Merkel-Sprecher: „Wir haben eine andere, eine neue Pandemie“ Wortgeplänkel mit Seibert

Sehen Sie sich hier mein Video von der heutigen Bundespressekonferenz an.

Merkels Sprecher Steffen Seibert hat heute faktisch ein neues Zeitalter in der Corona-Politik ausgerufen: Gab es bisher vulnerable Gruppen und stand deren besonderer Schutz immer im Vordergrund der Corona-Politik, als Begründung für die harten Einschnitte, so sieht das heute offenbar anders aus. Nein, Seibert ist nicht der Erste, der das sagt. Aber er presste es heute in einen dramatischen Appell. Auf der Bundespressekonferenz sagte der Ex-ZDF-Journalist auf meine Frage, warum trotz weiter sinkender Todeszahlen die Maßnahmen verschärft werden: Man solle „sich nicht einbilden, jeder von uns hier im Saal könnte nicht auch vulnerabel sein. Es gibt genügend Beispiele auf den deutschen Corona-Intensivstationen, wo Menschen in Ihrem Alter, in meinem Alter und noch viel jünger mit schweren und schwersten Folgen dieser Erkrankung zu kämpfen haben.“

Das ist zweifelsohne richtig. Formal. Allerdings ist es immer eine Frage, wie hoch die Zahlen im Verhältnis sind. Denn einzelne schwere Verläufe gibt es bei einer Vielzahl von Krankheiten. Blickt man in die Zahlen von „Statista“, sieht man, dass in Deutschland insgesamt 11 Kinder und Jugendliche an oder mit Corona gestorben sind. So tragisch jeder einzelne Fall ist, und so sehr er Seiberts Zahlen prinzipiell bestätigt – statistisch ist das nicht relevant. Und vor allem geben die Zahlen keinen Anlass zur Panikmache. Gering ist auch die Zahl der unter 40-Jährigen, die mit oder an Covid verstorben sind: 200. (Stand: 23. März 2021) Insofern kann ich Seiberts Argumentation nur sehr begrenzt nachvollziehen. Im Gegenteil: Ich halte sie für mehr als grenzwertig. Lesen Sie unten meinen gesamten Wortwechsel mit ihm.

Meine zweite Frage heute an Merkels Sprecher: Wie kann es sein, dass wir laut Politik in der dritten Welle stehen wegen der britischen Mutante, es in Großbritannien selbst aber keine solche dritte Welle gibt – obwohl die Mutante, wie der Name sagt, ja eben genau von dort stammt. Kritiker sagen, es liege daran, dass auf der Insel die Impfungen rasch vorankamen, während bei uns beim Impfen „Pleiten, Pech und Pannen“ angesagt ist (was Kritiker der Impfungen wiederum für einen Segen halten, weil sie wegen der kurzen Entwicklungszeit der Impfstoffe sehr skeptisch sind). Aus meiner Frage entwickelte sich ein Wortgefecht mit Seibert, das ich Ihnen hier gerne wiedergebe:

FRAGE REITSCHUSTER: „Meine Frage richtet sich an Herrn Gülde oder an Herrn Seibert, je nachdem, wer antworten will. Sie sprechen sehr viel von einer dritten Welle. Mit der dritten Welle, in der wir uns befinden, bzw. die anfängt, wird sehr vieles der Maßnahmen begründet.

Großbritannien, das sehe ich gerade, hat keine dritte Welle. Die Deutsche Welle schreibt, weder in Großbritannien noch auf der iberischen Halbinsel gebe es eine dritte Welle.

Was macht man dort anders, und was machen wir falsch, dass wir in der dritten Welle sind?“

SEIBERT: „Wir sprechen von einer dritten Welle, weil es maßgebende Stimmen aus der Wissenschaft tun. Der Chef des Robert-Koch-Instituts hat es hier getan; Epidemiologen, Virologen tun es. Das ist sicherlich keine Festlegung der Bundesregierung, sondern auch darin stützen wir uns auf wissenschaftlich begründete Stimmen.

Wenn Sie sich die Inzidenzen anschauen, wie sie in Spanien sind und wie es sie früher in diesem Jahr in Großbritannien gab, dann sehen Sie, dass sie extrem hoch waren. Ob das dann die zweite oder die dritte Welle war, das kann ich nicht beurteilen. Das ist aber auch nicht das für uns jetzt Relevante, sondern für uns ist relevant, mit dem umzugehen, was sich uns hier als Herausforderung stellt, und das ist in der Tat eine dritte Welle, verursacht nicht durch das ursprüngliche Virus, sondern durch die Mutation.

Die Kanzlerin hat mehrfach darauf hingewiesen. Wenn wir es „nur“ mit dem ursprünglichen Virus zu tun hätten, dann hätten die sehr strengen Maßnahmen des Winters die Infektionszahlen jetzt schon drastisch gesenkt, sodass wir wahrscheinlich in einer ganz anderen, sehr viel positiveren Situation wären. Aber wir haben uns eben mit dieser Mutation und mit den Zahlen, wie sie sind, auseinanderzusetzen. Wir haben das Instrumentarium dafür und müssen es anwenden.“

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: „Aber damit ist die Frage nicht beantwortet. Es ist ja die britische Mutation. Aber die Briten haben keine dritte Welle. Dafür muss es doch eine Begründung geben. Auch Ihre Wissenschaftler müssen dann ja schauen, was wir vielleicht falsch machen!“

SEIBERT: „Passen Sie auf. Es sind nicht unsere Wissenschaftler. Es sind Wissenschaftler, deutsche Wissenschaftler, deren Ruf in der Welt ein sehr, sehr guter ist.“

REITSCHUSTER: „Herr Wieler ist schon Ihr Wissenschaftler. Er ist Ihr Untergebener.“

SEIBERT: „Der Gedanke des Untergebenen funktioniert in diesem Punkte wirklich auch nicht. Herr Wieler ist der Chef des Robert-Koch-Instituts, und das gehört in der Tat zum Bundesgesundheitsministerium. Aber ich habe gesagt, dass es eine ganze Reihe von Epidemiologen und Virologen sind.

Mich stört bei der Formulierung „Ihre Wissenschaftler“ der Gedanke, es gäbe Wissenschaftler, die irgendjemandem zuzuordnen seien. Das Schöne an der Wissenschaft in Deutschland ist, dass sie unabhängig ist.“

ZURUF REITSCHUSTER: „Aber mit den kritischen Wissenschaftlern sprechen Sie ja nicht!“

SEIBERT: „Das ist falsch, und das wissen Sie auch.“

ZURUF REITSCHUSTER: „Doch! Die Kritiker grenzen Sie aus!“

SEIBERT: „Das ist Ihre Grundthese, auf die Sie Ihre ganze Berichterstattung aufbauen. Sie stimmt halt nicht.

Ich weiß nicht, wie die Briten Ihre Infektionswellen durchzählen. Wir haben es hier mit einer beginnenden dritten Welle zu tun. Der Blick nach Großbritannien zeigt Licht und Schatten. Wir freuen uns über das Licht, und wir trauern mit den Briten über die sehr, sehr vielen Toten, die sie in dieser Pandemie schon zu beklagen hatten.

Es geht nicht um ein Wettrennen, sondern es geht darum, dass wir jetzt für unser Land das Richtige tun. Die richtigen Wege und Maßnahmen dafür sind beschrieben.“

Leider war bei meinen Zurufen das Mikrofon schon ausgeschaltet, so dass diese weder in der Fernsehübertragung noch im Livestream oder im Protokoll zu finden sind. Das ist umso beachtlicher, als etwa beim Kollegen Tilo Jung regelmäßig das Mikrofon nicht ausgeschaltet wird und dessen Zusätze regelmäßig gut zu hören sind.

Beachtlich ist, dass Seibert offenbar die Berichterstattung auf meiner Seite aufmerksam verfolgt. Denn ansonsten könnte er sich ja nicht erlauben, öffentlich ein Urteil darüber abzugeben, was die Grundthese meiner Berichterstattung ist. Eine solche Einschätzung setzt eine gründliche Auseinandersetzung mit einem Medium voraus.

Wie die Zahlen auseinandergehen

Meine zweite Frage ging an den Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Sebastian Gülde:

„Eine Frage an Herrn Gülde: Die Zahl der positiv Getesteten und die Todeszahlen liefen relativ parallel mit zwei, drei Wochen Verspätung. Inzwischen haben wir eine Situation, in der die Todeszahlen weiter sinken. Wie kam es zu dieser Entkoppelung, und wie passt das mit einer Verschärfung der Maßnahmen zusammen?“

GÜLDE: „Wie Sie schon richtig gesagt haben, sind die Todeszahlen und die Infiziertenzahlen immer mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zu sehen. Sie haben jetzt einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen genannt. Im Grunde genommen ist er etwas weiter zu ziehen. Von daher wäre ich jetzt noch vorsichtig mit einer weiteren Prognose, was die Todeszahlen anbelangt. Zurzeit sehen wir einen sehr rasanten Anstieg der Infiziertenzahlen. Es ist auch damit zu rechnen, dass die Todeszahlen etwas in die Höhe gehen werden.

Wir sehen zurzeit natürlich auch, dass bereits große Teile der vulnerablen Bevölkerungsgruppen geimpft sind, also die älteren Menschen insbesondere in den Pflegeheimen. Das sehen wir tatsächlich in den aktuellen Zahlen widergespiegelt, dass wir da geringe Ausbrüche und auch wenig Todesfälle verzeichnen.

Nichtsdestotrotz: Herr Wieler hat immer wieder davor gewarnt, dass wir möglicherweise zu einer Verschiebung bei den Todesfällen kommen können. Wenn wir gerade Inzidenzen in der jüngeren Bevölkerung verzeichnen, ist auch damit zu rechnen, dass es in dieser Bevölkerungsgruppe vermehrt zu Todesfällen kommt. Insofern wäre ich wirklich vorsichtig mit solchen Prognosen.“

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: „Aber der Schutz der vulnerablen Gruppen war ja immer eine der Hauptbegründungen für die Verschärfung der Maßnahmen. Wenn sie nun, wie Sie selber sagen, zu einem Großteil gut geschützt sind, wäre das nicht ein Anlass, über Lockerungen nachzudenken?“

GÜLDE: „Wie Sie wissen, über Lockerungen sprechen die Länderchefs und Länderchefinnen zusammen mit der Bundeskanzlerin. Es bleibt dabei: Wir sehen zurzeit einen sehr rasanten Anstieg der Fallzahlen. Das ist es, was uns zurzeit tatsächlich Sorgen bereitet.“

SEIBERT: „Ich möchte auch davor warnen, zu glauben, es gäbe nur die vulnerable Gruppe der 80-Jährigen und Älteren. Ich glaube, sinnvollerweise spricht man von besonders vulnerablen Gruppen. Tatsächlich haben wir ja in der ersten Phase dieser Pandemie gerade in dieser Altersgruppe erlebt, wie oft die Krankheit extrem schwere bis tödliche Verläufe nehmen konnte.

Nun haben wir aber eine andere, eine neue Pandemie. Denn wir haben jetzt eine ganz andere Mutation, die in Deutschland absolut dominant geworden ist und die nicht nur ansteckender, sondern auch gefährlicher ist. Deswegen sollte man sich nicht einbilden, jeder von uns hier im Saal könnte nicht auch vulnerabel sein. Es gibt genügend Beispiele auf den deutschen Corona-Intensivstationen, wo Menschen in Ihrem Alter, in meinem Alter und noch viel jünger mit schweren und schwersten Folgen dieser Erkrankung zu kämpfen haben.“

Leider hatte ich hier keine Nachfrage mehr frei. Sonst hätte ich Seibert damit konfrontiert, dass – auch wenn jeder Einzelfall tragisch ist – nach den aktuellen Zahlen die Gefahr für Jüngere immer noch alles andere als dramatisch ist und nach seiner Logik dann vor anderen Krankheiten weitaus mehr gewarnt werden müsste.

Suez-Kanal

FRAGE REITSCHUSTER: „Wie schätzen Sie die möglichen Folgen der Blockade des Suezkanals für Lieferketten ein? Wenn Sie Probleme sehen: Was haben Sie unternommen oder unternehmen Sie, diese abzuwenden?“

EICHLER: „Wir hatten das Thema hier schon in der letzten Woche. Ich kann dazu nur sagen, dass wir die Situation dort weiter beobachten und dass mir aktuell keine nachteiligen Auswirkungen auf Lieferketten bekannt sind.“

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: „Haben Sie da Leute, die das beobachten, oder wie funktioniert das? Gibt es da einen Krisenstab oder sagen Sie: Das ist so ein kleines Problem, da brauchen wir nichts Größeres machen?“

EICHLER: „Nein, so ist das nicht. Es ist so, wie ich es gesagt habe: Wir beobachten die Lage dort.“

Die Aussage, „wir hatten das Thema hier schon in der letzten Woche“ stimmt so nicht ganz. Letzte Woche wurde zwar auf der Bundespressekonferenz nach dem Suez-Kanal gefragt – aber nur hinsichtlich von Zulieferungen für die Impfstoffproduktion und nicht im Hinblick auf die gesamten wirtschaftlichen Folgen. Dass dem Wirtschaftsministerium „keine nachteiligen Auswirkungen auf Lieferketten“ bekannt sind, ist bemerkenswert. Wenn dem so ist, sind manche Berichte in den Medien offenbar Panikmache.

Sehr erstaunlich fand ich – wie so oft – den Tenor der meisten Fragen meiner Kollegen, darauf gehe ich ausführlich in meinem Video ein, das Sie hier finden. Ebenso erkläre ich dort, warum sich meine dritte Frage auf den Suez-Kanal bezog – und nicht auf Corona.

 

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!


Bild: Boris Reitschuster
Text: br


Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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