Nur noch wenig ist in dem Leben der alten Frau so wie früher, seit sie in der Familie offen ihre Sympathie für die AfD eingestand und auch an Parteiveranstaltungen teilnahm. Ihre Enkel bekommt sie seitdem nicht mehr zu Gesicht und auch ihre Kinder brachen den Kontakt ab. „Ich bin auf einmal zur Aussätzigen geworden“, sagt die Seniorin und kämpft mit den Tränen. Dass es ausgerechnet sie erwischen sollte, die sich ihr Leben lang kritisch mit der DDR und dem Totalitarismus auseinandersetzte, verschafft der Sache eine besondere Tragik.
Ein anderer Bekannter von mir hat zwar in der Familie keine Probleme, aber im Freundes- und Bekanntenkreis, seit er als Parteiloser für die AfD für den Gemeinderat kandidierte. Seither wird er von vielen geschnitten, und oft nicht mehr eingeladen zu Feiern und Runden, bei denen er früher wie selbstverständlich dabei war.
Ausgrenzung überall
Geschichten wie diese gibt es viele. Die Ausgrenzung der AfD und ihrer Mitglieder und Sympathisanten zieht sich durch alle Lebensbereiche. Da ist der Chef der Filmförderung Hessen, der nach einem Mittagessen mit dem damaligen AfD-Chef Jörg Meuthen seinen Stuhl räumen musste – nicht zuletzt, weil 350 „Filmschaffende“ im Geist finsterster Zeiten protestierten. Da sind die Restaurant- und Hotelverbote für AfD-Mitglieder. Und Direktoren von Luxushotels wie dem „Stue“ in Berlin, Zeev Rosenberg, die sich ganz offen dafür aussprechen, dass Hotels das Hausrecht zum Aussortieren politisch „falsch denkender“ Gäste nutzen (siehe hier).
Zeitungen geben Tipps, wie man mit vermeintlich bösen, „rassistischen“ Verwandten umgehen soll. Das geht von „Spiegel“-Artikeln wie „Meine Familie wird immer rechter! Eine Psychologin sagt, was zu tun ist“ über „Campacts“ „6 Gesprächstipps für Diskussionen mit AfD-Sympathisantinnen“ mit konkreten Handlungsempfehlungen für den Dialog bis hin zur einst konservativen „Welt“ mit ihrem Beitrag „Was tun, wenn Papa an Weihnachten den Klimawandel leugnet?“ oder, mit leicht anderer Perspektive „Mein Vater ist Corona-Leugner – was mache ich an Weihnachten?“ im „Stern“.
An Heiligabend 2023 habe ich über diese Hysterie eine ganze Geschichte geschrieben mit vielen Beispielen – „So diskutieren Sie an Weihnachten mit Ihrem rassistischen Onkel“.
Diskriminierung auch über den Wolken
Oder nehmen wir den konkreten Anlass für diesen Text hier – dass Mitarbeiter der Lufthansa sich in Mitarbeiter-Chats darüber austauschen, wie man böse, böse „Rechte“ wie den AfD-Politiker Maximilian Krah an Bord schlechter behandeln kann als normale Passagiere (siehe meinen Exklusiv-Bericht hier).
Der jüngste Vorläufer dieser Dynamik war Corona. Ungeimpfte wurden von Weihnachtsfeiern ausgeschlossen, aus Freundeskreisen gedrängt, in Talkshows als potenzielle Mörder ihrer Mitmenschen hingestellt – bis hin zu offen geführten Debatten, ob man ihnen im Ernstfall überhaupt noch ein Krankenhausbett geben sollte. Die AfD-Ausgrenzung von heute ist also keine neue Erfindung, sondern die Fortsetzung eines erschreckend tief verwurzelten Mechanismus, der sich immer wieder eine neue Zielgruppe sucht – in einem Land, das sich zugleich damit brüstet, seine finstere, totalitäre Vergangenheit aufgearbeitet und die Lehren daraus gezogen zu haben. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall! Im Namen dieser „Vergangenheitsbewältigung“ werden bis heute Menschen wegen angeblich „falscher“ Meinungen abgewertet und ausgegrenzt – nur in neuem Gewand und mit neuem Lack.
Wahrheits-Besitzer
Schlimmer noch: Ausgerechnet im angeblich „besten Deutschland aller Zeiten“ geht diese Spaltung so weit ins Private, ins Familiäre, wie das selbst in vielen Diktaturen nicht der Fall ist – zumindest in den meisten derjenigen, die keinen totalitären Anspruch haben und nur auf Machtsicherung aus sind. Die totalitären Ansätze im heutigen Deutschland – also der Anspruch der selbsternannten „Eliten“ in Politik, Medien und Gesellschaft im Besitz der Wahrheit zu sein und den Rest zu belehren und umzuerziehen, sind das Gespenstischste an der Entwicklung.
Dabei handelt es sich nicht nur um ein subjektives Empfinden. Es lässt sich auch belegen.
89 Prozent der AfD-Anhänger trauen sich laut einer Umfrage nicht mehr, ihre Meinung offen zu sagen. Neun von zehn. Man stelle sich kurz vor, diese Zahl beträfe Grünen- oder SPD-Wähler – die Talkshows würden Sonderausgaben fahren, unser Bundespräsident Frank-Spalter Steinmeier eine Rede halten. Bei der „falschen“ Wählergruppe zuckt kaum jemand mit der Wimper.
Hauptsache, die richtige Meinung
Und es trifft längst nicht nur AfD-Anhänger selbst. Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach glaubt nur noch eine Minderheit der Deutschen – 40 Prozent – überhaupt noch, man könne seine politische Meinung hierzulande frei äußern. Der schlechteste Wert seit Beginn dieser Erhebung, 1953. Bei einer Umfrage von Infratest dimap zu den größten gesellschaftlichen Sorgen landete die Angst, wegen der eigenen Meinung ausgegrenzt zu werden, auf Platz zwei der Liste – nur einen mickrigen Prozentpunkt hinter der Sorge vor dem Klimawandel – obwohl diese ständig aufgebauscht wird. Ein Land, das mehr Angst vor der eigenen Nachbarschaft hat als vor unkontrollierter Massenzuwanderung aus Krisenregionen und Gewaltimport – aber Hauptsache, die richtige Meinung.
Besonders weh tut ein Blick in eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zur „politischen Polarisierung“: 62 Prozent der Deutschen wollen mit AfD-Wählern schlicht nichts zu tun haben. Sieben Prozent geben unumwunden zu, bereits Menschen aus politischen Gründen den Kontakt aufgekündigt zu haben – das sind, auf die Bevölkerungszahl hochgerechnet, mehrere Millionen Deutsche. Und selbst die Liebe bleibt nicht verschont: Laut einer Umfrage der Partnerbörse Parship lehnen 44 Prozent aller Befragten eine Beziehung mit AfD-Wählern von vornherein ab – bei Frauen ist es fast jede Zweite. Man muss nicht Sigmund Freud bemühen, um zu ahnen, was das über den Zustand einer Gesellschaft aussagt, die sich gleichzeitig als weltoffen, bunt und tolerant feiert.
Erschreckende Ähnlichkeiten
Wer hierzulande andere wegen ihrer politischen Meinung ausgrenzt, boykottiert oder „cancelt“, wie es neudeutsch und menschenverachtend heißt, tut das in der Regel in dem festen Glauben, ein guter Mensch zu sein. Dumm nur: Genau das war das Perfide an jeder Ausgrenzungsideologie der deutschen Geschichte: Sie kam nie im Bewusstsein daher, das Böse zu tun – sondern im festen Glauben, das Gute zu verteidigen. Das Unheimliche: Der Unterschied zwischen 1935 und 2026 ist nicht die Struktur des Denkens. Er ist nur die Zielscheibe.
reitschuster.de bei Google bevorzugen
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Land, das sich weltweit als Musterschüler der „Aufarbeitung“ feiert, das Kinder in der Schule stundenlang mit der Frage quält, wie „die Deutschen das damals zulassen konnten“ – dieses Land produziert im selben Atemzug Enkel, die ihrer Großmutter die Tür weisen, weil sie die falsche Partei wählt. Es produziert Piloten und Flugbegleiter, die sich in Chatgruppen gegenseitig Techniken beibringen, wie man einen Passagier mit falscher „Haltung“ möglichst auffällig spüren lässt, dass er unerwünscht ist. Es produziert Ärzte, die den hippokratischen Eid für verhandelbar halten, sobald die Parteizugehörigkeit nicht passt. Und alle, wirklich alle, würden empört den Kopf schütteln, würde man sie fragen, ob sie sich für Nachfahren jener halten, die einst wegsahen oder mitmachten. Sie sind überzeugt, sie hätten damals widerstanden. Dabei tun sie heute exakt das, wovor sie ihre Kinder in Gedenkstätten warnen lassen – nur mit umgekehrten Vorzeichen und einem Selbstbild, das so stur ist, so eindimensional, dass es jede Selbsterkenntnis von vornherein ausschließt.
Schwer erkennbar
Die Gefahr für unser Land ist nicht die AfD. Es ist die „German Angst“ vor der eigenen Urteilsfähigkeit, kombiniert mit der „German Lust“, sich moralisch zu überhöhen, indem man einen Sündenbock markiert und alle zu Aussätzigen erklärt, die nicht mitmachen wollen. Diese Mischung hat diesem Land schon zweimal das Genick gebrochen. Dass sie diesmal im Gewand der „Haltung“, der „Toleranz“ und der „Wehrhaften Demokratie“ daherkommt, macht sie nicht harmloser. Es macht sie nur schwerer erkennbar – für alle, die nicht hinschauen wollen.
Solche ketzerischen Artikel, die viel Zeit und Herzblut kosten, werden Sie im Mainstream nicht lesen, und auch dort kaum, wo es vor allem um kurzweilige Empörung geht. Wenn Ihnen solche Texte wichtig sind, ist Ihre Unterstützung für mich besonders wertvoll. Hier steht, wie es geht.
Mein Buchtipp:
Der Publizist Kolja Zydatiss hat diese Entwicklung in seinem Buch „Cancel Culture. Demokratie in Gefahr“ präzise auf den Punkt gebracht: Nicht radikale Massenbewegungen sind heute die größte Gefahr für die Demokratie, sondern die schleichende Aushöhlung der Meinungsfreiheit durch ein Establishment, das sich selbst als deren Hüter inszeniert.

- So diskutieren Sie an Weihnachten mit Ihrem rassistischen Onkel
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Bild: Symbolbild/KI/Gemini
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