Aus Theatern und Museen werden Friseur-Salons und Yoga-Studios Niederländische Künstler proben kreativen Aufstand gegen Lockdown

Von Alexander Wallasch

In den Niederlanden sorgte es für großen Unmut bei Künstlern und Kulturschaffenden: Fitness-Studios und Friseursalons etwa dürfen unter den Corona-Maßnahmen geöffnet bleiben, aber Kultureinrichtungen müssen schließen, als wäre Theater und Co etwas Entbehrlicheres als Haare schneiden oder das tägliche Yoga.

Dass nun Kunstschaffende naturgemäß über ein bestimmtes Übermaß an Kreativität verfügen, haben sie jetzt eindrucksvoll in den Niederlanden unter Beweis gestellt: Mehr als 70 Schauspielhäuser, Konzertsäle und sogar Museen öffneten trotz strenger Corona-Verbote ihre Pforten im neuen Gewand: nämlich als Friseursalon, Yoga-Studio und mehr.

Dass hier zufällig nebenher geschauspielert oder musiziert wird, das kommt den Kunden zu Gute, die im „ehemaligen“ Theater quasi pro forma zum Friseur oder Yoga angemeldet sind.

Hinter der kreativen wie subversiven Idee „Friseursalon-Theater“ steckt der in den Niederlanden populäre Schauspieler und Kabarettist Diederik Ebbinge. Und viele seiner Kollegen zogen an anderen Spielorten begeistert mit. Die nächsten Tage werden zeigen, ob sich der Staat diese Umgehungsstraße gefallen lässt. Die Proteste auf den Straßen gehen ebenfalls ungebremst weiter.

Die „Friseurtermine“ im Theater waren übrigens rasch vergeben. Die Zuschauerzahlen entsprechend reduziert. Und dann spielt beispielsweise ein Orchester klassische Musik, während auf der Bühne vor ihnen Haare geschnitten werden.

Kultur am Ende der Warteschlange

Der am 19. Dezember begonnene Lockdown wurde in den Niederlanden jetzt zwar nach vier Wochen insbesondere auf Druck von Unternehmen beendet, aber nicht für Kultureinrichtungen. Sie haben keine entsprechende Lobby. So kamen nun die ungewöhnlichen Maßnahmen zustande.

Premier Mark Rutte hatte am Freitag das Ende des Lockdowns verkündet. Aber gleichzeitig auch mitgeteilt, dass der Kultursektor und die Gastronomie geschlossen bleiben. Es könnten nicht gleichzeitig alle Bereiche öffnen, so Rutte. Möglicherweise aber in einigen Tagen, lautete sein unkonkretes Angebot.

So lange wollten die Betroffenen aber nicht warten. Der Grund für den Lockdown waren steigende Infektionszahlen und befürchtete Engpässe in den Krankenhäusern, aber auch in den Niederlanden sinken die Patientenzahlen trotz steigender Corona-Infektionen – am vergangenen Freitag waren es so viel wie nie zuvor im Nachbarland.

Der Widerspruch zwischen Infektionsgeschehen und ernsthaften Erkrankungen blieb den von den Maßnahmen Betroffenen nicht verborgen, die kreativen Proteste begannen.

So richtig beendet ist der Lockdown aber dennoch nicht. So dürfen Bürger in den Niederlanden jetzt statt zwei Personen gleichzeitig lediglich vier Personen zu Hause empfangen. Es handelt sich also um eine Art „Lockdown light“. Einige Gastwirte haben am vergangenen Samstag – vielfach unterstützt von Bürgermeistern ihrer Städte – ihre Cafes und Restaurants einfach wieder geöffnet. Die Kunstschaffenden stehen mit ihrem kreativen Protest also nicht allein da.

Im Van Gogh Museum in Amsterdam werden Fingernägel gemacht und im Limburgs Museum schwitzen Bürger und Bürgerinnen in Sportbekleidung.

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Einige an der Aktion Beteiligte wurden deswegen bereits offiziell ermahnt oder aufgefordert, ihre Aktion im Freien fortzuführen.

Einmal waschen und schneiden bitte

Gegenüber der Tagesschau erzählte Diederik Ebbinge, der Regisseur der Kleinen Komödie in Amsterdam, wie genau die Proteste bei ihm im Haus ablaufen:

„Hier steht ein Friseurstuhl mit einem professionellen Friseur und hier vorne ein zweiter. Da werden die Kunden frisiert. Und im Saal warten die Leute, die ebenfalls einen Termin haben. Und mitten auf der Bühne steht ein Kabarettist, um die Kunden zu unterhalten.“

Dabei greift Ebbinge auch auf überregional bekannte Künstler zurück, die sonst vor einem viel größeren Publikum auftreten und die sich jetzt mit Friseur-Teams und ihren Kunden die Bühne teilen. Im Theater gelten dieselben Regeln wie im Friseursalon, betont der Regisseur der zunächst einmaligen Aktion.

Kabarettistin Sanne Wallis de Vries erklärte gegenüber dem deutschen Nachrichtenportal:

„Warum dürfen Geschäfte öffnen, aber der Kultursektor nicht? Wir haben so einen Protest noch nie auf die Beine gestellt. Was wir jetzt machen ist ein spielerischer Umgang mit den Corona-Regeln. Und es ist nur ein Tag, ein paar Stunden am Mittag. Viele Leute haben Lust darauf und unterstützen unsere Idee.“

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Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine.

Alexander Wallasch ist gebürtiger Braunschweiger. Er schrieb schon früh und regelmäßig Kolumnen für Szene-Magazine. Wallasch war 14 Jahre als Texter für eine Agentur für Automotive tätig – zuletzt u. a. als Cheftexter für ein Volkswagen-Magazin. Über „Deutscher Sohn“, den Afghanistan-Heimkehrerroman von Alexander Wallasch (mit Ingo Niermann), schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten.“ Seit August ist Wallasch Mitglied im „Team Reitschuster“.

Bild: Screenshot aus dem Video-Bericht france24.com 
Text: wal

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