Ohne Framing: Was an Silvester wirklich los war Berlin Wie die Medien beschwichtigen

Von Mitternacht bis kurz vor fünf Uhr war ich gestern durch Berlin unterwegs, um mir mit eigenen Augen anzusehen: Wird es wirklich ruhig bleiben in der Hauptstadt und werden sich die Berliner an den faktischen Hausarrest halten – denn die Corona-Verordnung erlaubt nur bei triftigem Grund das Verlassen der eigenen Wohnung. Heute früh las ich Schlagzeilen wie diese: „Ruhiger Start ins neue Jahr“ titelte die Tagesschau, „Deutschland feiert einen weitgehend ruhigen Jahreswechsel“ die Süddeutsche Zeitung („Leergefegte Städte, wenig Licht am Himmel: Die Menschen hielten sich überwiegend an die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen“), und der öffentlich-rechtliche RBB titelte: „Berlin erlebt einen ruhigen Jahreswechsel“ und schrieb dann: „Der Jahreswechsel in Berlin ist ruhig verlaufen. Böllerverbote sorgten für weniger Menschen auf den Straßen. Über der Stadt war deutlich weniger Feuerwerk zu sehen, als in den Vorjahren. Auch die Feuerwehr hatte weniger zu tun.“ All das ist formal völlig richtig. Aber doch irreführend, ja manipulativ.

Warum? Ganz klar war in der Hauptstadt sehr viel weniger los als an Silvester an normalen Jahreswechseln. Die Aktivitäten auf den Straßen, wo es sonst regelrecht rund geht in der Feier-Hauptstadt der Republik, waren nicht zu vergleichen. Aber das konnte auch niemand erwarten. Der Maßstab war ein ganz anderer: Würden sich die Menschen an das Verbot halten, die eigene Wohnung zu verlassen? Und genau das haben sie nicht. Sie haben mit den Füßen abgestimmt über die Corona-Politik, könnte man salopp sagen. Das hat schon Züge von zivilem Ungehorsam, wenn Menschen in großer Zahl demonstrativ gegen staatliche Verordnungen verstoßen. Es herrschte durchaus reges Treiben auf den Straßen, Menschen feierten, teilweise in kleinen, teilweise auch in größeren Gruppen. Von Familien mit Kindern bis hin zu dem, was man neudeutsch „Partyszene“ nennt. Die journalistisch korrekten Überschriften hätten deshalb lauten müssen: „Viele Berliner ignorieren Ausgangsverbot – Party auf der Straße“.

Doch zu so einer Entlarvung, dass die Verbote der Regierung von einer großen Zahl von Bürgern ignoriert werden, fehlt den von den vielen zu Regierungs-Verlautbarungs-Organen degradierten Medien ganz offensichtlich der Mut. Man macht lieber das zur Schlagzeile, was eigentlich gar keine ist, und verschiebt das journalistisch Relevante im besten Fall ins Kleingedruckte. Der Tagesspiegel spürt offenbar das Dilemma und drückt sich schon in der Überschrift weg vor einer journalistischen Einordnung: „862 Einsätze, 43 in Böllerverbotszonen – so lief die Nacht für die Feuerwehr“. Damit kann kein Leser etwas anfangen.

In Charlottenburg und Moabit etwa wurde kräftig gefeiert. Nicht an jeder Ecke wie sonst an Silvester, aber es waren überall Menschen, und geballert wurde auch viel. Die Polizei nahm es teilweise nicht so genau – etwa am Ku‘damm, wo eine Gruppe junger Männer mit Alkohol zusammenstand und ein Streifenwagen länger am Straßenrand hielt, ohne dass die Polizisten eingriffen. Bei der ganzen Fahrt durch Charlottenburg war nur eine Szene zu sehen, in der die Polizei zu einer größeren Gruppe kam. Zwei der jungen Männer dort wurden dann von den Beamten nach Hause begleitet, während die anderen weiter feierten.

Ganz anders in Problemgebieten wie etwa der Pallasstraße in Schöneberg. Hier errichtete die Polizei weitläufige Absperrungen, die Präsenz war enorm, es durften nur Anwohner passieren, und auch bei diesen wurden teilweise Leibesvisitationen vorgenommen wie am Flughafen. An der U-Bahn-Station Kleistpark wurde ich Zeuge, wie mehrere Gruppen junger Männer von der Polizei festgehalten wurden, für längere Zeit. Zur Feststellung der Personalien, wegen des Verdachts des Verstoßes gegen die Corona-Verordnung, so die Beamten.

Berlins rot-rot-grüne Stadtregierung hatte ihre Bürger bis ins Detail gegängelt: So wurde selbst der Verkauf von Wunderkerzen, Knallerbsen oder Tischfeuerwerk extra verboten. Ob die wirklich so eine große Ansteckungsgefahr mit sich bringen? Bei so viel Drangsalierungs-Klein-Klein fehlte der Stadtregierung offenbar Zeit für anderes: Denn auch innerhalb der Polizei herrschte Verwirrung. Innensenator Andreas Geisel (früher SED, heute SPD) und seiner getreuen Polizeiführung war es offenbar nicht gelungen, in den eigenen Reihen das Regelwerk verständlich zu machen. So erklärte ein Polizist an einer Absperrung, Feuerwerkskörper zu zünden sei legal, wenn es sich um Altbestände handle – während etwa „Polen-Böller“ nicht legal seien. Warum auch immer. Auf die Frage, wie dies unterschieden werde, antwortete der Polizist, am Geruch sei es zu erkennen, wie Haschisch.

Ein anderer Beamter beklagte seinerseits die Verwirrung – weil es einerseits heiße, das Abschießen von Feuerwerkskörpern außerhalb der ausgewiesenen Verbotszonen sei legal. Andererseits dies aber durch die Ausgangssperre konterkariert werde: „Das Abbrennen von Raketen oder Böllerschießen ist eindeutig kein triftiger Grund, um die Wohnung zu verlassen.“ Insgesamt sei es sehr viel ruhiger gewesen als an normalen Jahreswechseln, so der Beamte: Allerdings sei es auch nicht gelungen, die Corona-Verordnung durchzusetzen, weil eben immer noch sehr viele Menschen auf die Straße gegangen seien zum Feiern. Anders als sonst üblich an Silvester wurde es aber sehr schnell sehr viel ruhiger, schon ab 1 Uhr, gegen 2 Uhr waren nicht mehr viele Feiernde auf den Straßen.

Interessant war ein Abstecher in den Drogen-Hotspot Görlitzer Park, wo quasi vor den Augen der Polizei seit Jahren frei mit Drogen gehandelt wird. Auch in der Silvesternacht wurde man bereits nach wenigen Minuten von diversen Drogenhändlern angesprochen. Ob der Drogenhandel ein „triftiger Grund“ ist, um die Wohnung zu verlassen? Als Gewerbe quasi? Von der Polizei war an Silvester am Görlitzer Park nichts zu sehen.

Interessant dann auf der Rückfahrt die Szenen am Brandenburger Tor. Obwohl es schon weit nach vier Uhr war, war die Tribüne des ZDF und seiner Silvesterparty immer noch auf das hellste ausgeleuchtet (Klimaschutz Fehlanzeige). Die „Nebenzelte“, im Volksmund inzwischen Partyzelte genannt, abgeschirmt durch riesige Sichtschutz-Zäune. Damit niemand mitbekommt, was dahinter passiert. Offiziell waren die Zelte ja nur Umkleiden – auf Bildern sind aber Tische und Stühle dort zu sehen (mehr zur ZDF-Silvester-Party hier und zu den beispiellosen Absperrungen und Sicherheitsmaßnahmen im Regierungsviertel und im Bereich Brandenburger Tor/Tiergarten hier).

Eine ukrainische Bekannte erzählte aus Pankow, dass dort sehr viel los war. Polizei und Feuerwehr hätten dort zwar Bereiche abgesperrt, aber dann sei direkt vor den Beamten in großem Umfang Feuerwerk gezündet worden: „Das Feuerwerk war so stark, dass die Nachbarhunde die ganze Zeit jaulten“. Auch am Lietzensee bzw. dem umliegenden Park in der City West war laut Augenzeugen „normaler Silvesterbetrieb“.

Dass die Nacht nicht wirklich ruhig war, zeigen auch die Daten der Feuerwehr: Sie rückte zu 862 Einsätzen aus. 43 davon waren in Böllerverbotszonen. Im Vorjahr rückte die Feuerwehr in der Neujahrsnacht 1523 Mal an. Also trotz Ausgangssperre eine Verringerung der Einsätze um nur 43 Prozent. Im Mauerpark feierten laut Polizei 350 Menschen. In Gesundbrunnen wurden Polizisten mit Pflastersteinen beworfen und aus einer Schreckschusspistole beschossen; sie mussten sich zurückziehen. Insgesamt gab es in Berlin 700 Festnahmen, sieben Beamte wurden verletzt. Die Zahl der Notrufe unterschied sich nur geringfügig von der vor einem Jahr (2765 Notrufe gegenüber 3065). Eine „überwiegende Einhaltung der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen“, wie sie die Süddeutsche beschreibt, hätte sich eigentlich anders in Zahlen ausdrücken müssen.

Dies auf die Schnelle nach einer sehr kurzen Nacht. Zudem finden Sie als Ergänzung zu diesem Artikel noch ein Kurz-Video auf meinem Youtube-Kanal. Die gesamte nächtliche Fahrt gemeinsam mit Carolin Matthie durch Berlin können Sie sich hier im Livestream ansehen – (zeitweise war er leider aus technischen Gründen nicht abrufbar, weil noch Bild und Ton von Polizeibeamten herausgeschnitten werden mussten aus Datenschutzgründen, aber jetzt funktioniert es).   

Wie jeder Artikel ist auch dieser subjektiv. Es hängt alles immer auch von der Sichtweise des Betrachters ab. Aber ich denke, in dem mehrstündigen Livestream können Sie sich, sobald dieser wieder online ist, auch sehr gut mit eigenen Augen ein Bild machen, so als ob Sie selbst durch Berlin gefahren wären. Dann können Sie selbst ein Urteil fällen.

PS Kommentar von Aaron Clark: „Um 17 Uhr vermeldet der Tagesspiegel, dass in Berlin letzte Nacht insgesamt 700 Festnahmen durchgeführt wurden – knapp jeder fünftausendste Berliner. Das nenne ich eine Hausnummer angesichts des Ammenmärchens von der verantwortungsvollen, linientreuen und maskenliebhabenden Kampf-gegen-Corona-Bevölkerung.“



https://youtu.be/F1nJ5FDaz3Y

Bild: oatawa/Shutterstock
Text: br


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