Polizeiliche Hetzjagd auf Ungeimpften im Zug Unter Applaus der Fahrgäste

Ein Gastbeitrag von Daniel Matissek

In diesem Staat ereignen sich in immer kürzerer Abfolge – praktisch minütlich – so abscheuliche Szenen, dass jede Hoffnung, aus der Geschichte sei irgendetwas gelernt worden, getrost zu Grabe getragen werden darf. Es bedurfte tatsächlich nur eines neuen Einfallstores, einer anderen Maskerade, um wieder dieselben Methoden, dieselben elenden Stimmungen zu reaktivieren wie einst – und wir stehen erst am Anfang.

In Schulen werden die Namen ungeimpfter Schulkinder oder solcher, deren Eltern umgeimpft sind, an die Tafel geschrieben. Mancherorts müssen sie auf dem Schulhof – separiert von ihren Klassenkameraden – unter Bewachung Pause machen. „Kauft nicht bei Ungeimpften”, schmierten Unbekannte an das Geschäft eines Corona-Maßnahmenkritikers. Am Arbeitsplatz, beim Einkaufen, im Restaurant, im Familienumfeld, im sozialen Nahbereich: Die Anfeindungen und Ausgrenzungen steigern sich ins Uferlose. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans sagte bei „Maybritt Illner“ im ZDF den ungeheuerlichen Satz: „Es ist wichtig, den Ungeimpften eine klare Botschaft zu senden: Ihr seid jetzt raus aus dem gesellschaftlichen Leben.”

Eine erschütternde Erlebnisschilderung kursiert derzeit im Netz, nachdem sie auf Twitter viral ging (und mittlerweile sogar von Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen geteilt wurde, dem dazu nur fassungslos der Kommentar „Nicht mehr mein Land!” einfiel): Der Medizinhistoriker Florian Mildenberger protokolliert darin einen gespenstischen Vorfall, dessen Zeuge er als Bahngast wurde. Hier der  Bericht im Wortlaut.

Unausweichlichkeit der Situation

„Das Gefühl der totalen Ohnmacht ist schrecklich und ich hatte gedacht, es schon erlebt zu haben. Falsch gedacht. Ein ICE bringt mich von München nach Berlin zurück. Er hält in Nürnberg und Erlangen. Kurz nach Nürnberg Tumult im Zug, ein Mann im Anzug hastet eilig nach hinten, verfolgt vom Schaffner und einigen Mitfahrern, der Bahnhof Erlangen ist erreicht und herein stürmt die Bahnpolizei. Der Mann erkennt die Unausweichlichkeit der Situation und stellt sich selbst an die nächste Klotür, die Hände nach oben. Gleichwohl wird er zu Boden gerissen, ihm die Plastikhandschellen umgelegt und er mit großem Geschrei aus dem Zug geworfen. Dann noch ein Gruppenfoto der Beamten mit ihrem Zielobjekt.

Mittlerweile ist klar, was hier passiert ist. Der Mann war schnell eingestiegen, hatte keine Fahrkarte, wollte diese beim Zugbegleiter lösen und konnte keinen Impfnachweis beibringen. Er hoffte wohl, in Erlangen vom Bahnsteig türmen zu können. Dies unterbanden Personal und selbst berufene Sheriffs. Das brutale Vorgehen, die Treibjagd durch den Zug, das gegenseitige Schulterklopfen der Beteiligten, das alles wäre noch irgendwie erträglich gewesen, wenn da nicht die 80 bis 90 Mitfahrer in meinem Wagen gewesen wären, die allesamt das Verhalten der Beteiligten lobten, Beifall klatschten und sich darüber echauffierten, welche Gefahr für die Volksgesundheit von diesem einen Mann ausgegangen sei, der natürlich die Maske trug. Ganz im Gegensatz zu den Bewunderern der Ordnungsmacht. Die meisten setzten die Maske erst wieder voll auf, als der Schaffner erschien.

Vorschläge zum Ausnahmestaat

Noch bis Bamberg geilten sie sich auf, was mit ‚ungeimpften Schädlingen‘ passieren sollte: Wegsperren, Arbeitslager, sogar die Kastration wurde in Vorschlag gebracht. Ich ging durch den Wagen, um mal zu sehen, wer da so lauthals Vorschläge zum Ausnahmestaat erbrachte. Es war eine bunte Mischung der Gesellschaft. Die grünen Hipster, die man an ihren Greta-Aufklebern auf dem Laptop erkennen konnte. Die selbstzufriedenen Rentner, die Schichtarbeiter mit dem Feierabendbier, die Öko-Muttis mit den plärrenden Kleinkindern, das Ehepaar auf dem Weg zur Küste. Und mittendrin ich. Ich war unfähig, irgendetwas zu sagen, ich war zu feige und die Scham über diese Feigheit ließ mich erstarren. Ich weiß nicht mehr, was zwischen Bamberg und Berlin-Südkreuz geschah. Ich fiel wie in eine Art Trance, ich spürte noch, wie Tränen über mein Gesicht liefen, aber ich war nicht fähig, ein Wort hervorzubringen, irgendeine Bewegung zu machen.

Ich saß nur da. Eine Hülle meiner selbst. Kurz vor Berlin-Südkreuz erwachte ich aus dem Blackout und ging zur Tür. Ich hatte mich nie für feige gehalten, war nie einer politischen Diskussion aus dem Weg gegangen. Aber das, was ich auf dieser Zugfahrt erlebt hatte, kannte ich nur aus Geschichtsbüchern. Es war kein einfaches ‚Mitmachen‘, es war der Wunsch, ganz vorne mit dabei zu sein, sich einzubringen in die Vernichtungsspirale, die meine Mitreisenden ganz stolz vermeldeten. Und ich war zu feige, etwas dagegen zu unternehmen. Vielleicht weil ich mit ihnen eingeschlossen war – auf einer Demonstration im Freien wäre ich hoffentlich nicht erstarrt. Denn da hätte ich, wenn alles schief gegangen wäre, noch wegrennen können. Aber in diesem rollenden Blockwartparadies gab es kein Entrinnen.“ 

Dieser Beitrag erschien zunächst auf ansage.org

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Daniel Mattisek ist Journalist und Gründer von ansage.org

 
Bild: Shutterstock
Text: Gast

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