Der doppelte Drosten Charité-Chefvirologe mit verwirrendem Meinungsumschwung

Von Daniel Weinmann

Sein wöchentlicher NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ machte Christian Drosten zu einer der bekanntesten Stimmen der vergangenen knapp zwei Jahre. Seit 2003 erforscht er Corona-Viren. Was der 49-Jährige sagt, fast immer sind es Warnungen, hat Gewicht. Vor allem bei den Verfechtern harter Corona-Maßnahmen.

Mit Impfskeptikern hat er wenig Geduld, ebenso wenig mit verdienten Wissenschaftlern, die es wagen, ihm zu widersprechen. Gestern spottete Deutschlands oberster Virologe auf Twitter über Impfverweigerer und deren Gedanken zur Immunisierung – zur diebischen Freude seiner 900.000 Follower und der massenmedialen Claqueure. „Wer glaubt, durch eine Infektion sein Immunsystem zu trainieren, muss konsequenterweise auch glauben, durch ein Steak seine Verdauung zu trainieren“, schrieb er in der ihm eigenen, unnachahmlichen Arroganz.

»Mein Ziel als Virologe Drosten, wie ich jetzt gerne immun werden will«

„Immunreaktion vs. ›starkes Immunsystem‹ ist wie Lernen vs. Intelligenz“, schob er kurz darauf nach. Man könne zwar ein Gedicht auswendig lernen, werde dadurch aber nicht intelligenter. Ebenso wenig stärke man sein Immunsystem durch eine Infektion.

Ob ihm in diesem Moment seine Einschätzung zu diesem Thema entfallen war, die er im September im „Coronavirus-Update“ gab? An mangelnder Intelligenz dürfte es nicht gelegen haben. Schließlich lässt Drosten immer wieder erkennen, dass er sich zur geistigen Elite dieses Landes zählt.

Zwar plädierte er vehement für die Impfungen. Doch er erklärte zugleich, dass sich die Menschen auf lange Sicht anstecken müssten, um eine „robustere Immunität“ zu erreichen. „Mein Ziel als Virologe Drosten, wie ich jetzt gerne immun werden will, ist: Ich will eine Impf-Immunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber auch durchaus meine erste allgemeine Infektion und die zweite und dritte haben.“ Auch geimpfte Personen würden irgendwann einmal die erste, zweite oder auch dritte Infektion erleben. Um wirklich eine „langanhaltend belastbare Immunität zu erlangen“, sei eine Kombination aus Impfung und Ansteckung notwendig.

Drosten fällt nicht zum ersten Mal mit wankelmütigen Expertisen auf. Am 9. Mai etwa lautete seine Einschätzung zu Kinderimpfungen im ZDF-Interview so: „Also erst einmal finde ich es sehr gut, dass es so kommt, dass wir also jetzt die über zwölfjährigen Kinder tatsächlich impfen können, dass es so gut läuft mit den Impfstoffen.“

»Das lässt sich so auch nicht von der Hand weisen«

Nur zwei Wochen zuvor hatte derselbe Drosten im NDR-Podcast zu bedenken gegeben: „Also da gibt es jetzt gerade einen relativ aktuellen Kommentar in ‚Lancet Infectious Diseases‘, in einem der ‚Lancet‘-Journals. Das Ganze argumentiert (…) in die Richtung, dass man Kinder nicht impfen soll. Ein Argument, das da gemacht wird, ist, dass diese Multisystementzündungserkrankung nach der Infektion ja immunologisch vermittelt ist.“

Und weiter: „Das ist also nicht das Virus selber, sondern die Immunreaktion auf das Virus. Und so eine gleichgeartete Immunreaktion könnte ja auch durch die Impfung ausgelöst werden, wenn man jetzt anfängt, Kinder in breitem Maße zu impfen. Das lässt sich so auch nicht von der Hand weisen.“

Christian Drosten täte gut daran zu überdenken, ob Sottisen wie sein gestriger Tweet tatsächlich konform mit seiner Meinung gehen. Möglicherweise – da er sich ohnehin vorzugsweise mit den maßgeblichen Protagonisten dieser Republik beschäftigt – hält er es mit Konrad Adenauer, der einst sagte: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Nichts hindert mich daran, klüger zu werden.“ Wobei sich hier die Frage erhebt, ob Drosten noch klüger werden kann.

Drostens Gestus der Selbstinszenierung polarisiert. Manche verehren ihn, anderen widerstreben seine Auftritte. Ein Kommentar im Leserforum der „Welt“ zu einem aktuellen Interview Drostens im ZDF-„heute journal“ bringt dies so auf den Punkt: „Das Beste an einem irgendwie gearteten Ende der Pandemie…, ihn nicht mehr als Gralsträger sehen zu müssen.“

 

 

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: dw

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