Nach „Maßnahmen“ viel mehr psychische Erkrankungen bei Jungen Krankenkassen-Analyse zeigt für Regierungspolitik vernichtendes Resultat

Wieder und wieder habe ich auf der Bundespressekonferenz nach den psychischen Folgen der Corona-Maßnahmen gefragt, vor allem für Kinder und Jugendlichen. Und wieder und wieder waren die Antworten ausweichend, teilweise schlicht dreist. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums versicherte mir noch Anfang 2021, es gäbe bislang keine Hinweise darauf, dass sich die Zahl der psychischen Erkrankungen durch die Corona-Krise erhöht hat. Zu einem Zeitpunkt, als schon viel darüber berichtet wurde – in kritischen Medien wie meiner Seite. Der damalige Minister Jens Spahn selbst redete auf meine Frage hin nur um den heißen Brei herum: Man habe keine belastbare Evidenz. Und das, obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits Berichte von Triage in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gab – die Zahl der Behandlungsplätze reichte nicht mehr aus, weil es aufgrund der Corona-Maßnahmen zu viele Patienten gab.

Was die Regierung lange verleugnete, ist jetzt endgültig hart belegt: Nach einer neuen Analyse der DAK-Gesundheit stiegen einzelne Diagnosen wie Depressionen, Essstörungen, Angststörungen und Adipositas teilweise dramatisch an. Besonders auffällig demnach, wie die Krankenkasse unter Berufung auf ihren aktuellen Kinder- und Jugendreport mitteilt: „Jugendliche Mädchen mit psychischen Erkrankungen wurden verstärkt mit Medikamenten behandelt. Bei Neuerkrankungen stieg die Verordnung von Antidepressiva um 65 Prozent. Die medikamentöse Behandlung von Essstörungen nahm um 75 Prozent zu.“ Das Fazit der Kasse: „In der Corona-Pandemie zeigen sich weiter massive Gesundheitsfolgen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland.“

Für die repräsentative Analyse hat die Krankenkasse nach eigenen Angaben ambulante und stationäre Behandlungsdaten von 782.000 Kindern und Jugendlichen wissenschaftlich untersucht und mit der Situation vor der Pandemie verglichen. DAK-Chef Andreas Storm und Medizinexperten warnen bei den psychischen Problemen vor Langzeitfolgen und fordern politische Konsequenzen.

„Die neuen Daten zeigen bei Depressionen, Ängsten und Essstörungen eine dramatische Entwicklung“, sagt Kassenchef Storm. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte bestätigt laut DAK die Kernergebnisse. „Insgesamt zeichnet der aktuelle Kinder- und Jugendreport ein Bild, das wir aus unserem Praxisalltag kennen“, so Verbandspräsident Dr. Thomas Fischbach. „Die Corona-Pandemie, die sich inzwischen im dritten Jahr befindet, hat insbesondere bei Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren hinterlassen. Die Bewegungs- und Entwicklungsfreiheit der Mädchen und Jungen in unserem Land darf nicht weiter eingeschränkt werden.“

Der Untersuchung zufolge gingen die Zahlen von normalen Behandlungen zu Corona-Zeiten zwar zurück – was ja logisch ist, da man Arztbesuche reduzieren sollte. Dafür wurden aber etwa 54 Prozent mehr Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren aufgrund von Essstörungen behandelt. Bei Angststörungen gab es bei jugendlichen Mädchen ein Plus von 24 Prozent. In der Gruppe der 10- bis 14-jährigen Mädchen stieg die Depressions-Neuerkrankungsrate um 23 Prozent.

Weiter berichtet die Krankenkasse: „Mädchen und Jungen litten unterschiedlich in der Pandemie. Das zeigt das Beispiel Depressionen: So stiegen 2021 die Behandlungszahlen von 15- bis 17-jährigen Mädchen um 18 Prozent im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Bei den 10- bis 14-Jährigen waren es sogar 23 Prozent. Bei Jungen hingegen sank die Depressions-Neuerkrankungsrate bei Schulkindern (10-14 Jahre) um 17 Prozent und bei Jugendlichen (15-17 Jahre) um 15 Prozent.“ Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Essstörungen und Angststörungen: Während bei jugendlichen Mädchen die Behandlungszahlen deutlich zunahmen, sanken sie bei Jungen.

Die an einer Depression neu erkrankten Teenager-Mädchen bekamen laut DAK deutlich häufiger Medikamente. „Der explosionsartige Anstieg bei der Verschreibung von Antidepressiva ist sehr bedenklich“, sagt Verbandspräsident Dr. Thomas Fischbach laut DAK. Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité warnt dem Bericht zufolge: „Die Ergebnisse einer erhöhten psychischen Belastung und Zunahme diagnostizierter spezifischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind besorgniserregend. Dies ist auch zusätzlich im Zusammenhang mit einer zu erwartenden Dunkelziffer psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher, die durch das zurückgegangene Inanspruchnahmeverhalten weder diagnostiziert noch behandelt sind, der Fall. Wir rechnen mit chronischen Verläufen und Langzeitfolgen. Zudem erwarten wir weitere negative psychische und somatische Auswirkungen der Pandemie, die erst verspätet einsetzen oder erkannt werden.“

Auch die Adipositas-Zahlen stiegen, also die Fälle von Dickleibigkeit. Im Vergleich zum Vor-Pandemiezeitraum erhielten 14 Prozent mehr Grundschulkinder 2021 eine entsprechende Diagnose. Bei den 15- bis 17-jährigen männlichen Jugendlichen gab es einen Anstieg im Vergleich zu 2019 um 15 Prozent. Bei den Mädchen war es sechs Prozent mehr.

Hier die wichtigsten Eckdaten in der Übersicht der DAK:

  • Die Häufigkeit von Arztkontakten hat in 2021 gegenüber den Vorjahren weiter abgenommen
  • +54 % mehr neu diagnostizierte Essstörungen bei Mädchen (15-17 Jahre)
  • +23 % mehr neu diagnostizierte Depressionen bei Mädchen (10-14 Jahre)
  • +24 % mehr neu diagnostizierte Angststörungen bei Mädchen (15-17 Jahre)
  • +15 % mehr neu diagnostizierte Adipositas-Fälle bei Jungen (15-17 Jahre)
  • Die Häufigkeit von Arzneimittel-Verordnungen hat in 2021 gegenüber den Vorjahren weiter abgenommen
  • +19 % erhöhtes Risiko einer Depressions-Neuerkrankung bei Mädchen mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status gegenüber Mädchen aus Familien mit hohem Status (15-17 Jahre)
  • +62 % erhöhtes Risiko auf Adipositas bei Jungen mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status gegenüber Jungen aus Familien mit hohem Status (15-17 Jahre)

Die neuen Erkenntnisse lassen das lange Schweigen und Wegsehen der Regierung in einem nochmal neuen Licht erscheinen. In einer funktionierenden Demokratie müsste es einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss und einen Aufschrei in den Medien geben. Im Deutschland des Jahres 2022 wird die Analyse allenfalls beiläufig und im Kleingedruckten zur Kenntnis genommen, als sei nichts gewesen.

Hochachtung muss man der DAK zollen, dass sie offen mit ihren Erkenntnissen umgeht; obwohl etwa die Causa „Provita BKK“ zeigt, wie gefährlich das heute sein kann: Deren Vorsitzender wurde nach der Veröffentlichung brisanter Zahlen handstreichartig entlassen. Man kann die Offenheit der DAK auch so interpretieren, dass das Problem gewaltig ist und die Krankenkasse deshalb den öffentlichen Hilfeschrei wagt.

Anmerkung: Wir haben über das Thema Depressionen und psychische Erkrankungen berichtet. Sollten Sie selbst Hilfe bedürfen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge. Hilfe finden Sie bei kostenlosen Hotlines wie 0800-1110111 oder 0800-3344533.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bild: Shutterstock
Text: br

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