Die Insolenz des öffentlichen „Du“ Ein Versuch über Nähe, Abstand und Respekt

Ein Gastbeitrag von Sönke Paulsen

Meine Frau drückt mit flinken Fingern auf meiner verhärteten Rückenmuskulatur herum. Sie findet schnell die Stelle, die besonders hart ist und klebt mir ein Tape auf den leidenden Muskel, der mich heute fast zum Weinen gebracht hat. Ich bedanke mich. Schmerz verändert die Wahrnehmung von sich und der Welt und ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll.

Es war so ein Tag, der im Büro stattfand, wo ich es aber nicht ausgehalten habe. Bei einer Kollegin ging es mir besser und wir haben ungewöhnlich offen gesprochen. Sie konnte jetzt ihren Freund dazu bewegen, zu ihr zu ziehen und ist froh darüber. „Wenn meine Söhne draußen sind“, meinte sie, „bin ich vielleicht ganz allein. Das halte ich nicht aus.“ Ich nickte und konnte es verstehen.

„Ich habe übrigens von Ihnen geträumt“, sagte sie plötzlich. „Wirklich?“, fragte ich. Sie lächelte. „Ja, wirklich, aber ich sage nicht was.“ – „Intim?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf, „aber es ist mir trotzdem peinlich.“ Sie könne sagen, dass sie in meiner Wohnung war. Ein weiter Ort mit viel Raum, und ich begann mich zu wundern. „Wissen Sie, wie ich wohne?“, fragte ich sie grinsend. Sie schaute neugierig. „In einer Waschküche unterm Dach. Der weite Raum, von dem Sie geträumt haben, wird wohl der Trockenboden für die Wäsche sein. Der ist zehn Meter lang.“ Sie lachte.

Wir hatten schon viele gute Gespräche, sind uns näher gekommen. Aber wir sagen weiterhin „Sie“ zueinander und können das auch vertreten. Man kann die Grenzen zum anderen nicht einfach niederreißen, durch ein Du. Das funktioniert nicht. Man kommt sich dabei kein Stück näher.

Eine Zeitlang redeten wir über unsere Beziehungen, die wir zu Hause haben. Ich fühlte mich labil dabei, der Rücken schmerzte. So sagte ich mehr über mich, als ich es normalerweise tue. „Nach außen hin“, sagte ich, „ist bei mir alles normal. Aber innen drin fühle ich mich heimatlos. Wie ein Landstreicher. Das war schon immer so. Muss wohl mit mir zusammenhängen.“ Dabei spürte ich einen Stich im Nackenbereich. Genau dort, wo meine Frau gerade das Tape hingeklebt hat. Nun ist es besser.

In der S-Bahn kommen immer dieselben Hinweise auf die 3-G-Regeln, die Pflicht sind und mit der Anrede „Liebe Fahrgäste“ eingeleitet werden. Immerhin nötigt sich die Bahn ein „Sie“ ab, das noch etwas nach Respekt klingt. Auf den Plakaten wird man inzwischen durchgehend geduzt. „Juckt Dich Dein Date im Schritt?“ Die Bahnhöfe sind mit solchen Plakaten gepflastert, als hätten wir eine Pandemie der Geschlechtskrankheiten. Die Bundesregierung scheint zu viel Geld zu haben. Oder was ist der Sinn dieser permanenten Anzüglichkeit?

Ich glaube allmählich, dass es gar nicht um Infektionsvermeidung geht, sondern viel eher um ein allgemeines Anpassungsprogramm der Bevölkerung an Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung. Das penetrante „Du“, das einem inzwischen überall auf die Schulter klopft, scheint hierhin zu gehören. Es führt nicht zu mehr Kontakt und schon gar nicht ist es ein Weg aus der Einsamkeit. Es nimmt einem nur die Würde und das Selbstbewusstsein. Das ist alles.

Unter Genossen kann man sich duzen, bitte sehr. Aber diese Gesellschaft besteht doch nicht aus Genossen und schon gar nicht sind alle in der SPD oder bei den Grünen. Also, was soll damit erreicht werden?

Meine Krankengymnastin ist heute leider krank. Sie vermutet Omikron und meint, es sei eine mittelprächtige Grippe. So fühle sie sich zumindest. Ich wünsche ihr „Gute Besserung“. „Melden Sie sich, wenn Sie Hilfe brauchen“, schreibe ich ihr. Sie bedankt sich. Wir kennen uns schon seit Jahren und wissen manches voneinander, haben uns schon oft geholfen.

Aber heute ist sie krank. Pech für mich und für sie. Stattdessen gehe ich zum Steuerberater.

Er sitzt mit seiner Praxis in einem Berliner „Szene-Bezirk“, den ich ungern betrete. Hier ist nicht mehr Berlin, sondern „Börlin“. Die jungen Leute duzen sich, möglichst auf Englisch. Bei mir machen sie eine Ausnahme. Nur ein paar Werbetreibende quatschen mich mit „Du“ an. Ich gehe einfach weiter.

Ich hole mir einen Kaffee und werde korrekt bedient. Der junge Mann hinter der Bar fragt mich, ob ich den „Coffee to go“ draußen auf den Sitzplätzen trinken möchte. Ich werde misstrauisch und frage, wieso. Er reagiert sofort und sagt, das sei kein Problem, wegen 2G, weil es ja draußen ist. Man könnte sich einfach den Pappbecher sparen. Ich lächle ihn an und bestätige, dass das eine gute Idee sei. Der junge Mann bekommt eine Portion Respekt von mir. Ich bekomme den Espresso in einer Porzellantasse und gehe damit vor die Tür.

Während ich trinke, beobachte ich einen Mann mit einem weißen Tuch auf dem Kopf. Er wirkt verwirrt.

Ein paar Amerikanerinnen, ich erkenne sie an ihrer Aussprache, betrachten ihn ebenfalls und bestätigen sich, dass es nur in „Börlin“ so viele „crazy guys“ gäbe. Der Mann rennt nach links, dann wieder nach rechts und tippt dabei heftig auf dem Bildschirm seines Smartphones herum. Immer wieder muss er sein weißes Tuch auffangen, das sich von seinem Kopf löst und davonfliegen will. Dabei redet er laut mit Personen, die nicht da sind.

Als er weitergeht, beginnt eine der Amerikanerinnen zu klatschen. Sie hat es wohl für eine Aufführung gehalten. Die Leute drehen sich irritiert nach ihr um, so als wäre sie die „Verrückte“. Vielleicht ist sie es auch. Schwer zu sagen. Jedenfalls haben die Leute wahrgenommen, dass sie sich respektlos verhalten hat. Vielleicht wusste sie es nicht besser.

Das Leben als permanente Aufführung, als Dauerevent. Die Sucht nach Stimulation, die auch das Netz dominiert. Diese jungen, gelangweilten Gesichter passen irgendwie zu diesem Anspruch. Das Pendant dazu ist innere Leere.

Die Menschen sollen mündig sein und gern unvollkommen. Sie können sich trotzdem eine Menge geben, wenn sie einigermaßen sensibel miteinander umgehen. Für Bevormundung habe ich kein Verständnis und der Respekt für die Grenzen des anderen, auch seine körperlichen Grenzen, muss erlernt werden.

Durch staatliche Kampagnen, die übergriffig und oft unverschämt sind, durch linke Menschheitsverbesserungen und durch dieses penetrante öffentliche „DU“, das um sich greift, geht das ganz bestimmt nicht. Die Öffentlichkeit ist in diesem Sinne bankrott, der Staat pädagogisch insolvent und die vielen gesellschaftlichen „Pressure-Groups“ können sich schlicht nicht benehmen.

Meine Kollegin meinte heute fast liebevoll, ich sei ein „Unikum“. Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, betonte ich, „ich bin kein Unikum! Aber ganz offensichtlich bin ich aus der Zeit gefallen.“ Ich wollte scherzhaft antworten, merkte aber, dass es mir wehtat, als ich es sagte. Vielleicht war es auch nur die schmerzende Schulter.

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“. Hier finden Sie seine Fortsetzungsgeschichte „Angriff auf die Welt“ – der „wahre“ Bond.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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