Warum schweigen Sie? Warum sehen Sie weg? Ein offener Brief an meine Kolleginnen und Kollegen

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

in meiner Journalistenausbildung habe ich gelernt, dass es zu den Aufgaben unseres Berufs gehört, zu berichten, wenn der Verdacht besteht, dass Vertreter des Staates gegen das Recht verstoßen oder gar Willkür walten lassen. Und dass wir immer nach bestem Wissen und Gewissen wahrheitsgemäß berichten sollen.

Ich bin sicher, auch Sie haben das in Ihrer journalistischen Ausbildung so gelernt.

Warum verstoßen Sie dagegen?

Ich war am Sonntag bei der Querdenken-Demonstration am Brandenburger Tor. Ich bin da hingefahren, weil die Organisatoren in den sozialen Netzwerken von angeblichen massiven Rechtsverstößen berichteten und die Medien dazu aufriefen, an den Ort des Geschehens zu kommen und zu berichten.

Ich habe es als meine Pflicht angesehen, sofort alles stehen und liegen zu lassen, mir selbst ein Bild zu machen und zu berichten.

Ich habe keinen einzigen Kollegen von den großen Medien gesehen. Niemanden von den öffentlich-rechtlichen. Für die wir Gebührenzahler jährlich acht Milliarden bezahlen. Die ein riesiges Reservoir an Personal haben, Big-Bands und Mehrfach-Begleitung bei Minister-Reisen inklusive. Und niemand aus diesem riesigen Apparat schaffte es am Sonntag zur Demo.

Schlimmer noch: Im öffentlich-rechtlichen RBB gab es nur einen Kurzbericht von der Demonstration. Unter der Überschrift „Weniger Teilnehmer als erwartet bei ‘Querdenker‘-Demo“ steht da unter Berufung auf eine Polizeisprecherin: „Mit Ausnahme einzelner Verstöße gegen die Maskenpflicht sei alles unauffällig verlaufen.“ Kein einziger Hinweis auf die brutalen Festnahmen. Fast wortgleich und ohne Hinweise auf die Eskalation berichtet auch die Berliner Zeitung und die Märkische Allgemeine. Über das, was vor Ort passierte, ist kein einziger Bericht in den großen Medien zu finden.

Selbst Redaktionen, die nicht in der Lage waren, jemanden vor Ort hinzuschicken, konnten die Livestreams von dort verfolgen. Ich habe öffentlich meine Aufnahmen allen Kollegen zur Verfügung gestellt.

Die Reaktion: Null.

Obwohl es brutale, bewegende, dramatische Szenen waren. Sehen Sie sich die bitte an  – das ist Ihre Pflicht als Journalist. Hier der Link zum Video.

Und jetzt Hand aufs Herz: Muss man über ein derartiges Vorgehen der Polizei nicht berichten? Die Frau, die am Anfang des Filmes zu sehen ist, wurde angezeigt wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und weil sie einen Polizisten geschlagen haben soll. Im Film ist ganz klar zu sehen, dass sie das nicht tat.

Kann man das verschweigen? Und stattdessen einfach über den nächsten Fahrradweg berichten?

Wir alle machen Fehler. Wir alle verpassen mal etwas. Wir alle sehen mal in die falsche Richtung.

Aber auf diesen Fehlern zu beharren, sich vor Informationen, die nicht passen, zu verschließen – das ist unverzeihlich. Ja es ist Verrat am Journalismus.

Wer – zu Recht – Menschenrechtsverletzungen, Polizeigewalt und staatliche Willkür in anderen Staaten anprangert und auch das Schweigen der Medien, der darf zuhause kein anderes Maß ansetzen. Der darf nicht, wenn auch vielleicht im Kleinen, genau das tun, was er anderen vorwirft. Die oft gehörte Relativierung, dass es in anderen Ländern viel schlimmer zugeht, ist Hütchenspielerei. Großes Unrecht kann nie die Rechtfertigung für kleines Unrecht oder dessen Verschweigen sein.

Die Menschenrechte von „Querdenkern“ und Kritikern der Corona-Maßnahmen sind nicht weniger wert als die Menschenrechte von denen, die Ihnen vielleicht politisch näher stehen, Kolleginnen und Kollegen. Wer heute Unrecht an seinen politischen Gegnern duldet, wird es morgen selbst erleiden. Das zeigt die Geschichte.

Die Vertrauenskrise in Sachen Medien ist gewaltig. Da hilft es auch nichts, sich mit selbstbestellten Studien in die Tasche zu lügen und das Gegenteil zu behaupten, wie das gerade die öffentlich-rechtlichen taten. In Gegenteil. Das macht alles nur noch schlimmer.

Jedes Wegsehen, jedes Verschweigen, jedes Lügen wie am Sonntag am Brandenburger Tor sorgt dafür, dass sich noch mehr Menschen von den Medien abwenden.

Sie sägen den Ast ab, auf dem Sie sitzen.

Natürlich werden Sie wegen dieses Briefes nicht Ihr Weltbild ändern, und das würde ich auch nie erwarten. Aber sehen Sie sich die Szenen an. Und dann schauen Sie in den Spiegel, und fragen Sie sich: Ist es richtig, das zu verschweigen? Und so zu tun, als sei alles gut gewesen?

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Boris Reitschuster

PS: Bereits nach Verfassen dieses Briefs erschien am Dienstag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel, in dem es u.a. hieß: „Die Methoden der sich so nennenden Querdenker werden unterdessen immer rabiater.“ Die rabiaten Methoden gegen die Querdenker werden darin mit keinen Wort erwähnt.


Bild: Reitschuster
Text br

 

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