Das alte Europa lebt – in Buenos Aires statt in Berlin Eindrücke aus einer Fußgängerzone, wie es sie bei uns kaum noch gibt

Manchmal muss man offenbar ans andere Ende der Welt reisen, um die eigene Umgebung besser zu verstehen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich gestern durch die Fußgängerzone von Buenos Aires in Argentinien spazierte. Es war ein Schock: Viele hatten mich vor meiner Reise nach Südamerika gewarnt: Kriminalität, Unsicherheit, Übergriffigkeit – ich war auf das Schlimmste gefasst. Und dann das – ausgerechnet in der Fußgängerzone der argentinischen Hauptstadt kam ich mir viel mehr Zuhause und in Europa vor als in den Fußgängerzonen in Deutschland – ob in Augsburg, Frankfurt oder Berlin.

Das, was man in Deutschland beschönigend „Partyszene“ nennt – ein oft migrantisch geprägtes, aggressives Milieu – fehlt im Herzen von Buenos Aires vollständig. Kein importierter Gewaltraum. Kein Unwohlsein. Kein instinktives Umschauen und Misstrauen beim Vorbeigehen an Gruppen. Ich fühlte mich sicher – in einer Metropole, die bei uns seit Jahrzehnten als gefährlich gilt.

Es fühlt sich ein bisschen an wie Deutschland, bevor Angela Merkel das Land bis zur Unkenntlichkeit veränderte – durch eine Politik der unbegrenzten Einwanderung aus Ländern, in denen es Krieg, Krisen und kein Gewalt-Tabu gibt. In Buenos Aires scheint die Zeit stehengeblieben zu sein – oder besser: Sie ist nicht entgleist. Man spürt etwas, das Deutschland einmal hatte, bevor ideologische Entgrenzung und politische Feigheit das Land veränderten. Die rot-grüne Politik hat nicht nur die Kontrolle über die Grenzen verloren, sondern auch über das gesellschaftliche Klima.

Die rot-grünen Kulturkrieger in Berlin haben die Krisengebiete unseres Planeten mitsamt der dort leider weit verbreiteten Gewalt zu uns importiert, Und dann stehe ich da mitten in Buenos Aires, von vielen gewarnt, wie gefährlich es da sei, und spüre: Keine Aggression, keine merkwürdigen Gestalten, bei denen man zuweilen Angst bekommt, dass sie gleich ein Messer ziehen – oder Pöbler, bei denen alle geflissentlich wegsehen.

Oder, um es mit Friedrich Merz zu sagen: Das „Stadtbild“ – im klassischen Sinne – in der Fußgängerzone von Buenos Aires ist europäisch geprägt. Daran ändert auch nicht die Tatsache, dass viele Schwarzhändler Devisentausch anbieten. Sie tun das überraschend dezent. Keine Vermummten mit Sonnenbrillen bei Einbruch der Dämmerung, keine vermüllten Ecken, keine grölenden Gruppen mit Dauerbeschallung vom Handy, viel Polizei. Ein Publikum, das eher an das alte Wien erinnert als an das heutige Neukölln.

Ein Argentinier erzählte mir, vieles habe sich erst gebessert, seit Präsident Milei durchgegriffen habe. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber der Eindruck bleibt: Hier wird durchgegriffen – nicht weggeschaut.

Klar, ich bin mir bewusst – ein paar Kilometer außerhalb vom Herzen von Buenos Aires sieht es völlig anders aus. Da gibt es Armenviertel, sogenannte „villas miseria“, die man lieber meidet – vergleichbar mit den Favelas in Brasilien. Aber mal ehrlich: Selbst in vielen deutschen Städten gibt es inzwischen Gegenden, in die sich selbst die Polizei nicht mehr traut. Und auf den ersten Blick sehen diese „villas“, die alles andere als Villen sind, gar nicht so aus, wie man es sich klischeehaft vorstellt. Kein offenes Elend, sondern Blechdächer, improvisierte Bauwerke, manchmal sogar gepflegte Höfe – aber mit einer unterschwelligen Spannung, die spürbar ist.

Auch wenn es hier viele Probleme gibt – Korruption, Kriminalität, Armut – sind Wärme, Lebensfreude und die fast anarchische Leichtigkeit des Seins geradezu ansteckend. Oft roh, ungeschliffen, aber zutiefst menschlich. Man hat wenig, das Leben ist hart – aber man genießt den Moment in einer Art, die ans Herz geht – und bei der man sich wünscht: Davon mehr bei uns. Mir ist bewusst: Meine Eindrücke sind Momentaufnahmen, kein Gutachten über einen Kontinent, der massive Probleme hat. Das hier ist kein Südamerika-Loblied. Es ist eine leise, melancholische Erinnerung an das, was wir in Deutschland verloren haben und längst nicht mehr spüren.

Mein zentraler Eindruck aus Südamerika: Es ist unsere Vergangenheit und Zukunft zugleich. Vergangenheit an den Stellen, die hier so wirken, als ob man sich auf einer Zeitreise ins alte Europa befindet – teilweise 1930er, teilweise 1980er Jahre. Zukunft, was die völlige Zersplitterung der Gesellschaft angeht, die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Ein Auseinanderfallen des Gemeinwesens. Die Probleme mit der öffentlichen Ordnung.

Eigentlich wollte ich über meine Reise kaum etwas oder gar nichts schreiben – weil ich es bei Kollegen immer kritisiere, wenn sie über Länder urteilen, von denen sie wenig wissen. Und ich kenne Südamerika nicht wirklich. Die Reise hat mir aber im reifen Alter völlig neue Welten und Blickwinkel eröffnet – vor allem mit Blick auf Deutschland.

Wenn Sie lesen wollen,

  • warum ich an anderer Stelle in Buenos Aires den Glauben an die menschliche Intelligenz verlor,
  • warum Brasilien mir eine „Perestroika“ für mein Zeitverständnis brachte und ich die Deutsche Bahn seitdem endgültig für schlechte Satire halte,
  • was wir von Rio lernen können – im Guten und im Schlechten,
  • warum, wenn ich Europa verlassen müsste, Uruguay und Argentinien meine erste Wahl wären und nicht die USA oder Südostasien und auch nicht Brasilien, in das ich mich (auch wenn es unvernünftig ist) ein bisschen verliebt habe,
  • wie aus Selfie-Tourismus eine globale Seuche wurde, wie Klicks Eindrücke ersetzen, wie Instagram zum Louvre des Narzissmus mutierte – und warum man in zwanzig Jahren wohl nur noch ungläubig den Kopf schütteln wird beim Zurückdenken (sagt einer, der selbst Videos macht) – also, wenn Sie das interessiert, und Sie einen Blick über den Tellerrand und die Daueraufregung werfen wollen, als Ablenkung mit Tiefgang, dann lassen Sie es mich wissen. Dann berichte ich noch weiter. Nicht von meiner Reise an sich – sondern von dem, was mich der Blick von weit außen gelehrt hat. Und welche Perspektiven sich eröffnen, wenn man weit genug weg ist, um wieder klarer zu sehen. Wenn Sie keine Lust darauf haben – kein Problem. Dann lasse ich es bleiben und tue das, was mir am schwersten fällt: den Mund halten. Und erlebe einfach weiter die Faszination meiner Zeitreise ins „alte Europa“ (und seine Zukunft) am anderen Ende der Welt.
  • PS: Keine Sorge – oder Hoffnung: ich komme zurück, nur mit anderen Augen. Ich habe kein politisches Asyl bei Milei beantragt. Noch nicht. Und nein, ich idealisiere hier nichts – auch wenn ein bisschen Fernweh erlaubt sein darf, selbst bei jemandem, der sonst eher mit beiden Beinen auf dem Boden steht.
    Und noch eine Antwort vorweg: Nein, es war kein Urlaub im klassischen Sinn – eher eine Flucht ins Denken. Mein Notebook ist mein Büro, und dank ein paar günstiger Meilentickets konnte ich mir diesen alten Jugendtraum erfüllen.
    PPS: Und ja, ich höre den Einwand schon: „Ein paar Straßen weiter ist es auch in Buenos Aires nicht ungefährlich.“ Mag sein. Aber wissen Sie was? In Berlin oder Frankfurt muss man dafür nicht mal ein paar Straßen weitergehen.
    PPPS: Und bevor jetzt jemand fragt: Nein, ich habe kein Selfie mit Matebecher auf Instagram gepostet. Dafür fehlt mir das richtige Hipster-Gen. Den Selfie-Stick habe ich zwar – aber nur für Video-Kommentare. Ich schwöre: Kein einziges Selfie auf der ganzen Reise! So wahr mir Algorithmus helfe!
    PPPPS: Weil es jetzt wieder Kommentare gab: Ja, auch in Osteuropa ist das alte Europa noch lebendig – gerade in den Fußgängerzonen, keine Frage. Ich habe nie das Gegenteil behauptet, im Gegenteil. Aber Buenos Aires ist nicht Bukarest. Es ist Südeuropa mit Karneval, Tango und Meer. Und manchmal braucht es so einen Tapetenwechsel, um zu spüren, was uns daheim fehlt. Und eben auch, wie sehr wir uns daheim entwöhnt haben von Nähe, Leichtigkeit und Leben. Um sich zu erinnern, dass Europa einmal ein Sehnsuchtsort war – nicht nur für Vorschriften, Wärmepumpen und Gendersternchen.
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