Ein Gastbeitrag von Vera Lengsfeld
Zur Zeit ist der Osten wieder Mode. Es wird gestritten, wer die Hoheit über die Interpretation hat, wie die DDR war. Dabei löst sich die Frage von selbst durch die Realität, in der wir leben.
Die Zustände, die in der DDR herrschten, holen uns mit wachsender Geschwindigkeit ein. Natürlich modifiziert, verfeinert, einer offenen Gesellschaft, die von Politik und Medien dekonstruiert wird, angepasst.
Wer das nicht glauben will, lese das Buch von Peter Niebergall „Wir wollten weg“. Heute wird, wie damals, heftig diskutiert, ob man weggehen solle aus diesem Land, oder nicht. Aber wohin? Der Westen ist ist vom Virus der Zersetzung der offenen Gesellschaft befallen und uns zum Teil auf diesem Weg voraus – wie Groß Britannien. Die DDR-Insassen (Joachim Gauck) hatten als Alternative den scheinbar goldenen Westen. Der taugt heute nicht mehr als Fluchtort, denn es hat sich bereits in der Welt herumgesprochen, welche Zustände hier mittlerweile herrschen.
Niebergall, Jahrgang 1950, Ingenieur, hat die DDR erlebt und erlitten. Was sein Buch so lesenswert macht, ist die Sachlichkeit, mit der er berichtet. Neben seinen persönlichen Erlebnissen schiebt er Kapitel ein, in denen er erklärt, wie das System funktioniert hat.
Es beginnt mit der wachsenden Ideologisierung der Kindergärten, je älter die DDR wurde. Das haben wir heute mit anderem Vorzeichen auch. Seit der damalige Generalsekretär der SPD Olaf Scholz den Aufruf gestartet hat, die Hoheit über die Kinderbetten zu erlangen, werden die Kinder auch im besten Deutschland, das wir je hatten, planmäßig ideologisiert. Heute wird nicht auf Sozialismus, sondern auf „Vielfalt“ getrimmt. Auf der Spitze des Ideologieeisbergs stehen die so genannten Drag-Queens, die mit ihren Köfferchen unseren Jüngsten Sex-Praktiken und entsprechendes „Spielzeug“ vorführen. Man konnte schon von AWO-Kindergärten lesen, die Extra-Zimmer für „Arzt-Spiele“ eingerichtet haben.
Niebergall beschreibt, wie in den Schulen der DDR bestimmte Vorgaben eingehalten werden mussten, damit man in Ruhe sein Abitur machen konnte und welche Strategien man entwickeln musste, um damit zurecht zu kommen. Mit 17 Jahren wurde er plötzlich von der Staatssicherheit abgeholt, weil er seinem besten Freund von seinen Erlebnissen im August 1968 in der CSSR erzählt hatte und in den Verdacht konterrevolutionärer Aktivitäten geriet. Sein ausführlicher Bericht ist sehr erhellend, was die Stasi-Praktiken betrifft.
Aber auch heute werden Schüler in Niebergalls Alter plötzlich von der Polizei von zu Hause abgeholt und verhört, weil sie einen verdächtigen Post in den sozialen Netzwerken veröffentlicht haben sollen. Schulverweise wegen falscher Ansichten sind auch heute nicht ausgeschlossen.
Interessant sind Niebergalls Schilderungen des Studentenlebens in der DDR, das er in Rostock, wo er Meliorationstechnik studierte, aber mehr noch in Greifswald, wohin er regelmäßig fuhr, weil dort viel mehr los war, erlebte. Damals wurde viel und heftig diskutiert. In den Pflichtfächern Marxismus-Leninismus sagte man, was erwartet wurde, in den Diskussionsrunden konnte man seinem Herzen Luft machen.
Wie das heutige Studentenleben aussieht, kann ich nicht beurteilen. Die Studentenheime der DDR mit Vierbett bis Zehnbett-Zimmern gibt es nicht mehr. Aber auch heute wird von den Studenten die politisch-korrekte Haltung erwartet. Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit, wie sie Niebergall selten begegnet sind, sind heute perdu. Dafür gibt es inzwischen dutzende Denunziationsportale und die Bevölkerung wird von Ministerpräsidenten wie Hendrik Wüst aufgefordert, auch Bemerkungen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze zu melden. Es häufen sich die Fälle, wo bei unbescholtenen Bürgern wegen einer solchen Bemerkung morgens um sechs die Polizei vor der Tür steht und oft Handy oder Laptop beschlagnahmt. Nicht selten enden die Gerichtsverfahren dann mit einem Freispruch und der Feststellung, dass die polizeilichen Maßnahmen unangemessen waren. Aber das eigentliche Ziel ist erreicht: Kritiker einzuschüchtern.
Besonders interessant sind Niebergalls Schilderungen des Berufslebens. Nach dem Studium wurde einem Absolventen ein Arbeitsplatz zugewiesen. Dort musste man mindestens drei Jahre bleiben. Auch danach konnte man sich nicht einfach einen anderen Job suchen. Alles lief über die staatlichen Behörden in Kreis und Bezirk, an die man entsprechende Anträge stellen musste. Wohnraum bekam man über den Betrieb (oder auch nicht). Niebergall musste bei seiner ersten Arbeitsstelle in Cottbus in einer Bruchbude ausharren in der öfter der Nachtspeicherofen ausfiel, was mitten im Winter mehr als unbequem war. Handwerker gab es aber auch nur über den Betreib oder über „Berechtigungsschein“, der bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung zu beantragen war.
Niebergalls Frau, die als Ärztin in Berlin arbeitete, zog aus Verzweiflung in eine verrottete Altbauwohnung, die das Ehepaar schließlich selbst bewohnbar machte.
Die Wohnungsfrage hat uns noch nicht in diesem Ausmaß erreicht, aber bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper. Freunde von mir mussten nach der Kündigung ihrer Wohnung wegen Eigenbedarfs Berlin verlassen und nach Michendorf ausweichen, von wo sie jeden Tag nach Berlin zur Arbeit pendeln.
Über die alltäglichen Beschaffungsprobleme in der Mangelwirtschaft berichtet Niebergall sehr anschaulich. Schon deshalb ist sein Buch eine Fundgrube für Historiker.
Zum Schluss noch zwei Beispiele, wie sich die Verhältnisse früher und heute angleichen.
Niebergall musste den Spreewald, oder was davon noch übrig war, meliorieren. Die Landwirtschaft brauchte mehr Weide für das Vieh. deshalb mussten die Feuchtgebiete ohne Rücksicht auf Verluste trocken gelegt werden. Wie dabei die Landschaft zerstört wurde, ist schmerzhaft zu lesen. Bei der Rodung von Auenwald wurde zwar ein Kranich-Brutgebiet ausgespart, aber die Plätze, in denen die Vögel für sich und ihren Nachwuchs Futter suchen mussten, verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Ideologische Vorgaben, die am Ende nicht einmal wirtschaftlich Sinn machten, weil sie zu teurer waren, als durch die Erträge erwirtschaftet werden konnte, zerstörten die Umwelt. Kraniche und Feldlerchen verschwanden und mit ihnen die Feuchtgebiets Fauna- und Flora. Wir können nur hoffen, dass das Programm der EU zur Renaturierung von Feuchtgebieten auch den Spreewald erreicht.
Heute zerstört der „Klimaschutz“ großflächig unsere Landschaft. Sogar Wälder werden verspargelt. Dabei zerstören die „Erneuerbaren“ die stabile Energieversorgung unseres Landes und machen den Strom für Wirtschaft und Haushalte unerträglich teuer.
Niebergall musste viel hin-und herfahren. Er war auf die Deutsche Reichsbahn, wie sie in der DDR noch hieß, angewiesen. Was er erzählt über die häufigen Verspätungen und Zugausfälle – das erleben heute alle täglich, die mit der Bundesbahn unterwegs sind. Dabei konnte man Ende der 80er Jahre nach der Bahn noch die Uhr stellen, so pünktlich war sie. Hier ist die Annäherung DDR-Vereintes Deutschland am weitesten fortgeschritten.
In den letzten Kapiteln des Buches beschreibt Niebergall seine Erlebnisse nach dem Stellen des Ausreiseantrags, seine Inhaftierung, seine Gefängnisaufenthalt bis zu seiner Entlassung aus der DDR. Auch sehr detailreich und interessant. Aber dieses düstere Kapitel ist der wohl am besten dokumentierte Teil der DDR-Verhältnisse, weshalb ich es bei seinen interessanten Schilderungen des DDR-Alltags belasse. Bleibt der Wunsch, dass es mehr Leute gibt, die wie Niebergall den Alltag der DDR beschreiben, damit die Wahrheit am Ende über die Legende siegt.
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Vera Lengsfeld, geboren 1952 in Thüringen, ist eine Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, zunächst bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Sie betreibt einen Blog, den ich sehr empfehle. Das neue Buch „Ist mir egal“ zu Merkel können Sie hier vorbestellen.
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