RKI: Covid-19-Todesumstände in vielen Fällen unbekannt Gefühl der Ratlosigkeit

Ob ich nur dann in die Bundespressekonferenz (BPK) dürfe, wenn dort die Pressesprecher seien, und nicht, wenn die Chefs da sind – diese Frage hat mir vor einigen Wochen ein Leser gestellt. Nein, es gibt keine Zwei-Klassen-Gesellschaft in der BPK. Bei den Auftritten von Angela Merkel und Jens Spahn in den drei Monaten, die ich jetzt Mitglied bin, war ich schlicht nicht in Berlin bzw. verhindert. Als gestern kurzfristig die Nachricht kam, dass heute Jens Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler kurz vor Neujahr nochmal zur BPK kommen, war meine Freude dennoch verhalten – hatte ich mich doch innerlich schon vom Regierungsviertel verabschiedet für dieses Jahr. Umso spannender wurde es dann heute – und wie so oft genau da, wo man es als Fernsehzuschauer nicht mitbekommt. Nach Ende der Pressekonferenz kam RKI-Chef Wieler auf mich zu und es entwickelte sich ein interessantes Gespräch. Aber alles der Reihe nach.

Spahn forderte weitere Einschränkungen auch nach dem 10. Januar. Es gebe keinen Grund zur Entwarnung, mahnte er: „Wir sind von einer Normalität noch weit entfernt … Ich sehe nicht, wie wir in dieser Situation zurückkehren können in den Modus vor dem Lockdown.“ Spahn berief sich dabei auf Zahlen, die er in einer ausgesprochen missverständlichen Zahl präsentierte (siehe hier).

Der Impfstart sei gelungen, meinte der Minister dann, ungeachtet diverser Berichte über Pannen. Der Erfolg sei das Ergebnis einer erfolgreichen Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Der Christdemokrat bezeichnete die Impfkampagne als „nationalen Kraftakt“ und als „Sсhlüssel dafür, dass wir unser gewohntes Leben zurückbekommen können.“ Darauf, dass in anderen Ländern wie etwa Russland oder Schweden das „gewohnte Leben“ derzeit auch ohne Impfungen zu großen Teilen weitergeht, kam er nicht zu sprechen.

RKI-Chef Wieler mahnte, trotz der Impfungen müssten sich alle weiterhin an die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln halten: Denn man wisse noch nicht, inwieweit der Impfstoff auch eine Infektion verhindere. Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek rief zum Vertrauen in den Impfstoff auf: „Der Nutzen überwiegt weit das Risiko“, versicherte er. „Das theoretische Risiko einer Infektionsverstärkung kommt bislang nicht zum Tragen“, so der PEI-Präsident optimistisch – wobei über dieses Risiko sonst ja wenig berichtet wird.

Nachdem schon Wieler versichert hatte, bei der Entwicklung und Zulassung des Impfstoffes seien „keine Abstriche bei der Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit gemacht“ worden, beteuerte Cichutek, das Vakzin sei „nach allen Regeln der Kunst geprüft. Haben Sie Vertrauen, ein kleiner Pieks schützt!“

Ich fragte Cichutek nach Aussagen von Kritikern, die bestreiten, dass es keine Abstriche bei der Prüfung gab. Etwa mit Verweis darauf, die Immuntoxikologie sei nicht ausreichend gewesen und man könne die Langzeitwirkungen nicht ausreichend abschätzen: „Es hat ja einen guten Grund, dass man bisher fünf bis zehn Jahre forschte für Impfstoffe. Wie hat man das geschafft, wie kann man nach einem Jahr oder weniger die Langzeitwirkungen, die ja erst nach vielen Jahren auftreten, vorhersagen?“ (anzusehen hier – die Liveübertragung bei Phoenix im Fernsehen brach übrigens laut einer Zuschauerin genau zu dem Zeitpunkt ab, als ich die Frage stellte).

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek

Cichutek antwortete, man habe gesichert, dass ein hochqualitativer Impfstoff hergestellt werden könnte, der auch in Bezug auf die Herstellung den üblichen Regeln entspreche. Auch die Chargen-Prüfung stelle dies sicher. Die pharmakologisch-toxikologischen Untersuchungen seien vollständig durchgeführt worden. Man habe sie beschleunigt, indem man sie nicht erst nach den ersten Prüfungen am Menschen durchführte, sondern parallel. Zudem habe man es geschafft, klinische Prüfungsphasen zu kombinieren, ohne Abstriche. Zudem seien zum Zeitpunkt der Zulassung eines Impfstoffes die Langzeitbeobachtungen nie vollständig da: „Diese werden jetzt nachempfunden, aber wir haben Daten auch von früheren klinischen Prüfungen Geimpfter, die keine besonderen Auffälligkeiten gezeigt haben, über Monate nach der Impfung“.

Ich frage nach: „Verstehe ich das richtig, wenn ich das jetzt als Laie zusammenfasse, dass Sie sozusagen die Zeit komprimiert haben, also neue Techniken und Methoden haben, mit der Sie diese fünf Jahre auf ein Jahr herunterbrechen? Und wenn ich das so richtig verstehe, warum konnte man das bisher noch nicht machen, warum geschah dieser Durchbruch ausgerechnet jetzt in der Zeit der Pandemie?“

Cichutek: „Ich kann Ihnen berichten von der Zeit, als wir die Ebola-Epidemie in Westafrika hatten. Hier wurde ebenfalls sehr schnell ein Impfstoff entwickelt und die entsprechenden Komponenten von unserer Seite habe ich genannt. Dann kommt natürlich die entsprechende finanzielle Unterstützung hinzu. Die Fokussierung nicht nur der regulatorischen Behörden, sondern auch der Entwickler auf diese entsprechende Entwicklung, so dass wir auch hier relativ schnell zu guten Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten kamen. Zu dem damaligen Zeitpunkt haben wir uns allerdings dann mit der Zulassung einige Zeit lassen müssen. Wir haben gelernt, wir verbessern uns immer weiter, und ich denke, wir müssen schließen, dass wir auch aus dieser Epidemie wieder mitnehmen müssen, dass wir gewappnet sein müssen für die nächste Epidemie. Und hier das Gelernte weiterentwickeln, und ich denke, wir lernen auch, oder werden das in den nächsten Monaten oder im nächsten Jahr erleben, dass ein Impfstoff der Game-Changer bei der Bekämpfung von Pandemien sein kann.“

Einfach begriffsstutzig?

Noch Fragen? Ich persönlich war nach dieser Auskunft noch ratloser, was die möglichen negativen Langzeitwirkungen bzw. die Erforschung in weniger als einem Jahr angeht. Und wie langfristige Folgen mit kurzfristigen Tests zu erforschen sind. Aber vielleicht bin ich ja einfach begriffsstutzig.

In einer zweiten Frage wollte ich von RKI-Chef Wieler wissen, wie es dazu komme, dass nur ein Bruchteil der Covid-Toten auf den Intensivstationen aus dem Leben scheide: „Wo sterben die anderen Menschen? Zuhause? In Altenheimen? Warum ist der Krankheitsverlauf so, dass man die nicht mehr auf Intensivstationen bringt? Schafft man das nicht mehr? Macht es medizinisch keinen Sinn? Wenn Sie das erläutern könnten!“

Wieler antwortete: „Zum einen ist es so, dass wir relativ konstant über die letzten Monate auf den Intensivstationen Sterberaten von 20, 23, 25 Prozent gesehen haben, über die ganze Zeit. Also offenbar sind viele von den Mitmenschen, die auf Intensiv kommen, so schwer krank, dass sie nicht mehr gerettet werden können. Und es sind eben auch sehr viel Alte und Hochaltrige dabei. Wir wissen, wo die anderen sterben, aber wir wissen natürlich nicht, wie das Krankheitsgeschehen gewesen ist von vielen Patienten. Wir haben die Auflistung von Patienten in bestimmten Einrichtungen, etwa im Krankenhaus oder im Pflegeheim, die Zahlen weisen wir aus. Der Anteil in Altenheimen ist recht hoch. Das ist der Tatsache geschuldet, dass wenn es Ausbrüche gibt, wenn mehrere Menschen zusammenleben, kann sich so ein Virus einfacher verbreiten. Aber ich kann Ihnen nicht im Einzelfall die medizinischen Indikationen sagen, warum Menschen außerhalb der Krankenhäuser sterben. Ich gehe davon aus, dass es auch Fälle gibt, die sehr plötzlich versterben, wir wissen ja unter anderem auch, dass das Virus dazu führt, dass es zu Schlaganfällen führen kann, auch zu Embolien, was dann vielleicht gar nicht mit Covid zunächst betrachtet wird, die einzelnen Daten, wo und warum die Menschen sterben, das kann ich Ihnen nicht nach den Daten, die mir vorliegen, genau sagen!“ (anzusehen hier).

Auf die Nachfrage nach genauen Zahlen verwies Wieler auf die Situtationsberichte des RKI. Ich hätte noch viele Fragen gehabt, aber viele Kollegen auch – und so war ich schon privilegiert, dass ich nicht nur einmal, sondern zweimal drankam. Umso angenehmer war ich überrascht, als Wieler nach Ende der Pressekonferenz auf mich zukam und mir noch die aktuellen Daten aus seinem Situationsbericht brachte. Demnach sind 1.826 Menschen als Patienten in Krankenhäusern verstorben und 8.719 als Insassen von Pflegeheimen. Da insgesamt 30.978 Menschen gestorben sind, ist bei den restlichen offenbar der Sterbeort in der Tabelle nicht aufgeführt. Per Mail teilte das RKI mit, dass in dieser Tabelle lediglich angegeben wird, ob die Person zum Zeitpunkt der Meldung oder im Verlauf in einer Einrichtung nach § 36 IfSG (Pflegeeinrichtungen und andere) betreut oder untergebracht waren: „Das bedeutet nicht, dass sie auch in dieser Einrichtung verstorben ist. Bislang werden die Einrichtungen nach § 36 IfSG im Lagebericht nicht weiter differenziert, da bisher noch nicht in allen Gesundheitsämtern differenziertere Angaben erfasst werden können.“ Also doch wieder Unklarheit.

Fast bis an die Spree

Das anschließende Gespräch mit Wieler zog sich fast bis zu dessen Auto am Spree-Ufer hin. Unter anderem ging es um den R-Wert, also die sogenannte Reproduktionsrate, die aktuell auf einem historisch niedrigen Stand ist. Auch dies sei kein Grund für eine Entwarnung, da es hier wegen Weihnachten und später übermittelten Daten zu Verzerrungen komme, so der Chef des RKI. Ich fragte ihn auch noch nach der Kritik am Inzidenzwert, der ja momentan mit entscheidend ist für die Corona-Maßnahmen. Kritiker bemängeln ja, durch die Erhöhung oder Verringerung der Testzahl könne dieser Inzidenzwert beliebig in die eine oder andere Richtung gebracht werden. Wieler entgegnete, in den öffentlichen Daten des RKI könne man auch die Anzahl der Tests nachlesen und somit die Inzidenzwerte ins Verhältnis zu den Tests setzen. Auf den Hinweis, in den Medien würde dies aber nicht so dargestellt, antwortete Wieler sinngemäß, das RKI könne die Daten nur anbieten, aber nicht bestimmen, wer sie wie verwendet. Wieler machte auf mich bei ausgeschalteter Kamera einen sehr reflektierten und nachdenklichen Eindruck. Vor allem zeigte er die Bereitschaft zum Dialog. All das ist heutzutage alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Mein Gesamteindruck am heutigen Tag: Es herrscht auch bei den Verantwortlichen sehr viel Unklarheit über das Virus, seine Folgen und auch seine Übertragungswege. Das ist zwar schon lange zu bemerken, wurde heute aber noch einmal besonders deutlich. Zuweilen hatte man zwischen den Zeilen fast den Eindruck einer gewissen Ratlosigkeit. Umso unangebrachter und fataler ist der Dogmatismus, mit dem viele gerade in den Medien dem Virus begegnen – so als hätten sie die Weisheit über Corona schwarz auf weiß und notariell beglaubigt.

Interessant ist auch, wie Politiker und Journalisten heutzutage zuweilen geradezu die Rollen tauschen. So fragte eine Korrespondentin der ARD Jens Spahn, wie er es vor dem Hintergrund der hohen Zahlen bewerte, dass es schon Debatten über Schulöffnungen gebe. Es war dann an dem Minister, die Meinungs- und Debattenfreiheit zu verteidigen: „Ich finde es normal und nachvollziehbar, dass die Frage, ob Schulen und Kitas geöffnet sind, eine ist, die diskutiert wird.“


Bild: Boris Reitschuster/Screenshot Phoenix
Text: red


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