die geistigen Väter der Wokeness. Die Fäden führen nicht nach Moskau, sondern nach Paris. Dort erklärten Philosophen in den Sechziger- und Siebzigerjahren Wahrheit zur Machtfrage, Sprache zum Unterdrückungsinstrument und Familie wie Geschlecht zu Käfigen, aus denen man sich befreien müsse. Den Auftakt macht ein französischer Unternehmer, der sich für seine Landsleute entschuldigt. Dann geht es um Michel Foucault, der jede Norm unter Machtverdacht stellte, um Jacques Derrida, bei dem nicht mehr zählt, was Sie meinen, sondern was andere heraushören, und um Gilles Deleuze, auf den das Zauberwort „fluid“ zurückgeht, bis hin zum Geschlecht. Im letzten Teil folgen in Kürze die Frankfurter und die Frage, warum ausgerechnet wir Deutschen das Gift nicht nur mitgerührt, sondern veredelt haben.
- Selbstbestimmungs-Gesetz im Test wissenschaftlicher Fakten
- Ungarn kehrt zur Biologie zurück
- „Geschlecht wird bei der Geburt nicht zugewiesen – sondern festgestellt“
- Studie widerlegt absurde Argumente der Trans-Lobby
Bild: Boris Reitschuster/Trofim Lysenko (1938): Wikimedia Commons, gemeinfrei / Dmitry Gerasimov, gemeinfrei, Wikimedia Commons
Für Sie empfohlen:

