Wer noch irgendwelche Zweifel hatte, dass unser Land in eine Art Wahn politischer Hygiene versunken ist, bekommt jetzt einen besonders anschaulichen Beweis. Vielleicht haben Sie es schon gelesen: BMW hat am 6. Oktober, dem Tag, an dem der AfD-Politiker Tobias Rausch als erster Vertreter seiner Partei zum Präsidenten eines deutschen Landesparlaments gewählt wurde, ein vorher gemachtes Leasingangebot für einen Dienstwagen zurückgezogen. Die Landtagsverwaltung von Sachsen-Anhalt hat das der Zeit bestätigt. Und BMW? Man äußere sich „grundsätzlich nicht zu Kundenbeziehungen“. Übersetzt heißt das: Wir sagen lieber nichts, weil jede Antwort peinlich wäre.
Laut Landtagsverwaltung hatte von den drei großen Nobelmarken-Anbietern in Deutschland zuvor ohnehin nur BMW ein Angebot gemacht. Mercedes und Audi hatten gar nicht erst ein Gebot abgeliefert. Mit anderen Worten: Die politische Korrektheit geht inzwischen so weit, dass drei deutsche Nobelmarken einem gewählten Parlamentspräsidenten kein Auto mehr überlassen wollen, wenn er einer in ihren Augen „falschen“ Partei angehört. Dass die Wähler so entschieden haben? Den Autobauern in München, Ingolstadt und Stuttgart, die traditionell enge Beziehungen zum Staat pflegen, ist das offenbar egal.
Dabei geht es nicht um ein Auto für die AfD. Kunde ist der Landtag, bezahlen tut der Steuerzahler und dem Präsidenten steht ein Dienstwagen mit Fahrer zu. So steht es in den Regeln und die gelten eigentlich unabhängig vom Parteibuch. Eigentlich. Vorerst kurvt der 35-Jährige mit dem 7er seines CDU-Vorgängers Gunnar Schellenberger durch Magdeburg, der neun Monate alt ist und über 50.000 Kilometer auf dem Tacho hat. Im November läuft der Vertrag aus, und danach liegt kein Angebot eines namhaften deutschen Herstellers vor. Ob der Präsident eines Landesparlaments künftig Auto fährt oder Straßenbahn, entscheidet also offenbar nicht mehr der Landtag, sondern ein paar Manager in München.
Gift nach Postleitzahl
Wes Geistes Kind die sind, hat BMW-Chef Milan Nedeljković zwei Wochen vor der Absage der FAZ verraten. Rechtspopulismus und Nationalismus seien „Gift für einen weltoffenen Wirtschaftsstandort“, hat er gesagt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, denn es kommt von einem Konzern, dessen größter Einzelmarkt China heißt. Mit „Weltoffenheit“ hat man dort ganz offenbar keine Probleme, wenn sie von der Kommunistischen Partei kommt. Im Mai 2024 hat der US-Senat in einem Untersuchungsbericht festgestellt, dass BMW mindestens 8.000 Minis mit einem Bauteil eingeführt hatte, dessen Zulieferer wegen Verdachts auf Zwangsarbeit in Xinjiang auf einer amerikanischen Bannliste stand. Und die Einfuhren liefen auch nach dem Hinweis munter weiter. Uiguren im Lager sind für BMW also offenbar kein Gift. Ein AfD-Mann im Landtagspräsidium dagegen schon. Gift ist eben eine Frage der Postleitzahl.
Mit dem Kreml hatten die deutschen Autobauer auch kein Problem. BMW lässt seit 1999 in Kaliningrad bei Awtor montieren. Die Krim-Annexion 2014 war für München kein Grund, daran etwas zu ändern. Noch im Februar 2022, als russische Truppen längst an der ukrainischen Grenze aufmarschiert waren, verlängerte BMW den Vertrag bis 2028, samt Hunderten Millionen Dollar an geplanten Investitionen ins Werk. Zwei Wochen später rollten die Panzer und erst dann zog man die Reißleine. Mercedes hat 2019, fünf Jahre nach der Krim, ein eigenes Werk bei Moskau eröffnet und Putin kam höchstpersönlich zum Bändchendurchschneiden. Acht Jahre Putin nach der Krim waren also kein Problem. Acht Stunden AfD-Landtagspräsident dagegen schon.
Der Stern der Autokraten
Richtig grotesk wird es bei Mercedes. Der Stern ist seit Jahrzehnten das Lieblingsspielzeug von Herrschern, die sich um Wahlen nicht scheren. Putin ließ sich bis 2018 in einem gepanzerten S 600 Pullman aus Sindelfingen chauffieren, bevor er auf die russische Eigenmarke Aurus umstieg. Lukaschenko fährt Mercedes, Erdoğan fährt Mercedes, Alijew fährt Mercedes, al-Sisi fährt Mercedes. Und selbst Kim Jong-un lässt sich seit Jahren in S-Klasse und Maybach durch Pjöngjang fahren. Die Autos kamen trotz Sanktionen auf verschlungenen Wegen dorthin und in Stuttgart hat das niemandem den Schlaf geraubt. Mit dieser Kundschaft konnte man immer gut leben. Für einen gewählten Landtagspräsidenten in Magdeburg dagegen hatte man nicht einmal ein Blatt Papier übrig.
Beschwichtiger werden jetzt einwenden: Mercedes und Audi haben doch gar nichts abgelehnt, die haben nur nichts angeboten. Aber ich bin zu lange im Geschäft, um solche Augenwischerei für bare Münze zu nehmen. Die wirksamsten Verbote sind die, die nie jemand ausspricht. Da muss keiner Nein sagen, weil alle wissen, dass man besser nicht Ja sagt. Ob in Stuttgart und Ingolstadt jemand eine Anweisung gegeben hat oder ob es nur vorauseilender Gehorsam war, ist am Ende egal. Es ist ein Boykott, nur dass keiner das Wort in den Mund nehmen muss. Feigheit mit Compliance-Abteilung.
Vom Konto bis zum Hundekorb
Man muss sich klarmachen, worum es hier geht. Verweigert wird kein Parteibüro und kein Spendenkonto, sondern die Grundausstattung eines Verfassungsorgans. Und das ist nur die vorerst letzte Sprosse auf einer Leiter, die jede Woche ein Stück höher führt.
Erst kündigten die Banken die Konten. Inzwischen werden sogar Hypothekenkredite nicht mehr verlängert, wenn jemand durch eine Überweisung an die falsche Partei auffällt. In Sachsen darf die Tochter von Götz Kubitschek nicht einmal ihr Referendariat machen, weil sie den falschen Vater und den falschen Ehemann hat. Das ist Sippenhaft mit Segen des Oberverwaltungsgerichts. Großmütter sehen ihre Enkel nicht mehr, weil sie die falsche Partei wählen. In Niedersachsen verweigert ein Tierschutzverein einer AfD-Abgeordneten eine Setter-Hündin, weil man einen „ausländischen Hund“ nicht an jemanden mit ihrer politischen Zugehörigkeit gebe. Lieber bleibt das Tier im Zwinger. Beim Spiegel fordert man inzwischen ganz offen das Verbot der Partei, die gerade in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt die Wahlen gewonnen hat. Und jetzt also der Dienstwagen.
Konto, Kredit, Ausbildung, Familie, Hund, Auto. Die Brandmauer ist längst aus dem Parlament ausgezogen. Sie steht heute in Bankfilialen, Kultusministerien, Wohnzimmern, Tierheimen und Einkaufsabteilungen. Und mit jedem Fall kommt sie näher an das, was eigentlich unantastbar sein sollte: den Staat selbst und die Ämter, die die Wähler vergeben.
Woher der Reinheitswahn?
Bleibt die große Frage: Woher kommt dieser Reinheitswahn? Über die religiöse Wurzel habe ich bei der Hunde-Geschichte geschrieben. Die Kirchen sind leer, aber das Bedürfnis nach Heiligen und Ketzern ist geblieben. Der Fall BMW zeigt eine weitere Seite dieser Ersatzreligion und die ist so alt wie die Kirche selbst: den Ablasshandel.
Man muss sich nur die Bilanz anschauen. Ein Konzern, der verdächtige Teile aus Xinjiang verbaut, mit der KP in Shenyang glänzende Geschäfte macht und bis zur letzten Minute in Kaliningrad montieren ließ, hat ein gewaltiges moralisches Konto im Minus. Und nirgends ist Absolution so billig zu haben wie in Magdeburg. Ein zurückgezogenes Leasingangebot kostet ein paar Zehntausend Euro Umsatz. Dafür gibt es Applaus im Feuilleton, Ruhe vor den Aktivisten und ein Sternchen im ESG-Ranking. Das ist ein Ablassbrief zum Schnäppchenpreis. Je dreckiger die Hände in China, desto gründlicher wäscht man sie in Sachsen-Anhalt.
Befehl nicht nötig
Dazu kommt die Feigheit, die hierzulande als Haltung durchgeht. Kein Vorstand ist je gefeuert worden, weil er einem AfD-Politiker kein Auto vermietet hat. Aber jeder Manager weiß, was ihm blüht, wenn ein Foto von Rausch im nagelneuen 7er im „Spiegel“ landet, Überschrift: „BMW fährt AfD“. In so einem Klima braucht es keinen Befehl von oben. Es genügt, dass jeder Angst hat, als Letzter noch ungewaschene Hände zu haben. Wer ausgrenzt, riskiert nichts, glaubt man in den Chefetagen.
Ein gewaltiger Irrtum. Die deutschen Autobauer stecken in der schwersten Krise seit Jahrzehnten: Absatz in China im Sinkflug, Gewinne eingebrochen, Stellenabbau, Werke auf der Kippe. In dieser Lage stößt man ausgerechnet die AfD-Wähler vor den Kopf – laut Umfragen fast schon jeder Dritte. Das sind keine Randfiguren, das sind Abermillionen Menschen und viele von ihnen sind genau die Kundschaft, die noch deutsche Autos kauft: Handwerker, Mittelständler, Pendler vom Land. BMW baut übrigens seit 2005 in Leipzig, mitten in Sachsen, wo die AfD stärkste Kraft ist. Und Konzernchef Nedeljković kennt das Werk bestens: Er hat es selbst jahrelang geleitet. Man darf annehmen, dass ein ordentlicher Teil seiner früheren Belegschaft genauso wählt wie die Nachbarn in Sachsen-Anhalt, deren Landtagspräsident nun kein Auto bekommt. Jahrelang haben dieselben Manager mit Häme zugesehen, wie Elon Musk mit seiner Politik Tesla-Kunden vergrault hat. Jetzt machen sie es selbst, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Das ist keine Haltung, das ist wirtschaftlicher Selbstmord mit Ansage.
Warum tut man sich das an? Weil am Ende eine uralte, archaische Angst steht, die jede Bilanz schlägt: die Angst vor der Berührung. Was der Unreine anfasst, wird selbst unrein: das Konto, das Hotelzimmer, die Enkel, der Hund. Und jetzt eben die Ledersitze.
Steril
Damit sind wir wieder beim Hygienewahn vom Anfang. Hygiene bedeutet in diesem Land längst nicht mehr, sich selbst die Hände zu waschen. Hygiene bedeutet, andere zu desinfizieren. Pontius Pilatus wusch sich wenigstens die eigenen Hände. In München macht man es moderner: Man wäscht sie in Magdeburg und macht sie in Shenyang wieder schmutzig.
Ein Land, in dem die Konzerne Diktatoren gepanzerte Limousinen vor die Tür stellen und einen gewählten Parlamentspräsidenten zu Fuß gehen lassen, hat kein Problem mit Rechtsextremismus. Es hat ein Problem mit der Demokratie. Denn in einer Demokratie entscheiden die Wähler, wer im Dienstwagen sitzt, und nicht der Vorstand in München.
Mitte November läuft der alte Vertrag aus. Dann werden wir sehen, ob es in Deutschland noch einen Autobauer gibt, der Wahlergebnisse akzeptiert. Wenn nicht, hat der Hygienewahn sein Ziel erreicht. Was gründlich genug desinfiziert ist, ist steril. Und in sterilen Räumen lebt nichts mehr, auch keine Demokratie.
Mich bremst kein Gesinnungs-TÜV. Weil mich kein Konzern finanziert, sondern Sie. Wer will, dass das so bleibt: hier steht, wie Sie helfen können. Danke! Oder wie man in meiner Heimat sagt: Vergelt’s Gott!
Keine Hunde für AfD-Politiker!
Erst das Konto. Dann der Kredit. Dann die Existenz.
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Bild: Symbolbild/KI/Grok
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