Keine Maske: Ikea schikaniert kranken Blinden Trotz Befreiungsattest heftig Beschimpfung und Anzeige

Ein Gastbeitrag von Ekaterina Quehl

Maskenmuffel sind Soziopathen: Als ich gelesen habe, dass eine Zeitschrift solche Behauptungen verbreitet, konnte ich das kaum glauben. Und jetzt das. Eine neue Nachricht störst mich noch mehr auf den Kopf: Ein gehbehinderter blinder Mann versucht, in Begleitung seiner Pflegerin, in einer Köllner Ikea-Filiale einzukaufen und wird trotz seiner Befreiung von der Maskenpflicht vom Personal heftig beschimpft, rausgeworfen und bei der Polizei angezeigt.

Laut Kölner Express – einem der wenigen Medien, der über den Vorfall vom 9. September wenigstens nachträglich berichtete – ignorierte die Ikea-Mitarbeiterin den Befreiungsattest des schwerbehinderten Georg S.: „So etwas gibt es überhaupt gar nicht!“, sagte sie dem Blinden und empfahl ihn von zuhause aus einzukaufen. 

An dieser Stelle des Artikels musste ich beim Lesen tief Luft holen: Wie bitte soll ein blinder online einkaufen? „Auch wenn ich nichts sehen kann, gilt das ja nicht für meine Gäste. Mir ist es wichtig, dass ich die Möbel vor dem Kauf wenigstens einmal anfassen kann“, sagte der Mann.

Die Lage eskalierte. Der schwerbehinderte Georg S. konnte sein Recht doch nicht durchsetzen. Er musste das Ikea-Gebäude verlassen. Das Ikea-Sicherheitspersonal verfolgte ihn noch außerhalb des Gebäudes und rief am Ende die Polizei. 

Bemerkenswert ist, dass die Stadt Köln für die Befreiung von Mund-Nasenschutz aus medizinischen Gründen eine eindeutige Regelung hat. Auf die Frage „Wann ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung nicht verpflichtend?“ antwortet die Stadtverwaltung auf dem Portal stadt-koeln.de mit folgender Formulierung:  

„In Ausnahmefällen ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung nicht verpflichtend:

  • bei Kindern bis zum Schuleintritt,
  • bei Personen, die aus medizinischen Gründen keine Mund-Nase-Bedeckung tragen können und
  • bei Beschäftigten, die durch gleich wirksame Schutzmaßnahmen (Abtrennung durch Glas, Plexiglas o.ä.) geschützt werden.
  • Die Mund-Nase-Bedeckung kann vorübergehend abgelegt werden, wenn das zur Ermöglichung einer Dienstleistung oder ärztlichen Behandlung oder aus anderen Gründen (zum Beispiel Kommunikation mit einem gehörlosen oder schwerhörigen Menschen) zwingend erforderlich ist.“
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Es entsteht somit der Eindruck, dass IKEA, wegen seiner Geschäftspraktiken ohnehin umstritten, in diesem Fall „Selbstjustiz“ ausübt – an den in Köln geltenden Regeln vorbei. Man könnte annehmen, es wäre Unwissenheit. Wäre da nicht eine Stellungnahme der Ikea-Pressesprecherin gegenüber dem Express:

„Um die Gesundheit unserer Kunden und Mitarbeitenden bestmöglich zu schützen, haben wir uns entschieden, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes beim Besuch eines Ikea-Einrichtungshauses für alle Kunden bis auf weiteres verpflichtend zu machen. Dies gilt, auch für den Fall, dass ein ärztliches Attest vorliegt“, so die Sprecherin. „Um dies auch für Kunden mit vorliegendem Attest so angenehm wie möglich zu gestalten, akzeptieren wir auch Schal, Tuch oder Rollkragenpullover als Schutz“. 

Mit dieser Aussage zeigt sie nicht nur Ignoranz gegenüber den Regeln der Stadt Köln bezüglich der Corona-Einschränkungen, sondern auch eine völlige Empathielosigkeit. Vielleicht sollte ihr jemand erklären, Menschen mit ärztlicher Befreiung vom Tragen der Masken sind möglicherweise gerade deshalb davon befreit, weil Masken sie gesundheitlich beinträchtigen. Schals, Tücher und Rollkragenpullover am Gesicht könnten dabei statt eines angenehmen Einkaufs zu Atemnot führen.  

Auch in Berlin werden häufig sogenannte Befreiungsatteste sowohl von den Kontrolleuren als auch den Mitbürgern ignoriert, obwohl der Berliner Senat sogar bestätigt hat, dass in diesem Fall sogar eine „Mitteilungsobliegenheit…nur gegenüber hoheitlich tätigen Personen“ besteht.

Doch viel mehr macht mir nicht die Verletzung der Regeln seitens den Kontrolleure und den Mitbürgern Angst, sondern die menschliche Seite der Problematik: Die häufigen aggressiven Reaktionen auf Menschen, die in öffentlichen Räumen keine Masken tragen und medizinische Gründe dafür nachweisen können. Sie werden somit in der Öffentlichkeit zu einer anderen Kategorie von Menschen, die häufig als schlechtere Menschen angesehen werden als „Masken-Tragende“. Ich habe selbst Asthma, tue mich deshalb schwer mit der Maske. Ich überlege mir schon seit längerem, ein entsprechendes „Befreiungsattest“ zu holen. Und das würde ich wegen meines Asthmas auch ohne Probleme bekommen.   Doch die Reaktionen unserer Gutmenschen zeigen mir deutlich, worauf ich mich dabei einstellen müsste. 

Aus meiner Arbeitserfahrung im Öffentlichen Dienst weiß ich, dass stupide Einhaltung von Vorschriften Menschen emotional abstumpfen lässt. Vorschriften haben eine „befreiende“ Wirkung: Man hat sie einzuhalten, egal um welchen Preis. Man muss dabei nicht unbedingt mitfühlen. So verlieren Menschen Empathie. Auch in anderen Beruf kann dies passieren. Hier sehe ich aber ein anderes Phänomen. Empathieverlust verbreitet sich rasant auch außerhalb der Verwaltungswelt. Etwa in den Medien, von denen nur ganz wenige über den Vorfall mit dem Blinden in Köln berichteten. Noch gestern mitfühlende Menschen zeigen heute Aggression und Kälte anderen gegenüber. Und das ohne einen nachvollziehbaren Grund. Da frage ich mich, ob die „Soziopathen-Studie“ im Magazin GQ bei den richtigen die besagten soziopathischen Tendenzen festgestellt hat.

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Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin und lebt seit über 15 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studien-Abschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile konzentriert sie sich beruflich fast ausschließlich auf Design und studiert neben ihrem Beruf noch Design und Journalismus. Ihr Blog “Mein Leben in den Zeiten von Corona” ist hier zu finden.

Bild: Copyright Philip Halling/Creative Commons Licence/Pixnio/bearbeitet von Ekaterina Quehl
Text: Ekaterina Quehl
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