Berlin: Genderzwang an Schulen und Universitäten Bildungsnotstand im Endstadium

Von Kai Rebmann

Zugegeben, die Überschrift könnte man beim Anlegen ganz strenger Maßstäbe als irreführend bezeichnen. Jeder Faktenchecker, der etwas auf sich hält – und das ist bei praktisch allen der Fall – wird sofort entgegnen: „Nein, an Berliner Schulen und Universitäten gibt es keinen Genderzwang. Die Aussage ist also falsch.“ Genauso „falsch“ vermutlich wie die böswillige Behauptung, in Deutschland habe es einen Impfzwang gegeben. Natürlich gab es diesen faktisch nicht, aber dennoch galt der entsprechende Nachweis über Monate hinweg als ultimative Bedingung für die Teilhabe an einem halbwegs „normalen“ Alltag.

Vor diesem Hintergrund sind auch aktuelle Berichte über ein Gymnasium und die Freie Universität (FU) in Berlin einzuordnen. Niemand hat die Absicht, die Schüler und Studenten in der Hauptstadt zum Gendern zu zwingen – wer es aber nicht tut, muss eben mit den Konsequenzen leben. So wie an der FU Berlin. Studenten, die sich der „gendersensiblen Sprache“ verweigern, ist die Mitbestimmung und -gestaltung an ihrer Hochschule ab sofort nicht mehr möglich. Entschieden wurde das von den Mitgliedern des Studentenparlaments, die mehrheitlich einem entsprechenden Antrag der Hochschul-Gruppe des SPD-Nachwuchses der Jusos gefolgt ist.

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Generisches Maskulinum und Binnen-I sind tabu

Einem Studenten, der einen Antrag für die anstehende Sitzung des Studentenparlaments eingereicht hatte, wurde mitgeteilt, dass eine Bearbeitung und Aufnahme in die Tagesordnung nicht möglich sei. Das Schreiben erfülle nicht die in der Geschäftsordnung verankerten Kriterien. Die „Berliner Zeitung“ zitiert Paragraf 6 (3) dieser Geschäftsordnung wie folgt: „Anträge sind in einer Sprache einzureichen, die alle Geschlechter gleichermaßen abbildet.“ Dem Studenten wurde weiter mitgeteilt: „Dieses Kriterium ist durch das verwendete generische Maskulinum (‚Studenten‘) nicht erfüllt.“ Ideologie geht an der FU Berlin also offenbar vor Inhalt.

Wer nun aber geglaubt hat, sich mit vermeintlich politisch korrekten Formulierungen wie zum Beispiel „Studentinnen und Studenten“ oder der Verwendung des „Binnen-I“ aus der Affäre stehlen zu können, auch der wird vom Studentenparlament der Hochschule eines Besseren belehrt. Anträge, in denen eines dieser beiden Stilmittel verwendet wird, werden künftig nicht mehr bearbeitet und können folglich auch nicht beschlossen werden. Wer dennoch nicht auf eine neutrale Sprache („Studierende“) zurückgreifen möchte, dem wird vorgeschlagen, „eine Formulierung mit Unterstrich oder Doppelpunkt zu wählen.“

Einsprüche gegen diese Regelung, die weder die Mehrheitsmeinung der deutschen Bevölkerung widerspiegeln noch den Empfehlungen des Rechtschreibrats entsprechen, sind nicht möglich. Als Begründung führt das Studentenparlament der FU Berlin an, dass die Verpflichtung zum Gendern bereits in der rechtlichen Ordnung verankert sei. Das sagt ebenso viel über das Demokratieverständnis dieses Gremiums aus wie die Tatsache, dass dessen Mitglieder von nur knapp 2,5 Prozent der Studenten gewählt worden ist.

Mit anderen Worten: Eine Handvoll Mitglieder der Gender-Sekte, deren Legitimation an ordentlichen demokratischen Maßstäben gemessen als höchst fragwürdig zu beurteilen ist, zwingt ihren Mitstudenten ihre eigene Ideologie auf. Der Unileitung sind die Vorgänge rund um den Genderzwang im Studentenparlament dem Bericht zufolge bekannt. Grund zum Eingreifen sieht das Rektorat aber offenbar nicht.

‚Als Lehrer getarnte Aktivisten‘

Man könnte die Zustände an der FU Berlin jetzt mit einem bemitleidenden Lächeln abtun – wenn sie nicht nur ein Beispiel von vielen für die völlig verfehlten Prioritäten an den Bildungseinrichtungen der Hauptstadt wären. Nur in Bremen ist es um die Schulqualität im bundesweiten Vergleich noch schlechter bestellt als in Berlin. Dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird, ist wohl eher nicht zu erwarten. Jedenfalls nicht, solange „als Lehrer getarnte Aktivisten“ ihr Unwesen an Berliner Gymnasien treiben. So bezeichnete jetzt ein besorgter Vater gegenüber der Springer-Presse die Pädagogen seines Sohnes, die diesem eigentlich Lesen, Rechnen und Schreiben beibringen sollen.

Eigentlich! Denn stattdessen werden im Klassenzimmer offenbar Stuhlkreise gebildet und jeder Schüler muss dem Lehrer sagen, mit welchem Pronomen er heute angesprochen werden will. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht über eine Baumschule, sondern über ein Gymnasium. Doch damit noch nicht genug. Weil sich sein Sohn offenbar weigert, die laut Empfehlung des Rechtschreibrats und der Kultusministerkonferenz orthografisch nach wie vor falsche Gendersprache zu verwenden, sei dieser – so der Vater – zu einer Strafarbeit verdonnert worden.

Der Gymnasiast sollte ein Referat über eben dieses Thema halten und musste dieses dann aus heiterem Himmel früher halten, als eigentlich vorgesehen war. Um den Jungen vor seinen Mitschülern bloßzustellen, so der Vorwurf des Vaters: „Mein Kind ist sozusagen als Einzelkämpfer mit Pauken und Trompeten im Gelächter der gendernden Klassenkameraden untergegangen.“

Klage vor dem Verwaltungsgericht

Inzwischen sieht sich der Vater im Interesse seines Sohnes zum Handeln gezwungen und ist gleich auf mehreren Ebenen aktiv geworden. Im Internet sucht er Gleichgesinnte, um dem ausufernden Gender-Wahn an deutschen Schulen Paroli bieten zu können. Daneben hat er sich an die Berliner Schulaufsicht gewandt und über die Zustände an dem betreffenden Gymnasium berichtet und unter anderem auf die Festlegungen des Rechtschreibrats verwiesen. Antwort: Der Antrag auf Untersagung der Gendersprache sei abzulehnen, da die Regeln des Rats in Berlin „mangels Umsetzungsakt“ nicht gelten würden.

Der Vater möchte sich aber nicht damit abfinden, dass er offenbar auf einer bildungspolitischen Insel der Gender-Ideologie leben soll. Deshalb hat er jetzt Klage beim Verwaltungsgericht eingelegt. „Es besteht für die Kinder ein großer Anpassungsdruck. Diese Ideologie gehört nicht in den Unterricht“, begründet der Kläger diesen Schritt. In den letzten Jahren habe das aber „dramatisch zugenommen“, auch an den Schulen seiner anderen Kinder, berichtet der Vater über seine Erfahrungen mit dem Alltag an Berliner Schulen.

Aber auch die Politik stellt bei diesem Thema auf Durchzug. Eine Sprecherin von Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) teilte auf Anfrage der „Bild“ zwar mit, dass die Regeln der Rechtschreibung anzuwenden seien. Gleichzeitig sollten den Kindern aber auch die gesellschaftlichen Dimensionen „gendergerechter Sprache“ vermittelt werden. Und auch der Vater handelte sich bei der Senatsverwaltung eine Abfuhr ein. Trotz schriftlicher Mitteilung über den Missbrauch der deutschen Sprache, lässt man die Lehrer an dem betreffenden Gymnasium offenbar weiter gewähren.

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.
Bild: Sergei Elagin/Shutterstock

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