150 Euro zu Ostern: Die Linke hat eine Idee Professor Rießinger rechnet für Sie nach, was das kostet

Von Thomas Rießinger

Ich bin dafür. 

Fast hätte ich einen bahnbrechenden Vorschlag der SED, die man auch als „Die Linke“ bezeichnet*, übersehen. Am 24. März gegen 12 Uhr veröffentlichten ihre sympathischen Vorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken auf X eine glänzende Idee.

In ihrem Video darf man sich an dem folgenden Text erfreuen, den sie in schöner Eintracht abwechselnd aufsagen: „Ostern! Ab in die Osterferien. Zeit, zur Familie zu fahren. Aber bei den Sprit- und Bahnticketpreisen? Wer soll sich das noch leisten? Die Spritpreise kratzen wieder am Rekordhoch. Fast so teuer wie nach Beginn des Ukrainekriegs. Und viele überlegen sich gerade echt, ob sie zu Hause bleiben sollen. Während wir also jeden Cent umdrehen, machen die Öl- und Energiekonzerne Rekordgewinne mit dem Krieg. Die Krise wird ausgenutzt und wir zahlen den Preis. Dabei ist die Lösung ganz einfach: eine Osterprämie! 150 Euro Energiegeld für alle. Schnell, unkompliziert, direkt auf dein Konto. Ein Energiekrisengeld als Osterrettungsgeld für Millionen Menschen, damit sich alle leisten können, an Ostern zur Oma zu fahren.“

Ist das nicht eine großartige Idee? Die X-Nutzer, die sie zur Kenntnis genommen und kommentiert haben, waren seltsamerweise nicht übermäßig begeistert, man sprach von Kindergartenniveau und davon, dass man die Menschen erst ausplündert, um ihnen dann einen kleinen Teil wieder zurück zu geben. Muss man denn immer derart negativ denken? Kann man sich nicht einfach darüber freuen, dass wieder einmal der Sozialismus sein menschliches Antlitz zeigt und allen, wirklich allen eine Freude machen will, damit niemand zurück bleibt und alle zur Oma können, auch wenn die vielleicht schon lange nicht mehr lebt? Da darf man nicht kleinlich sein, bei einer guten Sache muss nicht jede Kleinigkeit passen.

Warum nur Ostern?

Nur einen Vorwurf kann ich den beiden vor guter Laune sprühenden Parteivorsitzenden nicht ersparen. Warum denn nur zu Ostern? Auch Pfingsten steht vor der Tür, der 24. Mai ist nicht mehr weit, und welche Oma freut sich nicht über einen Pfingstbesuch? Der Opa vielleicht auch, aber der ist ja ein Mann und deshalb vollauf mit seiner Neigung zur digitalen Gewalt ausgelastet. Und was ist mit Weihnachten? Erfahrungsgemäß wird es vom 24. bis zum 26. Dezember stattfinden, und weder Schwerdtner noch van Aken werden hier wegen eines Mangels von 150 Euro alleine vor sich hin weinende Großmütter verantworten wollen.

Doch es wäre fatal, sich nur auf die klassischen christlichen Feste zu konzentrieren und eine aufstrebende, friedliebende und zu Deutschland gehörende Religion zu vergessen: den Islam. Der Ramadan ist nun leider schon vorbei, aber bis zum Opferfest dauert es nicht mehr lange, es beginnt am 26. Mai und ist nach Auskunft von Wikipedia das höchste islamische Fest, zu dem man insbesondere die Verwandtschaft besucht. Was könnte da passender sein als ein kleines Opferfestrettungsgeld?

Vier Termine, die geradezu nach Unterstützung zum Himmel schreien, egal zu welchem. Fördert man einen, darf man die anderen nicht vernachlässigen, das wäre ungerecht, und bei der SED legte man bekanntlich auf Gerechtigkeit schon immer großen Wert, vor allem beim Grenzübertritt. Doch eine Frage ist noch offen: Wer soll das bezahlen? Wie kann man das finanzieren? Auf den ersten Blick erscheint die Frage schwierig, „dabei ist“, um noch einmal die freundlichen Vorsitzenden zu bemühen, „die Lösung ganz einfach.“ Deutschland hat nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes etwa 83,5 Millionen Einwohner. Erhält jeder von ihnen 150 Euro, so sind das insgesamt etwa 12,5 Milliarden Euro. Da es sich aber konsequenterweise um vier Termine handeln muss, zu denen diese milde Gabe über die glücklichen Menschen verstreut wird, kommt man auf lächerliche 50 Milliarden Euro.

Dabei ist die Lösung ganz einfach

Warum ist das lächerlich? Weil der Finanzierungsvorschlag schon seit Tagen auf dem Tisch liegt. Ich hatte kürzlich nachgerechnet, dass eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte immerhin knapp 32 Milliarden Euro in die Staatskassen spült, während es bei drei Prozentpunkten schon knapp 48 Milliarden sind. Somit muss man sich nur auf eine Erhöhung von 19 Prozent auf 22 Prozent einigen, und schon hat man 48 der benötigten 50 Milliarden parat. Die restlichen zwei Milliarden werden sich finden, eine moderate Erhöhung des Spitzensteuersatzes bei der Einkommenssteuer, die ohnehin die Richtigen trifft, würde sicher helfen. Man muss nur darauf achten, dass die Steuergelder, die aus globaler Verantwortung ins Ausland fließen, nicht geschmälert werden, denn unserer Zuständigkeit für Weltfrieden und Weltklima dürfen wir uns unter keinen Umständen entziehen, koste es den Steuerzahler, was es wolle.

Vor mehr als 100 Jahren äußerte der britische Kriegsminister Haldane über das damalige Kaiserreich: „Wenn man in dieser wohlorganisierten Nation bis zum allerobersten Stockwerk aufsteigt, findet man nicht bloß Konfusion, sondern Chaos.“ Das Kaiserreich ist schon lange Geschichte, auch von einer wohlorgansierten Nation wird man kaum noch reden können. 

Aber Konfusion und Chaos sind geblieben.  

*) Anmerkung von Boris Reitschuster: Die  „Linke“ hat selbst rechtsverbindlich vor Gericht erklärt hat, dass sie rechtsidentisch ist mit der SED (wohl um ans Parteivermögen zu kommen). Nachzulesen hier.

Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert. Sein Buch „Wetten, dass Sie Mathe können – Zahlenakrobatik für den Alltag“ finden Sie hier. Über diesen Link finden Sie eine Übersicht über seine Fachbücher.

Bild: Symbolbild/KI-generiert/Grok)