„Harzer Erklärung“ gegen Harzer Spaziergänger Bürgermeister und Landräte mit Nazi-Keule gegen Maßnahmen-Kritiker

Von Alexander Wallasch

Nein, das lässt sich rational nicht mehr erklären, wie es dazu kommen konnte, dass eigentlich aufgeklärte gesellschaftliche Gruppen, Parteien, Gewerkschaften und Vereine in einer gemeinsamen „Harzer Erklärung“ „Spaziergänge“ von Corona-Maßnahmenkritikern als „rechtsextremistisch“ bezeichnen und Spaziergänger als „Corona-Leugner“ verunglimpfen.

Besagte Erklärung aus Südniedersachsen wirkt so, als wäre dieser Teil Deutschlands in der Corona-Debatte noch weiter zurückgeblieben, als man es andernorts bereits bemängelt.

Woher kommen Hass und Hetze gegen Andersdenkende, gegen Menschen, die sich das selbstverständliche Recht herausnehmen, über Regierungsmaßnahmen nachzudenken oder gar dagegen zu sein?

Der populäre Schauspieler Volker Bruch kritisierte die Corona-Maßnahmen scharf und beteiligt sich an künstlerischen Aktionen wie #allesaufdentisch. Bruch kritisierte hier insbesondere, dass offensichtliche Fragen nicht diskutiert und Kritiker als Nazis verunglimpft würden. Zudem wären Journalisten zumeist Sprachrohre der Regierung, verteidigt er sein Engagement.

Beispielsweise der Nordkurier aus Mecklenburg-Vorpommern blies ins selbe Horn und schrieb Mitte Dezember, man könne Maßnahmen-Kritiker und Gegner einer Impfpflicht nicht als potentielle Terroristen hinstellen:

Wer so argumentiert, sollte schon sehr klare Belege vorlegen können und nicht nur sein eigenes Unbehagen über die zuletzt stark gestiegene Zahl von Demonstrationen mit wachsenden Teilnehmerzahlen zur Grundlage alarmistischer Bedrohungsszenarien machen.

Was ist da los im Harz? Unterzeichnet haben die Erklärung laut eigenen Angaben „Vertreter aller demokratischen Parteien, aus Gewerkschaften, Verbänden und der Zivilgesellschaft“. Wer sich da allerdings alles unter „Zivilgesellschaft“ zusammengefunden hat, ist hier sicher noch einmal eine Extra-Betrachtung wert.

Laut Tagesschau im Liveblog, der zuerst berichtete, heißt es in der Erklärung:

Impfungen haben in der Vergangenheit zahlreiche Krankheiten ausgerottet. (…) Wir sind überzeugt, dass die wirkliche Gefahr von der Krankheit ausgeht und nicht vom Impfstoff. Wir sind ebenso überzeugt, dass die heute verfügbaren Impfungen gegen Corona einen sehr guten Schutz bieten, insbesondere gegen schwere Verläufe.

Die Unterzeichner billigen Kritikern in ihrer Erklärung zwar noch zu, über die Maßnahmen verschiedener Meinung zu sein, bezichtigen Teilnehmer dieser Spaziergänge aber zugleich der Lüge, des Hasses und der Hetze, des Aufrufs zur Gewalt und unterstellen final sogar das Potenzial für Mordanschläge.

Hier die Motivation der Unterzeichner der „Harzer Erklärung“ in einem Satz: „Wir befürchten, dass aus Worten nochmals Taten werden können.“ Begründet wird das damit, dass Südniedersachsen „ein Zentrum der Coronaleugner-Bewegung“ sei, sichtbar auf „Spaziergängen“ beispielsweise in Göttingen, Herzberg, Duderstadt oder Hannoversch Münden.

Aber so ganz neu sind solche staatstragenden Willensbekundungen gegen Maßnahmen- und Regierungskritiker nicht. Da schreibt einer vom anderen ab: Mindestens in Teilen wortgleich findet sich die „Harzer Erklärung“ bereits in der „Mittelsächsischen Erklärung“ vom 17. Dezember 2021, der Harz hat sich demnach nicht einmal die Mühe gemacht, etwas ganz Eigenes auszuformulieren.

In Mittelsachsen klingt es schon falsch und theatralisch aufgeblasen. Insbesondere für Menschen mit DDR-Erfahrung unter den Spaziergängern müssen solche diffamierenden Verlautbarungen düstere Erinnerungen wecken:

Von den Ordnungskräften geht keine Gewalt aus. Polizei und Ordnungsamt müssen aber unsere freiheitlich-demokratische Rechtsordnung wirksam schützen! Mit einer Impfung schützen Sie sich selbst und zeigen sich auch solidarisch mit Gefährdeten! Beteiligen Sie sich nicht an Agitation und Hetze! Der Zusammenbruch unseres Gesundheitswesens muss verhindert werden!

Eine Gemengelage mit der offensichtlichen Motivation, Menschen gegeneinander aufzuhetzen, staatliche Repressionen zu legitimieren und mit der persönlichen Unterschrift unter so ein Pamphlet eine Art Greenwashing zu betreiben.

So einen reißerischen wie gleichzeitig auch hasserfüllten Aktionismus einer vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft, die für sich obendrein in Anspruch nimmt, die Zivilgesellschaft zu vertreten, hätten viele in Deutschland nicht mehr für möglich gehalten.

In welcher Gesellschaft sind wir angekommen, wo gewählte Bürgermeister, Landräte und sogar Landärzte im Spaziergang mit der Kerze an einem kalten Winterabend nach Feierabend rechtsextremistischen Terrorismus erkennen wollen?

Diese wundersame Kulturlandschaft Harz samt Bioreservat verändert sich so gemächlich wie eh und je. Mal fallen halt mehr Tannen um, mal weniger. Mal ist es der Wind, mal der Borkenkäfer. Was sich hier viel grundlegender verändert haben muss, ist der Mensch, der dieses Land bewohnt.

So einen diffamierenden Unsinn, wie jetzt in der Harzer Erklärung geäußert, hätte beim verwurzelten gewöhnlichen Harzer, dort, wo vielerorts der Nachbar noch ins täglich Gebet mit einbezogen wird, so schnell keinen Platz gefunden.

Aber möglicherweise sind die Protestspaziergänge ja noch viel tiefer im Wesen des Harzers verankert, als der Wunsch weniger, ihre regierungstreue Gesinnung öffentlich zu erklären. Hier im Harz nennen viele Haus und Hof ihr Eigen, vielfach schon über Generationen weiter vererbt – so eine Verpflichtung wirkt gerne mal nach.

Und abschließend nachgefragt: Wer erklärt in dieser „Harzer Erklärung“ eigentlich wem was? Ist das eine Kriegserklärung gegen Maßnahmenkritiker, eine vollkommen missglückte Willenserklärung der Braven oder so etwas wie eine Solidaritätserklärung mit den Regierenden – aber wozu diese so hässliche Spalterei?

PS: Mittlerweile wurde die Harzer Erklärung nach NDR-Angaben 140-mal unterzeichnet. Es läuft also doch recht schleppend mit dieser organisierten Diffamierung. Bedenkt man allerdings die nicht unerhebliche Zahl kommunaler Spitzenbeamter unter den Unterzeichnenden, sind hier auch 140 immer noch viel zu viele, selbst wenn es hier um gesamt Südniedersachsen geht.

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Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger und betreibt den Blog alexander-wallasch.de. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

 
Bild: privat
Text: wal

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