In Sachen Ukraine überholt Höcke jetzt sogar Putin Ein promovierter Historiker sollte es besser wissen

Manchmal traut man seinen Ohren nicht, wenn hierzulande über die Ukraine „informiert“ wird. Insbesondere als jemand, der 16 Jahre als Korrespondent in Osteuropa lebte und sehr viel Zeit in der Ukraine verbracht hat.

In einem Weltwoche-Video behauptet AfD-Politiker Björn Höcke: „Die Ukraine war in den 2000er Jahren ein Land, das ganz klar russophil eingestellt war.“ Das ist so, als würde man sagen, die Schweiz sei ein deutschsprachiges Land — technisch zu einem Drittel korrekt, im Gesamtbild irreführend bis falsch.

Höckes Quintessenz: Nur der Westen habe die Ukraine von Moskau entfremdet. Kein Wort findet Höcke dazu, dass Moskau diese Entfremdung mindestens genauso selbst befeuerte: Durch seine massive Einmischung in die ukrainische Politik — etwa die manipulierten Wahlen 2004, die zur orangenen Revolution führten, seine dubiose Rolle beim Giftanschlag auf Viktor Juschtschenko — und all das schon lange vor dem Überfall auf die Krim 2014 und dem Einmarsch 2022. Zu all dem findet sich kein Wort in dem Höcke-Video bei der „Weltwoche“. Da ist nur der Westen schuld – an allem. Kritik auch an Putin? Komplette Fehlanzeige. Das ist keine differenzierte Sichtweise – das ist Mainstream unter umgedrehten Vorzeichen.

Die Ostukraine, der Donbas, Teile des Südens: russophil, ja. Sowjetbiographie, russische Muttersprache, Janukowitsch-Wähler. Geschenkt.

Aber Galizien? Lemberg? Jahrhundertelang habsburgisch, griechisch-katholisch, kulturell mitteleuropäisch. Die Russlandfeindschaft dort ist kein Import aus Brüssel oder Washington — die ist älter als die Vereinigten Staaten. Nach 1945 kämpften ukrainische Partisanen noch Jahre, teils bis in die frühen 1950er, gegen die Sowjetmacht. Kein marginales Phänomen — bewaffneter Widerstand über eine ganze Generation. Dass die gesamte Ukraine russophil wäre, würde – im Gegensatz zu Höcke – nicht mal Putin behaupten.

Und die Mitte — Kiew, Poltawa, Tscherkassy — war genau das, was Höcke nicht gebrauchen kann: zerrissen, ambivalent, mit einem Holodomor, also Morden durch gezielten Hunger, im kollektiven Gedächtnis, den Moskau bis heute nicht als Genozid anerkennt.

Selbst Putin geht nicht so weit

Wer die Ukraine pauschal als ‚russophil‘ bezeichnet, übernimmt eine Sichtweise, die in Teilen sogar über die des Kremls hinausgeht — der immerhin zwischen Ost und West unterscheidet und nur den Osten sowie den Süden und Teile der Zentralukraine als Teil Russlands sieht – aber nicht die Westukraine. Die beansprucht nicht mal Putin für sich und signalisierte sogar schon einmal, Ungarn oder Polen könnten sich diese gerne einverleiben.

Ich weiß nicht, ob Höcke und die „Weltwoche“ einfach sehr schlecht informiert sind, oder Kalkül hinter der falschen Information steckt. Beides ist bei einem promovierten Historiker und einer seriösen Zeitschrift keine Empfehlung.

Höcke gibt sich gern als der große Realist, der ausspricht, was keiner sagen darf. Und die „Weltwoche“ versteht sich als seriöse Alternative zum Schweizer Medienmainstream, der genauso unerträglich ist wie der deutsche. Umso bemerkenswerter, dass beide hier eine Analyse liefern, die historisch dünner ist als das, was der Kreml selbst aufstellt – dass so ein kapitaler Fehler unkorrigiert durchgewunken wird, und dass keiner der Beteiligten es für nötig hielt, ihn später zu korrigieren oder das Video wenigstens zu ergänzen.

Ich vermeide an dieser Stelle bewusst jede weitere Einordnung, jedes Urteil zum aktuellen Krieg. Ich zeige nur, wie hier Stimmung gemacht wird mit falschen Fakten. Und wie vorsichtig man deshalb sein sollte.

Fehler passieren

Wenn Höcke und die Weltwoche den Fehler öffentlich korrigieren – Respekt. Denn Fehler machen wir alle. Auf das Zugeben und Korrigieren kommt es an.

Wenn sie es nicht tun, und die Fehlinformation für ihre Zuschauer und Leser stehen lassen, sagt es auch viel aus.

PS. Die Ironie der Geschichte: Putins Krieg hat mehr zur ukrainischen Nationenbildung beigetragen als Jahrzehnte Kiewer Integrationspolitik. Er hat die Ukraine, die er zu verhindern glaubte, erst erschaffen. Insbesondere weil er große Teile des traditionell russlandfreundlichen Ostens massiv von Moskau entfremdet hat, wie unabhängige Umfragen zeigen – niemand außer Moskau selbst hätte das geschafft.

PPS.: Ich beteilige mich bewusst nicht an der Höcke-Verteufelung, einem Lieblingssport der großen Medien. Aber ich finde, man darf auch nicht ins andere Extrem verfallen – und deshalb auf jede Kritik verzichten und ihm massive Falschaussagen schweigend durchgehen lassen. Zumal solche Halb- und Viertelwahrheiten, in ihrer Gesamtheit betrachtet, genauso irreführend sein können wie die Propaganda der großen Medien — nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus: Auch wer – wie ich – Russland und die russische Kultur liebt, sollte gelegentlich eine Perspektive lesen, die Kreml-Narrative nicht einfach durchwinkt. Dafür braucht es Medien, die nicht von Klicklaune oder Lagertreue abhängen. Ich finanziere mich nur von meinen Lesern – auch von denen, die etwa bei Russland und der Ukraine eine andere Meinung haben, aber kritisches Hinterfragen mehr schätzen als Einheitsmeinung. Hier steht, wie es geht.

 

Mein Bestseller – jetzt kostenlos für Sie!

Bild: Facebook/Weltwoche

Für Sie empfohlen: