FC Augsburg entfacht Rassismus-Furor: Die Frage, die keiner stellt Statt einer Antwort bekam ich vom FCA eine Ohrfeige

Gestern Nachmittag, 1:1 gegen Union Berlin. Rote Karte für Juma Bah nach einer unglücklichen Aktion, wieder kein Sieg, das fünfte sieglose Spiel in Folge. Ich habe vor dem Bildschirm gesessen, geflucht, gehofft, mich geärgert. Wie so oft. Und heute Morgen habe ich mir etwas vorgenommen, das mir schwerer fällt, als ich zugeben möchte: Schluss. Ich höre auf, für den FC Augsburg zu fiebern.

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ein Mann jenseits der fünfzig, der sich von einem Fußballverein lossagt, wen interessiert das? Aber es geht um mehr als um Fußball. Es geht um einen Kindheitstraum. Und darum, wie man ihn mir geraubt hat. Es geht darum, was in unserem Land passiert. Wie sich die Ideologie wie Mehltau über unsere Gesellschaft gelegt hat, uns einen Lebensbereich nach dem anderen vergällt und eine geliebte Tradition nach der anderen stiehlt.

Der Junge ohne Verein

Wer in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Augsburg aufwuchs und Fußball liebte, lebte in einer Art Diaspora. Die Kumpels auf dem Schulhof hielten zu den Bayern oder zu den Sechzgern, die Großen spielten in München, und wir schauten zu. Der FCA dümpelte meist in den Niederungen, das Rosenaustadion war oft mehr Kulisse als Hexenkessel. Ich erinnere mich, wie man da verloren auf fast leeren Rängen stand. Und so kam ich auch nur sehr, sehr selten. Ein Fan sein im eigentlichen Sinn – mit Stolz, mit großen Gegnern, mit Samstagen, die man herbeisehnt – das ging nicht. Man hatte keinen Verein. Man hatte eine Sehnsucht.

Dann, Mitte der Nullerjahre, ich lebte längst in Moskau, nahm mich bei einem Heimatbesuch eine Kollegin mit ins Stadion. Ausgerechnet ins Rosenaustadion, an diesen Ort meiner einsamen Kindheitsnachmittage. Zweite Liga, Gegner war der 1. FC Köln. Und plötzlich war da alles, was ich als Junge nie erlebt hatte: volles Haus, Gesänge, Gänsehaut. Ich stand da und konnte es kaum glauben. An diesem Tag habe ich Feuer gefangen.

reitschuster.de bei Google bevorzugen

Ein paar Jahre später das Unglaubliche: 2011 stieg der FCA in die Bundesliga auf. Wenig später spielte er in der Europa League gegen den FC Liverpool. Liverpool! Gegen Augsburg! Und Klopps Team siegte nur ganz knapp, musste bis zur letzten Sekunde zittern. Vor Augsburg! Ich musste mich zwicken. Der kleine Junge in mir, der nie einen richtigen Verein hatte, bekam ihn plötzlich geschenkt, mit Verspätung, aber dafür umso süßer. Von da an habe ich mitgefiebert. Aus Moskau, aus Berlin, aus Montenegro. Egal wo ich war, samstags war ich wieder ganz Augsburger. Zumal das neue Stadion nur einen Katzensprung von meiner letzten Wohnung in Augsburg entfernt liegt, in Göggingen, wo ich aufgewachsen bin. Ich bin an dem Ort gefühlt unendlich oft vorbeigefahren. Und jetzt ist da Bundesliga.

Was am Samstag passiert ist

Heute früh las ich in der „Augsburger Allgemeinen“, dass Juma Bah nach dem Spiel gegen Union auf Instagram übelst rassistisch beschimpft wurde, ja dass ihm und seiner Familie sogar mit dem Tod gedroht wurde. Damit kein Missverständnis aufkommt: Was da auf Instagram stand, ist widerwärtig. Da fiel das Wort „Neger“*, das deutsche Medien selbst zur Dokumentation nur noch als „N-Wort“ zu schreiben wagen, so als sei es ansteckend. Dazu Mordphantasien, Drohungen gegen die Familie. Wer einem 20-jährigen Spieler und seiner Familie mit Mord droht, gehört vor einen Richter. Ohne Wenn und Aber. Dass der Verein Anzeige erstattet, ist richtig. Genau das habe ich vor einem Jahr gefordert, als bei 1860 München ein einzelner Idiot auf der Tribüne Affenlaute machte und die halbe Republik daraus einen nationalen Rassismus-Skandal bastelte: Täter identifizieren, Anzeige, kurzes Statement, fertig. So reagiert eine erwachsene Gesellschaft.

Aber dabei bleibt es eben nie. Innerhalb weniger Stunden lief die Maschine auf Hochtouren: Von der „Bild“ über den Bayerischen Rundfunk bis zur „Hamburger Morgenpost“ war der Fall überall, dpa schickte ihn in jede Redaktion der Republik.

Die Frage, die niemand stellt

Und jetzt kommt der eigentliche Hammer. Ich habe alle Berichte gelesen, die ich finden konnte. Und in keinem einzigen steht, worum es sich eigentlich handelte. War es ein öffentlicher Kommentar, den Tausende lesen konnten? Eine private Direktnachricht an Bah? Oder gar eine Nachricht an ein Vereinskonto, die der Spieler selbst womöglich nie zu Gesicht bekommen hätte? Der Verein schreibt nur „auf Instagram“, dpa „im Netz“. In einem Bericht, der den Wortlaut zitiert, ist von einer „Hass-Nachricht“ die Rede. Das klingt nach einer Direktnachricht. Belegt ist es nicht. Und an wen sie ging, bleibt ohnehin offen.

Bemerkenswert ist schon dieses Herumdrucksen selbst. Wäre es ein öffentlicher Kommentar gewesen, für alle sichtbar unter einem Beitrag, hätte der Verein nichts leichter sagen können als genau das. Es wäre sogar ein starkes Argument für seine Empörung gewesen: Seht her, so etwas steht öffentlich im Netz! Stattdessen bleibt der FCA auffällig vage. Das beweist nichts. Es kann sprachliches Unvermögen sein. Aber in einer professionellen Kommunikationsabteilung, die jedes Wort ihrer Erklärungen abwägt und Glaubenssätze in Fettschrift setzt, halte ich das für wenig wahrscheinlich. Für mich legt die Vagheit eher nahe, dass es sich um eine Direktnachricht handelte. Und dass man genau das lieber nicht so deutlich sagen wollte.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Ein Fall geht durch die ganze Republik, von dpa bis „Bild“, von BR bis „Morgenpost“. Hunderte Journalisten haben ihn bearbeitet, abgeschrieben, weiterverbreitet. Und sie haben das Herumdrucksen des Vereins einfach eins zu eins übernommen. Offenbar ist keinem einzigen die naheliegendste Frage eingefallen: Was genau ist eigentlich passiert? Öffentlich oder privat? An wen? Früher lernte man im ersten Lehrjahr: erst die Fakten, dann die Empörung. Heute ist es umgekehrt. Die Empörung ist die Nachricht, die Fakten stören nur. Wer nachfragt, könnte ja feststellen, dass die Geschichte kleiner ist als die Schlagzeile. Oder eine ganz andere.

Wenn der eigene Verein den Schaden vervielfacht

Dabei ist das keine Petitesse. Widerlich ist eine solche Drohung so oder so, keine Frage. Aber es ist eine völlig andere Dimension, ob ein Kranker seinen Hass öffentlich in die Welt bläst oder ihn in ein Postfach kippt. War es eine Nachricht ins Postfach, dann hätte erst der Verein selbst die Worte in die Welt gebracht. Und landete sie gar nicht bei Bah, sondern beim Klub, dann wäre es noch absurder. Dann hätte ausgerechnet sein eigener Verein den 20-Jährigen mit diesem Dreck konfrontiert, und zwar nicht nur im vertraulichen Gespräch, sondern vor den Augen der ganzen Republik. Aus einer einzigen Nachricht eines anonymen Wirrkopfs, die womöglich nie jemand gelesen hätte außer einem Vereinsmitarbeiter, wäre eine öffentliche Demütigung geworden, die jetzt jeder kennt: seine Mitspieler, seine Gegner, seine Familie in Sierra Leone, jeder, der künftig seinen Namen googelt. Der Schaden für Bah hätte sich nicht verringert. Er hätte sich vervielfacht. Und zwar durch genau die Leute, die nun lautstark verkünden, „geschlossen hinter“ ihm zu stehen.

Fest steht nur eines: Geschäftsführer Michael Ströll entschied sich, den widerlichen Text samt Screenshot öffentlich zu machen, und reichte ihn der „Bild“ weiter. Dabei hätte es einen einfachen, anständigen Weg gegeben: mitteilen, dass Bah rassistisch beleidigt und bedroht wurde, Anzeige erstatten, sich hinter ihn stellen. Punkt. Dafür hätte niemand den Wortlaut gebraucht. Wenn es eine private Nachricht war, verbietet sich dessen Verbreitung eigentlich von selbst. Doch selbst wenn es irgendwo ein öffentlicher Kommentar war: Den hätten im Gewimmel unter einem Instagram-Beitrag vermutlich eine Handvoll Leute gelesen. Jetzt lesen ihn Millionen. Denn jedes zitierte Wort trägt die Demütigung weiter, in jedes Wohnzimmer, auf jedes Handy.

Was bleibt als Motiv?

Ob Bah der Veröffentlichung zugestimmt hat, weiß ich nicht. Aber selbst dann hätte ein Verein, der es gut mit einem 20-Jährigen meint, ihn vor diesem Schritt eher schützen müssen, als ihn zu vollziehen. Was bleibt da als Motiv? Ich sehe nur eines: die Wirkung. Ein Text mit dem in Deutschland inzwischen geächteten Wort „Neger“ und mit Mordphantasien bringt Aufmerksamkeit, eine nüchterne Mitteilung nicht. Damit bekam auch der anonyme Wicht genau das, was er wollte: eine Bühne, Reichweite, Schlagzeilen. Aus einem einzelnen Kranken im Netz wird wieder Sonderschul-Pädagogik und ideologische Erziehung für die ganze Gesellschaft.

Pikantes Detail: Der Absender trat laut Berichten unter einem hispanisch klingenden Namen auf, der deutsche Wortlaut klingt verdächtig nach einer Übersetzung aus dem Englischen. Ob dahinter ein Deutscher steckt, ein Fake-Profil oder ein frustrierter Wettspieler irgendwo auf der Welt, weiß bislang niemand. Den Klub ficht das nicht an. „Für Rassismus ist beim FC Augsburg und in unserer Gesellschaft kein Platz“, sagte Ströll. In unserer Gesellschaft. Welche Gesellschaft ist gemeint, wenn man den Absender nicht kennt und den Ort, von dem aus er schrieb? Egal. Der Satz muss raus, er gehört zum Ritual.

Ein Glaubensbekenntnis statt einer Stellungnahme

Wer heute die Internetseite des FC Augsburg öffnet, dem springt nicht etwa die Tabelle ins Gesicht, nicht der nächste Gegner, nicht das Spiel. Sondern, bildschirmfüllend: „Stellungnahme: Rassismus hat keinen Platz“. Im Hauptmenü steht „Nachhaltigkeit“ gleichberechtigt neben „Teams“. Man fragt sich, was dieser Verein eigentlich in erster Linie sein will.

Screenshot FCA-Homepage

Liest man die Erklärung, hat man nicht den Eindruck, eine Pressemitteilung vor sich zu haben, sondern eine Liturgie. „Wir sind erschüttert über diesen Hass“, heißt es da. Dann, in fetten Lettern: „Wir schauen nicht weg! Wir schweigen nicht! Wir stehen zusammen!“ Drei Ausrufezeichen, drei Glaubenssätze, vorgetragen wie auf einem Parteitag. Wer einen Spieler beleidige, greife „die Werte unserer gesamten FCA-Familie“ an. Und dann: „Egal welche Hautfarbe, Herkunft, Religion oder Nationalität – jeder Mensch verdient Respekt, Würde und Sicherheit.“

Lesen Sie die Aufzählung ruhig zweimal. Hautfarbe, Herkunft, Religion, Nationalität. Was fehlt? Die Meinung. Die Weltanschauung. Die politische Überzeugung. Und das ist kein Zufall. Denn genau da hört die Toleranz beim FCA auf.

Die Antwort des FCA

Ich habe den FCA heute Vormittag angeschrieben und eine einzige Frage gestellt: War es eine Direktnachricht an den Spieler oder ein öffentlich sichtbarer Kommentar? Die Antwort hätte aus einem einzigen Wort bestehen können: Post oder Direktnachricht. Sie kam überraschend schnell, an einem Sonntag nach knapp eineinhalb Stunden. Aber sie bestand nicht aus diesem einen Wort, sondern aus einer Gegenfrage. Die Direktorin Medien und Kommunikation des FC Augsburg, Denise Schäfer, schrieb mir: „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Für welches Medium möchten Sie darüber berichten?“

Man muss dazu wissen: Dieselbe Frage hat mir dieselbe Frau Schäfer schon vor knapp einem Jahr gestellt, fast wortgleich, als ich mich für die Pressekonferenzen akkreditieren wollte. Ich habe ihr damals ausführlich geantwortet: dass ich auf reitschuster.de berichte, das Millionen Leser erreicht, dass mich das Reuters Institute der Universität Oxford als Deutschlands meistgenannten „Newsfluencer“ führt, noch vor Markus Lanz, dass ich Augsburger bin, bei der „Augsburger Allgemeinen“ volontiert habe und den FCA seit Jugendtagen verfolge. Danach kam: nichts mehr. Kein Wort. Ich habe darüber geschrieben, den Text kennt man in Augsburg.

Wieder nur Wegducken

Und jetzt, ein Jahr später, wieder dieselbe Frage. Als sei ich ein Unbekannter, der sich verirrt hat. Selbst wenn Frau Schäfer ein sehr schlechtes Gedächtnis haben sollte, obwohl Gedächtnis bei Pressesprechern zur Kernkompetenz zählt: Eine Google-Suche nach meinem Namen hätte genügt, um die Antwort in Sekunden zu finden. Das ist kein Versehen und keine Vergesslichkeit. Das ist Methode: Man antwortet nicht mit Nein, man antwortet mit einer Frage, auf die man die Antwort längst kennt. Und ersetzt die Auskunft durch eine Demütigung.

Denn für mich als Augsburger ist das tatsächlich wie eine Ohrfeige. Ich stand schon vor fast 50 Jahren als kleiner Junge auf den Rängen des Rosenaustadions, als sich kaum jemand für diesen Verein interessierte. Frau Schäfer kam vor rund drei Jahren aus Braunschweig zum FCA, ihre Laufbahn hatte bis dahin in Niedersachsen stattgefunden. Das ist ihr gutes Recht, und das spricht – anders als ihr Verhalten als Kommunikationschefin – nicht gegen sie. Aber dass ausgerechnet sie mir nun mit einer Gegenfrage bedeutet, ich sei für ihren Verein ein Unbekannter, dessen Medium man erst einmal klären müsse, hat eine Ironie, die man sich nicht ausdenken könnte. Und einen bitteren Nachgeschmack.

Ein Klub, der in seiner Erklärung verkündet, jeder Mensch verdiene „Respekt, Würde und Sicherheit“, bringt nicht einmal den Respekt auf, eine Frage zu beantworten, für die ein einziges Wort genügt hätte. Das ist keine Pressearbeit. Das ist ein Türsteher, der dich nicht hereinlässt und dabei lächelnd fragt, wer du eigentlich bist, obwohl er deinen Namen auf der Liste längst durchgestrichen hat. Für mich sieht das ganz danach aus, als habe man mich längst in eine Schublade gesteckt: unbequem, falsche politische Richtung, also kein richtiges Medium. Genau das, was man in den eigenen Sonntagspredigten so wortreich verdammt: Menschen auszusortieren, weil sie anders denken. Ich werde darauf kein zweites Mal antworten. Als freier Journalist kann ich mir den Luxus leisten, mich nicht zum Bittsteller machen zu lassen und keinen Geßlerhut zu grüßen. Der Verein hatte die Gelegenheit, eine einfache Frage zu beantworten. Er hat sie nicht genutzt. In mehr als drei Jahrzehnten als Journalist habe ich gelernt: So reagiert, wer etwas zu verbergen hat. Wer nichts zu verbergen hat, antwortet mit einem Satz. Oder mit einem einzigen Wort.

„Wir schweigen nicht!“ – außer bei mir

Aber zurück zu Geschäftsführer Ströll. „Wer glaubt, sich im Schutz sozialer Medien und vermeintlicher Anonymität alles erlauben zu können, irrt gewaltig“, hatte er der „Augsburger Allgemeinen“ gesagt. Ein Mann, der die Kunst des Bleibens beherrscht wie kaum ein anderer in der Liga. 2006 kam er als Praktikant zum damaligen Zweitligisten, arbeitete sich über Controlling und Finanzen nach oben, wurde 2016 kaufmännischer Geschäftsführer und ist seit dem Rückzug von Stefan Reuter 2023 alleiniger Chef. Trainer kamen und gingen, Sportdirektoren kamen und gingen, Mitgeschäftsführer kamen und gingen, Präsidenten kamen und gingen. Ströll blieb. Seit Klaus Hofmann 2022 zurücktrat, steht an der Spitze des Vereins ein ehrenamtlicher Präsident, der anders als seine Vorgänger nicht zugleich Geldgeber ist. Die Geschäftsführung des Profibetriebs besteht aus genau einem Mann: Michael Ströll. Wer beim FCA das Sagen hat, ist damit keine offene Frage mehr. Im Sommer 2025 mussten Trainer Jess Thorup und Sportdirektor Marinko Jurendić gehen, Ströll holte Sandro Wagner und pries ihn als die perfekte Lösung. Als das Projekt nach wenigen Monaten krachend scheiterte, ging Wagner. Ströll blieb. Ein Meister des Überlebens auf den Fluren der Geschäftsstelle. Für die Fehler, so scheint es, sind beim FCA immer die anderen zuständig.

FCA-Geschäftsführer Ströll gestern vor dem Spiel gegen Union Berlin

Und Ströll kennt die Kunst des Schweigens. Akkreditieren wollte ich mich damals, weil ich kritisch über Wagner berichtet hatte und ihm persönlich Fragen stellen wollte. Die Pressekonferenzen blieben mir verschlossen. Einen Tag nach meinem Artikel darüber war Wagner übrigens entlassen. Die Fragen, die ich stellen wollte, waren offenbar nicht ganz so abwegig.

„Wir schweigen nicht!“, schreibt der Verein. Bei mir schweigt er seit einem Jahr. Und wenn er doch einmal antwortet, dann mit einer Gegenfrage, deren Antwort er längst kennt. Der Schutz der Anonymität ist also verwerflich. Der Schutz des Schweigens dagegen ist Vereinspolitik. Wer kritisch fragt, existiert für den FCA nicht. Respekt und Würde für jeden Menschen, egal welcher Herkunft. Für einen unbequemen Journalisten aus Göggingen allerdings nicht einmal eine Antwort. Wo ist sie denn, die vielbeschworene Offenheit? Die Vielfalt? Die Toleranz? Vielfalt, ja bitte, aber nicht bei der Frage, wer Fragen stellen darf.

Bekenntniszwang wie in der DDR

Das ist der Punkt, an dem es nicht mehr um einen Instagram-Idioten geht. Es geht um ein Selbstverständnis. Der Verein inszeniert sich als moralische Instanz, die „klar an der Seite“ steht, also auf der vermeintlich richtigen Seite, die verurteilt, die erzieht. „Haltung“ gibt es reichlich, solange sie Applaus bringt. Wo sie etwas kosten würde, etwa die Bereitschaft, sich auch mal einer kritischen Frage zu stellen, ist sie plötzlich verschwunden.

Ich habe lange genug in Moskau gelebt, um diesen Ton zu erkennen. In der DDR und in der Sowjetunion musste jeder Betrieb, jede Sportgemeinschaft, jeder Kaninchenzüchterverein regelmäßig sein Bekenntnis ablegen: zum Frieden, zum Sozialismus, zum Klassenkampf. Nicht, weil es irgendetwas bewirkte. Sondern weil das Schweigen verdächtig gewesen wäre. Das Bekenntnis war die Eintrittskarte, die Loyalitätsprobe, der Beweis, dass man auf der richtigen Seite steht.

Heute heißen die Formeln anders. Vielfalt, Offenheit, Toleranz, Buntheit, „klare Kante“. Aber der Mechanismus ist derselbe. Manchmal habe ich den Eindruck, die DDR hat uns übernommen – nicht wir die DDR. Kein Bundesligaklub kann es sich mehr leisten, auf einen Vorfall einfach nüchtern zu reagieren. Es muss die Erschütterung her, das Wir-Gefühl, das Bekenntnis in Fettschrift. Die Spieler posten im Gleichschritt die passende Botschaft, der Gegner teilt sie mit Ausrufezeichen. Wer da nicht mitmacht, macht sich verdächtig. Das ist kein Kampf gegen Rassismus. Das ist ein Ritual der Selbstvergewisserung.

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Die Bananen für Oliver Kahn

Wie selektiv diese Empörung ist, zeigt ein Blick zurück. Oliver Kahn wurde jahrelang in fast jedem Auswärtsstadion als Affe verhöhnt. Bananen flogen säckeweise in seinen Strafraum, Affenlaute begleiteten ihn über 90 Minuten. In Dortmund hängten Fans ein riesiges Transparent auf: „Bananen für Olli – futtert den Affen!“ Spielunterbrechung? Fehlanzeige. Erschütterte Stellungnahmen? Keine. Sondersendungen? Nirgends. Kahn hat die Bananen weggeräumt und weitergehalten. Erst Jahre später hat er erzählt, wie erniedrigend das für ihn war.

Was also unterscheidet den einen Affenlaut vom anderen? Nicht die Gemeinheit. Nicht die Verletzung. Sondern ausschließlich, ob das Opfer ins Raster passt. Beleidigung ist im modernen Fußball nicht gleich Beleidigung. Sie wird nach Hautfarbe sortiert. Und genau das ist das Gegenteil dessen, was man vorgibt zu bekämpfen.

Kommerz, Söldner und ein Habeck auf der Trainerbank

Ehrlich gesagt war es schon vorher nicht leicht, Fan zu sein. Der moderne Fußball stößt mich in vielem ab. Er ist eine Geldmaschine geworden, in der Spieler ihre Vereine wechseln wie andere Leute ihre Handytarife. Wie viele gebürtige Augsburger stehen denn noch auf dem Platz, wenn der FCA aufläuft? Man muss lange suchen. Leihspieler von Manchester City, Legionäre aus aller Herren Länder, Berater, Ablösesummen, Vermarktung. Mit dem Rosenaustadion meiner Kindheit hat das wenig zu tun. Es war allein dieser Kindheitstraum, der mich mit all dem versöhnte. Ich habe weggesehen, weil ich wegsehen wollte.

Dann kam Sandro Wagner. Für mich war er der Robert Habeck des Fußballs: viel Show, viel Selbstinszenierung, große Worte, und eine Mannschaft, die er systematisch ruinierte, so wie die Ideologen unser Land. Nach einem 0:6 gegen Leipzig sah er kein Problem. Für mich wurde der FCA damals zu einem Symbolbild dessen, was in ganz Deutschland geschieht: Schein schlägt Sein, Inszenierung schlägt Leistung.

Und dann kehrte auch noch Michael Gregoritsch zurück. Ausgerechnet der Mann, der bei der EM 2024 erklärte, die Botschaft des Turniers sei, dass wir uns von „rechtem Gedankengut“ fernhalten und wissen sollten, dass „wir alle gleich sind“. Ich habe ihn damals gefragt, ob er dumm oder radikal ist. Ein Fußball-Millionär, der behauptet, alle seien gleich. Inzwischen trägt der Linksaußen wieder das FCA-Trikot. Für mich schwerer Tobak.

Mehr Baums braucht das Land

Und doch gibt es einen Grund, warum ich so lange durchgehalten habe. Er heißt Manuel Baum. Als Wagner gescheitert war, sprang er ein, ohne Getöse, ohne Selbstbeweihräucherung, ohne Pressemitteilungen über die eigene Genialität. Ein Lehrer, ein Arbeiter, ein bodenständiger Mann, der einfach seine Arbeit macht. Er führte eine Mannschaft, die im Tabellenkeller steckte, auf Platz neun, zur drittbesten Saison der Vereinsgeschichte. Baum ist das Gegenteil von Wagner, und er ist das Gegenteil von allem, was ich am heutigen Betrieb so verabscheue. Ich habe einmal geschrieben: Wir brauchen mehr Baums, im Fußball wie in der Politik. Dazu stehe ich. Er ist eine Ausnahmeerscheinung. Wenn mir der Abschied von diesem Verein irgendwo wehtut, dann bei ihm.

Neunzig Minuten Volkshochschule

Was mir eigentlich geraubt wurde, ist etwas anderes als ein Verein. Fußball war für Generationen der eine Ort, an dem man nicht erzogen wurde. Neunzig Minuten, in denen der Maurer neben dem Zahnarzt stand, in denen geflucht, gesungen, gelitten wurde, ohne dass einer mit dem moralischen Zeigefinger danebenstand. Der Fußball war die Pause vom Rest. Genau das war der Kindheitstraum: ein Ort, an dem es nur um das Spiel geht.

Heute ist das Stadion eine Volkshochschule mit Flutlicht. Regenbogenbinden, Haltungs-Choreographien, Spielunterbrechungen für Erschütterungsrituale, Vereinserklärungen im Ton eines Parteiprogramms. Der Fan ist kein Fan mehr, er ist Erziehungsobjekt. Und jedes Mal, wenn ich mich auf ein Spiel freue, liefert mir der Verein ungefragt die Predigt dazu.

Juma Bah kann für all das nichts. Er ist ein junger Mann, der eine unglückliche Rote Karte gesehen hat und dafür von einem Kranken bedroht wurde. Ihm gilt mein Mitgefühl, und ich wünsche ihm, dass der Täter gefunden und verurteilt wird. Aber der Apparat, der um ihn herum die immer gleiche Betroffenheitsmaschine anwirft, hat mit ihm wenig zu tun. Er hat mit dem Verein zu tun, der sich darin selbst gefällt.

Ein schwerer Abschied

Ob ich es schaffe, gleichgültig zu werden gegenüber dem FCA, wie ich es mir heute vorgenommen habe? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Fan-Sein ist keine Entscheidung des Kopfes. Es sitzt tiefer, irgendwo zwischen Kindheit und Bauch. Vor allem, wenn man in der Kindheit einen Mangel erlebt hat, der auf dem Gemüt lastet und nach Ausgleich verlangt. Vermutlich werde ich – so gut kenne ich mich – nächsten Samstag trotzdem wieder spicken, wie das Ergebnis war, auch wenn ich mir vorgenommen habe, es nicht zu tun. Nach dem faktischen Rausschmiss, der Nichtzulassung zu den Pressekonferenzen, habe ich das schon einmal ein paar Wochen geschafft. Aber eben nur ein paar Wochen. Diesmal habe ich Hilfe. Als dieser Text eigentlich schon fertig war, kam die Ohrfeige aus der Pressestelle, die ich oben noch eingefügt habe.

Fast muss ich Frau Schäfer dankbar sein: Mit einer einzigen Gegenfrage hat sie mehr für meinen Abschied getan als jede Niederlage der vergangenen Jahre. Eine Gedanken-Krücke hatte ich mir vorher schon zurechtgelegt: Da haben eben die einen Fußball-Millionäre gegen die anderen verloren – das ändert gar nichts, aber auch wirklich nichts in deinem realen Leben. Jetzt habe ich eine zweite, und die trägt besser: eine Gegenfrage an einem Sonntagvormittag.

Eine Frage der Selbstachtung

Es ist ein wenig wie mit einer großen Liebe, die einen immer wieder schlecht behandelt. Wer ihr trotzdem hinterherläuft, tut das irgendwann nicht mehr aus Liebe, sondern aus Gewohnheit und weil er die Hoffnung nicht aufgeben kann. Dann ist das Weggehen kein Trotz mehr, sondern eine Frage der Selbstachtung: Ich will meine Laune nicht länger von etwas abhängig machen, das mir eine Ohrfeige nach der anderen verpasst. Ich werde nicht mehr fiebern. Nicht mehr fluchen. Nicht mehr hoffen.

Was bleibt

Der Verein, von dem der kleine Junge in Augsburg-Göggingen geträumt hat, war ein Fußballverein. Was heute nach dem Abschied vom Rosenaustadion in der „WWK-Arena“ spielt, ist eine Profitmaschine und Marke mit „Haltung“, Pressestelle und Textbausteinen. Den Traum hat mir kein Gegner genommen, kein Abstieg und keine Niederlage. Den hat mir der eigene Verein genommen. Oder genauer: die Ideologie, der er sich unterworfen hat. Dieselbe Ideologie, die aus Schulen Umerziehungsanstalten macht, aus Nachrichtenagenturen Gesinnungsverstärker und aus Konzernen Moralbetriebe, hat sich auch in meinem Stadion eingenistet. Die Gralshüter dieser Ideologie und ihre allgegenwärtigen Mitläufer dulden keinen Ort, an dem man einfach nur Mensch sein darf, ohne Bekenntnis, ohne Belehrung. Nicht einmal neunzig Minuten am Samstagnachmittag.

Der kleine Junge im Rosenaustadion hätte das nicht verstanden, der Jugendliche auf den leeren Rängen hätte es sich nicht einmal vorstellen können. Heute ist es Alltag. Und fast alle haben sich daran gewöhnt. Genau das ist das Bitterste an der Geschichte.

Eine Frage stellen, die sonst keiner stellt: Das ist der Sinn dieser Seite. Keine Redaktion der Republik wollte im Fall Bah wissen, was tatsächlich passiert ist. Hier wird gefragt, ohne Verlag, ohne Staatsgeld, ohne Partei, ohne Stiftung im Rücken. Möglich machen das allein die Leser. Werden Sie einer der Komplizen. Hier steht, wie es geht.

* Dass ich das Wort hier ausschreibe, ist kein Versehen. Wer eine Beleidigung dokumentiert, muss sie benennen. Die Mode, es durch „N-Wort“ oder „N****“ zu ersetzen, ist ein Import aus dem angelsächsischen Raum, wo man Schimpfwörter im Fernsehen überpiept. Sie behandelt Leser wie Kinder und verleiht einer Silbe eine geradezu magische Macht, als würde sich anstecken, wer sie liest. Dabei war „Neger“ bis weit in die Achtzigerjahre ein ganz normales Wort der deutschen Sprache, das in Schulatlanten stand. Wie es von Sprachklempnern umgedeutet und zur Waffe gemacht wurde, hat Star-Anwalt Ralf Höcker hier auf meiner Seite eindrucksvoll beschrieben. Wohin das führt, erlebte Boris Palmer: Weil er das Wort in einer Debatte über das Wort selbst aussprach, brach eine mediale Hetzjagd über ihn herein. Viele Redaktionen unterschlugen dabei, was er tatsächlich gesagt hatte. Dasselbe Muster wie jetzt im Fall Bah: Man versteckt das Wort, versteckt die Fakten und liefert dem Publikum nur noch die Empörung. Das ist kein Anstand. Das ist Bevormundung.

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Bilder: Symbolbild/KI/Gemini/Grok (oben), IMAGO / Nordphoto (Ströll)

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