Es war eine der beunruhigendsten Besonderheiten sozialistischer Systeme, dass die Ideologen dort Andersdenkende für psychisch krank hielten – und glaubten, sie behandeln zu müssen. Es ging so weit, dass sie Sozialismus-Kritiker in geschlossene Anstalten steckten und mit Psychopharmaka behandelten. Soweit sind wir im neuen Deutschland Gott sei Dank noch nicht.
Doch die Wurzeln jenes Denkens sind auf gespenstische Weise wieder lebendig. Nicht nur der Widerspruch galt als Symptom. Der Dissident selbst wurde für krank erklärt. Krank war, wer die offizielle Wirklichkeit nicht anerkannte. Und krank im moralischen Sinn war, wer die Linie der Partei kritisierte: Das galt schnell als „faschistisch“, als Angriff auf den Fortschritt selbst. Der Gegner war nicht nur einer, der sich irrt. Er war verseucht.
Genau dieses Doppelmuster ist jetzt zurückgekehrt – und erreicht nach der Wahl in Sachsen-Anhalt neue Auswüchse. 43,8 Prozent für die AfD gelten in Berlin nicht als politisches Urteil mündiger Bürger. Sie gelten als Befund. Die Wähler sind das Problem. Ihre Wahrnehmung ist das Defizit. Wer so wählt, hat nicht widersprochen. Er gilt als gefährdet – oder als Gefahr.
Die Diagnose kommt zuerst aus der Politik. Die Medien sprechen sie nach.
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Schon am Sonntagabend, als das Ergebnis nicht mehr wegzudiskutieren war, klang die ehemalige Volkspartei CDU, wie Thomas Tuma im „Focus“ schreibt, eher nach „Klangschalenmassage“ als nach Kanzlerpartei. Fraktionschef Thorsten Frei diagnostizierte von oben herab, die Menschen fühlten sich „erkennbar nicht mitgenommen“. Der karikaturhaft wirkende Philipp Amthor, Staatsminister im Kanzleramt, bot im Therapeuten-Sprech „eine Politik der Menschlichkeit“ an. Die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann erklärte aufgelöst wie eine Sozialarbeiterin, die mit ihren schwer erziehbaren Jugendlichen nicht mehr zurecht kommt: „Uns gelingt es im Moment offensichtlich nicht ausreichend, die Menschen emotional so zu erreichen, dass sie uns auf unserem politischen Reformkurs folgen.“
Am Montag trat Friedrich Merz auf. Tuma beschreibt das Gesicht des Kanzlers als irgendwo zwischen Mozarts „Requiem“ (Lacrimosa) und Wagners „Götterdämmerung“ (Trauermarsch). Die Zitate tragen das Bild. „Wir sind alle zutiefst schockiert.“ Das mache etwas mit uns, „auch mit mir persönlich“. Er stelle sich die Frage, wie es so weit kommen konnte – und fügte hinzu, er sei „mit diesen Überlegungen noch nicht zu Ende“. Seit einem Jahr lag die AfD in Sachsen-Anhalt bei über vierzig Prozent. Das Ergebnis kam trotzdem, als hätte niemand damit gerechnet. In welcher Realität leben diese Menschen?
Dann die Therapieanordnung. Es sei „auch eine Frage der Zuwendung, der Empathie, der Emotionen“, um „eine neue, bessere Erzählung, einen besseren Überbau zu ermöglichen“. Kanzleramtsministerin Nina Warken verspricht, die Menschen „noch mehr mitzunehmen“ und „ihre Sorgen ernst zu nehmen“. Arbeitsministerin Bärbel Bas will „den Menschen die Angst nehmen“. CDU-Präsidiumsmitglied Wiebke Winter bedauert, man habe die Leute nicht so angesprochen, dass man sie „emotional mitnehmen“ könne. Merz selbst will künftig „die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker erreichen“.
Das Problem liegt demnach nicht im Angebot. Nicht daran, welche Politik Union, SPD und Grüne tatsächlich machen. Das Problem liegt in den Köpfen der Menschen – die einfach nicht verstehen, wie gut diese Politik ist. Wie „alternativlos“.
Wer so spricht, hat die Rollen klar verteilt. Die Regierung ist der Therapeut, der Erzieher. Der Wähler ist der Patient. Argumente wirken nicht, also braucht es Narration. Wohlfühltherapie. Wer trotzdem nicht folgt, ist nicht nur uneinsichtig. Er steht unter Generalverdacht, auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen – früher „faschistisch“, heute „nicht mitgenommen“, „rechts“, „gefährlich“. Dieselbe Operation: Aus Kritik wird Diagnose.
Und wenn die Zöglinge nicht spuren, werden die Daumenschrauben angezogen. Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer, der in Dresden mit Hilfe der Linken regiert, witzelte nach der Wahl, Sachsen-Anhalt sei „leider ein geschichtlicher Unfall“: „Wir hätten dieses Land vielleicht aufteilen sollen.“ Ein ganzes Bundesland als Betriebsunfall – weil es falsch gewählt hat.
Merz-Attacke
Der Kanzler ging weiter. Das Grundgesetz gelte auch in Sachsen-Anhalt. Die Bundesregierung werde es durchsetzen. Das klingt nach einer Drohung mit dem Bundeszwang nach Artikel 37 – einem Instrument, das die Bundesrepublik in 77 Jahren nie angewendet hat. Noch ist niemand gewählt, noch regiert niemand. Schon wird dem Wähler erklärt, was Berlin mit ihm machen darf, falls er bei seinem Urteil bleibt.
Das sind keine Politiker mehr, die sich als Angestellte der Wähler fühlen. Das sind Machtmenschen, die sich als Erzieher wahrnehmen, die den gemeinen Pöbel zu bändigen hat.
Natürlich gehören Gefühle zur Politik. Ulrich Siegmund hat das mit seinem Simson-Wahlkampf vorgemacht – und dabei gezeigt, wie hölzern die Konkurrenz wirkt. Begeisterung lässt sich aber nicht als Zusatzmodul aktivieren, wie Andreas Rosenfelder in der „Welt“ treffend schreibt: „Sie entsteht dort, wo Menschen die Überzeugung gewinnen, dass die Politik in ihrem Namen agiert.“ Und diese Überzeugung haben die meisten bei CDU, CSU, SPD und Genossen (ich nutze dieses Wort absichtlich) längst verloren. Selbst ihre Rest-Wähler setzen ihr Kreuz oft nur noch mit erheblichen Bauchschmerzen.
Warum sich nichts ändern wird
Die Legende, die Bürger hätten Angst vor den „forschen Reformen“ der Bundesregierung und seien noch nicht reif genug, sie mitzugehen, ist bequem. Und sie ist Augenwischerei. Das Gegenteil liegt näher, wie Rosenfelder ausführt: Die Menschen wollen den Politikwechsel. Die herrschende Politik verweigert ihn. Solange in den Themen, die den Niedergang bestimmen – Migration und Sozialmissbrauch, Kriminalität, Deindustrialisierung, Energiewende, Bürokratie – kein spürbarer Kurswechsel kommt, darf niemand Enthusiasmus erwarten.
Die Therapiesprechblasen nach der Wahl sind die letzten Echos eines Musters, das seit Jahren die Debatte vernebelt: Die Wähler seien überfordert vom Fortschritt, man müsse sie besser abholen, mitnehmen, einbinden. Es wird immer klarer, dass dies selbst eine Erzählung ist – eine, mit der sich verunsicherte Eliten gegenseitig beruhigen. Rosenfelder: „Offensichtlich sind sie selbst von den politischen Herausforderungen unserer Zeit überfordert.“
Helle rot-grüne Zukunft
Die Sowjetpsychiatrie nannte den Widerspruch wahnhaft, weil er die offizielle Wirklichkeit störte. Kampfbegriffe wie „Klimaleugner“ oder „Coronaleugner“ kommen aus dieser Denkschule. Die Parteipropaganda nannte Widerspruch faschistisch, weil er die vermeintliche moralische Überlegenheit ihrer Ideologie gefährdete. Heute heißt derselbe Reflex „fehlende Empathie“, „nicht mitgenommen“, „emotional nicht erreicht“ – und parallel dazu: Wer die Regierungspolitik grundsätzlich angreift, gilt nicht als Opposition, sondern als „Delegitimierer“ oder gleich “Nazi“. Er gilt nicht als Regierungskritiker, sondern als Fall. Mit Behandlungsbedarf. Die Mittel sind andere. Die Wurzeln des Denkens dahinter sind verwandt: Politiker nicht als Diener des Volkes, sondern als Auserwählte im Besitz von Wahrheit und Moral, als Erzieher, die das rückständige Volk auf Linie bringen und in eine helle rot-grüne Zukunft führen müssen.
Die Bürger in Sachsen-Anhalt haben gewählt. Sie brauchen keine neue Erzählung. Sie brauchen keine Zuwendung. Sie brauchen keine Seelsorge der Frau Hoppermann, die einmal Messdienerin war.
Sie brauchen eine andere Politik.
Souverän? Was für ein Souverän?
Im Sozialismus war der Dissident der Kranke – und der, der die Partei-Linie angriff, der Faschist. Heute ist der Wähler der Patient – und wer die Regierung grundsätzlich kritisiert, der „Delegitimierer“, der „Nazi“. Und damit ein „Fall“. Mit Behandlungsbedarf. Dieselbe Anmaßung: Politiker nicht als Angestellte des Souveräns, sondern als Erzieher im Besitz von Wahrheit und Moral.
Die Therapie-Rhetorik erklärt auch, warum nach diesem Ergebnis keine Umkehr kommt, kein Umdenken – sondern sie, ganz im Gegenteil, die Dosis von dem, was ihnen das Schlamassel eingebracht hat, noch steigern werden. Wer das Desaster als Fehlverhalten der dummen Bürger liest, muss an sich selbst nichts ändern. Er muss nur besser erklären, emotionaler werben, härter abgrenzen. Der Misserfolg wird zum Beweis, dass man bisher nicht entschieden genug war. Nicht die Politik hat versagt. Die Patienten haben die Medizin nicht genommen. Also mehr Medizin: dieselbe Linie, nur mit neuem Überbau – und wenn das nicht reicht, mit Drohung.
Einsicht wäre: 43,8 Prozent sind die Quittung für einen falschen Kurs. Diagnose ist: Die Leute haben den Kurs nicht gespürt. Zwischen beiden Sätzen liegt der Unterschied zwischen Demokratie und Behandlungsplan.
Sachsen-Anhalt hat die Therapie verweigert. In Berlin halten sie das für einen Befund. Und es ist tatsächlich einer. Nur eben nicht über die Wähler, sondern über ihre Politik.
Die etablierten Medien haben sich Ihrer Umerziehung verschrieben. Ich habe mich seit Jahren nur einem verschrieben: Unabhängigkeit von genau diesem Betrieb. Knallharte Diagnose statt Klangschalentherapie. Das geht nur mit Lesern, die das mittragen. Hier steht, wie es geht.
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In „einfacher Sprache“ kommt die Propaganda der Achtzehneurosechsunddreißig-Medien einfach noch krasser rüber. pic.twitter.com/up8sTRJmul
— Claudio Casula 🇮🇱🇮🇹🇬🇧🏴🇬🇷🇭🇺 (@shlomosapiens) September 7, 2026
Bild: Symbolbild/KI/Grok
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