Berlin verwässert Deutsch-Abi: Goethe und Schiller nur noch in leichter Sprache? Entlarvende Reaktion auf Bildungsnotstand

Von Kai Rebmann

Man stelle sich vor, ein AfD-Politiker stellte die These auf, wonach deutsche Schüler schon per Geburt schlauer seien als ihre Altersgenossen mit Migrationshintergrund. Der Aufschrei in Politik, Medien und Gesellschaft wäre riesig und das natürlich völlig zurecht. Genau das tat jetzt aber der Landesschülerrat Berlin, der über sein Haus-und-Hof-Medium, den „Tagesspiegel“ ausrichten lässt: „Im Deutschunterricht gibt es bei ‚Faust‘ oder ‚Der zerbrochene Krug‘ wenig bis gar keine Anknüpfungspunkte für viele Schüler mit Migrationsgeschichte.“

Diese Aussage bezieht sich auf eine aktuell in der Hauptstadt – und nicht nur dort – schwelende Debatte, ob die Ansprüche an deutschen Gymnasien mittlerweile zu hoch seien. Nein, sind sie natürlich nicht, nur die Leistungsbereitschaft der Schüler scheint immer weiter abzunehmen bzw. das, was man glaubt, jungen Menschen auf ihrem Weg zum Abitur, der Hochschulreife wohlgemerkt, noch zumuten zu dürfen. Konkret geht es um die inzwischen weit verbreitete Praxis, komplexe Literatur unserer berühmtesten Dichter und Denker im Unterricht nur noch in leichter Sprache durchzunehmen. Alles andere würde die Schüler, sprich Abiturienten in spe, bloß überfordern, wird in diesem Zusammenhang immer wieder gerne ins Feld geführt.

Der Berliner Landesschülerrat begeht bei seiner Argumentation aber mindestens drei entscheidende Denkfehler. Erstens sind Goethe, Schiller und Co auch für deutsche Schüler im „Digga“-Zeitalter längst zu allem anderem als Alltagssprache geworden, also etwas, mit dem man sich im nolens volens eben auseinandersetzen muss. Zweitens geht es bei der aktuellen Debatte ausdrücklich um die Lehrpläne an Gymnasien, sprich der höchsten aller weiterführenden Schulen, die ihre Absolventen auf ein Studium an der Universität vorbereiten soll. Wem solche Literatur in ihrer jeweiligen Originalversion zu anspruchsvoll ist, für den gibt es – ob nun Bio-Deutscher, Deutscher mit Migrationshintergrund oder Ausländer – auch noch andere, weniger anspruchsvolle Schulformen. Und drittens sollen Schüler mit Migrationshintergrund laut dem Landesschülerrat angeblich zwar keine Anknüpfungspunkte zu deutscher Literatur haben, dafür aber umso mehr mit der aus eben diesen Kreisen immer wieder betonten Gendersprache mit samt ihrer Fantasiezeichen – ein klassischer Widerspruch in sich selbst!

Lehrer machen es sich und Schülern zu einfach

Oder liegt die eigentliche Wurzel des Übels in Wirklichkeit sehr viel tiefer? Sind nicht (nur) die Schüler bequemer geworden, sondern auch deren Lehrer? So jedenfalls lässt sich eine Aussage von Sven Haedecke interpretieren. Der Sprecher des Cornelsen-Verlags, der die großen Literatur-Werke vergangener Jahrhunderte als „Einfach klassisch“-Versionen an deutsche Schulen ausgibt, stellt dazu fest: „Unser Eindruck ist, dass zunehmend auch Lehrkräfte an Gymnasien gerne mit der Reihe arbeiten.“ Und genau darin liegt das Problem: die „Einfach klassisch“-Reihe wurde von Cornelsen ursprünglich als Lehrmaterial für Haupt-, Real- und Gesamtschulen konzipiert – und ausdrücklich nicht als Drehtür zum Deutsch-Abi!

Lehrer alter Schule zeigen sich vom neuartigen, aber immer mehr um sich greifenden Konzept des „Goethe light“ hingegen wenig begeistert. Robert Radecke-Rauh, Berlins „Lehrer des Jahres 2013“ ist sich sicher: „Wenn wir damit beginnen, literarische Texte in einfache Sprache zu überführen, rauben wir den Klassikern ihre ästhetische Substanz und den Gymnasien ihren Anspruch, die Hochschulreife zu erwerben.“ Umgekehrt käme ja auch niemand auf die Idee, „Mozarts Opern in simple Klänge zu verwandeln“, zieht der Pädagoge einen durchaus anschaulichen Vergleich.

Das seit jeher bzw. in früheren Zeiten einmal bewährte Konzept des Förderns und Forderns hat aber nicht nur an Gymnasien und auch nicht nur in Berlin ausgedient. In Niedersachsen sollen schon die Grundschüler alsbald nicht mehr mit dem schriftlichen Dividieren behelligt werden. Der Vorschlag kommt direkt aus dem Kultusministerium in Hannover und dort hat – man ahnt es – mit Julia Willie Hamburg eine Grüne das Sagen. Demnächst soll das sogenannte „halbschriftliche Dividieren“ Einzug halten, eine Methode also, bei der größere Zahlen in Tausender, Hunderter, Zehner und Einer zerlegt werden. Statt 3165:5 sollen die Schüler zunächst 3000:5, dann 100:5, dann 60:5 und schließlich 5:5 teilen und die jeweiligen Ergebnisse dann zusammenzählen, sprich addieren.

Wer jetzt glaubt, so etwas könnten sich nur Politiker ausdenken, die nur allzu oft fernab der Praxis agieren, der liegt damit genau richtig. Denn Widerspruch kommt direkt aus dem Lehrerzimmer. Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, stellt gegenüber der „Bild“ klar, dass es längst nicht nur um das Erreichen des Ziels an sich geht, sondern vielmehr um den Weg dorthin: „Gerade in Mathematik wird eigentlich gelernt, auf verschiedenen Wegen zur Lösung zu kommen. Der Schritt in Niedersachsen kann sich auf der weiterführenden Schule rächen. Denn erstens steht das schriftliche Dividieren dort wieder auf dem Lehrplan, zweitens werden dort Problemlösungskompetenzen verlangt, die in den Grundschulen nun noch einmal weniger geübt werden.“

Weg des geringsten Widerstands entpuppt sich als Irrweg

Im Glauben bzw. Vorgeben, den Kindern etwas Gutes zu tun, indem man sie weniger fordert, wird ihnen in Wahrheit also ein Bärendienst erwiesen. Zugegeben, das schriftliche Dividieren mag mit der Lebenswirklichkeit der allermeisten Menschen wenig bis gar nichts zu tun haben. Nicht wenige werden diese Rechenart zuletzt tatsächlich angewendet haben, als sie noch die Bank in irgendeiner Grundschule gedrückt haben – und noch viel weniger könnten, wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, eine entsprechende Aufgabe wohl auf Anhieb auf die geforderte Art und Weise lösen.

Dennoch gibt Susanne Lin-Klitzing vom Deutschen Philologenverband zu bedenken, dass es auch beim schriftlichen Dividieren – analog zum Lesen von Literatur-Klassikern – um weit mehr geht als das Rechnen an sich: „Allein durch das Untereinanderschreiben erlernen Kinder sauberes, formales Arbeiten. Und sie lernen, früher erlernte Kompetenzen anzuwenden. Also hier Kopfrechnen, Multiplizieren und Subtrahieren.“

Die Entwicklungen, die sich hier exemplarisch an den Grundschulen in Niedersachsen und den Gymnasien in Berlin anbahnen bzw. schon gelebte Realität sind, stehen sinnbildlich für die ganze Gesellschaft im Allgemeinen und den ausufernden Sozialstaat im Speziellen: Leistung, oder auch nur die Bereitschaft dazu, soll nicht mehr (zusätzlich) belohnt werden, sondern zum jederzeit und überall verfügbaren Allgemeingut werden.

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Screenshot Youtube

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