Vergeben, verzeihen, verdrängen Wie werden wir weiter zusammenleben im „Corona-Psychotop“?

Ein Gastbeitrag von Dr. Bodo Neumann

Nach über zwei Jahren „Pandemie“ hat es den Anschein, dass das Corona-Narrativ anfängt gesellschaftlich zu diffundieren, sprich sich mit anderen Themen zu durchmischen und sich auflöst, ohne dass auch nur im Ansatz eine Aufarbeitung in Sicht wäre. 

Gerade hier in Deutschland gibt es kaum eine Institution, die nicht Schuld auf sich geladen hat. Medien, Politik, Wissenschaft, Ärzteschaft, Kirchen, das Rechtssystem und große Teile der Wirtschaft stehen hier insbesondere im Fokus. Die Lehre aus über zwei Jahren gesellschaftlichen Versagens in der Pandemie ist, dass die nötigen Impulse zur Aufarbeitung nur aus der Zivilgesellschaft selbst kommen können und nicht durch die Institutionen mit ihren Akteuren. Diese Kraft kann die Gesellschaft aber nur entwickeln, wenn sie ihre Spaltung überwindet. Dass die Spaltung unseres Landes mit politischen Mitteln forciert wurde, ist unbestritten evident.

Das „Corona-Psychotop“

Die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden dürfte nicht einfach werden, da sich in den letzten zwei Jahren ein „Corona-Psychotop“ entwickelt hat. Der Architekt Richard Neutra beschäftigte sich im frühen 20. Jahrhundert mit dem Phänomen der Wirkung einer Umgebung auf die Psyche eines Menschen. In bestimmten uns umgebenden Strukturen verspüren wir bestimmte positive oder negative Emotionen, Gedanken, Assoziationen. Neutra prägte so den Terminus „Psychotop“, den auch der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1965) aufgriff. 

Durch die Diffamierung, Stigmatisierung und Etikettierung von ungeimpften Personen und Maßnahmenkritikern in allen gesellschaftlichen Bereichen in Deutschland, haben sich eine Umgebung und eine Struktur gebildet, die eine sehr negative gesellschaftliche Stimmung ausgelöst haben. Wie in einem Biotop kann es auch im Psychotop Kipppunkte geben, die ab einem bestimmten Punkt auch durch beste Gegenmaßnahmen nicht mehr aufgehalten werden können. 

Es ist daher ein Plädoyer für einen systemischen Zugang zu komplexen gesellschaftlichen Aufgabenstellungen und Problemen. Es geht um ein Denken in Zusammenhängen, bei dem insbesondere die Beziehungen zwischen Problemelementen und ihre Wechselwirkungen untereinander in den Blick genommen werden und die Ursachen für Probleme nicht bei den Teilen, sondern im Zustand des Systems gesehen werden. Das „Corona-Psychotop“ kann als soziales System betrachtet werden. Soziale Systeme sind insbesondere Kommunikationssysteme. Was das System aufrechterhält, ist aber nicht die Kontinuität der Personen, sondern die Kontinuität der Kommunikation, d. h. wenn sie nicht fortgesetzt wird, endet das soziale System. Daher ist eine „saubere“ Aufarbeitung der „Corona- Pandemie“ unerlässlich.

Psychische Spaltung und Verdrängung

Dem im Weg stehen aber sehr oft die psychische Spaltung und Verdrängungsmechanismen des Menschen im Allgemeinen und der Corona-Ideologen im Besonderen. Es gäbe jetzt für die Corona-Ideologen die Möglichkeit um Entschuldigung und um Nachsicht zu bitten für ihre Rolle und Fehleinschätzungen in den letzten zwei Jahren. Wenn aber eine Situation für uns emotional schwierig wird und insbesondere für Corona-Ideologen, reduzieren wir unsere Gefühle; wir spalten sie ab. Durch Spaltungsvorgänge wird vermieden, dass emotional miteinander unvereinbare Inhalte zusammentreffen. Die Inhalte bleiben aber – anders als im Fall der Verdrängung – bewusstseinsnah.

Die Verdrängung ist ein seelischer Abwehrmechanismus. Es ist die Fähigkeit, belastende, schmerzliche, unangenehme Erinnerungen, Gedanken und Wünsche aus dem Bewusstsein zu verbannen, auszublenden und ins Unbewusste zu verschieben. Dort wirken sie im Verborgenen weiter und lösen unter Umständen massive Ängste, Verhaltensstörungen, Blockaden und depressive Zustände aus. Die große psychologische Ungerechtigkeit dabei ist, dass Täter häufig sehr viel besser mit ihren Taten leben können als die Opfer. Ein Täter kann zwar vieles verdrängen, völlig vergessen kann er es aber nicht. 

Vergeben und verzeihen

Mit fast schon seherischen Fähigkeiten blickte Ende April 2020 der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in die Zukunft: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Wie wir jetzt wissen, gibt es gute Gründe für die Maßnahmenkritiker und Ungeimpften, an ihrer Bitterkeit festzuhalten und es gilt mit der Aufarbeitung eine Bilanz zu ziehen, die gezogen werden muss, bevor der Versuch erfolgt, die „Corona-Vergangenheit“ unter dem Aspekt des Vergebens neu zu schreiben. Vergebung ist ein länger dauernder innerer Prozess, der den Betroffenen hilft, mit ihrer belastenden Situation leben zu können. Denn man vergibt nicht belastende Ereignisse, sondern man vergibt dem Täter und nicht der Tat. Es bedeutet allerdings nicht das Vergessen, die Billigung oder die Rechtfertigung des Geschehenen (Verzeihen, Versöhnen, Vergessen – Soziologische Perspektiven, 2018).

Verzeihen heißt neu anzufangen und das Geschehene ruhen zu lassen und auf Strafe und Wiedergutmachung zu verzichten. Verzeihen geht also über das Vergeben hinaus, denn das bedeutet, auf die Bestrafung oder persönliche Verurteilung und Vorwürfe zu verzichten. Diesen Weg zu beschreiten ist der schwierigere, da mit einigen psychischen Hindernissen zu rechnen ist, die man lieber einfach verdrängen und beiseite schieben möchte.

Vergeben ist daher der „gesündere“ und zielführendere Weg, denn er führt in der Regel dazu, dass nach Verletzungen weniger Feindseligkeit entsteht und dass damit die negativen gesundheitlichen Folgen von anhaltender Wut und Feindseligkeit gemindert und sogar vermieden werden. Allerdings gibt es keine „Pflicht“, dass ein Opfer dem Täter zu vergeben hat und niemand sollte sich dazu gezwungen fühlen. 

Die Aufarbeitung

Ohne Aufarbeitung ist ein Vergeben oder Verzeihen nur schwer möglich. Bereits im Oktober letzten Jahres mahnte der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, eine rechtsstaatliche Aufarbeitung der Corona-Pandemie an. Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates und die Rationalität seiner Entscheidungen sei „im Laufe der Zeit erschüttert worden“. “Es wurde nicht generell, aber doch teilweise ziemlich irrational, widersprüchlich, kopflos und im Übermaß reagiert“. Wenn das Recht nur auf dem Papier stehe, sei das „Gift für einen freiheitlichen Rechtsstaat“ (“Welt“ 05.10.2021).

An einer solchen Aufarbeitung und Evaluierung scheint Gesundheitsminister Karl Lauterbach kein großes Interesse zu haben. Offenbar behindert er sogar die Evaluierung der Corona-Maßnahmen. Die Schweiz ist da bereits einen Schritt weiter und hat unabhängige Experten eingesetzt, die aktuell die Ergebnisse einer entsprechenden Evaluierungsstudie vorgestellt haben. Es wird somit mehr als deutlich, dass der Wille zu einer Aufarbeitung quasi nicht vorhanden ist. Daher können die nötigen Impulse zur Aufarbeitung nur aus der Zivilgesellschaft selbst kommen und nicht durch die Institutionen. In welcher Form könnte nun eine „Corona-Pandemie“-Aufarbeitung erfolgen?
Es gibt aus meiner Sicht drei herausstechende Aufarbeitungs-Beispiele für zivilgesellschaftliches Engagement, die sich durch Freiwilligkeit, fehlende persönliche materielle Gewinnabsicht und eine Ausrichtung auf unser Gemeinwohl auszeichnen, die hier kurz vorgestellt werden sollen.

Das Zentrum zur Aufarbeitung, Aufklärung, juristischen Verfolgung und Verhinderung von Verbrechen (ZAAVV) gegen die Menschheit aufgrund der Corona-Maßnahmen ist die erste Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Dokumente im Zusammenhang mit den Folgen der Corona-Maßnahmen systematisch zu archivieren und aufzuarbeiten. 

Die Webseite „Ich-habe-mitgemacht“ ist ein privates Dokumentationszentrum für Corona-Unrecht. Dazu gehören menschenfeindliche und ausgrenzende Kommentare von Politikern, Journalisten, Ärztefunktionären, Wissenschaftlern und Prominenten an die Adresse von Kritikern, Zweiflern und vor allem Ungeimpften. „Da die Täter von heute ab morgen jegliche Beteiligung abstreiten werden, gilt es Beweisstücke zu sammeln, um den einen oder anderen Zivilisationsbruch der Vergessenheit zu entreißen. Dies gilt für Vorkommnisse in Deutschland, Österreich und der Schweiz.“

Da auf die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der erfahrungsgemäß einen längeren Vorlauf hat, nicht gewartet werden konnte, wurde der Corona-Ausschuss gegründet, der seit Mitte Juli 2020 in wöchentlichen Sitzungen Experten und Zeugen zu einer Vielzahl von Fragen zum Virus, zum Krisenmanagement und den Folgen anhört. Dabei wurden insbesondere auch die bis dato noch wenig evaluierten Kollateralschäden des Lockdowns näher beleuchtet.

Neben diesen drei Beispielen der „Corona-Pandemie“- Aufarbeitung gibt es noch eine Vielzahl von Gruppen und Einzelpersonen, für die Demokratie die Basis der Würde des Menschen ist und das für sie das Recht beinhaltet, selbst zu denken, das Recht eine eigene Meinung zu haben, mehr noch, das Recht die eigene Meinung auch ausdrücklich geltend zu machen und sich gegen das Eindringen in die Psyche und vor psychischen und physischen Zwang zu schützen.

Brücken bauen

Die drei Beispiele zeigen, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement besonders in schweren Zeiten ist. Wir in Deutschland, mit der Vergangenheit der prägnantesten Diktaturformen des 20. Jahrhunderts, sollten unseren moralischen Kompass nutzen und uns einer gezielten und aufrichtigen Aufarbeitung der „Corona-Pandemie“ nicht verschließen. Gerade die Aufarbeitung dieser beiden Diktaturformen kann freundlich formuliert nicht als vorbildlich bezeichnet werden.

Gutmeinend wird nicht selten proklamiert, dass der Graben in der Gesellschaft zugeschüttet werden müsste, um die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden. Mit Blick auf die Gesamtgemengelage der „Corona-Pandemie“ in Deutschland, wäre es nicht sinnvoll den Graben zu zuschütten. Er sollte für eine gewisse Zeit weiter sichtbar bleiben, aber mit Brücken versehen werden, die die Möglichkeit bieten könnten aufeinander zu zugehen und mit einer gemeinsamen tiefergehenden Analyse und Aufarbeitung, um Lehren daraus zu ziehen wie diese Spaltung sich entwickelt und manifestiert hat und was präventiv zu tun ist um weitere gesellschaftliche Spaltungen quasi „im Keim zu ersticken“. Das zu realisieren dürfte allerdings sehr schwierig und schmerzhaft werden. 

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele Menschen sich dazu bringen ließen, Teil eines despotischen Systems mit totalitären Tendenzen zu werden. Noch viele unterliegen dem „Mentizid“ (Jost Meerloo, 1956), der die Abtötung des eigenen Verstandes bedeutet. Dies ist ein organisiertes System aus psychologischer Intervention und Missbrauch von Maßnahmen der Regierenden, durch das der Bevölkerung die gewünschte Konformität aufgezwungen werden kann.

Zudem gibt es auch noch weiterhin Funktionsträger im regierenden Apparat, die der gefährlichen Versuchung unterliegen könnten, lange unterdrückte Gefühle von Allmacht zu aktivieren. Jede Form von Führung ohne effektive Kontrolle kann sich immer noch nach und nach in eine „Corona-Diktatur“ entwickeln. Denn nach wie vor gilt auch weiterhin für das Corona-Narrativ „3G plus“: Erst kommt das Geld und wieder das Geld und nochmals das Geld, und dann kommt die Gesundheit!

Bleiben wir wachsam!

DAVID
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Bodo Neumann ist promovierter Diplompsychologe. Er verfügt über langjährige Beratungs- und Forschungserfahrungen, die er einsetzt für Menschen in Veränderungssituationen, die ihre Signatur-Stärken entfalten wollen und somit lernen, ihre Erfolgspotentiale zu erkennen und zu entwickeln.

 

Bild: Shutterstock 
Text: Gast

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