Wenn ich in diesen Tagen nach Frankreich schaue, habe ich immer dasselbe Gefühl: Das ist ein Menetekel für uns. Das kommt auch zu uns. Und wenn man genauer hinsieht, versteht man: Nicht irgendwann, nicht vielleicht – es ist längst auf dem Weg. Denn was in unserem Nachbarland brennt, ist nicht nur ein Rathaus in Limoges. Es ist das Ergebnis von Jahrzehnten gescheiterter Integration, über die man nicht reden durfte. Junge Männer aus den Vorstädten, viele von ihnen mit Migrationshintergrund, die mit diesem Staat nichts verbindet außer Verachtung. Ein linksextremes Milieu, das sie als Fußvolk und Rammbock benutzt. Und eine politische und mediale Klasse, die das alles nicht sehen will.
Wer auf den Migrationshintergrund der Randalierer hinweist, begeht in Frankreich wie in Deutschland eine Art Ketzerei – und wird umgehend in die Nazi-Ecke gestellt. Dabei ist es keine Gesinnung, das auszusprechen. Es ist eine Beobachtung. Und wer nicht beobachten darf, kann auch nichts ändern.
Und mindestens genauso erschreckend wie die Bilder aus Paris, Marseille und Limoges ist die Art und Weise, wie unsere Medien sie uns „erklären“. Denn sie machen genau das nach, was Frankreich in diese Lage gebracht hat.
Ein Beispiel, das so absurd ist, dass man es für Satire halten könnte. Die Publizistin Malca Goldstein-Wolf hat es auf Facebook dokumentiert: Der WDR habe für seine Aktuelle Stunde eine Französin interviewt, die sichtlich bewegt war – nicht etwa über Plünderer, Brandstifter und verletzte Polizisten, sondern über die Not und Armut, die diese jungen Menschen angeblich zwinge, unter anderem bei Chanel einzubrechen. Bei Chanel. Mit Tränen in den Augen, so Goldstein-Wolf. Nicht für die Ladenbesitzerin, die vor ihrem verwüsteten Geschäft steht. Für die, die es verwüstet haben.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Hunger treibt die Menschen zu Chanel. Marie Antoinette lässt grüßen – nur andersherum. Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Handtaschen klauen.
Was wirklich geschah
Zur Erinnerung, was am Samstag in Frankreich passiert ist: Aus einem Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten und marode Schulen wurde eine der schwersten Gewaltnächte seit Jahren. In Limoges stürmten Vermummte das 143 Jahre alte Rathaus und legten Feuer, der Glockenturm – Wahrzeichen der Stadt – stürzte ein. In Marseille drangen Randalierer ins Rathaus ein und stürzten die Büste der Marianne vom Sockel. In Lyon brannte das Tourismusbüro, in Paris wurden Apotheken, Supermärkte und Luxusboutiquen geplündert. Premierminister Lecornu meldete 150 verletzte Polizisten. Innenminister Nuñez spricht inzwischen von mehr als 2.000 Festnahmen, davon 855 allein in Paris – nach Angaben der Präfektur ein Rekord. In Paris wurde laut Berichten auch eine Synagoge beschädigt.
Und das war nur der Höhepunkt. Schon seit Wochen eskalieren die sogenannten „Schülerproteste“. Anfang Oktober jagten Jugendliche in Paris eine junge Polizeianwärterin, die nur ihr Funkgerät aufheben wollte, rissen sie zu Boden und traten auf sie ein. Dabei riefen sie „Tötet sie!“. Im südfranzösischen La Ciotat wurde ein Lehrer mit Benzin übergossen und getreten. Seit Beginn der Proteste zählt das Innenministerium rund 6.100 Festnahmen – die große Mehrheit davon Minderjährige.
Wer diese Jugendlichen sind, darüber schweigt man in Deutschland lieber. In Frankreich ist man da weiter. Der in Syrien geborene französische Schriftsteller Omar Youssef Souleimane beschrieb schon Anfang Oktober, wie neben den Schildern für mehr Lehrer vor den Schultoren die Palästina-Flagge auftauchte – und wie sie die Bewegung ihres eigentlichen Sinns beraubte: Statt um Schulen ging es plötzlich um Identität, um Feindschaft, um Feuer. Linke Abgeordnete der Partei La France Insoumise gaben dazu die Kulisse. Die Schüler für bessere Schulen gibt es. Aber die Bilder bestimmen inzwischen andere.
So weit die Wirklichkeit. Jetzt zur Wirklichkeit, wie sie in deutschen Wohnzimmern ankommt.
„Ich kann die nicht einzeln fragen“
WDR-Korrespondent Michael Strempel ordnete die Ereignisse in der Aktuellen Stunde als Jugendrevolte ein. Als die Moderation nachhakte, wer da eigentlich randaliert und ob das wirklich Schüler seien, kam die entwaffnende Antwort: „Ich kann die nicht einzeln fragen, wer noch zur Schule geht.“
Man stelle sich vor, ein Korrespondent hätte über eine Demonstration von Kritikern der Corona-Politik so berichtet. Da wusste man beim WDR immer ganz genau, wer da mitläuft – ohne jemanden einzeln zu fragen.
Das ZDF wiederum stellte in den heute-Nachrichten die sozialen Anliegen voran und erwähnte, dass einige die Proteste für Plünderungen genutzt hätten. Einige. Bei mehr als 2.000 Festnahmen. Wie viele müssen es denn sein, bevor aus „einigen“ ein Problem wird?
Die Tagesschau überschrieb ein Stück über die Proteste mit „Wie ein Brandbeschleuniger in Frankreichs Krise“ – als wären die Schüler das Opfer der Krise und nicht die Brandstifter. Im Bericht über die Krawallnacht folgt auf die Bilanz der Gewalt eine Zwischenüberschrift über einen 17-Jährigen, der durch eine Polizeigranate eine Hand verlor. Jeder verletzte Jugendliche ist eine Tragödie, keine Frage. Aber wenn Rathäuser brennen und Polizistinnen mit „Tötet sie!“ gejagt werden, sagt die Gewichtung viel darüber, auf wessen Seite die Sympathie liegt.
Die Zeit sieht die Ursache der Eskalation maßgeblich bei einer brachial auftretenden Polizei. Die „Süddeutsche Zeitung“ warf den Behörden schon Anfang Oktober vor, den Jugendlichen mit Härte statt mit Empathie zu begegnen. Empathie – für Leute, die Lehrer mit Benzin übergießen.
Und für die ganz Jungen hat der WDR sein Format „nicetoknow“, das zusammen mit funk Millionen Teenager auf TikTok erreicht. Dort lief Ende September ein Video über die Proteste mit der Unterzeile „Französische Schüler einfach built different“ – Jugendsprache für: aus besonderem Holz geschnitzt. Bewunderung, Augenzwinkern, Emoji. Das ist Ihr Rundfunkbeitrag, liebe Leser. Bei der Arbeit.
Der Spiegel weiß es schon vorher
Die Krone gebührt aber, wie so oft, dem „Spiegel“. Schon am 13. Oktober – vier Tage bevor das Rathaus von Limoges brannte – erschien dort ein Kommentar mit der Überschrift „Frankreich hat ein Gewaltproblem – und das fängt bei der Polizei an“. Das Urteil stand fest, bevor die Tat begangen war. Das nennt man wohl vorausschauenden Journalismus.
Und nach den Krawallen legte das Hamburger Nachrichtenmagazin nach. Auf X erklärte der Spiegel, dass rechte Ideologen einen Zusammenhang zwischen dem Krawall und der Abstammung vieler Randalierer herstellten. Und weiter: „Das ist eine rassistische Lüge, die das französische Versagen verschleiert.“
Eine Lüge. Interessant. Denn in Frankreich ist die Erhebung ethnischer Statistiken gesetzlich weitgehend verboten. Es gibt also keine amtlichen Zahlen darüber, welche Herkunft die Randalierer haben. Der Spiegel kann es schlicht nicht wissen. Er weiß nur, dass die Frage verboten ist. Wer eine offene Frage zur „Lüge“ erklärt, betreibt keine Faktenprüfung. Er errichtet ein Denkverbot.
Was man dagegen sehr wohl weiß: Die Schweizer Zeitung „Blick“ berichtet aus Limoges von Hunderten Jugendlichen in Trainingsanzug, Kapuze und schwarzer Maske, die jubelten, als der Glockenturm einstürzte. Laut den Reportern waren sie Stunden zuvor aus den umliegenden Vorstädten in die Innenstadt gekommen, die meisten über die Autobahn. Nach Darstellung der Polizei stammen solche Banden meist aus Randvierteln, die vom Drogenhandel geprägt sind. Die FAZ zitiert die Pariser Polizeipräfektur mit der Einschätzung, junge Banlieue-Bewohner seien einzig nach Paris gekommen, um Straftaten zu begehen. Die französische Regierung macht zudem eine gut organisierte Ultralinke verantwortlich. Das eine schließt das andere nicht aus – es ist eine Arbeitsteilung: Die einen liefern Taktik und Ziele, die anderen die Masse.
Wer davon nicht reden darf, kann darüber nicht nachdenken. Wer darüber nicht nachdenken kann, kann nichts dagegen tun. Genau das ist das „französische Versagen“, von dem der „Spiegel“ spricht – nur dass er selbst es gerade vormacht.
Die Stimme, die man nicht als „rechts“ abtun kann
Bezeichnend ist, wer in Deutschland die Dinge beim Namen nennt. Die „Jüdische Allgemeine“ veröffentlichte heute einen Kommentar von Ute Cohen, der den deutschen Redaktionen den Spiegel vorhält: Sie romantisierten die Ausschreitungen zu einem Aufstand der Unterdrückten und zeichneten die Gewalt soziologisch weich. Cohen dokumentiert ein Schild, das ein Vermummter mitten im Barrikadenqualm hochhielt: „Hört auf, uns zu vergasen, wir sind keine Juden.“ Und sie beschreibt Gruppen junger Männer aus der Banlieue, die auf Mountainbikes in die Innenstädte stürmen und Passanten einschüchtern.
Ist die „Jüdische Allgemeine“ jetzt auch ein „rechter Ideologe“? Verbreitet sie eine „rassistische Lüge“? Man darf gespannt sein, ob der „Spiegel“ diese Frage beantwortet. Ich vermute: nein.
Und wer im deutschen Mainstream überhaupt auf Herkunft und Migration zu sprechen kommt, tut es auf eine besonders elegante Weise: Er überlässt das Thema JD Vance. In der dpa-Meldung, die von unzähligen Zeitungen übernommen wurde, taucht Migration genau einmal auf – als Stimmungsmache des amerikanischen Vizepräsidenten. Damit ist die Frage erledigt, bevor sie gestellt wurde. Wer sie stellt, steht automatisch neben Trumps Vize. Schweigen wäre plumper. Das hier ist raffinierter.
Es ist schon da
Und nun zum Menetekel. Wer glaubt, das alles sei ein französisches Problem, sollte sich die Nachrichten der letzten Tage genauer ansehen. In Berlin blockierten rund 150 Schüler die Eingänge des Französischen Gymnasiums und zogen anschließend vor die französische Botschaft. Auch in Hamburg versammelten sich Schüler vor einer Schule. Greta Thunberg hat sich den Protesten angeschlossen und die französischen Schüler zum Vorbild für die Jugend anderer Länder erklärt.
Noch ist es friedlich. Noch. Aber die Zutaten, die in Frankreich zum Flächenbrand geführt haben, gibt es bei uns alle: marode Schulen, eine verunsicherte Mittelschicht, ein linksextremes Milieu, das auf seinen Moment wartet, und Stadtviertel, in denen der Staat für viele junge Männer kein Gegenüber mehr ist, sondern ein Feind. Die Krawallnacht in Stuttgart 2020, die Silvesternächte in Neukölln, die Angriffe auf Feuerwehr und Rettungskräfte – das waren Funken. Frankreich zeigt uns, was passiert, wenn der große Anlass kommt.
Und Frankreich zeigt uns noch etwas: Das Land hat zwanzig Jahre lang „Jugendliche aus schwierigen Vierteln“ gesagt, wenn es um die Banlieues ging. Zwanzig Jahre lang war die Frage nach den Ursachen verpönt. Heute brennen die Rathäuser.
Deutschland übernimmt jetzt das Vokabular – bevor es die Probleme in voller Größe hat. Mene, mene, tekel, stand einst an der Wand des Königs Belsazar. Gezählt, gewogen und zu leicht befunden. Die Schrift steht an der Wand. In Berlin und Hamburg will sie nur niemand lesen. Weil es als rassistisch gilt, sie zu entziffern.
Was Sie hier gelesen haben, gilt beim „Spiegel“ als „rassistische Lüge“ – und beim WDR als nicht der Rede wert. Dass es trotzdem gesagt werden kann, liegt allein an Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Ich bekomme keinen Cent aus Zwangsgebühren, keine Staatsknete, keine Förderprogramme „gegen Rechts“. Ich habe nur Sie. Wenn Sie wollen, dass die Schrift an der Wand auch künftig gelesen wird, statt übermalt: Hier steht, wie Sie helfen können.
PS: Die Rolle der Ultralinken, ihre Verbindungen zu islamistischen Milieus und die Fäden, die bis nach Deutschland reichen – auch zur Partei „Die Linke“ –, beleuchtet in Kürze ein ausführlicher Beitrag von Collin McMahon hier auf meiner Seite.
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Bild: Symbolbild/KI/Gemini
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