Galaktische Praxistipps für das Überleben auf der Erde Methoden der Umerziehung immer absurder

Von Kai Rebmann

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bezeichnete den Waschlappen jüngst als eine „brauchbare Erfindung“. Was grundsätzlich mit Sicherheit stimmt, wirkt bei der vom Spitzenpolitiker angedachten Zweckentfremdung des guten Stücks aber doch etwas verstörend. Kretschmann warb allen Ernstes dafür, öfter mal auf das Duschen zu verzichten und stattdessen zum Waschlappen zu greifen. Wie um das Plädoyer des Ministerpräsidenten für die Körperhygiene 2.0 zu bekräftigen, teilt der Spiegel seinen Lesern mit, wie das mit dem Waschen im Weltall funktioniert. Als einen der ganz wenigen, die bei diesem Thema wirklich aus eigener Erfahrung mitsprechen können, lässt das Magazin den deutschen Astronauten Matthias Maurer zu Wort kommen. Der 52-jährige Saarländer war zuletzt von November 2021 bis Mai 2022 auf der Internationalen Raumstation ISS.

Maurer wisse genau, wie es sich anfühle, sich monatelang nur mit wenig Wasser zu waschen, heißt es in dem Bericht. Die Körperhygiene im Weltall empfand Maurer demnach als „recht entspannend“ und erklärt: „Aufgrund der fehlenden Schwerkraft läuft das Wasser nicht nach unten, sondern benetzt den Körper mit einem dünnen Film.“ Man greife nun zu Seife oder einem seifehaltigen Tuch, ehe der Wasserfilm mit einem Handtuch wieder „abgerubbelt“ wird. Das sei so ähnlich wie mit einem Waschlappen, beschreibt der Raumfahrer seine Erfahrungen an Bord der ISS.

Die erste Dusche nach der Rückkehr auf die Erde, auf die er sich zuvor gefreut habe, sei für Maurer wie ein „Schock“ gewesen. Da sich sein Gleichgewichtsorgan noch nicht wieder an die Schwerkraft gewöhnt hatte, entpuppte sich die Dusche jedoch als Enttäuschung: „Das Prasseln der Wassertropfen auf Kopf und Körper empfand ich fast schon als Überstimulierung“, erklärte Maurer im Spiegel. Nach der Dusche habe er sich übergeben müssen, im Weltall sei es ihm hingegen nie schlecht geworden. Kurz darauf sei es ihm aber dann gleich wieder besser gegangen, erwähnt Maurer dann doch noch.

Was sollen diese absurden Vergleiche?

Fast beiläufig schreibt der Spiegel über das Innenleben der ISS: „Dort gibt es zwar viele moderne Forschungsplätze – aber keine Dusche.“ Es ist also nicht die pure Lust am Waschlappen, die Matthias Maurer und seine Kollegen im Weltall zu einer eher spartanischen Version der Körperhygiene veranlasst, sondern eine schlichte Notwendigkeit. Die vermeintliche Tortur, die der deutsche Astronaut während und nach seiner ersten Dusche nach der Landung auf seinem Heimatplaneten durchmachte, beschreibt der Spiegel wohl nicht ohne Grund ganz am Ende des Berichts. Schließlich sind es die letzten Sätze, die Leser zwangsläufig besonders gut in Erinnerung bleiben. Die Botschaft des gesamten Artikels lautet gut erkennbar: Wenn Matthias Maurer sich ein halbes Jahr lang nur mit einem feuchten Tuch und etwas Seife wäscht, dann kann ich das auch.

Man darf also gespannt sein, mit welchen Vorschlägen die Haltungsjournalisten aus Hamburg als nächstes um die Ecke kommen. Steigende Energiepreise und Gasknappheit im Winter? Kein Problem, mit einem Raumanzug lässt es sich in den eigenen vier Wänden auch dann noch gut aushalten, wenn die Heizung kalt bleibt. Angenehmer Nebeneffekt: Die Ausbreitung der im Winter wohl ganz sicher und auf jeden Fall zu erwartenden Killervariante des Coronavirus kann auf diese Weise zuverlässig eingedämmt werden. Das gilt umso mehr, wenn sich das gesellschaftliche Leben während der kalten Jahreszeit wieder mehr in die Innenräume verlagert.

Der neue Sarrazin

Sie fragen sich, wie Sie Ihren Fleischkonsum auf ein politisch korrektes Maß reduzieren können? Wikipedia informiert: „Mittlerweile können sich z. B. die Astronauten der NASA ihre Weltraummenüs aus 74 Speisen und 20 Getränken zusammenstellen. Die Mahlzeiten werden von Ernährungsexperten auf ausreichend Nährstoffe überprüft, da der Mensch in der Schwerelosigkeit weniger Hunger und Durst verspürt. Nachgewürzt werden kann mit Salzwasser und Pfeffer in Öl.“

Apropos Trinken: Wasser ist im Weltall ein äußerst kostbares Gut. Und glaubt man den Klima-Apokalyptikern, so wird das kühle Nass eher früher als später zu einem sehr seltenen Rohstoff werden. Was ist also zu tun? Ganz einfach, man muss einen Astronauten fragen – oder den Berliner Kurier. In kindgerechter Sprache erklärt das Blatt seinen jungen Lesern, wie das im Weltall mit dem Trinken ist: „Weil es viel zu teuer wäre, regelmäßig Wasser zur Raumstation zu schicken, müssen Astronauten und Kosmonauten aufbereitetes Wasser trinken – aus recyceltem Urin und Schweiß der Besatzung. Natürlich wird das alles ganz gründlich gefiltert. Aber der Gedanke ist schon eklig, oder?“ Das so aufbereitete Trinkwasser soll im All aber genauso schmecken wie auf der Erde, ergänzt der Kurier.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Shutterstock
Text: kr

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