Arroganz statt Ethik? Bloß kein Dialog mit Menschen anderer Meinung! Doppelmoral im Deutschen Ethikrat

Von Christian Euler

Der Deutsche Ethikrat sieht mögliche Erleichterungen für Menschen mit einer Impfung gegen COVID-19 kritisch – derzeit. Vielmehr brauche man eine klare Linie für die Rückkehr zur Normalität. Fragt sich, was „derzeit“ bedeuten mag und wie eine klare Linie aussehen kann. Grund genug, mit Wolfram Henn einen der wichtigsten Protagonisten des Ethikrats um Aufklärung zu bitten. Er leitet die genetische Beratungsstelle der Universität des Saarlandes, ist seit 2013 stellvertretender Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer und seit 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrates. 

Kurz vor Weihnachten provozierte er in einem Gastbeitrag für die „Bild“-Zeitung die Skeptiker der Corona-Impfung: Sie sollten schriftlich auf eine Intensivbehandlung verzichten. Im persönlichen – und sehr Mut machenden – E-Mail-Kontakt ruderte er zurück: Er habe zum Nachdenken anregen wollen und sich selbstverständlich „nicht für irgendeine Form von Behandlungsausschlüssen gegenüber wem auch immer ausgesprochen.“ Er würde sich auch jedem entgegenstellen, der so etwas fordern würde, so der Medizinethiker weiter. „Der Anspruch auf medizinische Behandlung ist seinem Wesen nach voraussetzungslos, auch wenn die Krankheit durch anderes Verhalten (z. B. Tabakverzicht, aber auch Geimpftwerden) vermeidbar gewesen wäre. Das steht doch völlig außer Frage.“

Ab und zu müsse man auch und gerade als Ethiker mal dorthin gehen, wo es wehtue. Es sei deutlich komfortabler, für die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung zu schreiben als für „Bild“. „Es hat sich noch immer gerächt, vor Leuten zu kuschen, die gefährlichen Unsinn verbreiten.“ Genau der richtige Interviewpartner also, wenn es darum geht, Licht ins Dunkel manch unklarer Aussage des Ethikrats zu bringen.

Seine Antwort auf die Interview-Anfrage kommt schnell in der Nacht – und ist alternativlos, wie es die Kanzlerin vermutlich auf den Punkt bringen würde: „Von einem Portal, das Überschriften wie „Deutschland – unfreier als eine Diktatur“ formuliert, ist klar, welche Leserschaft es bedient. Nein danke.“ Aus den zu Weihnachten noch „besten Grüßen“ wurden „freundliche Grüße“, aus dem „lieben Herrn…“ ein spärliches „Guten Abend …“.

Pluralismus und kritische Meinungsäußerung klingen anders. Ein Gastbeitrag, auch wenn er den Titel „Deutschland – unfreier als eine Diktatur“ trägt, spiegelt bekanntlich die Meinung des Gastautors und nicht die der Redaktion wieder – und sorgt so für eine willkommene Erweiterung des Themenspektrums.  Auch die Ethik ist offensichtlich auf der Strecke geblieben. Selbst wenn die Behauptung von Wolfram Henn hinsichtlich Reitschuster.de stimmte: Wäre es unter der Würde eines hochrangigen Mitglieds des Deutschen Ethikrats, insbesondere mit den Menschen zu kommunizieren, die anderer Meinung sind? Ist Ethik nicht ebenjene Lehre, die sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns und dem Nachdenken über die Moral befasst?

Wenn selbst Polit-Granden wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und die Kanzlerin höchstselbst geduldig auf die Fragen von Boris Reitschuster eingehen, sollte auch der stellvertretende Vorsitzende der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer über seinen Schatten springen können. Zurück bleibt allein das Brecht’sche Diktum: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

In eigener Sache: Vielleicht haben Sie den Unterschied schon bemerkt — seit einiger Zeit habe ich nicht nur Gastbeiträge auf der Seite, sondern auch Texte anderer Autoren, bei denen der Hinweis „Gastbeitrag“ fehlt. Das sind Autoren aus dem Team, das ich gerade aufbaue. Dieser Beitrag ist die Premiere von Christian Euler auf reitschuster.de: Ein Kollege, mit dem ich beim FOCUS schon vor zwanzig Jahren zusammen arbeitete, den ich außerordentlich schätze und über dessen Mitarbeit ich mich riesig freue – weil so ein erfahrener, hochqualifizierter Vollblut-Journalist nicht nur mit seinen Texten meine Seite bereichert, sondern auch in die redaktionelle Arbeit das einbringt, was ich so dringend benötige: Entlastung! Bitte heißen Sie Christian Euler mit mir gemeinsam ganz herzlich willkommen auf meiner Seite!

Christian Euler ist Dipl.-Volkswirt und schnupperte zunächst als internationaler Einkäufer bei Lidl in das Wirtschaftsleben. Seit 1998 widmet er sich intensiv dem Finanz- und Wirtschaftsjournalismus. Nach Stationen bei Börse Online in München und als Korrespondent beim „Focus“ in Frankfurt schreibt Christian Euler seit 2006 als Investment Writer und freier Autor u.a. für die „Welt“-Gruppe, Cash und den Wiener Börsen-Kurier. Sein Buch über Porsche und Volkswagen ist im Wiley-Verlag erschienen. Ich habe mit Christian Euler schon vor zwanzig Jahren beim Focus zusammengearbeitet und schätze ihn außerordentlich als erfahrenen, hochqualifizierten Vollblutjournalisten. Seine Mitarbeit auf meiner Seite ist sehr wertvoll für mich.

Christian Euler

Bild: Atlas Agency/Shutterstock
Text: ce

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