Von Bodo Neumann
Es wäre vermessen, die in Deutschland über lange Zeiträume gewachsenen gesellschaftlichen Missstände in ihrer ganzen Komplexität auf wenigen Seiten erfassen zu wollen. Die nachfolgenden Überlegungen erheben daher weder den Anspruch, die über Jahre gewachsenen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen in ihrer Gesamtheit zu erfassen, noch eine umfassende Ursachenanalyse vorzulegen. Vielmehr konzentrieren sie sich auf einen Aspekt, der bislang vergleichsweise wenig Beachtung gefunden hat: das Psychogramm einer vermeintlichen Elite in Deutschland, die ich „Unsere Elite“ nenne.
„Unsere Elite“ subsummiere ich unter dem bekannten Ausgrenzungsnarrativ „Unsere Demokratie“, die sich im Laufe der letzten Jahre gesinnungsideologisch manifestiert hat. Sie gibt in der Öffentlichkeit den Ton an und ist bevormundend, moralisierend, identitätspolitisch und einschränkend für die Meinungsfreiheit. Wer sich an die Regeln des „Systems“ hält, ist „dabei“, wer nicht, gilt als außenstehend.
Die Gruppen um die es in diesem Beitrag geht und die sich als gesellschaftliche Elite sehen wie Politiker, Journalisten, Künstler, Intellektuelle etc., sind zahlenmäßig eher klein und prägen trotzdem die vorherrschende Meinung, die nicht automatisch die öffentliche Meinung ist, wie man sie demoskopisch erheben könnte. Viele von ihnen stehen gesinnungsideologisch dem Ökosozialismus nah.
Die Entstehung einer ideologischen Wirklichkeit
Die Geschichte politischer Herrschaft wird häufig als Geschichte von Institutionen, Klassen oder ökonomischen Interessen erzählt. Weniger Beachtung findet die psychologische Struktur jener Gruppen, die Macht ausüben und legitimieren. Besonders aufschlussreich wird diese Perspektive in Gesellschaften, deren Führungsschicht nicht primär auf Gewalt, Tradition oder ökonomische Dominanz zurückgreift, sondern auf moralische Autorität. Die Herrschaft einer solchen „Elite“ beruht auf einem bemerkenswerten psychologischen Fundament: der Überzeugung, nicht lediglich politische Verantwortung zu tragen, sondern im Besitz einer höheren Einsicht zu sein.
Die herrschende Elite in Deutschland, „Unsere Elite“ versteht sich nicht als politische Klasse, sondern als moralische Avantgarde. Ihr Selbstbild basiert auf der Überzeugung, über ein höheres Bewusstsein, eine überlegene Einsicht und eine besondere historische Verantwortung zu verfügen. Sie betrachtet sich als Hüterin der Wahrheit und als notwendige Führungsinstanz einer Bevölkerung, die als unreif, verführbar oder moralisch defizitär angesehen wird.
Psychologisch zeichnet sich diese Elite durch eine Mischung aus Narzissmus, missionarischem Sendungsbewusstsein und ausgeprägtem Konformitätsdruck aus. Die Mitglieder empfinden sich als Angehörige eines exklusiven Kreises von „Erwachten“, die erkannt haben, was für die Gesellschaft richtig ist. Aus dieser Selbstwahrnehmung entsteht eine tiefe moralische Selbstgewissheit. Zweifel gelten nicht als Ausdruck intellektueller Redlichkeit, sondern als Schwäche oder Verrat.
Tiefen- und sozialpsychologisches Psychogramm „Unsere Elite“
Im Mittelpunkt der Analyse stehen ihre Denkgewohnheiten, Selbstbilder, moralischen Gewissheiten und Wahrnehmungsfilter, die den Anspruch auf kulturelle oder intellektuelle Führungsrolle begleiten und zugleich dazu beitragen können, den Blick auf gesellschaftliche Realitäten zu verengen. Die Analyse richtet sich damit weniger auf Personen als auf ein Milieu und dessen charakteristische Mentalitätsstrukturen.
Kollektiver Narzissmus: Die Überzeugung von der eigenen Auserwähltheit
Das psychologische Fundament von „Unsere Elite“ ist ein kollektiver Narzissmus. Die Gruppe entwickelt die Überzeugung, nicht nur kompetenter, sondern auch moralisch wertvoller als die übrige Gesellschaft zu sein. Ihre Mitglieder erleben ihre Zugehörigkeit als Auszeichnung. Die eigene Gruppe wird idealisiert und als historischer Träger des Fortschritts dargestellt.
Dabei entsteht ein paradoxes Verhältnis zur Außenwelt. Einerseits betrachtet sich diese Elite als überlegen, andererseits reagiert sie außerordentlich empfindlich auf Kritik. Jede Infragestellung ihrer Ideen wird als Angriff auf ihre Identität wahrgenommen. Da das Selbstwertgefühl an die Vorstellung der eigenen moralischen Größe gekoppelt ist, werden Kritiker schnell als Feinde, Verirrte oder Gefährder etikettiert.
„Unsere Elite“ erscheint somit nach außen als selbstsicher und moralisch überlegen. Im Inneren wird sie jedoch von der ständigen Notwendigkeit zusammengehalten, ihre eigene Legitimität zu bestätigen. Ihre größte Schwäche liegt daher nicht in mangelnder Macht, sondern in ihrer Unfähigkeit, ernsthafte Zweifel an den eigenen Grundannahmen zuzulassen.
Autoritäre Persönlichkeit im Gewand des Humanismus
„Unsere Elite“ lehnt offene Autorität offiziell ab und präsentiert sich als aufgeklärt, tolerant und emanzipatorisch. Gleichzeitig zeigt sie psychologische Merkmale autoritärer Strukturen.
Kennzeichnend ist der Wunsch nach Kontrolle über Sprache, Normen und gesellschaftliche Deutungen. Die Mitglieder vertrauen weniger auf die Fähigkeit der Bürger zur eigenständigen Urteilsbildung als auf die Lenkung durch Experten, Institutionen und moralische Leitlinien.
Die autoritäre Komponente äußert sich nicht in offenem Zwang, sondern in der Überzeugung, dass Freiheit nur innerhalb eines vorgegebenen moralischen Rahmens legitim sei. Abweichungen erscheinen nicht als normale Ausdrucksformen einer pluralistischen Gesellschaft, sondern als Gefährdungen des Gemeinwohls.
Paradoxerweise sieht sich diese Elite somit selbst als Befreierin der Menschen, während sie deren Autonomie zunehmend einschränken muss, um die gewünschte gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Dieser Widerspruch wird durch moralische Rationalisierungen überdeckt: Freiheit wird nur dort akzeptiert, wo sie den ideologischen Zielen nicht widerspricht.
Moralismus als Machttechnik
„Unsere Elite“ stützt ihre Herrschaft nicht primär auf Gewalt oder ökonomische Macht, sondern auf moralische Legitimation.
Politische Fragen werden in ethische Kategorien übersetzt. Dadurch entsteht ein System, in dem Zustimmung als Tugend und Widerspruch als moralisches Defizit erscheint. Wer die herrschende Ideologie kritisiert, gilt nicht einfach als anderer Meinung, sondern als unsolidarisch, verantwortungslos oder rückständig.
Der Vorteil dieser Strategie besteht darin, dass Machtverhältnisse unsichtbar werden. Die Elite erscheint nicht als Herrschaftsgruppe, sondern als moralische Instanz. Ihre Interessen werden mit den Interessen der gesamten Gesellschaft identifiziert.
Ein zentrales Merkmal ist somit die Verschmelzung von Macht und Moral. Die Elite legitimiert ihre Entscheidungen nicht primär durch Ergebnisse oder demokratische Zustimmung, sondern durch ihre behauptete moralische Überlegenheit. Dadurch entwickelt sich eine Denkweise, in der politische Gegner nicht als legitime Konkurrenten erscheinen, sondern als ethisch minderwertige Personen. Kritik wird deshalb nicht sachlich diskutiert, sondern moralisch bewertet und häufig als Gefahr für das Gemeinwohl interpretiert.
Gruppendenken und Realitätsverlust
Die innere Dynamik von „Unsere Elite“ wird von einem starken Bedürfnis nach Konsens geprägt. Abweichende Meinungen gefährden die Harmonie der Gruppe und werden daher subtil oder offen sanktioniert.
Mit der Zeit entsteht ein geschlossenes Weltbild, in dem alle Ereignisse die eigene Ideologie zu bestätigen scheinen. Informationen, die nicht in dieses Weltbild passen, werden ignoriert, umgedeutet oder moralisch delegitimiert.
Die Folge ist ein schleichender Realitätsverlust. Diese Elite verliert die Fähigkeit, zwischen tatsächlicher Zustimmung und bloßer Anpassung zu unterscheiden. Kritik verschwindet nicht, sondern wird lediglich unsichtbar gemacht.
Innerhalb der Gruppe herrscht somit ein starker sozialer Anpassungsdruck. Obwohl Individualität offiziell gefeiert wird, existiert faktisch ein enges Spektrum erlaubter Überzeugungen. Mitglieder überwachen sich gegenseitig auf ideologische Reinheit. Die Angst vor Ausschluss aus dem inneren Kreis führt zu einer Kultur der Selbstzensur. Öffentliche Loyalitätsbekundungen ersetzen zunehmend unabhängiges Denken.
Sektenpsychologische Elemente
Obwohl „Unsere Elite“ keine religiöse Gemeinschaft ist, weist sie zahlreiche sektenähnliche Eigenschaften auf.
Sie besitzt eine Heilslehre über die Zukunft der Gesellschaft, einen festen Kanon moralischer Wahrheiten, eigene Sprachregelungen, Rituale öffentlicher Bekenntnisse und Mechanismen der Ausgrenzung von Dissidenten.
Die Zugehörigkeit zur Gruppe vermittelt Sinn, Identität und soziale Anerkennung. Dadurch entsteht eine starke emotionale Bindung, die rationale Kritik erschwert.
Wie in vielen sektenähnlichen Systemen wird die Welt in Eingeweihte und Nicht-Eingeweihte unterteilt. Die Elite betrachtet sich als Träger eines Wissens, das der Mehrheit angeblich verborgen bleibt.
„Unsere Elite“ entwickelt zudem typische sektenähnliche Strukturen. Sie verfügt über eine eigene Sprache, spezielle Begriffe und moralische Codes, die für Außenstehende schwer verständlich sind. Diese Sprache dient nicht nur der Kommunikation, sondern der Identitätsbildung. Wer die richtigen Begriffe verwendet, signalisiert Zugehörigkeit; wer sie infrage stellt, macht sich verdächtig.
Die Angst als verborgener Antrieb
Hinter dem Selbstbewusstsein von „Unsere Elite“ verbirgt sich eine tiefe Unsicherheit. Sie fürchtet den Verlust ihrer moralischen Autorität, den Verlust gesellschaftlicher Kontrolle, die Widerlegung ihrer Grundannahmen und die Rückkehr konkurrierender Weltanschauungen.
Je größer diese Angst wird, desto stärker wächst das Bedürfnis nach Kontrolle. Überwachung, Regulierung und soziale Sanktionen dienen nicht nur der Machterhaltung, sondern auch der psychologischen Stabilisierung der Gruppe.
Somit ist trotz ihres Selbstvertrauens „Unsere Elite“ von latenter Angst geprägt. Sie fürchtet den Kontrollverlust, den Bedeutungsverlust ihrer Ideen und die Möglichkeit, dass ihre Gewissheiten falsch sein könnten. Diese Angst äußert sich in einem ständigen Bedürfnis nach Überwachung, Regulierung und ideologischer Absicherung. Je stärker die Unsicherheit wächst, desto rigider werden die Kontrollmechanismen.
„Unsere Elite“ versucht letztlich, ihre eigenen Zweifel durch immer neue Bestätigungen ihrer Ideologie zu verdrängen.
Die zentrale Hybris von „Unsere Elite“ und „Unsere Demokratie“
Die eigentliche Hybris von „Unsere Elite“, die ein wesentlicher Teilbereich von „Unsere Demokratie“ ist, besteht darin, dass sie ihre Herrschaft nicht als Herrschaft erlebt. Sie betrachtet sich als Befreierin, Erzieherin und Beschützerin der Gesellschaft.
Gerade deshalb erkennt sie die autoritären Konsequenzen ihres Handelns nicht. Jede Einschränkung von Freiheit erscheint ihr als notwendige Maßnahme für ein höheres Ziel. Jede Kritik bestätigt scheinbar nur die Notwendigkeit ihrer Mission.
So entsteht ein System, das sich selbst für zutiefst human hält, während es gleichzeitig immer weniger Raum für Widerspruch, Vielfalt und spontane gesellschaftliche Entwicklung zulässt.
Am Ende ist es ein System, das nicht nur an seiner möglichen Bosheit, sondern an seiner Selbstgewissheit krankt. Die Herrschenden verlieren allmählich den Kontakt zur gesellschaftlichen Realität, weil sie Kritik nicht mehr als Erkenntnisquelle nutzen können. Sie bewegen sich in einem geschlossenen Deutungsraum, in dem Zustimmung als Wahrheit und Widerspruch als Irrtum erscheint.
Die Symbiose von „Unsere Demokratie“ und „Unsere Elite“, zeigt die eigentliche Gefahr: So kann ein Herrschaftssystem entstehen- eine Art „Polit- Oligarchie“-, das seine Macht nicht trotz seiner moralischen Überzeugungen ausübt, sondern gerade durch sie. Je stärker ihre moralische Gewissheit wächst, desto schwieriger wird es für sie, die Möglichkeit des eigenen Irrtums zu erkennen. Wo diese Fähigkeit verloren geht, beginnt jede Ideologie- unabhängig von ihren ursprünglichen Absichten- den Weg in eine Form des geistigen Totalitarismus.
Bleiben wir wachsam!
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Bodo Neumann ist promovierter Diplompsychologe. Er verfügt über langjährige Beratungs- und Forschungserfahrungen, die er einsetzt für Menschen in Veränderungssituationen, die ihre Signatur-Stärken entfalten wollen und somit lernen, ihre Erfolgspotentiale zu erkennen und zu entwickeln. Sein neuestes Buch Charachtertest Corona finden Sie hier.
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