Was ist Moral? Ein vorwurfsvolles Gespräch. „Betten machen mit jungen hübschen Krankenschwestern. Das stand Dir gut!“

Von Sönke Paulsen

Ich hätte es meiner Mutter einfach nicht sagen dürfen. Ich meine, dass ich im Herbst nach Großbritannien reise.

„Was willst Du denn da?“, fragte sie unwirsch.

„Na ja, ist doch ein schönes Land mit viel alter Kultur“, rechtfertigte ich mich. Das war schon zu viel!

„Kultur“, mein Junge, (sie sagt immer mein Junge, obwohl ich schon über sechzig bin), „Kultur haben die Engländer nicht mehr. Das war früher“.
Wie meinte sie das, ich schaute sie fragend an. Sie wartete nicht lange mit ihren Erläuterungen.

Ich solle mir nur den Boris Johnson anschauen, der habe ja nicht einmal einen Friseur und was der für einen Unsinn reden würde.
Ich versuchte etwas klug zu wirken, was bei meiner Mutter nicht einfach ist, weil sie zu viel durchschaut.

„Sein Ex-Berater Cummings hat ihm ja vorgeworfen, dass er gar nicht wisse, wie man Premierminister ist, er habe keinen Plan“.

„Er hat überhaupt keinen Plan“, meinte meine Mutter, „der weiß ja noch nicht mal, wie man sich die Hose richtig rum anzieht. Er erzählt ständig etwas anderes“.

„Cummings behauptete, er hätte ihm nur ins Amt geholfen, damit er ein „spezielles Problem“, den Brexit, löse, aber nicht, weil er als Premier geeignet sei“.

„Johnson behauptet das, was ihm gerade passt“, zischte meine Mutter, das sei völlig unenglisch. „Die Engländer sind das Volk, das ohne eine geschriebene Verfassung auskam, weil sie Moral hatten und sich an Regeln gehalten haben. Was ist davon noch übrig“?

„Weiß nicht“, antwortete ich und kratze mir verlegen den Kopf. Ich wusste es wirklich nicht.

Boris Johnson macht jedenfalls das, was ihm passt. Er hat das Parlament kurz vor dem Brexit suspendiert, um sein Abkommen durchzusetzen und der Queen erzählt, man brauche die Zeit für das neue Regierungsprogramm. Am Ende gab es aber außer dem Brexit-Abkommen nicht viel Neues. Die ganze Sache kam vor das Verfassungsgericht.

„In der Pandemie weiß man auch nicht, was seine Position ist. Mal macht er alles dicht und jetzt lässt er einen „freedom day“ feiern und macht alles auf. Im Herbst macht er vielleicht wieder alles dicht“.

„Genau“, sagte meine Mutter, „er hat keine innere Linie, keinen Charakter, keine Seriosität und keine Frisur“!

Ich musste ihr zustimmen und wollte aber gleichzeitig von Großbritannien weg, weil ich da immer noch hinmöchte. Meine Mutter kann einem so was richtig ausreden! Also fing ich mit dem Wahlkampf bei uns an und sagte: „Na ja, die Engländer sagen wenigstens noch ihre Meinung, bei uns tut das ja kaum noch einer. Guck Dir den Laschet an“!

„Laschet“, schrie meine Mutter auf, „sagtest Du den Laschet? Doch wohl eher das Laschet. Das ist kein Mann, sondern ein Würstchen“!

Ich merkte, dass meine Mutter gereizt war und versuchte sie durch Zustimmung zu besänftigen. Du hast ganz Recht, Mutti“, antwortete ich, „aber um auf Johnson zurückzukommen. Die Queen kann ihn nicht leiden, aber Merkel mag Armin Laschet. Sie hat sogar gesagt, dass sie keinen Unterschied zwischen sich und dem Kanzlerkandidaten der Union sehe.

„Na, da ist ja wohl doch ein Unterschied zwischen den beiden“, widersprach sie.

„Meinst Du das Würstchen?“, fragte ich unschuldig.

„Nicht nur das“, sagte sie, „Merkel beherrscht ihre Partei. Laschet tanzt nur herum. Der ist ständig auf der heißen Herdplatte unterwegs und legt sich nie fest. Kein Charakter!“

Mit der Beherrschung der Partei hatte sie Recht, denn Merkel sieht die Union eher als persönliches Anhängsel. Sagte sie doch kürzlich auf die Frage, wo sie am Wahlabend sei: „Das weiß ich noch nicht genau. Aber ich werde schon Verbindung haben, zu der Partei, die mir nahest…“ und korrigiert sich rasch: „Die mir nicht nur nahesteht, sondern deren Mitglied ich bin“.

Immerhin hat sich die Kanzlerin erinnert, dass sie ein Parteimitglied ist und nicht die Partei Mitglied bei ihr.

„Mutti“, rief ich aus, „gibt es denn überhaupt noch echte Männer in der Politik, ich meine mit Charakter“?

„Na der Trump war jedenfalls keiner“, antwortete sie, „der fiel in die Kategorie Johnson. Hatte übrigens auch keine Frisur“.

„Und Macron“ fragte ich, „der hat doch eine ganz gute Frisur“.

„Was fragst Du das, Junge“, antwortete sie unwillig, „der braucht doch auch eine ältere Frau, die ihn stützt“!

Herrjeh, dachte ich, sie lässt ja wieder an niemandem ein gutes Haar.

„Wie wäre es denn mit Putin“, murmelte ich.

„Wenn wir schon so weit sind, dass wir aus einem KGB-Agenten einen Staatsmann machen, weil es sonst keine Männer mehr gibt. Bitte schön“, merkte sie spitz an und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee, der mir mal wieder zu stark war. Für sie war er gerade richtig.

Ich hab ihr den Putin durchgelassen, obwohl Gorbatschow ja auch beim Geheimdienst war und der war ja wohl ein Staatsmann. Aber vielleicht hat sie Recht. Putin denkt eher wie ein KGBler und handelt teilweise auch so.

Sie grinste mich an. „Geh Du doch in die Politik, mein Junge, Du interessierst Dich doch dafür“.

Ich sah sie verdutzt an und stellt mich selbst als Politiker vor. Da musste ich lachen.

„Naja“ sagte ich scherzhaft, „die Italiener und die Ukrainer haben auch schon Komiker zu Präsidenten gewählt“.

„Natürlich willst auch Du keine Verantwortung für Dein Land übernehmen, wie die meisten. Das war bei Dir ja schon immer so“.

„Aber Mutti“, protestierte ich.

„Du wolltest ja auch nicht zur Bundeswehr, Du Faulpelz“!

„Ich war doch da“, verteidigte ich mich.

„Sechs Wochen“, korrigierte sie, „dann bist Du geflüchtet. Das war ja wohl nichts. Schau Dir den schrecklichen Zustand dieser Armee an! Das ist auch Schuld von Faulpelzen wie Dir, die verweigert haben“.

Das war mir zu hart! „Ich habe immerhin Zivildienst gemacht“, entgegnete ich.

„Zivildienst“, stöhnte sie, „Betten machen mit jungen hübschen Krankenschwestern. Das stand Dir gut“!

Zur Erläuterung muss man sagen, dass meine Mutter zwanzig Jahre bei der Bundeswehr gearbeitet hat und etwas von „innerer Führung“ versteht. Sie ist entsetzt über den heruntergekommenen Zustand und die schlechte Moral unserer Truppe. Das kann sie gar nicht oft genug sagen, weshalb ich versuchte, von dem Thema wegzukommen.

„Weißt Du noch“, frage ich sie, „als ich diese Petition wegen der heruntergekommenen Schulen gemacht habe? Wir hatten über eintausend Unterschriften. Das habe ich für unser Land getan“.

Meine Mutter lachte laut auf. „Unterschriften sammeln, ja das könnt ihr. Immer schön gegen etwas sein. Aber Moral ist etwas anderes. Da kann man nicht dagegen sein, sondern muss für etwas sein, für unser Land zum Beispiel und das auch verkörpern. Haltung annehmen.“

Sie fing schon wieder die alte Diskussion mit der Bundeswehr an, der Bereitschaft unser Land zu verteidigen und so weiter, genau dasselbe wie vor vierzig Jahren.

„Das ist doch ein alter Hut“, rief ich.

„Jedenfalls“, sagte sie, „wäre es mit so einer Haltung nicht dazu gekommen, dass unsere Stadt jetzt voll von Asozialen aus allen Ländern ist. Überall liegen die Obdachlosen herum und jeder spricht eine andere Sprache“.

„Du meinst den Bahnhof“, frage ich sie.

„Überall in der Stadt liegen sie herum“, schimpfte sie, „die Leute sind richtig verwahrlost“.

Mir ging das Gespräch nun entschieden zu weit und ich war entschlossen, einen Schlusspunkt zu setzen.

„Was bitte hat der Obdachlosen-Tourismus in Hamburg mit Boris Johnson und mir zu tun“?

Meine Mutter lächelte überlegen in sich hinein. Dann sagte sie: „Schau Dir Deine eigene Frisur an und Deine alten, verbeulten Jeans. Ist das eine Moral, so zu seiner alten Mutter zu kommen?“

Dann legte sie mir einen zwanzig Euro-Schein auf den Kaffeetisch.

„Hier mein Junge, denk mal über wirkliche Moral nach und dann geh zum Friseur. Du bist doch nicht mehr in der Pubertät.“

An dieser Stelle konnte ich nicht mehr widersprechen. Ich hätte dabei so oder so unreif gewirkt. Also steckte ich das Geld ein und versprach, beim nächsten Mal mit „mehr Moral“ vorbeizukommen.

Im Zug schrieb ich das Gespräch auf und kam ins Nachdenken. Ihre Vorstellung von Moral wirkt nicht zeitgemäß, hat aber etwas Entlarvendes. Ich habe mich jedenfalls ertappt gefühlt.

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Sönke Paulsen ist freier Blogger und Publizist. Er schreibt auch in seiner eigenen Zeitschrift „Heralt“. Hier finden Sie seine Fortsetzungsgeschichte „Angriff auf die Welt“ – der „wahre“ Bond.

Bild:
Text: Gast

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Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd, besagt ein chinesisches Sprichwort. In Deutschland 2021 braucht man dafür eher einen guten Anwalt.

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