Baerbock: Wird die Republik zum Waldorf-Stuhlkreis? Mischung aus Kita und Kulturrevolution

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Zwei Sachen vornweg. Erstens: Hat Angela Merkel eigentlich Annalena Baerbock schon ihre Unterstützung ausgesprochen oder macht sie das nur stillschweigend? (Bereits nach Schreiben dieses Artikels konnte ich Merkels Sprecherin Ulrike Demmer diese Frage auf der Bundespressekonferenz stellen, und sie beantwortete sie unzweifelhaft: Sie übermittelte Glückwünsche für die Grünen-Sprecherin). Zweitens: Nein, ich habe nichts gegen Waldorf-Schulen und schon gar nicht gegen deren Stuhlkreise. Ich kenne sie auch viel zu wenig, um mir ein Urteil zu erlauben. Nur hat mich ein Vergleich meines geschätzten Kollegen Wolfgang Koydl so beeindruckt, dass ich ihn hier gerne anwende: Er sagte, im Vergleich zu ihren Kollegen in Washington und London seien die Hauptstadtjournalisten mit den Regierenden so bissig wie der Stuhlkreis einer Waldorfschule.

Und so steht meine Überschrift nicht für Waldorf-Schulen, sondern für etwas anderes: Dafür, dass die massive Infantilisierung der deutschen Politik und Medien nun vor einem neuen Höhepunkt steht. Mit Annalena Baerbock könnte der politische Kindergarten ins Kanzleramt Einzug halten. Aber leider nur im Sinne einer Politik, die kaum über eine Ecke hinaussieht. Denn ganz und gar nicht wie im Kindergarten wird der Umgang mit Kritikern und Andersdenkenden ausfallen, wenn mit den Grünen die wohl am meisten durchideologisierte Partei der Bundesrepublik federführend die Regierung übernimmt. Eher schon droht eine Mischung aus Kita und Kulturrevolution.

Man braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, wie ein CDU-Kandidat Markus Söder oder Armin Laschet von den sehr linkslastigen großen Medien zerlegt würde. Schon im Mai 2019 zeigte sich ARD-Chefredakteur Rainald Becker auf dem Bildschirm euphorisch über den Erfolg der Grünen bei den Wahlen zum EU-Parlament und meinte, vielleicht sei die Zeit reif für einen grünen Kanzler. Er erntete dafür viel Spott, etwa die Frage eines Twitter-Nutzers: „Kann ich meinen Rundfunkbeitrag als Parteispende steuerlich absetzen?“ Was wir nun zur Baerbock-Nominierung gerade in manch öffentlich-rechtlichen Medien erleben, erinnert denn auch mehr an Hosianna-Gesänge als an kritischen Journalismus.

Baerbock hat noch nie in Regierungsverantwortung gestanden – was ihrer Kanzlerkandidatur einen etwas schalen Beigeschmack gibt. Schließlich ist das Kanzleramt keine Praktikantenstelle zur Einübung des Regierens. Auch bei einem Flugzeug käme kaum jemand auf die Idee, jemanden ans Steuer zu lassen, der noch nie zumindest als Co-Pilot diese Rolle geübt hat. Baerbock hat zudem öfter Zweifel an ihrer Kompetenz aufkommen lassen. „Das Netz ist der Speicher“, hatte sie etwa 2018 in einer Diskussion um Energiepolitik geäußert. Legendär ist auch ihre Aussage im ARD-Sommerinterview: „Kobold – wo kommt das eigentlich her? Wie kann das recycelt werden?“, sorgte sich die Grünen-Chefin und wünschte sich, dass es auch „Batterien gebe, die auf Kobold verzichten können“, und zwar sei das „auch wieder in China„. Sie meinte natürlich „Kobalt“. Sollten sich solche Aussetzer bei einer Kanzlerin Baerbock wiederholen, etwa auf internationalen Konferenzen, würde sie damit Deutschland wohl weltweitem Gespött aussetzen.

Dafür wären wir sicher noch schneller klimaneutral, und das Weltklima würde noch schneller am deutschen Wesen genesen. Uns würden wahrhaft bunte Zeiten bevorstehen. Bezeichnend ist, dass sowohl Laschet als auch Söder in vielem die realitätsfernen grünen Konzepte übernehmen, von einer weltfremden Energiepolitik über „offene Grenzen“ bis hin zu Deindustrialisierung und einer ausufernden Finanzierung von Ausgaben per Schulden. Dabei verkennen die Unions-Größen, dass sie mit der Vergrünung ihrer Politik zwar Applaus vom polit-medialen Komplex erhalten, aber die Wähler im Zweifelsfall eher das Original bevorzugen als die Kopie.

Der Effekt des Umkippens der Union hat ein erstaunliches Resultat: Obwohl das linksgrün-ideologische Milieu in Deutschland eine deutliche Minderheit ausmacht, bis auf die teuren Innenbezirke der großen Städte, hat es faktisch die Meinungshoheit übernommen, ja die Politik in Deutschland weitgehend monopolisiert. Bis weit in die FDP hinein, die inzwischen Fußgänger-Übergänge in Regenbogenfarbe streicht und kaum eine Gelegenheit auslässt, sich an die linksgrünen Ideologen anzubiedern.

Die Geschichte zeigt: Noch jede politische Monokultur ist über ihrer „Alternativlosigkeit“ zusammengebrochen. Auch gut kaschierte Monokulturen, wie es die Merkel’sche Bundesrepublik mit ihrer in entscheidenden Fragen gleichgetakteten Politik ist, die jegliche Kritik mit dem Stigma des Aussätzigen bedroht. Die Implosion des Systems Merkels wird gewaltig sein und schwerwiegende Folgen haben. Mit einer Annalena Baerbock als Lordsiegelbewahrerin der Merkel-Politik wird diese Dynamik noch beschleunigt. 

PS: Jetzt, wo ich den Artikel zu Ende geschrieben habe, muss ich sagen – die Überschrift ist eigentlich verharmlosend. Aber wir haben so viele schlechte Nachrichten in dieser Zeit. Da ist es vielleicht ganz gut, dass ich Sie nicht gleich verschreckt habe.

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Bild: photocosmos1/Shutterstock
Text: br


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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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