Sind die Deutschen Lockdown-resistent? Laut Regierung keine psychischen Auffälligkeiten

Eigentlich sollte man meinen, dass sich Österreich und Deutschland in vielem doch recht ähnlich sind. Ohne die – oft sehr reizvollen – Unterschiede kleinreden zu wollen: Das Verbindende überwiegt. Und die Bundesrepublik im Norden hat mit der Republik Österreich im Süden sicher mehr gemeinsam als etwa mit Marokko oder der Türkei. Umso erstaunlicher ist, dass sie sich in grundlegenden Dingen offenbar völlig unterscheiden. Zumindest wenn man der Bundesregierung glaubt. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie des AKH-Spitals in der österreichischen Hauptstadt „kommt es zunehmend zu der Situation, die man auf den Intensivstationen vermeiden will, und zwar zu einer Triage. Die Ärztinnen und Ärzte am AKH müssen entscheiden, wer zuerst behandelt wird“, heißt es in einem Bericht der Nachrichtensendung ZIB des öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunks ORF 2 (anzusehen hier). Die Probleme sind demnach eine Folge der Corona-Maßnahmen, die junge Menschen besonders hart treffen. Laut einer Studie leidet mittlerweile mehr als die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an depressiven Symptomen, so der ORF. Die Zahl der schweren Fälle hat sich demnach verzehnfacht.

Insofern sollte man annehmen, dass in Deutschland auch nicht alles bestens bestellt ist um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Aber laut Regierung ist diese Annahme falsch. Nach „aktuellen Auswertungen des RKI zur gesundheitlichen Lage in Deutschland in der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass sich die Zahl der psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung durch die Coronakrise erhöht hat“, sagte der Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Hanno Kautz, heute auf der Bundespressekonferenz auf meine entsprechende Frage und den Verweis auf Österreich. Das ist erstaunlich. Denn am 8. Januar hat die „Tagesschau“ von genau solchen Problemen berichtet. Da war von einer Untersuchung von Psychologen der Universität Dortmund die Rede, der zufolge ein Drittel der untersuchten Kinder im Vorschulalter Verhaltensauffälligkeiten zeigen. In dem Beitrag heißt es: „Mehrere Studien belegen: Kinder und Jugendliche leiden besonders unter der Corona-Krise.“ (Anzusehen hier). Auch der öffentlich-rechtliche RBB berichtete Mitte Januar: „Während der Corona-Pandemie haben Ärzte in Berliner Psychiatrien deutlich häufiger die Fixierung von Patienten ans Bett angeordnet. Für bessere Deeskalation fehlt den Stationen oft das Personal, sagen Klinikmitarbeiter.“

Interessant auch die Antwort von Regierungssprecher Steffen Seibert auf meine Frage, mit wie vielen Kinderpsychologen oder Jugendpsychologen sich die Kanzlerin im Zusammenhang mit den Maßnahmen beraten hat. Sie lesen sie unten im Stenogramm (oder können sie sich alternativ in meinem Video ansehen). Ebenso wie eine weitere interessante Passage: Eine Kollegin von der ARD griff meine Frage auf, um nachzuhaken – und wollte wissen, ob es „überhaupt schon einmal einen Kinder- und Jugendpsychologen“ gegeben habe, „der in einer vorbereitenden Sitzung dabei gewesen“ sei. Die Antwort Seiberts: nein.

Des Weiteren wollte ich von der Bundesregierung wissen, warum sie noch im Herbst auf meine Frage nach Erkenntnissen, dass sogenannte „Alltagsmasken“ keinen ausreichenden Schutz bieten, ausweichend antwortete und keine Schritte für nötig hielt – während sie diese jetzt, Monate später, beschloss. Meine Frage: „Hat man da einen Fehler gemacht oder hat man jetzt neue Erkenntnisse?“ Die Antwort von Spahns Sprecher Kautz: Es hänge damit zusammen, dass die Lage jetzt gefährlicher sei. Ich hakte nach: „Dann hätte es aber doch Sinn gemacht, das auch im November zu tun, denn die Lage war damals ja auch nicht einfach. Man hat den Lockdown ja nicht verhängt, weil die Lage einfach war.“ Darauf Kautz: „Sie beziehen sich jetzt auf einen Beschluss der Ministerpräsidenten mit der Bundesregierung, die jetzt angesichts der verschärften Lage zu diesem Schluss gekommen ist. Die Virusmutation ist sehr viel später aufgetreten.“

Auch zum Thema Russland hatte ich eine heikle Frage. Dort gibt es Berichte über eine angebliche Bestechung Putins durch den früheren Stasi-Offizier Matthias Warnig, der als Vertrauter von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) und Wladimir Putin gilt. Nachzulesen ist auch diese Frage mitsamt Antwort im Stenogramm unten.

Zuvor hatte ich in einer weiteren Bundespressekonferenz mit Jens Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler nach den Maßstäben für den PCR-Test und nach Diskrepanzen zwischen den Empfehlungen der WHO und der Praxis in Deutschland gefragt (nachzulesen hier). Wieler sagte: „Wir sind auf einem guten Weg, und müssen den auch weiter bestreiten.“ Weiter forderte der RKI-Chef die Bürger auf: „Geben Sie nicht auf.“ Mit jedem Anruf statt einem Besuch, mit jeder Reise, die man nicht mache, nehme man dem Virus eine Chance, sich zu verbreiten. Zu den sozialen und psychischen Folgen sagte er nichts. „Mit jeder falsch getragenen Maske bieten wir dem Virus die Gelegenheit, sich zu verbreiten“, so Wieler. Mit den Stoffmasken hat man das dann aber viele, viele Monate lang getan.

Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel), sagte, bislang seien 69 Menschen nach der Impfung verstorben. Allerdings habe es sich um Menschen mit schweren Grunderkrankungen gehandelt. Es gebe keine Anzeichen für Zusammenhänge mit der Impfung. Also anders als bei Covid-19-Toten mit Grunderkrankungen – die ja in der Regel als Covid-19-Tote in die Statistik einfließen.
Zur Zulassung der Impfstoffe sagte Cichutek: „Wir haben Flexibilität gezeigt, um schneller zu sein.“ Insgesamt habe es 21 Reaktionen gegeben, bei denen nicht ganz klar ist, worauf sie zurückzuführen sind.



Frage zu psychischen Krankheiten

FRAGE REITSCHUSTER: An Herrn Kautz und auch an Herrn Seibert: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Österreich, der ORF, hat berichtet, dass es dort eine Triage-Situation gibt – vor der Triage, also davor, dass die Ärzte auswählen müssen, hat man ja immer große Befürchtungen –, und zwar nicht wegen COVID-19, sondern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien. Da heißt es, dass die Zahl der schweren Fälle um ein Zehnfaches angestiegen sei, und zwar im Wesentlichen wegen der Coronamaßnahmen. Es gibt in Österreich eine Studie, wonach die Hälfte der Jugendlichen inzwischen unter depressiven Syndromen leidet, alles laut ORF.

Sie werden diesen Bericht nicht kennen, darum möchte ich allgemein fragen: Wie werden in Deutschland Probleme in der Psychiatrie, im psychologischen Bereich, gemonitort? Haben Sie einen Überblick, wie sich das in der Pandemie entwickelt hat? Was gibt es für Maßnahmen?

Vielleicht noch an Herrn Seibert: Mit wie vielen Kinderpsychologen oder Jugendpsychologen hat sich die Kanzlerin im Zusammenhang mit den Maßnahmen beraten?

KAUTZ: Wir beobachten die psychischen Folgen dieser Pandemie auf die Bevölkerung schon sehr genau, sehr aufmerksam. Dazu gibt es ein Projekt, an dem das Robert Koch-Institut mit Förderung des BMG beteiligt ist. Seit März 2020 werden wöchentlich Daten zu Wahrnehmung, Wissen und Verhalten der Bevölkerung in der COVID-19-Krisensituation erhoben. Es ist wichtig, zwischen psychischen Erkrankungen und ganz normalen Ängsten und Sorgen, die die Menschen angesichts dieser besonderen Situation haben, zu unterscheiden. Solche Ängste und Sorgen sind nicht krankhaft, sondern im Grunde eine angemessene Reaktion auf die Krise. Die meisten Menschen finden selbst einen Weg, damit umzugehen. Zur Unterstützung kann man sich an die entsprechenden Beratungsstellen wenden. Aktuellen Auswertungen des RKI zur gesundheitlichen Lage in Deutschland in der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie zufolge gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass sich die Zahl der psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung durch die Coronakrise erhöht hat.

SEIBERT: Die Bundesregierung nimmt wissenschaftliche Stellungnahmen, wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse aus allen Richtungen, die die Pandemie betreffen, zur Kenntnis. Wenn Sie zum Beispiel konkret nach der Situation von Kindern und Jugendlichen fragen, würden diese Kenntnisse und Studien sicherlich vor allem in den zuständigen Ministerien, dem Ministerium für Bildung und Forschung und dem BMFSFJ, ausgewertet; denn das ist natürlich auch immer eine Ressortsache. Die Bundeskanzlerin hat in den vergangenen Monaten eine Vielzahl von wissenschaftlichen Gesprächspartnern und Informationsgebern gehabt, und das wird auch weiterhin der Fall sein. Ich erinnere mich beispielsweise, dass Professor Berner, dessen Fachgebiet meiner Meinung nach Kinder und Jugendliche sind, an einer der Vorbereitungssitzungen teilgenommen hat. Ich denke aber, die Ressorts wären noch mehr in der Lage, Ihnen zu sagen, wie dort Studien aufgenommen wurden, was die Situation von Kindern und Jugendlichen. ihre Bildungssituation, ihre soziale Situation betrifft.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Danke, Herr Seibert. Das greife ich gerne auf, deswegen ganz kurz die Nachfrage an Herrn Kautz: Die Österreicher sagen ja, sie haben so eine Studie. Gibt es bei uns eine oder mehrere? Wenn nicht: Sind die geplant? Ich nehme an, das werden Sie nachreichen müssen.

KAUTZ: Ich habe gerade ja gesagt, dass es dieses Projekt gibt und dass das gemonitort wird. Daraus werden natürlich auch Ergebnisse gezogen. Wie Sie das jetzt nennen, ob Sie das jetzt Studie oder Projekt nennen, ist dann Ihre Sache.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Aber die Ergebnisse gibt es im Moment noch nicht, die Studie läuft noch?

KAUTZ: Ich habe doch schon von Ergebnissen erzählt. Es gibt keine Hinweise auf besondere Auswirkungen.

SEIBERT: Ich muss mich korrigieren: Professor Berner ist der Chef der Kinder- und Jugendklinik des Dresdner Uniklinikums. Das heißt, es stimmt, dass er sich mit Kindern und Jugendlichen befasst, aber natürlich hauptsächlich im Hinblick auf die medizinische Lage.

FRAGE KURZ (ARD): Gab es überhaupt schon einmal einen Kinder- und Jugendpsychologen, der in einer vorbereitenden Sitzung dabei gewesen ist?

SEIBERT: In einem der vorbereitenden Fachgespräche für die Sitzungen der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin meiner Erinnerung nach nicht. Aber wie gesagt, wir haben natürlich auch hier Ressortzuständigkeiten, und das Wissen über die sozialpsychologische Lage von Kindern und Jugendlichen wird in bestimmten Ministerien natürlich besonders aufgenommen und von ihnen dann auch in die Beratungen eingebracht.

KAUTZ: Falls ich ergänzen darf: Das hat ja das RKI genau unter seinen Fittichen, und das RKI ist natürlich auch an den Beratungen beteiligt.

Masken

FRAGE REITSCHUSTER: Noch einmal zu den Masken: Im November gab es bereits Hinweise, das habe ich hier auch angesprochen, dass Alltagsmasken nicht ausreichend helfen. Im Schweizer Fernsehen gab es eine Studie, bzw. die Studie wurde vom Schweizer Fernsehen beauftragt. Das Bundesministerium für Gesundheit hat damals sinngemäß geantwortet: Nein, nein, das mit den Alltagsmasken ist schon okay. Jetzt ist man ja um 180 Grad umgeschwenkt. Hat man da einen Fehler gemacht oder hat man jetzt neue Erkenntnisse, dass es doch sinnvoller ist, nicht auf Alltagsmasken zu setzen, sondern auf medizinische Masken?

KAUTZ: Herr Reitschuster, ich glaube, genau auf diese Frage haben die Kollegen sowie auch der Minister und Herr Wieler hier vor einer Woche schon geantwortet. Wir haben einfach eine andere Lage. Die Entscheidung, in dieser Situation der Coronapandemie medizinische Masken einzusetzen, hängt ja mit den Virusmutationen zusammen. Es hat nie jemand bezweifelt, dass medizinische Masken besser sind als Alltagsmasken. In einer gefährlicheren Lage, in einer Lage, in der sich das Virus schneller ausbreitet, müssen wir dafür sorgen, dass wir noch besser geschützt sind. Genau deshalb werden die medizinischen Masken eingesetzt.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Wenn Sie sagen, es sei nie bestritten worden, dass medizinische Masken besser sind, dann hätte es aber doch Sinn gemacht, das auch im November zu tun, denn die Lage war damals ja auch nicht einfach. Man hat den Lockdown ja nicht verhängt, weil die Lage einfach war. Wenn man also schon einen Lockdown hat, ist die Lage offenbar schwierig. Warum hat man dann damals nicht alles Erdenkliche getan, etwa auch bei den Masken, um sicherzustellen, dass die Menschen geschützt sind?

KAUTZ: Sie beziehen sich jetzt auf einen Beschluss der Ministerpräsidenten mit der Bundesregierung, die jetzt angesichts der verschärften Lage zu diesem Schluss gekommen ist. Die Virusmutation ist sehr viel später aufgetreten.

Impfungen

FRAGE REITSCHUSTER: Ich habe indirekt eine Frage zum Thema Nawalny: Herr Nawalny hat ja ein aufklärerisches Video über Wladimir Putin veröffentlicht. Da wird ein Vertrauter von Wladimir Putin und auch von Altbundeskanzler Gerhard Schröder erwähnt. Das ist Matthias Warnig. Herrn Warnig wird dort vorgeworfen – es werden auch Belege aufgeführt –, dass er Herrn Putin bestochen habe. Nun ist er ja ein deutscher Staatsbürger, und wenn deutsche Staatsbürger im Ausland Korruptionen gegenüber Amtsträgern begehen, ist das strafbar.

Da wäre die Frage: Wenn so ein Verdacht im Raum steht, monitort das Auswärtige Amt das? Wird das dann an die zuständigen deutschen Behörden weitergegeben? Oder nimmt man das einfach zur Kenntnis und gibt so einen Anfangsverdacht nicht weiter?

AA-SPRECHER BURGER: Grundsätzlich ist es so: Das Auswärtige Amt ist keine Strafverfolgungsbehörde, sondern zuständig sind die jeweiligen Staatsanwaltschaften in Deutschland, auch bei strafrechtlichen Verfehlungen von Deutschen im Ausland, insofern eine Zuständigkeit besteht.

Wenn es jedoch dazu kommt, dass deutsche Auslandsvertretungen Kenntnis von Straftaten durch Deutsche im Ausland haben, dann wird grundsätzlich der Verbindungsbeamte oder die Verbindungsbeamtin des Bundeskriminalamtes, der oder die jeweils regional zuständig ist, davon unterrichtet.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Verstehe ich das richtig? In diesem Fall würden dann einfach Berichte über einen Anfangsverdacht weitergegeben?

AA-SPRECHER BURGER: Wenn es Kenntnisse über Straftaten von Deutschen gibt, dann ist die Regel, dass darüber die jeweils regional zuständigen BKA-Verbindungsbeamten informiert werden.

ZUSATZFRAGE REITSCHUSTER: Sie geben keine Auskunft über konkrete Fälle?

AA-SPRECHER BURGER: Nein.



Bild: Screenshot/Youtube/Phoenix
Text: br


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