Drosten empfiehlt Geimpften Corona-Infektion "Gelassen in den Herbst zu gehen, ist eine gewagte Vorstellung"

Als mir mein Kollege Alexander Wallasch heute Vormittag den Link auf diese Nachricht schickte, dachte ich zuerst, es müsse ein Scherz sein: Der Virologe Christian Drosten sagte als Gast im NDR Info Podcast „Coronavirus-Update“, er habe Zweifel daran, dass Deutschland allein durch Impfangebote eine akzeptable Impfquote in der Corona-Pandemie erreichen könne. Deutschland werde demnach im Herbst „mit Sicherheit“ wieder Kontaktbegrenzungen brauchen, so der Lieblings-Virologe der Bundesregierung. „Gelassen in den Herbst zu gehen, ist eine gewagte Vorstellung.“

Auf die Frage, ob Geimpfte einer Infektion noch aus dem Weg gehen sollen, antwortete Drosten, die Impfung schütze zwar vor einem schweren Verlauf, aber nicht generell vor einer Infektion. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich Geimpfte anstecken. Besonders überraschend: Drosten sieht darin sogar einen Vorteil. Zitat (der Mediziner spricht dabei von sich selbst in der dritten Person): „Mein Ziel als Virologe Drosten, wie ich jetzt gerne immun werden will, ist: Ich will eine Impf-Immunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber auch durchaus meine erste Allgemeininfektion (…) haben.“

Eigentlich, so der Mediziner laut heute.at, „laufe es ohnehin darauf hinaus, dass man auch als Geimpfter irgendwann einmal seine erste, zweite oder auch dritte Infektion mit dem Virus hat.“ Schließlich werde jeder dem Coronavirus und seinen verschiedene Varianten immer wieder über den Weg laufen. Das sei aber auch nicht schlimm, denn die Impfung schütze „hervorragend vor schweren Verläufen“. Zudem sei eine Kombination aus Impfung und Infektion der einzige Weg, um wirklich eine „langanhaltend belastbare Immunität zu erlangen“. Impf-Auffrischungen das ganze Leben lang seien nicht das Ziel.

Auch als Geimpfter müsse man sich weiterhin an Maßnahmen halten und sich bis auf weiteres auch noch schützen, so Drosten. Sobald die Lage es aber zulasse und das gesamte Umfeld von jemandem geimpft sei, sehe er „rational keinen überzeugenden Grund mehr, alles daran zu setzen, einer Infektion aus dem Weg zu gehen“.

Ein Arzt, mit dem ein Mitarbeiter meiner Seite sprach, sagte, die Aussage von Drosten sei völlig logisch und zu erwarten gewesen: „Es war immer die Rede davon, dass Auffrischungsimpfungen notwendig sein können.“ Das mag sein – aber nicht in der deutschen Öffentlichkeit. Da wurde, etwa von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, kommuniziert, ein oder zwei „kleine Piks“ würden schützen. So sagte RKI-Chef Lothar Wieler etwa im Dezember: „Haben Sie Vertrauen. Ein kleiner Piks schützt vor einer gefährlichen Infektion.“

Auf den Hinweis, dass etwa in Israel ein großer Teil der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern Geimpfte seien, sagte der Arzt, dies sei kein Widerspruch, weil in Israel einfach eine so große Anzahl Menschen geimpft sei. Sobald die Impfquote in Deutschland ähnlich hoch sei, würde wahrscheinlich auch der Anteil der Geimpften unter den hospitalisierten Covid-19-Patienten zunehmen. Auch, dass ein kleiner Anteil der Geimpften an Covid-19 versterbe, sei statistisch „normal“. Das liege in der Regel an Vorerkrankungen. Kritiker der Corona-Politik machen geltend, dass der Verweis auf solche Vorerkrankungen bei Covid-19-Toten in der Regel weggelassen werde.

Es sei nie der Ansatz gewesen, dass die Impfungen vor Infektionen schützen, so der Mediziner. Es sei immer nur um den Schutz vor schweren Verläufen gegangen. Der sei im Wesentlichen gegeben; die Zahl der sogenannten Impfdurchbrüche, also Erkrankungen trotz Impfung, bewege sich im Bereich des Erwartbaren.

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Bild: Sergei Elagin/Shutterstock
Text: br

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